Die Komische Oper Berlin wird 60

Das ›Opernhaus des Jahres‹ wurde 1947 eröffnet

von Ingo Gerlach

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Bild: Foto: Hanns Joosten

Der Fotograf lässt den Himmel lila über der Komischen Oper erstrahlen.

Als die sowjetische Militäradministration dem österreichischen Regisseur Walter Felsenstein 1947 den Auftrag erteilte, das Haus in der Behrenstraße zu übernehmen und die Komische Oper Berlin zu begründen, konnte niemand ahnen, als wie folgenreich sich dieser Schritt erweisen sollte. Heute kann man ohne Übertreibung sagen, dass von diesem Haus die wichtigsten Impulse für eine grundlegende Veränderung der Kunstform Oper in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgegangen sind. Walter Felsenstein verstand die Oper als Musik-Theater, mit gleich starker Betonung beider Bestandteile dieses Wortes. Wenn dieser Ansatz, der sich 1947 noch revolutionär ausnahm, heute zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ist das vor allem der Existenz der Komischen Oper Berlin zu danken.

Seit Andreas Homoki das Amt als Intendant und Chefregisseur des Hauses antrat, ist es gelungen, die Komische Oper Berlin auf der Grundlage ihrer großen Traditionen zu einem der profiliertesten Opernhäuser im deutschsprachigen Raum zu entwickeln. Dabei ist »profiliert« hier nicht als repräsentative Routine zu verstehen, sondern meint im wahrsten Wortsinne eine markante, scharf umrissene und unverwechselbare Ausrichtung. Dieses Profil ist für die Komische Oper Berlin nicht nur Teil des Selbstverständnisses, sondern auch Verpflichtung in der täglichen Arbeit. Oper nicht als ein rein kulinarisches Spektakel misszuverstehen, sondern sie in erster Linie als ein theatralisches Ereignis ernstzunehmen, ist der zentrale Gedanke der Auseinandersetzung mit dieser Form. Heute ebenso wie 1947, als Felsenstein der Komischen Oper mit ihrem Namen auch ihr Programm gab.

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Bild: Foto: Jirka Jansch

Im Foyer mischt sich das Neue mit dem Alten.

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Bild: Foto: Hanns Joosten

Der prachtvolle Saal.

Aus der Geschichte der Komischen Oper Berlin

1892
Das nach einem Entwurf der Wiener Architekten Helmer und Fellner erbaute Gebäude der heutigen Komischen Oper Berlin wird als »Theater Unter den Linden« eröffnet. An diesem historischen Ort zwischen Behrenstraße und Unter den Linden wurde bereits seit 1764 Theater gespielt, so von Schauspieltruppen unter Schuch, Koch und Doebbelin, die neben Uraufführungen von Goethe (Götz von Berlichingen, 1774) und Lessing (Nathan der Weise, 1783) auch Singspiele von Hiller, André und Gluck sowie heitere Opern Grétry, Salieri, Piccini, Paisiello und anderen präsentierten.

1898
Nach dem Konkurs des »Theaters Unter den Linden« wird das Haus unter dem Namen »Metropol-Theater« wiedereröffnet. Vor dem Ersten Weltkrieg war es Aufführungsort der berühmten »Metropol-Revuen«, nach 1918 vornehmlich Operettentheater mit Sängern und Darstellern wie Fritzi Massary, Max Pallenberg, Richard Tauber, Käthe Dorsch. Zahlreiche Uraufführungen erfolgreicher Operetten, so 1929 von Franz Lehárs Das Land des Lächelns.

1934
Das seit 1933 geschlossene Metropol-Theater wird als Teil der NSOrganisation »Kraft durch Freude« wiedereröffnet. Im Jahre 1937 kommt hier Fred Raymonds Operette Maske in Blau zur Uraufführung.

1945
Kurz vor Kriegsende werden große Teile des Gebäudes sowie der Eingangsbereich und das Deckengemälde völlig zerstört. Der Zuschauerraum bleibt nahezu unbeschädigt.

1946
Beginn des Wiederaufbaus.

23. Dezember 1947
Neueröffnung der »Komischen Oper« mit Die Fledermaus von Johann Strauß. Der Name des Hauses verweist auf die Tradition der französischen »Opéra comique« des frühen 19. Jahrhunderts und die von dieser inspirierten ersten Berliner Komischen Oper unter Hans Gregor an der Weidendammer Brücke (1905-1911).

Der an der Behrenstraße geprägte Begriff des »realistischen Musiktheaters«, der für die Komische Oper immer noch von zentraler Bedeutung ist, bedeutet keine Verengung auf einen szenischen Einheitsstil. Er äußert sich viel mehr in den unterschiedlichsten Inszenierungen und Auseinandersetzungen. Die Vielfalt und Spannbreite der an der Komischen Oper Berlin arbeitenden Regisseure zeigt dies deutlich: Willy Deckers fein nuancierte Figurenporträts stehen da neben Calixto Bieitos kraftvollen Aktualisierungen; Peter Konwitschnys psychologische Tiefenbohrungen neben Barrie Koskys farb- und temporeichen Theaterfeuerwerken; Sebastian Baumgartens postdramatische Spielweise neben Hans Neuenfels’ herausfordernden Lesarten. Dieser Facettenreichtum wird auch in den kommenden Jahren bestimmend für die Ästhetik der Komischen Oper sein. Natürlich nicht ohne den Kreis der Regisseure um junge Talente und weitere interessante Handschriften zu vergrößern.

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Bild: Foto: Hanns Joosten

Chefregisseur und Intendant Andreas Homoki.

Weiterhin wird der Ensemblegedanke eine der tragenden Säulen des Theaterverständnisses der Komischen Oper Berlin sein; denn mit den Protagonisten des internationalen Opern-Jet-Sets ist so eine intensive Probenarbeit, wie sie die Regisseure in der »Werkstatt Behrenstraße« (Opernwelt) vorfinden, nicht möglich – das gilt für die Wiederaufnahmen ebenso wie für die Premieren. Die bisherigen Eckpunkte der Spielplangestaltung bleiben auch weiterhin bestehen. Die barocke und frühklassische Oper hat hier eine Heimstatt ebenso wie die Spieloper; Mozart bildet seit jeher einen Schwerpunkt des Repertoires, genauso die Werke des frühen 20. Jahrhunderts. Wie bei der Operette werden wir auch bei anderen Formen des vorurteilsbeladenen »Unterhaltungstheaters« wie dem Musical hinter die oberflächlich-lustige Fassade schauen. In der kommenden Spielzeit werden zwei Auftragswerke in der Behrenstrasse ihre Premiere feiern: Christian Josts Hamlet wird die Reihe wichtiger Urund Erstaufführungen erweitern. Und mit Frank Schwemmers Robin Hood wird das Angebot im Kinder- und Jugendbereich, das schon heute zu den qualitativ wie quantitativ umfangreichsten im deutschsprachigen Raum gehört, weiter ausgebaut. Die Auszeichnung als Opernhaus des Jahres, 60 Jahre nach Gründung des Hauses und im sechsten Jahr der künstlerischen Leitung von Andreas Homoki, ist für die Komische Oper Berlin Bestätigung und Ansporn, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen und mit ihrer Arbeit zu zeigen, dass Oper auch im 21. Jahrhundert eine lebendige und zeitgemäße Kunstform ist.

Zitate von Chefregisseur und Intendant Andreas Homoki

Ich sehe unsere Arbeit hier als Versuch, Dinge zu tun, die wir für allgemeingültig und verbindlich halten. Und ich wünsche mir, dass unsere Arbeit andere inspiriert, ihren Weg konsequent zu gehen und nicht beim ersten Gegenwind einzuknicken. Künstlerischer Mut wird ja nicht belohnt, sondern es dauert eine Weile, bis man die Früchte ernten kann.

Warum wir eigentlich Musiktheater machen? Weil es die intensivste und aufregendste Form ist, sich künstlerisch mit unseren Träumen, Ängsten, Leidenschaften, Konflikten, kurz: mit den Bedingungen unserer menschlichen Existenz auseinanderzusetzen.

Für mich ist Theater nur dann gut, wenn ich auf der Bühne Menschen erlebe, denen ich glaube, was sie sagen und was sie tun. Und das ist nur möglich, wenn man die Vorgänge dieser alten Stücke »erdet«, das heißt, auf unser Leben und unsere Erfahrungen bezieht. Ich will nachvollziehen können, was die Figuren da tun und warum sie es tun, ich will mitgerissen werden. Die angebliche Erhabenheit der Kulturgüter ist keine Ausrede für Langeweile. Theater muss uns packen, und zwar hier und jetzt.


Komische Oper Berlin
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10178 Berlin
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