Erfolgreich und sozial

Warenhausbegründer Oscar Tietz wird zu seinem 150. Geburtstag geehrt

von Jürgen Albrecht, handelsjounal Berlin

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Bild: Foto: Jürgen Albrecht

Der Vizebürgermeister von Birnbaum überreicht der Enkelin von Oscar Tietz eine Gedenkplakette.

Der jüdische Kaufmann Oscar Tietz (1858 bis 1923) prägte als Gründer und Inhaber des Warenhauskonzerns „Hermann Tietz“ sowie als Gründungspräsident des Verbandes Deutscher Waren- und Kaufhäuser und Initiator des heutigen Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels die Entwicklung des Handels um die Jahrhundertwende wie kein anderer. Aus Anlass der 150. Wiederkehr seines Geburtstages luden die Handelsverbände BAG und HBB, die Gewerkschaft ver.di sowie die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum zu einem Gedenkkonzert in die Synagoge Rykestraße im Stadtbezirk Berlin-Prenzlauer Berg ein. An dem Konzert nahmen mehrere hundert Besucher teil, darunter als Ehrengäste zwei Enkelinnen von Oscar Tietz sowie eine Delegation aus seinem Geburtsort Birnbaum (Miedzychod) in der Wojewodschaft Posen unter Leitung des Vizebürgermeisters Krzysztof Michalski. Zuvor hatten sie gemeinsam mit Berliner Kaufleuten auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee am Grab des großen Handelsmannes gedacht.

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Bild: Foto: Jürgen Albrecht

Kantor Isaac Sheffer und das Synagogal Ensemble gestalteten das festliche Konzert in der Synagoge.

Im Rahmen des Gedenkkonzerts würdigten Berlins Bürgermeister und Wirtschaftssenator Harald Wolf und Professor Dr. Helmut Merkel, Präsident des Handelsverbandes des BAG und Vizepräsident des HDE, das Leben und Wirken von Oscar Tietz. Wolf nannte ihn „einen großen Bürger unserer Stadt, der den Handel revolutioniert hat“. Seine Ideen hätten Berlin mitgeprägt. „Durch die Entwicklung der Kauf- und Warenhäuser trug er wesentlich zur Lebendigkeit unserer Stadt bei, wofür wir ihm heute noch dankbar sind.“ Gleichzeitig habe Tietz beispielhaft soziale Verantwortung übernommen. So gründete er drei Berufsschulen, denn er war fest davon überzeugt, dass nur gut ausgebildete Fachkräfte erfolgreich arbeiten können.

Professor Dr. Helmut Merkel charakterisierte Oscar Tietz als Handelspionier, Visionär, Lobbyisten und sozialen Unternehmer, der als jüngstes von fünf Kindern in einfachen Verhältnissen aufwuchs. Mit 24 Jahren wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit mit einem Garn-, Knopf-, Weiß- und Wollwarengeschäft in Gera. In der Hoffnung auf einen schnellen Warenumschlag kalkulierte er die Preise extrem niedrig. Gekaufte Artikel wurden sehr kulant umgetauscht. Neu war auch, dass die Ware sofort bezahlt werden musste und es die damals gängige Praxis des „Anschreibens“ nicht gab. So stellte Oscar Tietz seine ständige Liquidität sicher, die ihm beste Konditionen bei den Lieferanten garantierte.

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Bild: Foto: Jürgen Albrecht

Oscar Tietz wurde 1923 auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee beigesetzt.

Der Erfolg gab Tietz Recht. Schnell wuchs sein Geschäft und bald schon expandierte er in andere Städte. 1894 eröffnete er sein erstes Warenhaus in München, fast zeitgleich mit der Einweihung des Berliner Wertheim-Hauses. „Der Erfolg dieser Handelsinnovationen veränderte in wenigen Jahren die Handelslandschaft“, so Prof. Dr. Merkel in seiner Festansprache. Gleichzeitig hob auch er hervor, dass die Entwicklung des Unternehmens immer mit hohem sozialem Engagement einherging. „Mit Oscar Tietz ehren wir heute zugleich einen Unternehmer, der Generationen vor der Erfindung des Begriffs der sozialen Marktwirtschaft erfolgreich Unternehmertum mit sozialem und bürgerschaftlichem Engagement aus tiefer Überzeugung verband.“ Maßstäbe setzten Oscar und seine Frau Betty Tietz mit karitativen Einrichtungen und einer Stiftung für die Unterstützung von Mitarbeitern. Nach dem Tod von Oscar Tietz führten seine Söhne Georg und Martin und sein Schwiegersohn Dr. Hugo Zwillenberg das Unternehmen erfolgreich weiter und schufen den größten in Familienbesitz befindlichen Warenhauskonzern der Welt. Im finstersten Abschnitt der deutschen Geschichte mussten sie dann 1933 erfahren, was die Nationalsozialisten unter „Arisierung“ verstanden. Durch erpresserischen Raub verloren sie so wie tausende jüdische Unternehmer, was sie und ihre Vorfahren geschaffen hatten. Letztlich mussten sie aus Deutschland fliehen, um ihr Leben zu retten.