Zwei Juwele am Wannsee

von Heike Kröger

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Bei strahlendem Sonnenschein zieht es den Berliner nicht unbedingt in die großen Museen. Auf der Museumsinsel oder in der Gemäldegalerie treffen sich dann eher die Touristen, die ihr Programm nach ihrer Aufenthaltsdauer in Berlin und nicht nach dem Wetter zusammenstellen müssen und von Programmpunkt zu Programmpunkt eilen. Dabei gibt es eigentlich nichts Schöneres, als nach einem Museumsbesuch bei herrlichem Sonnenschein in aller Ruhe das Gesehene Revue passieren zu lassen. Etwas besonderes ist es zudem, wenn man dabei im Café sitzt und denselben Ausblick genießt, den der Künstler einst hatte, als er die soeben betrachteten Gemälde schuf. Mit der Eröffnung der Liebermann-Villa ist dies nun am Wannsee möglich. Leider handelt es sich nicht mehr um einen Geheimtipp, sondern viele Berliner verbinden an sonnigen Wochenenden den Kunstgenuss mit einem Ausflug an den Wannsee. Deshalb darf sich jeder glücklich schätzen, der einen freien Platz auf der schönen Terrasse bekommt, auf der einst der Maler Max Liebermann mit seiner Familie saß.

1909 erwarb Liebermann eines der letzten freien Seegrundstücke am Wannsee und ließ sich vom Architekten Paul Baumgarten sein Sommerhaus bauen. Er nannte es später sein „Schloss am See“. Nachdem Liebermann über vierzig Jahre lang die Sommer an der holländischen Küste verbracht hatte, genoss er es sehr, mit seiner Frau und seiner Tochter seine Villa am Wannsee zu beziehen. Hier schuf er über 200 Gemälde, von denen rund 40 heute wieder in dem von der Max-Liebermann-Gesellschaft restaurierten Haus bewundert werden können.

Bild: Foto: Heike Kröger

Vor der Villa Thiede steht eine Skulptur von Bernhard Heiliger eine Leihgabe der Bernhard-Heiliger-Stifung.

Die von Liebermann gemalten Segelboote oder die von ihm festgehaltene Birkenallee im Garten betrachtet der Besucher im ersten Geschoss des Hauses und ist gleichzeitig fasziniert von dem Ausblick aus dem Fenster auf genau diese Motive. Auch das Atelier des Malers wurde liebevoll rekonstruiert. Neben den Gartenbildern sind Werke mit Familienmotiven und Porträts – unter anderem von Ferdinand Sauerbruch – zu betrachten. Sauerbruch wohnte nur ein paar Häuser weiter und Liebermann ließ sich hinreißen zu sagen: „Mensch, Sauerbruch, hab´n Sie eene Visage! … Det is die vertrackteste Visage uff der Welt. Die Visage muss ick zeichnen. Jeben Sie mir Papier und Bleistift!“

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Bild: Fotos: Heike Kröger

Sommer im Garten der Liebermann-Villa.

Im Erdgeschoss der Villa wird der Lebensweg des Künstlers dokumentiert. Viele Fotos und Texte erläutern das Leben und Werk des bedeutenden Wegbereiters der modernen deutschen Malerei. Der Besucher erfährt auch, dass Liebermanns Witwe 1940 von den Nationalsozialisten zum Verkauf der Villa an die Reichspost gezwungen wurde. Danach wurde das Anwesen als Krankenhaus und später als Tauchclub genutzt. Die Max-Liebermann-Gesellschaft hat erreicht, dass das Haus unter Denkmalschutz gestellt wurde und hat nach und nach die Villa und den Garten rekonstruiert. Sogar der mit Reet gedeckte weiße Gartenpavillon Liebermanns wurde wiederhergestellt.

Nach der Besichtigung der Kunstwerke Max Liebermanns ist von manch einem Betrachter der Satz zu hören: „Schade, dass nicht noch mehr Werke ausgestellt sind.“ Nun, nicht nur diesen Menschen, sondern auch allen anderen sei ein Besuch des Nachbarhauses ans Herz gelegt. Nebenan ließ 1906 der AEG-Direktor und Reichstagsabgeordnete Johann Hamspohn seine Sommervilla errichten, ebenfalls vom Architekten Paul Baumgarten. Auch Hamspohns Anwesen musste 1940 an die Reichspost verkauft werden und wurde gemeinsam mit der Liebermann-Villa bis 1969 als Krankenhaus genutzt. Danach bezog ein Ruderclub das Haus, bis die gemeinnützige Dr. Jörg Thiede Stiftung das Haus 2004 kaufte. Ziel des Kunstsammlers Thiede ist nicht nur die Rekonstruierung des Alten, wie es die Liebermann-Gesellschaft verfolgt. Hier ist der Weg schon das Ziel. Für die Renovierung des Hauses wurden „Jugendliche mit schlechten Startchancen“ ausgewählt. So konnte zum Beispiel eine Vielzahl von Tischlerinnen ausgebildet werden, die, so betont Thiede, alle hinterher eine Anstellung bekommen haben.

Bild: Foto: Heike Kröger

Thiede nennt sie „Kneipe“, aber auch hier hängen Kunstwerke. Im Bild zu sehen sind Werke des Marinemalers Carl Saltzmann.

Das Stifter- und Sammlerehepaar Jörg und Traude Thiede hat sich auf die Zeit der Berliner Sezession um 1900 spezialisiert. Im Rahmen der ersten Ausstellung des Hauses im letzten Sommer waren auch hier zahlreiche Gemälde und Zeichnungen Liebermanns ausgestellt. Im vergangenen Winter wurden bronzene Tierskulpturen von Max Esser und August Gaul gezeigt. In diesem Sommer dreht sich die Ausstellung „Kunstsalon Berliner Sezession“ um den Maler Hans Herrmann, dessen Bilder im „Grünen Salon“ gehängt sind. Die Gemälde zeigen holländische Ansichten, Fische, Trachten und einen Blumenmarkt. Dank zweier Familienmitglieder der Familie Herrmann sind hier auch Schriftstücke als Zeugnisse aus seinem Leben zu betrachten. In den anderen „Salons“ können Ölgemälde und Zeichnungen weiterer Künstler aus der „Vereinigung der XI“, einem 1892 gegründeten Vorläufer der Berliner Sezession, bewundert werden. Unter anderem die wunderschönen Blumenstilleben in Öl von Georg Mosson und mehrere Werke von Julie Wolfthorn.

Ein Gang durch den Garten gehört auch bei dieser Villa zum Pflichtprogramm. Hier wird keine aufwendige Gartenkunst gepflegt, dafür entdeckt der Besucher das eine oder andere moderne Kunstwerk, so zum Beispiel von Bernhard Heiliger. Nach diesem Kunstgenuss ist ein Besuch in der Altberliner Kneipe des Hauses empfehlenswert. Thiede erinnert sich gerne an die Weißbierstube im Berlin-Museum im ehemaligen Kammergericht in der Lindenstraße. An diese Tradition will er mit seinem Berliner Buffet anknüpfen. Man kann die wunderschönen Räumlichkeiten auch für eine Feier mieten. Bei Sonnenschein wird der Besucher aber auch in dieser Villa einen Platz auf der Terrasse mit Blick auf den Wannsee vorziehen. Schließlich lassen sich auch hier die aus dem KaDeWe angelieferten Torten genießen.

Schon ist zu lesen, dass eine Art kleines Kulturforum entstanden ist, auf halbem Weg zwischen Potsdam und Berlin, zwischen Schloss Sanssouci und dem Kulturforum am Potsdamer Platz. Leider haben beide Häuser noch unterschiedliche Öffnungszeiten. Aber eine neue Tür im Zaun zwischen beiden Grundstücken gibt es schon. Noch ist sie verschlossen, aber vielleicht wachsen beide Juwele am Wannsee im Laufe der Zeit doch noch enger zusammen.


Max-Liebermann-Gesellschaft
Berlin e.V.
Colomierstraße 3/Ecke Am Großen Wannsee
14109 Berlin
Tel.: 4930 80583830
Fax: 4930 80583832
www.liebermann-villa.de

Kunstsalon Berliner Secession
Villa Thiede
Am Großen Wannsee 40
14109 Berlin
Tel.: 4930 80583930
Fax: 4930 80583960
www.thiede-gruppe.eu