„Evolution in Aktion“ im Berliner Museum für Naturkunde

von Reinhold Leinfelder, Generaldirektor des Museums für Naturkunde, und Andreas Kunkel, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Museums für Naturkunde

Bild: Foto: Antje Dittmann, Museum für Naturkunde

Besucherandrang bei den Dinosauriern am Eröffnungswochenende.

Invalidenstraße in Berlin-Mitte am 13. Juli 2007: Eine Menschenschlange schlängelt sich auf dem Bürgersteig von der U-Bahn-Haltestelle Zinnowitzer Straße bis zur Hausnummer 43. Es sind so viele Menschen, dass die Polizei die Straße vorübergehend einseitig für den Verkehr sperren muss. U-Bahnen fahren durch ohne zu halten, weil ein Aussteigen aufgrund der vielen Personen auf dem Bahnsteig kaum möglich wäre. Was ist los?

Grund für diesen Besucheransturm ist das Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zu Berlin, genauer: seine am 13. Juli 2007 eröffneten neuen Dauerausstellungen. Nach zwei Jahren Umbau ist es endlich soweit. Viele Besucher locken vor allem die großen Dinosaurier, die während der Umbauzeit nicht zu sehen waren. Aber die neuen Ausstellungen sind und bieten viel mehr als nur die Dinos. Unter dem Thema „Evolution“ widmen sie sich der großen Frage, wie die Erde und die auf ihr heute lebende vielfältige Tierwelt entstanden sind.

Bild: Foto: Carola Radke, Museum für Naturkunde

Biodiversitätswand in der Ausstellung „Evolution in Aktion“.

Dies beginnt mit der in einem wunderschönen Treppenhaus mit gusseisernem Treppenaufgang gelegenen Ausstellung „Kosmos und Sonnensystem“. Hier geht es um nichts Geringeres als die Geschichte der Erde, vom Urknall bis heute. Auf einer Leinwand, die im Treppenhaus auf- und abfährt, wird diese Geschichte mit atemberaubend schönen Bildern erzählt, während die Besucher entspannt auf einem großen Rundsofa liegen und Bild und Ton verfolgen. Um das Sofa herum sind auf Säulen Modelle der Sonne und der Planeten aufgereiht. Meteoriten in Vitrinen berichten aus der Anfangszeit des Sonnensystems.

Gleich nebenan, in der Ausstellung „System Erde“, wird die Erde als ein hoch dynamisches System vorgestellt, das ständig in Bewegung ist. Vulkane brechen aus, Meteoriten schlagen ein, Gebirge werden aufgefaltet. Die Wirkung solcher geologischer Ereignisse auf die Evolution der lebenden Welt wird vorgeführt, zum Beispiel in Form von verschiedenen Paradiesvögel-Arten, die sich diesseits und jenseits eines Gebirges entwickelt haben. Mittelpunkt der Ausstellung ist ein Globus mit mehr als drei Metern Durchmesser, auf dem ein großer Bildschirm die Ausstellungsthemen weiter vertieft.

Bild: Foto: Carola Radke, Museum für Naturkunde

Dinosaurier aus Tendaguru (Tansania) als zentrales Element der Ausstellung „Saurierwelt“.

Vom „System Erde“ geht es in den zentralen Lichthof des Museums zu den bereits erwähnten Dinosauriern, aber nicht nur zu ihnen. Dieser Saal, die „Saurierwelt“, widmet sich nahezu ausschließlich einer einzigen paläontologischen Grabungsstätte und präsentiert Tiere, die zeitgleich vor 150 Millionen Jahren in der Jura-Zeit dort gelebt haben, wo heute der Berg Tendaguru in Tansania steht. Neben Oskar, dem größten in einem Museum aufgestellten Dinosaurier, einem Brachiosaurus brancai mit 13,27 Meter Höhe – Weltrekord übrigens! -, und weiteren sechs Sauriern werden auch Tiere der Lüfte, des Landes und des Wassers gezeigt. Nicht aus Tendaguru, aber zumindest ein Zeitgenosse ist der Urvogel Archaeopteryx, dessen Berliner Exemplar hier in einer Sicherheitsvitrineerstmals im Original zu bewundern ist.

Der letzte Saal im Reigen der neuen Ausstellungen („Evolution in Aktion“) ist aus ästhetischer Sicht vielleicht auch ihr Höhepunkt, eine Schatzkammer der Vielfalt des Lebens. Das Entree macht eine zwölf Meter lange und vier Meter hohe „Biodiversitätswand“. Auf ihr zeigen über 1000 verschiedene Tiere einen Querschnitt durch die bunte Vielfalt des Lebens. Es schließt sich eine Ausstellung zu den Mechanismen der Evolution an, reich „bebildert“ mit weiteren Beispielen aus den Millionen Tieren in den wissenschaftlichen Sammlungen des Museums.

Bild: Foto: Carola Radke, Museum für Naturkunde

Blick in das Treppenhaus mit der Ausstellung „Kosmos und Sonnensystem“.

Mitte September, zum Zeitpunkt der Redaktion dieses Artikels, haben bereits mehr als 200.000 Personen unsere neuen Ausstellungen besucht. Manche sind nur dafür aus Frankreich, Großbritannien und anderen europäischen Ländern angereist. Was macht die besondere Attraktivität dieser Ausstellungen aus? Sicherlich sind die nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgestellten und wunderbar inszenierten Dinosaurier und die Biodiversitätswand absolute Publikumsmagnete. Die eingesetzten, hoch attraktiven, von der Berliner Firma Art Com entworfenen Medien üben ebenfalls eine große Faszination aus. Doch es ist mehr als all das. Die Ausstellungen sind eine Einladung an unser Publikum, selbst auf Forschungsreise zu gehen. Sie sind kein aufgeklapptes Lehrbuch, es gibt keine Führungslinie, der unbedingt gefolgt werden muss. Vielmehr stehen Originalobjekte und Themen im Vordergrund, die man je nach Lust und Laune nur fasziniert betrachten oder auch intensiv „studieren“ kann. Sie fügen sich für den Besucher allmählich zu einem großen Bild der Erde und der Evolution auf diesem Planeten – einer Evolution, die nicht nur die Lebewesen auf der Erde, sondern auch die Erde selbst erfasst. Durch den Bezug der neuen Ausstellungen zur Forschung des Hauses wird dabei auch das Museum für Naturkunde als eine der weltgrößten naturkundlichen Forschungseinrichtungen sichtbar. Die begeisterten Reaktionen unserer Besucher beweisen täglich aufs Neue, dass dieses innovative und anspruchsvolle Konzept aufgeht. Die Mittel der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, die gemeinsam mit Fördergeldern des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung der Europäischen Union für dieses Projekt investiert wurden, sind gut angelegtes Geld.


Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zu Berlin
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