Informativ und unterhaltsam

Die Erlebnisausstellung THE STORY OF BERLIN fasziniert seine Besucher

Alexander Schaub

Goldene Zwanziger

Tauchen Sie ein in die Welt der Goldenen Zwanziger Jahre.

Die Stufen knarren hölzern unter den Füßen. Aus einer Wohnungstür dringt Kindergeschrei ans Ohr. In der Ferne hört man ein Ehepaar streiten. Deutsche, türkische und polnische Namen stehen an den Klingelschildern: Man befindet sich in einem typischen Altbau in Kreuzberg. Vom ersten Augenblick fesselt die Atmosphäre der Erlebnisausstellung und lässt die Besucher eintauchen in 800 Jahre lebendige Berliner Geschichte.
THE STORY OF BERLIN am Kurfürstendamm 207–208 zeigt auf vier Etagen die Entwicklungen der Stadt von der Gründung im Jahre 1237 bis zur Gegenwart als dynamische Metropole. Auf 7000 Quadratmetern kann der Besucher die Geschichte und die Geschichten der Stadt nicht nur kennen lernen, sondern direkt mit allen Sinnen erleben. Begehbare Kulissen, modernste Multimediatechnik und geschickte Licht- und Toninszenierungen ziehen Besucher jeden Alters in den Bann. Hier wird der Besuch zu einem Fest für Augen und Ohren. „Infotainment“ ist für Bernhard Schütte das oberste Anliegen. „Wir wollen Wissen so angenehm und kurzweilig wie möglich vermitteln“, sagt der Geschäftsführer.
Zu Beginn der Ausstellung informiert eine Multivisionsshow in vier Minuten über die Höhen und Tiefen der Stadt. Durch diesen Zeitraffer erhält der Besucher einen ersten Überblick, über jene Epochen, die ihm später im Verlauf des Rundgangs noch begegnen werden. Auf einer 9 Meter breiten Videoleinwand werden Fotos, Gemälde, Zeichnungen und Jahreszahlen gezeigt. Nach dieser audiovisuellen Show schließt sich der Zeittunnel an. Dieser ist das Herzstück des Museums. Von dem begehbaren Zeitstrahl gelangt man in die 23 thematischen Räume und begegnet jenen Personen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, die Berlin in seiner Entwicklung
wesentlich mitgeprägt haben. 1237, im Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt, konnte niemand ahnen, wie rapide die Stadt sich ausdehnen wird. Eine in den Fußboden eingelassene Karte mit Lichtbändern, die die jeweiligen Stadtgrenzen darstellen, verdeutlicht diesen Aufstieg. Doch die Entwicklung begann als eine Siedlung, auf deren Marktplatz vor allem Fisch, Holz und Roggen gehandelt wurden. Aus diesem Grund wurde auch der erste thematische Raum als kleine Vorratskammer mit verschiedenen Holzkisten und Säcken gestaltet. Nachdem man sich in einem eher ruhig gehaltenen Raum über die verschiedenen Religionen und deren Lebensgewohnheiten, Treffpunkte und Rituale beschäftigt hat, hört man im nächsten Themenraum den Lärm einer militärischen Schlacht. Hier soll Preußen als aufstrebende Macht im Spannungsfeld zwischen Militarismus und Aufklärung verarbeitet werden. Neben den Uniformen des Heeres werden auch Informationen zu preußischer Philosophie, Architektur und Kunst vermittelt. Im Hintergrund hört der Besucher ein Flötenkonzert des Königs Friedrich II., womit der preußische Staat im 18. Jahrhundert symbolisiert wird.

Buecher

Im Nationalsozialismus wurden die Bücher mit Füßen getreten.

Das 19. Jahrhundert ist geprägt von Revolution und Reaktion. Das Berliner Geistesleben feiert eine seiner produktivsten und glanzvollsten Epochen. Schinkel, Hegel und Fichte sind Vordenker, die Preußen nachhaltig prägten. Im großen Gegensatz dazu steht jedoch die politische Situation. Es wächst die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die schließlich zur Revolution 1848 führt. Ein bürgerliches Haus im Vordergrund und eine Barrikade vor rot flackerndem Hintergrund sind in diesem Raum Ausdruck dieser Bewegung. Und so wird die Auseinandersetzung mit Geschichte in THE STORY OF BERLIN in allen Epochenabschnitten zum Erlebnis, ohne bei der notwenigen Informationsvermittlung Abstriche machen zu müssen.
Die Industrialisierung wird durch den unbarmherzigen Takt der stampfenden Maschinen vermittelt. Unternehmer wie Ernst Schering und Hugo Stinnes schauen streng auf die Forderungen ihrer Arbeiter herab. Die unteren sozialen Schichten hausen in gesichtslosen Mietskasernen, während das Großbürgertum in eleganten Villen im Grunewald residiert.
Berlin ist inzwischen zu einer Metropole aufgestiegen und Hauptstadt des Kaiserreichs geworden. Während Kaiser Wilhelm schreit: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, drückt eine Frau ihren Stolz aus, dass der Sohn in die Schlacht gezogen ist: Der Erste Weltkrieg hat begonnen. Durch eine Verandatür tritt der Besucher auf einen Balkon und steht plötzlich auf einem Friedhof. Die Grabsteine erinnern an die Millionen Menschen, die während des Krieges ums Leben gekommen sind.

Mauer

Eine Besucherin informiert sich über die Berliner Mauer

Nach dem Krieg künden Technik und Kultur von dem unaufhaltsamen Fortschritt. Autos und Bahnen sausen über Straßen und Plätze. Der Dadaismus beschäftigt die Künstler. Berlin boomt und man amüsiert sich. In den Goldenen Zwanzigern tanzt man sich nicht nur in der Friedrichstraße durch die Nacht. In weichen Plüschsesseln sehen Touristen und Einheimische Filmklassiker in schwarz-weiß und lauschen Marlene Dietrichs „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.“ Doch die Weltwirtschaftskrise bereitet der Blütezeit ein abruptes Ende. Eine Treppe führt den Besucher nun sinnbildlich hinab in den Keller des Nationalsozialismus. Wo anfangs noch ein freundlicher Ockerton vorherrschte, ist nun kühles Grau. Die Wände des Treppenhauses sind mit Fotos berühmter Personen bestückt. Je weiter man nach unten gelangt, desto mehr Bilder wurden durch leere Rahmen mit den Wörtern Emigration, Mord oder Schutzhaft ersetzt.

Durch einen engen Gang geht man über Buchrücken der von den Nazis als entartet diffamierten und verbrannten Literatur. Mit weißer Farbe wurde das Wort „Jude“ an eine Fensterscheibe geschmiert. Fußabdrücke in Reih und Glied sowie der Hitlergruß symbolisieren die unzähligen blinden Mitläufer. Deutschlands dunkelstes Kapitel der Geschichte wurde aufgeschlagen.
Das Leben nach der Kapitulation ist eher ein Organisieren des Überlebens. In ausgebombten Häusern harren die Bewohner der Stadt und beginnen mit dem Wiederaufbau. Politisch wurde die Stadt in vier Sektoren aufgeteilt, was bald zur Spaltung Berlins und Deutschlands führt. Die Berlin-Blockade und die Luftbrücke werden dem Besucher deutlich in Erinnerung gerufen. Eines der berühmtesten Bilder Berlins zeigt jubelnde Jungen beim Anflug eines Rosinenbombers am Flughafen Tempelhof.
Als Zeichen des Kalten Krieges schwebt eine Bombe bedrohlich im Raum. Die beiden deutschen Staaten, deren Grenze als eiserner
Vorhang zwischen Ost und West fungiert, entwickeln in den 50er Jahren ihre eigene Lebens- und Wohnkultur. Im Museum sind jeweils ein typisch westdeutsches und ein typisch ostdeutsches Wohnzimmer eingerichtet worden. Wer aufmerksam hinschaut, wird bemerken, dass im Fernsehen des Westwohnzimmers Twist gespielt wird, während im Ost-TV propagandistische Parolen gezeigt werden. Nur im westlichen Wohnzimmer gibt es ein Telefon. Unterschiedliche Auffassungen gab es auch über die Berliner Mauer, die im August 1961 errichtet wurde. Für die einen war es ein „antifaschistischer Schutzwall“, während es für die anderen eine „Mauer der Schande“ gewesen ist. Wenn man vor dieser Mauer steht und im Hintergrund Ulbrichts Ausspruch „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ hört, lässt es einen frieren.
Doch die Teilung konnte überwunden werden. Man kann noch einmal die legendäre Pressekonferenz des verwirrten Günther Schabowsky verfolgen, der die sofortige Reisefreiheit verkündete. Der Jubel war unaufhaltsam und die Berliner rissen die Mauer, die nicht nur die Stadt sondern die Welt in zwei Teile spaltete, nieder.

Auch wenn der Besucher mit seinem Rundgang nun am Ende der Ausstellung angekommen ist, steht das eigentliche Highlight von THESTORY OF BERLIN noch bevor: Der Atomschutzbunker. Wer hätte geahnt, dass es im Herzen der City von Berlin einen voll funktionstüchtigen Strahlenschutzbunker gibt. Pritschenreihen, Krankenräume, diffuse Notbeleuchtung, Sanitäranlagen und Lagernischen für Tote verdeutlichen noch einmal die dramatische Situation und den Wahnsinn während des Kalten Krieges. 3592 Personen hätten hier im Ernstfall 14 Tage lang versorgt werden können. Lange Zeit blieb der 1974 errichtete Bunker verschlossen, im Rahmen der Ausstellung kann er besichtigt werden.


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Der Autor studiert Medienmanagement an der Hochschule Mittweida (FH) – University of Applied Sciences und absolvierte ein Praktikum im Presse- und Informationsamt des Landes Berlin