70 Jahre Freiheitsglocke - Nach 70 Jahren: Die Freiheitsglocke als Symbol des Kalten Krieges

Der 70. Jahrestag der Einweihung der Berliner Freiheitsglocke ist eine gute Gelegenheit, über die Rolle von Symbolen in der Geschichte des Kalten Krieges und die Beziehungen zwischen Deutschland und vor allem Berlin mit den USA nachzudenken. Dieser Jahrestag zeigt uns wie sich Bedeutung und Resonanz von Symbolen im Laufe der Jahre auf vielfältige Art und Weise ändern können, ebenso wie die politischen und kulturellen Umstände, die solche Symbole beeinflussen.

Sieben Jahrzehnte nach Einweihung der Freiheitsglocke und drei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges kann man leicht die Kraft der Symbole, die aus der Zeit dieses weltpolitischen Konflikts stammen, vergessen oder übersehen. Symbole stellen nicht nur vereinfachte oder irreführende Repräsentationen der Gegenwart oder Vergangenheit dar. Sie erlauben uns, unsere kulturellen Assoziationen und letztendlich unsere Erinnerungen hervorzurufen und zu arrangieren.

Konzipiert wurde die Freiheitsglocke in der Frühphase des Kalten Krieges unter anderem als Ausdruck der Solidarität und der gemeinsamen demokratischen Werte zwischen der Bevölkerung der USA und der Bevölkerung West- Berlins, nachdem die Teilstadt mit der Berliner Luftbrücke die sowjetische Blockade erfolgreich überstanden hatte. Zusammen mit dem 1951 errichteten Luftbrückendenkmal spielte die Freiheitsglocke eine wichtige Rolle als einer der ersten Ausdrücke dessen, was später häufig als “Amerikas Berlin” während der “heroischen” Phase des Kalten Krieges in den 1950er und frühen 1960er Jahren bezeichnet wurde. Weitere Bauwerke in dieser Reihe sind das Amerika-Haus, die Kongresshalle, der Ford-Bau an der Freien Universität oder die Amerika-Gedenkbibliothek.

Sämtliche Zeremonien um die Freiheitsglocke, von deren Konzipierung bis hin zu ihrer Einweihung am 24. Oktober 1950 in Berlin-Schöneberg, trugen eine starke in der amerikanischen politischen Kultur verortete Bildersymbolik, welche die gemeinsamen demokratischen Werte und eine neu entstandene Sonderbeziehung zwischen den USA und dem “Vorposten der Freiheit” stärken sollten. Typisch in dieser Hinsicht war Maxwell Taylors “Freiheitsschwur”, der in späteren Jahren jeden Sonntag um 12:00 Uhr vom RIAS zusammen mit dem Läuten der Glocke wiederholt wurde.

Während des Kalten Krieges symbolisierte die Freiheitsglocke jedoch nicht nur die gemeinsamen Werte der amerikanischen und deutschen Bevölkerungen, sondern auch die freiheitsliebenden, antitotalitären, demokratischen Bestrebungen der Bevölkerung West-Berlins und Deutschlands insgesamt. Dies war insbesondere vor dem Hintergrund der Gräueltaten der nationalsozialistischen Tyrannei und der erstarkenden Präsenz des sowjetischen Kommunismus relevant. Hierfür ist bezeichnend, dass bedeutende Gäste West- Berlins kleine Porzellanrepliken der Freiheitsglocke als Symbole des trotzigen demokratischen Geistes der Halbstadt als Geschenke erhielten.

Während die Freiheitsglocke eine besonders aussagekräftige symbolische Bedeutung besaß, konnte sie in den frühen 1950er Jahren auch nützliche politische Zwecke erfüllen, sowohl für ihre amerikanischen als auch für ihre deutschen Förderer. Ernst Reuter, Willy Brandt und weitere politische Verbündete waren mit Recht besorgt, dass, unter dem Druck des Korea-Krieges und ihrer weltpolitischen Aufgaben überhaupt, die Amerikaner ihre Verantwortungen in Berlin nach dem erfolgreichen Abschluss der Luftbrücke hätten vergessen können. (In der Tat waren die führenden Politiker West-Berlins während des Kalten Krieges fast immer besorgt, dass die Amerikaner sie im Stich lassen könnten.)

Fazit: Ein Feldzug psychologischer und politischer Mobilisierung in beiden Ländern kam ihnen politisch zugute, vor allem als Erinnerung an die Amerikaner_innen, dass sie ihre Verantwortungen im Herzen Europas nicht übersehen durften. Bedeutende politische Symbole wie die Freiheitsglocke stellten wesentliche Aspekte dieser Mobilisierung dar.

Jahrzehntelang waren das Rathaus Schöneberg und die Freiheitsglocke Symbole des demokratischen Geistes West-Berlins. Sie waren Kulisse für mehrere wichtige Ereignisse in der Stadtgeschichte, so beispielsweise die berühmte Kennedy-Rede im Juni 1963 (“Ich bin ein Berliner”) oder die feierliche Versammlung am Abend des 9. November 1989.

Aber Symbole ändern sich. Ab den 1960er Jahren und insbesondere nach Inkrafttreten des Viermächteabkommens von 1971 und einer partiellen “Normalisierung” der Lage West- Berlins schien die Teilstadt nicht mehr ein besonderer Brennpunkt an der Frontlinie des Kalten Krieges zu sein. Eine merkwürdige “anomale Normalität” (so die Historikerin Ann Tusa) charakterisierte nunmehr die Lage der Inselstadt.

Die Beziehung zur “Schutzmacht” USA änderte sich auch allmählich. Es stellte sich heraus, dass “Amerikas Berlin” ein kurzlebiges Phänomen der ersten Phase des Kalten Krieges darstellte, trotz des fortgesetzten Viermächtestatus Gesamtberlins bis 1990 und der andauernden Präsenz amerikanischer Truppen bis 1994. Mit den historischen Änderungen nach den 1960er Jahren verloren die konkreten Ausdrücke der Sonderbeziehung Berlin/USA ihre ursprüngliche symbolische Bedeutung und die auf die Freiheitsglocke übertragende Bildersymbolik verblasste allmählich im kulturellen Gedächtnis der US-amerikanischen und deutschen Bevölkerungen.

Jüngste Diskussionen haben die Aufmerksamkeit auf die ideologische Funktion sowie den vorübergehenden, vergänglichen Charakter historischer Denkmäler und Erinnerungsorte gelenkt. Die Freiheitsglocke stellt hier keine Ausnahme dar, da ihr ursprünglicher Zweck heute nicht mehr relevant ist. Jetzt dient sie vor allem als besonders eindrucksvolle Erinnerung an die bemerkenswerte Geschichte Berlins und die Anfänge des ideologischen Machtkampfes zweier Weltmächte sowie an die damals besonders enge Verbindung mit den USA. Dennoch ist die Freiheitsglocke noch heute im kollektiven Gedächtnis vieler Berliner_innen als bedeutsames Element der Stadtgeschichte verankert und lässt ihr Glockengeläut erklingen, wie schon seit sieben Jahrzehnten.  

Deko-Bild mit sechs Glocken-Grafiken
Cover einer Broschüre mit der Aufschrift "70 Jahre Freiheitsglocke in Berlin - 1950 bis 2020"

"70 Jahre Freiheitsglocke in Berlin - 1950 bis 2020"

Eine Broschüre zum 70-jährigen Jubiläum der Berliner Freiheitsglocke

Am 24. Oktober 2020 wurde die Berliner Freiheitsglocke im Rathaus Schöneberg 70 Jahre alt. Zu diesem Anlass publizierte das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg eine 40 Seiten umfassende, in Deutsch und Englisch verfasste Broschüre, die sich mit der Geschichte der Freiheitsglocke, ihrer Symbolik und individuellen Bedeutung für die Bürger_innen Berlins befasst.

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