Stolpersteine Ludwigkirchplatz 12

Hauseingang Ludwigkirchplatz 12

Hauseingang Ludwigkirchplatz 12

Die Stolpersteine für Vera Nathan und Adolph Welsch wurden am 29.03.2008 verlegt.

Der Stolperstein für Leonhard Holz wurde am 09.04.2009 verlegt.

Stolperstein für Vera Nathan

Stolperstein für Vera Nathan

HIER WOHNTE
VERA NATHAN
JG. 1898
DEPORTIERT 14.11.1941
MINSK
ERMORDET

Am 27. August 1898 wurde Vera Rosalie Nathan in Berlin geboren. Ihr Vater war der Kaufmann Heinrich Nathan (geb. 1856, gest. 1904). Ihre Mutter Amalie, geb. Lichtenhein wurde am 12. Juli 1861 in New York geboren, ebenso deren Geschwister Marietta (geb. 1853), Adolphus (geb. 1860, gest. 1904 in London)) und Rosalie (geb. 1863). Der Bruder Moritz kam hingegen 1869 schon in Berlin auf die Welt. Veras Großvater Isidor Heinrich Lichtenhein war einer der frühen Einwanderer in die USA, er wurde dort 1859 eingebürgert, kehrte aber offensichtlich schon 10 Jahre später nach Deutschland zurück. Er starb 1883 in Berlin.

Veras Mutter Amalie Lichtenhein hatte als 19-Jährige 1881 in erster Ehe Heimann Hermann Bab geheiratet. Aus dieser Ehe stammte Veras Halbbruder Erwin (geb. 1882). Aus der Ehe mit Heinrich Nathan – die Heirat war am 24. Dezember 1891 in Berlin geschlossen worden – stammte neben Vera noch ihr älterer Bruder Alfred (geb. 26. Mai 1895).

Zur Zeit von Veras Geburt lebte die Familie Nathan in der Uhlandstraße 179/180. Vera erhielt ihren zweiten Vornamen nach Tante Rosalie, der jüngeren Schwester ihrer Mutter. Alfred und Vera konnten nur wenige Jahre mit ihrem Vater verbringen, er starb am 10. Oktober 1904, Veras Mutter Amalie lebte bis 1939. Sie starb am 6. Juni an den Komplikationen einer Oberschenkelhalsfraktur im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde.

Über Veras Bruder, ihre Tanten und den Onkel Moritz sind einige Fakten überliefert, nicht jedoch über Vera selbst.

Veras Onkel Moritz Lichtenhein und sein Sohn Werner, Veras Cousin, waren Hauptanteilseigner der Berliner Privatbank „Königsberger und Lichtenhein“ und wohnten zusammen in Nikolassee, in der Friedrich-Karl-Straße 25. Moritz Lichtenhein nahm sich 1930, nach dem großen Börsenkrach und der sich anschließenden Depression, das Leben. Dr. jur. Werner Lichtenstein schied Ende März 1932 aus der Leitung der Bank aus und ging bald darauf mit seiner Frau ins Ausland.

Die Tanten Marietta, verh. Pach und Rosalie, verh. Hagelschmidt starben verwitwet 1926 bzw. 1938 in Berlin.

Veras Bruder Alfred und seine Frau Charlotte Luise, geb. Caminer wurden 1942 in Auschwitz ermordet. Sie hatten bis zu ihrer Deportation in Halensee, in der Heilbronner Straße 7 gewohnt.

Von Vera wissen wir nicht, ob sie einen Beruf erlernt und ausgeübt hat und wo sie all die Jahre gelebt hat. Die Adressbücher geben darüber keine Auskunft. Vera und ihre Mutter waren in der Sonderkartei für Juden vom 17. Mai 1939 unter der Adresse Ludwigkirchplatz 12 gemeldet, obwohl auf Amalies Sterbeurkunde als letzte Adresse die Zehlendorfer Roonstraße 1 vermerkt ist.
Möglicherweise teilten sich Mutter und Tochter eine Wohnung am Ludwigkirchplatz mit der Witwe Ida Israel. Sie erlitt das gleiche Schicksal wie Vera.

Am 14. November 1941 wurden Vera Nathan und Ida Israel in das Ghetto von Minsk deportiert. Tage zuvor hatten sie sich in der als Sammellager missbrauchten Synagoge in der Levetzowstraße 7-8 einzufinden. Der erste und einzige „große“ Transport nach Minsk mit Berliner Jüdinnen und Juden, vermutlich mit der Zugnummer „Da 54“ der Reichsbahn ging vom Bahnhof Grunewald ab und erreichte nach vier Tagen Fahrt das 1100 Kilometer entfernte Minsk in Weißrussland.

Die etwa 1000 Menschen mussten vom Sammellager in Moabit unter den Augen der Berliner Bevölkerung zu Fuß zum Gleis 17 am Bahnhof Grunewald laufen. Ältere und schwächere Personen wurden auf Lastwagen zum Bahnhof gefahren.

Eine Liste des Transportes von Berlin nach Minsk am 14. November 1941 ist nicht erhalten. Um die Identität der Deportierten zu erfahren, wurden die Vermögenserklärungen herangezogen, die die Jüdinnen und Juden im Sammellager hatten abgeben müssen. Eine solche “Vermögensverwertungsakte“ von Vera Rosalie Nathan ist nicht vorhanden. Ihr Schicksal bleibt daher weitgehend unbekannt. Zum Zeitpunkt der Deportation war Vera Nathan erst 43 Jahre alt.

Recherche und Text: Karin Sievert Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
  • Arolsen Archives
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Adressbücher Berlin
  • Mapping The Lives
  • Landesarchiv, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • Anja Reuss, Kristin Schneider: „Berlin – Minsk – Unvergessene Lebensgeschichten“, Metropol Verlag 2013 S.42 ff, 367.
  • Tom Werner Angress: „Jüdische Jugend in Berlin – Auswanderung und Krieg“,(Vortrag am 20. Januar 2005 im Haus der Wannsee-Konferenz)
Stolperstein für Adolph Welsch

Stolperstein für Adolph Welsch

HIER WOHNTE
ADOLPH WELSCH
JG. 1892
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
ERMORDET 30.11.1941

Adolph Welsch wurde in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie hineingeboren. Als Adolph am 1. Dezember 1892 in der elterlichen Wohnung auf die Welt kam, wohnten seine Eltern Enno und Emma Welsch in Hamburg in den Colonnaden Nr. 80, dem berühmtesten Prachtboulevard der Stadt. Sein Vater besaß mehrere Häuser in Hamburg, sowie ein Grundstück in Posnitz im Regierungsbezirk Oppeln. Er war Gründer und Inhaber der „Damen- und Kindermäntelfabrik Enno Welsch“ in der Großen Johannisstraße 3-7 mit Zweigstellen in Hannover und Leipzig.

Adolph war das einzige Kind, und seine Eltern ermöglichten ihm, seiner Neigung zu Malerei nachzugehen. Er erhielt in Paris an der Académie Julian eine künstlerische Ausbildung. Die angesehene private Kunstakademie war 1868 von dem Maler Rodolphe Julian gegründet worden und bestand bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Tausende von Malern und Bildhauern wurden in mehreren Ateliers in Paris ausgebildet.

Zurückgekehrt nach Hamburg heiratete Adolph die am 11. September 1900 in Lübeck geborene Kaufmannstochter Gitel Gitella Dora Würzburg, Rufname Gertrud, Tochter von Pincus (Paul) und Recha Würzburg. Die Familie Würzburg war längst von Lübeck nach Hamburg gezogen, als Adolph und Gertrud am 17. Juni 1920 heirateten. Adolph wohnte damals in der Sierichstraße 12, nahe der Außenalster, – ebenfalls eine gehobene Wohngegend.

Unmittelbar nach der Hochzeit zog das Ehepaar nach Berlin und wohnte viele Jahre in der Sybelstraße 23. Am 3. September 1921 wurde das einzige Kind Enno Wolfgang geboren. Nach einem zwischenzeitlichen Umzug in die Cicerostraße 58 wohnte die Familie ab 1934 am Kurfürstendamm 169. Adolph Welschs Name war in den Adressbüchern stets mit dem Zusatz „Kunstmaler“ versehen.

Als jüdischer Künstler hatte Adolph in den 1930er- Jahren keine Möglichkeiten, seine Werke öffentlich auszustellen. Dennoch schien er erstmal keine finanziellen Sorgen zu haben. Mit dem Erbe seines Vaters hatte die Familie Welsch bis 1939 offenbar eine gute finanzielle Absicherung. Dementsprechend hoch war die „Judenvermögensabgabe“, die Adolph aus dem ererbten Vermögen zu zahlen hatte. Es handelte sich um 38.750 RM, die in 5 Raten beglichen werden mussten.

Am 31. Juli 1934 hatte sich Adolph auf dem Motorschiff „Claus Horn“ auf eine Reise nach Santo Domingo und von dort weiter nach Puerto Rico begeben. Vielleicht war das schon die Vorbereitung gewesen, Deutschland zu verlassen. Seine Frau war allerdings nicht mit an Bord. Er kehrte wieder nach Berlin zurück und die Familie Welsch wohnte von 1937 bis 1939 am Kurfürstendamm 167/168. Im Februar 1939 waren Adolph und Gertrud vergeblich um eine Einreisebewilligung nach Australien bemüht. Die 816 RM Reichsfluchtsteuer waren bereits gezahlt. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte die Pläne jedoch zunichte.

Noch im selben Jahr bezogen Adolph, Gertrud und Enno für kurze Zeit eine Wohnung am Ludwigkirchplatz 12, in der Minderheitenvolkszählung ist jedoch nur Adolph dort erfasst, Gertrud wurde in der Solinger Straße 7 in Moabit registriert.

Enno Welsch hatte keine höhere Schulbildung absolvieren können und den Beruf des Tischlers erlernt. Er war fest entschlossen, in die USA auszuwandern, was ihm im Juni 1941 auch gelang. Die Auswanderungskosten von ca. 18.500 RM konnte Adolph noch bezahlen, obwohl sein Vermögen durch die „Judenvermögensabgabe“ sehr geschrumpft war.

Enno trat im Dezember 1942 in die US Army ein, 1946 wurde er ehrenhaft entlassen. 1947 wurde er als Soldat der Militärpolizei reaktiviert, erkrankte während seiner Dienstzeit an Schizophrenie, sodass 1948 die endgültige Entlassung aus dem Militär erfolgte. Er galt fortan als nicht zurechnungsfähig und lebte bis zu seinem Tod im Oktober 2005 ohne eigenes Einkommen in einem Veteranen Hospital in New Jersey. Offenbar hatte auch er eine ausgeprägte künstlerische Begabung. Auf seinem Grabstein steht: „Our beloved friend Enno Wolfgang Welsh – Sept. 30 1921 – Oct 22 2005 – Pianist – WW II Veteran“.

Adolph und Gertrud wohnten bis zu ihrer Deportation zur Untermiete bei dem Ehepaar Josef und Fanni Krzesni und deren Tochter Hildegard in der Solinger Straße 7 in Moabit. In der 5-Zimmerwohnung lebten dicht gedrängt neben den Hauptmietern Krzesni und dem Ehepaar Welsch drei weitere jüdische Untermieter.

Am 27. November 1941 wurden Adolph und Gertrud Welsch von der Gestapo abgeholt und mit dem Transport VII nach Riga deportiert. Es war der erste von Berlin dorthin abgehende Transport mit 1053 Jüdinnen und Juden, die ohne Ausnahme einem Massenmord zum Opfer fielen. Unmittelbar nach Ankunft des Zuges am Morgen des 30. November wurden sie im Wald von Rumbula ermordet und in Massengräbern verscharrt.

Joseph und Fanni Kreszni, die Hauptmieter ihrer letzten Wohnung wurden am 5. September 1942 ebenfalls nach Riga deportiert und ermordet, ihre Tochter Hildegard starb ein Jahr später an einem Lungenleiden im Jüdischen Krankenhaus.

Recherche und Text: Karin Sievert Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:

Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945


Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de

Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten – Entschädigungsbehörde

Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank

Arolsen Archives
https://de.wikipedia.org/wiki/Académie_Julian
https://www.findagrave.com/memorial/39751144/enno-wolfgang-welsh?_

Stolperstein für Leonhard Holz

Stolperstein für Leonhard Holz

HIER WOHNTE
LEONHARD HOLZ
JG. 1882
FLUCHT NACH FRANKREICH
AUS DRANCY
DEPORTIERT 1944
AUSCHWITZ
FLOSSENBÜRG
ERMORDET 1945

Leonhard Holz wurde am 11.Juli 1882 in Berlin geboren. Er stammte aus einer jüdischen Familie. 1910 nach dem Jurastudium wurde er als Rechtsanwalt beim Berliner Landgericht zugelassen. Von 1914 bis 1918 war er Soldat im Ersten Weltkrieg. Er wurde verwundet und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Holz war Mitglied der SPD und war Stadtverordneter von 1920–1921. Er wurde in der Weimarer Republik als Notar bestellt, was im Kaiserreich nicht möglich gewesen wäre, spezialisierte sich auf Mietrechtsfragen und veröffentlichte zu diesem Thema einige Schriften. Am 30. April 1933 wurde er im Berliner Landgericht von einem SA-Kommando die Treppe hinuntergeworfen und misshandelt. Mitte Mai 1933 floh er mit seiner zweiten Frau Paula nach Paris, wo er nach einem Zusatzstudium wieder als Rechtsanwalt arbeiten konnte.
Herta Holz, die erste Frau von Leonhard, und die Tochter Ilse emigrierten ebenfalls nach Paris. Ilse wanderte mit ihrem Mann nach Kolumbien aus. Am 16. März 1939 wurden Leonhard und die 1935 – offenbar von den deutschen Behörden unbemerkt – in Paris verstorbene Paula Holz vom Deutschen Reich ausgebürgert und ihr in Berlin verbliebenes Vermögen eingezogen. Holz und seine erste Frau wurden 1940 in Frankreich interniert und im März 1944 über das Sammellager Drancy bei Paris ins KZ Auschwitz deportiert.

Herta Holz schrieb an ihre Tochter Ilse am 16. März 1944:

bq. Mein geliebtes Kind, Vati und ich treten heute den schwersten Weg unseres Lebens an. Am 7. d. M. hat man Vati und all‘ die anderen von ‚uns‘ geholt, um sie zur Arbeit im Kriegsgebiet zu verwenden … Wir gehen zuerst ins deutsche Arbeitscamp nach Drancy, von dort – – – ? Sollten wir nicht lebend herauskommen, so wisse, dass wir Dich unendlich geliebt haben und dass Du unser letzter Gedanke sein wirst mit Deinem Mann und Deinem Kind oder Deinen Kindern. Wie schade, dass ich mein Enkelkind nicht auf dem Arm halten konnte. […] Meine Gedanken, meine Liebe ist bei Euch und Vati umarmt Euch tausendmal. Ich küsse Deine Augen, Musch. Dir lieber Lazy und Dir kleine Miryam mein ganzes Herz.

Herta Holz wurde in Auschwitz ermordet. Leonhard Holz wurde Ende Januar 1945 von Auschwitz in das KZ Mauthausen und von dort am 3. März 1945 in das KZ Flossenbürg transportiert, wo er ermordet wurde.

Biografische Zusammenstellung: Verein Aktives Museum e. V.

Dieser Stolperstein ist Teil einer Gruppe von 8 Stolpersteinen, die auf Initiative des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. von Erika Albers, Ursula und Winfried Büchau, Myriam von Oppen, Monica und Oliver Puginier, Monika Richarz, Ingrid Schmidt und André Schmitz gespendet und am 9.4.2009 verlegt wurden. Mit diesen Stolpersteinen wird an Berliner Stadtverordnete erinnert: