HIER WOHNTE
ADOLPH WELSCH
JG. 1892
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
ERMORDET 30.11.1941
Adolph Welsch wurde in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie hineingeboren. Als Adolph am 1. Dezember 1892 in der elterlichen Wohnung auf die Welt kam, wohnten seine Eltern Enno und Emma Welsch in Hamburg in den Colonnaden Nr. 80, dem berühmtesten Prachtboulevard der Stadt. Sein Vater besaß mehrere Häuser in Hamburg, sowie ein Grundstück in Posnitz im Regierungsbezirk Oppeln. Er war Gründer und Inhaber der „Damen- und Kindermäntelfabrik Enno Welsch“ in der Großen Johannisstraße 3-7 mit Zweigstellen in Hannover und Leipzig.
Adolph war das einzige Kind, und seine Eltern ermöglichten ihm, seiner Neigung zu Malerei nachzugehen. Er erhielt in Paris an der Académie Julian eine künstlerische Ausbildung. Die angesehene private Kunstakademie war 1868 von dem Maler Rodolphe Julian gegründet worden und bestand bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Tausende von Malern und Bildhauern wurden in mehreren Ateliers in Paris ausgebildet.
Zurückgekehrt nach Hamburg heiratete Adolph die am 11. September 1900 in Lübeck geborene Kaufmannstochter Gitel Gitella Dora Würzburg, Rufname Gertrud, Tochter von Pincus (Paul) und Recha Würzburg. Die Familie Würzburg war längst von Lübeck nach Hamburg gezogen, als Adolph und Gertrud am 17. Juni 1920 heirateten. Adolph wohnte damals in der Sierichstraße 12, nahe der Außenalster, – ebenfalls eine gehobene Wohngegend.
Unmittelbar nach der Hochzeit zog das Ehepaar nach Berlin und wohnte viele Jahre in der Sybelstraße 23. Am 3. September 1921 wurde das einzige Kind Enno Wolfgang geboren. Nach einem zwischenzeitlichen Umzug in die Cicerostraße 58 wohnte die Familie ab 1934 am Kurfürstendamm 169. Adolph Welschs Name war in den Adressbüchern stets mit dem Zusatz „Kunstmaler“ versehen.
Als jüdischer Künstler hatte Adolph in den 1930er- Jahren keine Möglichkeiten, seine Werke öffentlich auszustellen. Dennoch schien er erstmal keine finanziellen Sorgen zu haben. Mit dem Erbe seines Vaters hatte die Familie Welsch bis 1939 offenbar eine gute finanzielle Absicherung. Dementsprechend hoch war die „Judenvermögensabgabe“, die Adolph aus dem ererbten Vermögen zu zahlen hatte. Es handelte sich um 38.750 RM, die in 5 Raten beglichen werden mussten.
Am 31. Juli 1934 hatte sich Adolph auf dem Motorschiff „Claus Horn“ auf eine Reise nach Santo Domingo und von dort weiter nach Puerto Rico begeben. Vielleicht war das schon die Vorbereitung gewesen, Deutschland zu verlassen. Seine Frau war allerdings nicht mit an Bord. Er kehrte wieder nach Berlin zurück und die Familie Welsch wohnte von 1937 bis 1939 am Kurfürstendamm 167/168. Im Februar 1939 waren Adolph und Gertrud vergeblich um eine Einreisebewilligung nach Australien bemüht. Die 816 RM Reichsfluchtsteuer waren bereits gezahlt. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte die Pläne jedoch zunichte.
Noch im selben Jahr bezogen Adolph, Gertrud und Enno für kurze Zeit eine Wohnung am Ludwigkirchplatz 12, in der Minderheitenvolkszählung ist jedoch nur Adolph dort erfasst, Gertrud wurde in der Solinger Straße 7 in Moabit registriert.
Enno Welsch hatte keine höhere Schulbildung absolvieren können und den Beruf des Tischlers erlernt. Er war fest entschlossen, in die USA auszuwandern, was ihm im Juni 1941 auch gelang. Die Auswanderungskosten von ca. 18.500 RM konnte Adolph noch bezahlen, obwohl sein Vermögen durch die „Judenvermögensabgabe“ sehr geschrumpft war.
Enno trat im Dezember 1942 in die US Army ein, 1946 wurde er ehrenhaft entlassen. 1947 wurde er als Soldat der Militärpolizei reaktiviert, erkrankte während seiner Dienstzeit an Schizophrenie, sodass 1948 die endgültige Entlassung aus dem Militär erfolgte. Er galt fortan als nicht zurechnungsfähig und lebte bis zu seinem Tod im Oktober 2005 ohne eigenes Einkommen in einem Veteranen Hospital in New Jersey. Offenbar hatte auch er eine ausgeprägte künstlerische Begabung. Auf seinem Grabstein steht: „Our beloved friend Enno Wolfgang Welsh – Sept. 30 1921 – Oct 22 2005 – Pianist – WW II Veteran“.
Adolph und Gertrud wohnten bis zu ihrer Deportation zur Untermiete bei dem Ehepaar Josef und Fanni Krzesni und deren Tochter Hildegard in der Solinger Straße 7 in Moabit. In der 5-Zimmerwohnung lebten dicht gedrängt neben den Hauptmietern Krzesni und dem Ehepaar Welsch drei weitere jüdische Untermieter.
Am 27. November 1941 wurden Adolph und Gertrud Welsch von der Gestapo abgeholt und mit dem Transport VII nach Riga deportiert. Es war der erste von Berlin dorthin abgehende Transport mit 1053 Jüdinnen und Juden, die ohne Ausnahme einem Massenmord zum Opfer fielen. Unmittelbar nach Ankunft des Zuges am Morgen des 30. November wurden sie im Wald von Rumbula ermordet und in Massengräbern verscharrt.
Joseph und Fanni Kreszni, die Hauptmieter ihrer letzten Wohnung wurden am 5. September 1942 ebenfalls nach Riga deportiert und ermordet, ihre Tochter Hildegard starb ein Jahr später an einem Lungenleiden im Jüdischen Krankenhaus.
Recherche und Text: Karin Sievert Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf
Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten – Entschädigungsbehörde
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank
Arolsen Archives
https://de.wikipedia.org/wiki/Académie_Julian
https://www.findagrave.com/memorial/39751144/enno-wolfgang-welsh?_