SFZ-Buchrezension: Digitales Lehren und Lernen im Fachunterricht. Aktuelle Entwicklungen, Gegenstände und Prozesse.

Michael Ahlers, Michael Besser, Christian Herzog, Poldi Kuhl (Hrsg.): Digitales Lehren und Lernen im Fachunterricht. Aktuelle Entwicklungen, Gegenstände und Prozesse. Beltz Juventa:Weinheim, 2024
ISBN 978-3-7799-7092-7 Print; ISBN 978-3-7799-7093-4 E-Book (PDF), 327 Seiten

Digitales Lehren und Lernen im Fachunterricht. Aktuelle Entwicklungen, Gegenstände und Prozesse.

Nicole Wellhöfer schreibt:

Wer in Berliner Klassenzimmern unterrichtet, kennt die Diagnose längst: Die Schreibkompetenz Jugendlicher verändert sich durch eine mehr und mehr medial geprägte Welt– nicht schleichend, sondern spürbar. Texte werden kürzer, fragmentierter, grammatisch riskanter. Der Einfluss digitaler Kommunikation, von Sprachnachricht und Chatstil bis zu KI-gestütztem Schreiben, hinterlässt deutliche Spuren. Gleichzeitig öffnen sich neue Räume: Jugendliche experimentieren mit Sprache informeller, vielfältiger und identitätsstiftender als je zuvor. Für Lehrkräfte bedeutet das: Schreibförderung muss neu gedacht werden – nicht als nostalgische Rückkehr zur „guten alten Aufsatzkultur“, sondern als didaktische Antwort auf neue sprachliche Lebenswelten. Im eigentlichen Sinne fokussieren die Autor:innen hier nicht explizit die Sprachbildung, zeigen aber digitale Tools, die Sprechanlässe schaffen, Verstehen generieren, sprachliche Entlastungen sein können oder Schüler:innen zum Schreiben bringen.

Der Sammelband „Digitales Lehren und Lernen im Fachunterricht“ ist weit mehr als eine Einführung in technische Tools – er ist ein kritischer Begleiter durch die sprachliche Transformation des Unterrichts. Die Autor:innen zeigen, wie sich digitale Medien nicht nur als Hilfsmittel, sondern als genuine Lernräume nutzen lassen, in denen Schüler:innen Sprache praktisch, reflexiv und kollaborativ anwenden. Sie werfen dabei einen kritischen Blick auf den Einsatz digitaler Tools in Naturwissenschaften und Fremdsprachen – sogar Sport wird bedacht -, aber auch auf den Deutschunterricht.
Besonders gewinnbringend für den Deutschunterricht sind die praxisnahen Kapitel zur digitalen Schreibdidaktik: etwa Peer-Feedback-Formate auf Lernplattformen oder Projekte, bei denen Schüler:innen kollaborativ Texte entwickeln, überarbeiten und veröffentlichen. Solche Formate fördern nicht nur sprachliche Präzision, sondern auch kommunikative Kompetenzen und Reflexionsfähigkeit – Fähigkeiten, die im Chat- und KI-Zeitalter mehr denn je gefragt sind. Hier erhält man auch einen Einblick in die aktuelle Didaktik-Forschung an den Universitäten.

Die Beiträge zeigen, wie eng die Medienbildung mit der Sprachbildung verwoben ist. Sie stellen nicht nur die digitalen Ressourcen zukunftsfähigen Unterricht vor, sondern reflektieren auch durchaus kritisch die mediale Überbelastung der Schüler:innen.
Alle Autoren des Sammelbandes verbindet ein zentrales Anliegen: Sprache als dynamische Praxis zu verstehen, die sich im digitalen Zeitalter wandelt – und Unterricht, der diese Wandlung aufgreift, nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreift. Lehrkräfte können hier nicht nur neue Methoden und Tools entdecken, sondern vor allem ihren eigenen Blick schärfen: auf Schreibprozesse, auf Sprachregister, auf die Rolle von Medien und auf das Potenzial von Sprache als Identitätsraum.

Wer Schreibkompetenz im 21. Jahrhundert fördern will, muss beides tun: die digitalen Räume öffnen und zugleich Räume schaffen, in denen Schüler:innen Sprache nicht nur „richtig“ nutzen, sondern sie als Mittel des Denkens, Verstehens und Gestaltens erfahren. Genau hier setzen diese Forschungsbeiträge an – und liefern damit das, was der Schreibunterricht unserer Zeit braucht: Orientierung, Inspiration und Veränderung.

Volltext: Digitales Lehren und Lernen im Fachunterricht. Aktuelle Entwicklungen, Gegenstände und Prozesse.