Drucksache - 1115/4  

 
 
Betreff: Flexible Kinderbetreuung ausbauen
Status:öffentlich  
 Ursprungaktuell
Initiator:SPD-Fraktion 
Verfasser:Wuttig/Böhm 
Drucksache-Art:AntragVorlage zur Kenntnisnahme
Beratungsfolge:
Bezirksverordnetenversammlung Beratung
29.01.2015 
41. Öffentliche Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin überwiesen   
Jugendhilfeausschuss Beratung
17.02.2015 
58. Öffentliche Sitzung des Jugendhilfeausschusses      
Bezirksverordnetenversammlung Beratung
19.02.2015 
42. Öffentliche Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin ohne Änderungen in der BVV beschlossen   

Sachverhalt
Anlagen:
Antrag
Beschlussempfehlung
Beschluss
Vorlage zur Kenntnisnahme

Die BVV möge beschließen:

 

Die BVV hat in ihrer Sitzung am 19.02.2015 folgenden Beschluss gefasst:

 

Das Bezirksamt wird aufgefordert, sowohl mit öffentlichen als auch mit privaten Trägern von Kinderbetreuungsangeboten Gespräche über eine Flexibilisierung der Betreuungszeiten zu führen. Die Ergebnisse der Befragung des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter sollen dabei berücksichtigt werden. Ziel muss es sein, im Bezirk unterschiedliche Öffnungszeiten im Angebot zu ermöglichen, um berufstätigen Eltern und vor allem Alleinerziehenden die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern.

 

Darüber hinaus wird das Bezirksamt gebeten, sich beim Senat für die Förderung von Konzepten, die über Kita, Kindertagespflege und ergänzende Kindertragesbetreuung, wie z. B. Bring- und Abholdienste hinausgehen, einzusetzen.

 

Der BVV ist bis zum 30.06.2015 zu berichten.

 

 

Hierzu wird folgendes berichtet:

 

Die flexible Kindertagesbetreuung ist seit Jahren ein wichtiger Themenschwerpunkt in der Kooperation zwischen dem Jugendamt und den Kitaträgern sowie bei der Beratung von Trägern, die ein Angebot in Charlottenburg-Wilmersdorf planen. Die wissenschaftlich basierte Studie vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Landesverband Berlin e.V. über die Erhebung zu den Bedarfen an Flexibler Kinderbetreuung hat diese Thematik näher betrachtet und gibt einen Einblick in bestehende Lücken. An der Online-Befragung haben 154 Mütter/Väter teilgenommen. Dies stellt einen Anteil von ca. 1,5 % der Haushalte mit Kindern unter sechs Jahren dar. Der VAMV unterstützt seit Jahren Alleinerziehende durch flexible Kinderbetreuung. Aktuell bietet er im Rahmen eines 3-jährigen Projektes Beratung und Unterstützung für Alleinerziehende an, sowie das Angebot „Flexibel mit Kind“.

 

 

Aktuelle Situation:

Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es 238 Kindertageseinrichtungen mit rund 10.770 Plätzen und ca. 700 Plätze in der Kindertagespflege. Es gibt viele Kleinsteinrichtungen (115) mit nur höchstens 25 Plätzen, insbesondere diese Einrichtungen können aufgrund der Personalausstattung längere und flexiblere Öffnungszeiten meist nicht gewährleisten.

 

In allen 5 Regionen gibt es aber Kindertagesstätten mit einem erweiterten Angebot (über 9 Stunden Betreuung), insgesamt betrifft dies 27 Kitas.

 

Alle Einrichtungen öffnen zwischen 6 und 9 Uhr, ein Schwerpunkt liegt zwischen 7 und 7:30 Uhr. Schwierig  erscheint das Ende der Öffnungszeit (Spanne zwischen 13 bis 19 Uhr). Etwa 73 % der Einrichtungen schließen bis spätestens 17 Uhr, viele davon auch schon um 16 oder 16:30 Uhr. Drei  Kindertagesstätten haben bis 19 Uhr geöffnet (Kita Goethestr., Kita Homburger Str., Kita St. Ursula).

Für berufstätige Eltern ist dieses Angebot, insbesondere wenn sie z.B. im Schichtdienst arbeiten oder im Einzelhandel tätig sind, oft nicht bedarfsgerecht. Zum Teil wünschen sich auch die Arbeitgeber (Flughafen AG, Polizei) eine Flexibilität bis 22 Uhr und darüber hinaus. Die Bedürfnisse der Kinder und ihre entwicklungsgerechte Förderung stehen dabei jedoch meist nicht im erforderlichen Umfang im Fokus. Hier gibt es also eindeutig einen Zielkonflikt.

 

Die Betreuungs-Bedarfsermittlung erfolgt insbesondere in der Kitagutscheinstelle über die Erfassung der ausgewiesenen differenzierten Betreuungsumfänge. Derzeit werden rund 631 Kinder ganztags erweitert, also über 9 Stunden, in Kindertagesstätten gefördert. In der Kindertagespflege betrifft es 14 Kinder.

 

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit der ergänzenden Tagespflege überwiegend im Haushalt der Eltern, jedoch stehen dafür trotz intensiver Bemühungen des Jugendamtes kaum Tagespflegepersonen zur Verfügung. Im Mai 2015 nahmen 16 Kinder bzw. deren Eltern dieses Angebot in Anspruch.

 

Die Erweiterung der Öffnungszeiten erfordert neben den konzeptionellen Überlegungen auch einen entsprechenden Fachkräfteeinsatz.  Viele Träger  signalisieren eine grundsätzliche Bereitschaft zu einer späteren Schließung  oder generellen  Verschiebung der Öffnungszeit nach hinten, dies sei aber wirtschaftlich nur darstellbar, wenn es von einer größeren Gruppe von Kindern in Anspruch genommen werde. Jedoch handelt es in der einzelnen Kita meist um wenige Einzelfälle.

 

Im politischen Raum wird (erneut) eine flächendeckende Versorgung durch 24-h-Kitas thematisiert. In Berlin gab es bereits mehrere Versuche von 24-h-Kitas, die z. T. aus fachlichen, konzeptionellen und wirtschaftlichen Gründen jeweils wieder eingestellt worden sind. So scheint es erfolgversprechender, zukünftig einen Schwerpunkt auf die ergänzende Tagespflege zu legen, da dies den Entwicklungsbedürfnissen jüngerer Kinder in den Abend- und Nachtstunden besser gerecht wird. Die bisher unattraktive Bezahlung für dieses Angebot soll sich verbessern, der Stundensatz steigt sukzessiv bis 2017 (vgl. AV – KTPF). So können ggf. Tagespflegepersonen gewonnen werden (berlinweit über eine Werbekampagne), um so einen Pool von Tagespflegepersonen (ggf. über einen freien Träger) zur flexiblen bedarfsgerechten Betreuung der Kinder im Haushalt der Eltern zur Verfügung zu haben.

 

Die bisherigen Überlegungen im Bezirk zu einer oder mehreren Einrichtungen mit besonderen Öffnungszeiten, z. B. für das Hotel- und Einzelhandelsgewerbe oder für Beschäftigte im Medienbereich, haben ebenfalls noch zu keinen konkreten Ergebnissen geführt, weil am Ende die  Bereitschaft der Beteiligten nicht  ausreichte,  einen notwendigen  Beitrag zu leisten.

 

Das Jugendamt berät alle Neugründer/innen von Einrichtungen zum quantitativen und qualitativen Bedarf. Hier wird auch insbesondere auf bedarfsgerechte und flexible Öffnungszeiten hingewiesen. Das Jugendamt kann Kitaträgern aber Öffnungszeiten nicht vorgeben und verfügt nicht über Sanktionsmöglichkeiten.

 

In den letzten Monaten führte das Jugendamt Gespräche mit mehreren Trägern bezüglich der flexiblen Öffnungszeiten. Aufgrund der hohen Anzahl der Träger im Bezirk dauern die Gespräche noch an. Das Thema flexibler Öffnungszeiten wird auch in den AG’s nach § 78 (Kita) in diesem Jahr platziert werden.

 

Das Jugendamt bringt diese Thematik auch immer wieder auf Landesebene ein und begrüßt deshalb, dass die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft sich ebenfalls mit der Thematik auseinander setzt und derzeit die Untersuchung „Kindgerechte und flexible Betreuung als Teil von Erziehungspartnerschaft“ durchführt. Dabei werden insbesondere folgende Punkte analysiert:

 

  • Angebotsstrukturen, einschl. der bisherigen Finanzierungslösungen
  • Verfahren zur Bedarfsermittlung und laufende Erfassung der Nachfrage
  • Erfolgsfaktoren gut laufender Angebote

 

In das Projekt sind die Bezirke, Trägerverbände, Eigenbetriebe, Familienzentren, Elternvertretungen und Unternehmensvertretungen einbezogen. Bis zum Jahr 2016 sollen die Ergebnisse vorliegen und Schlussfolgerungen für die bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung gezogen werden, die dann in die bezirklichen Planungen einfließen werden.

 

 

Im Vorgriff auf die Ergebnisse und wegen der wiederholten vehementen Bedarfsanmeldung aus dem Raum der Interessenvertretungen von (insbesondere alleinerziehenden) Eltern sollen im Doppelhaushalt 2016/17 im Rahmen eines Landesprogramms jährlich 381.000 Euro für das neue „Projekt zur Ergänzung des Regelsystems durch flexible Kindertagesbetreuung zur Verbesserung von Vereinbarkeit von Familie und Beruf insbesondere mit Blick auf die Zunahme atypischer Arbeitszeiten und die besonderen Belastungen Alleinerziehender“ unter Federführung der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft eingestellt werden. Über die konkrete Ausgestaltung des Projektes kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht berichtet werden.

Wenn dies gelingt, wird dies vom Bezirk auch als Erfolg seiner langjährigen Bemühungen gewertet.

 

Das Jugendamt wird über den Fortgang dieser Bemühungen im Jugendhilfeausschuss berichten.

 

 

 

 

Reinhard Naumann              Dagmar König

Bezirksbürgermeister              Bezirksstadträtin

 

 
 

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