Kiezspaziergang durch Moabit Ost: Neubau, Kultur und Verkehr im Fokus

Bei der Auswahl der Route für den Kiezspaziergang durch Moabit Ost bewies Stadtteilkoordinator Peter Kapsch ein gutes Gespür. Vier Stationen hatte er ausgewählt – alle Orte, an denen sich der Stadtteil derzeit verändert. Der Bezirksstadtrat für den öffentlichen Raum, Christopher Schriner, begleitete den Spaziergang und beantwortete Fragen aus der Nachbarschaft. Das Interesse war groß: Rund 40 Menschen folgten am 29. Juni der Einladung und nutzten die Gelegenheit, sich über aktuelle Bau- und Entwicklungsprojekte zu informieren.

Kiezspaziergang_Gefängnis_neuer_Kulturstandort

Neuer Kulturstandort öffnet sich für den Kiez

Für die Veranstaltung waren zwei Stunden vorgesehen. Doch schnell zeigte sich, dass die zahlreichen Fragen und Gespräche deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würden. Besonders großes Interesse weckte das ehemalige Frauengefängnis in der Lehrter Straße 60/61. Das denkmalgeschützte Gebäude wird derzeit von der BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH zu einem Kulturstandort umgebaut und steht kurz vor seiner Eröffnung. So konnten die Teilnehmenden bereits vor dem offiziellen Start einen Blick hinter das schwere Hoftor werfen und die fast fertiggestellten Atelier- und Probenräume besichtigen.
Laura Raber von der Kulturraum Berlin gGmbH erläuterte die künftige Nutzung des ehemaligen Zellen- und Verwaltungsgebäudes. Insgesamt entstehen dort 32 Ateliers und 49 Musikproberäume, die über das Berliner Arbeitsraumprogramm zu günstigen Konditionen an professionelle Künstler*innen vermietet werden. Die Nachfrage sei enorm gewesen. „Es gab 350 Bewerbungen für 32 Ateliers“, berichtete Raber.
Fast eine Stunde blieb die Gruppe auf dem Gelände des neuen Kulturstandorts. Viele Fragen drehten sich um die Öffnung des Areals für den Kiez. „Es sind Tage der offenen Tür geplant. Das Tor soll dauerhaft geöffnet sein, der Innenhof ist für die Nachbarschaft zugänglich“, sagte Raber. Auch ein Eröffnungsfest sei vorgesehen – voraussichtlich allerdings erst nach dem Sommer. Einen Wunsch gaben die Teilnehmenden dem Projektteam mit auf den Weg: Ein Schild an der Straßenseite solle künftig über die Geschichte und die frühere Nutzung des Gebäudes informieren.

Kiezspaziergang_neue_Wohnungen

Neue Wohnungen und ein Platz zum Verweilen

Begonnen hatte der Kiezspaziergang in der Rathenower Straße gegenüber von einem Neubauprojekt der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM). Julia Paul und Ramona Murray stellten das Vorhaben vor, das im Frühjahr 2027 fertiggestellt werden soll. Derzeit entstehen dort knapp 100 Wohnungen, darunter sieben Clusterwohnungen mit mehreren Wohneinheiten. Sechs dieser Cluster sind für das Jugendwohnen vorgesehen. Außerdem wird eine Nachbarschaftseinrichtung des Moabiter Ratschlags in das Gebäude einziehen.
Auch hier brachten Anwohner*innen ihre Anliegen ein. Eine Teilnehmerin sprach sich für mehr altersgerechte Wohnungen aus. Ramona Murray erklärte, dass zwar keine speziellen Senior*innenwohnungen geplant seien, sämtliche Wohnungen jedoch barrierefrei gebaut würden.
Der Platz vor der Rathenower Straße 16 sei bislang vor allem ein Transitraum, sagte Bezirksstadtrat Christopher Schriner. „Das hoffen wir zu ändern. Die Wohnnutzung kann dabei helfen, dass hier ein Stadtplatz entsteht – ein Ort zum Verweilen.“ Ab dem kommenden Jahr soll auch der Platz neben dem Neubau mit Mitteln aus dem Programm „Nachhaltige Erneuerung“ umgestaltet werden. Geplant sind neue Aufenthaltsflächen sowie eine Wegeverbindung zum Fritz-Schloß-Park.

Kiezspaziergang_Radweg_Karte

Künftiger Radweg sorgt für Diskussionen

An der nächsten Station war noch etwas Vorstellungskraft gefragt. Dort soll künftig eine übergeordnete Radverkehrsverbindung entstehen. Bislang ist die sogenannte Döberitzer Verbindung, die am Stadtbad Tiergarten und am Saunapark entlang bis zur Lehrter Straße führt, nicht als Radweg ausgeschildert. Künftig sollen Radfahrende hier den Hauptbahnhof auf einer attraktiven Route umfahren können.
Eine Anwohnerin äußerte dennoch Kritik an der heutigen Situation. Insbesondere drei Poller an einer Fußgängerquerung bezeichnete sie als Hindernis und sprach sich für deren Entfernung aus. Schriner erläuterte ausführlich, warum die Poller aus Sicht des Bezirks notwendig seien, um zu verhindern, dass Autos auf die Fläche fahren und dort nicht mehr wenden können. Gleichzeitig zeigte er den geplanten Verlauf der Radverbindung auf einer Karte. Als mögliche Verbesserung stellte er in Aussicht, Haltezonen prüfen zu lassen.

Kiezspaziergang_Radweg

Ganz überzeugen konnte diese Antwort die Anwohnerin nicht. Sie wünschte sich, bei einzelnen Schritten der Planung stärker einbezogen zu werden. Schriner verwies auf den schwierigen Ausgleich zwischen Beteiligung und Umsetzung. „Das ist ein Dilemma der Bürgerbeteiligung. Je länger wir miteinander reden, desto weniger schaffen wir umzusetzen“, sagte er. Deshalb halte er eine umfassende Beteiligung vor allem bei größeren Projekten für sinnvoll.

Kiezspaziergang Lehrter Straße

Lehrter Straße bleibt Streitpunkt

Als die Gruppe schließlich den Klara-Franke-Platz erreichte, war der ursprünglich geplante Zeitrahmen bereits überschritten. Dennoch waren noch viele Teilnehmende dabei. Hier stand vor allem die Verkehrssituation auf der Lehrter Straße im Mittelpunkt. Diskutiert wurde unter anderem, ob die Straße künftig stärker dem Anwohnendenverkehr vorbehalten werden könne und ob Polizeifahrzeuge nachts auf das Martinshorn verzichten könnten.
Schriner machte deutlich, dass der Bezirk in diesen Fragen nur begrenzten Einfluss habe. Für die Lehrter Straße als Hauptstraße sei das Land Berlin zuständig. „Da braucht es andere Lösungen, aber dafür braucht es auch eine Senatsverwaltung, die diese Lösungen will“, sagte er. Deshalb konzentriere sich der Bezirk auf Maßnahmen im Nebenstraßennetz, etwa auf Entsiegelungen und die Aufwertung öffentlicher Räume. „Wir gehen in die Bereiche, in denen wir einen Unterschied machen können.“ Dass dem Bezirk auf der Lehrter Straße vergleichsweise wenig Gestaltungsspielraum bleibt, sorgte bei vielen Teilnehmenden für Unmut.
Ganz am Schluss des Austauschs zwischen Nachbarschaft und Bezirksverwaltung stand eine positive Nachricht für die Aktiven in Moabit. Laut Stadtrat Schriner arbeitet der Bezirk an einer Liste von Orten, an denen es künftig leichter sei, Kiezveranstaltungen durchzuführen. Mit dieser Aussicht ging der Kiezspaziergang durch Moabit Ost zu Ende.