Rede des Bezirksbürgermeisters Stephan von Dassel anlässlich des Richtfestes für neue Wohnungen am Mauerpark

07.07.2017

Es gilt das gesprochene Wort.

(Es regnete)

Meine Damen und Herren, das ist ein perfektes Wetter-Timing – wann, wenn nicht bei einem solchen Wetter wird deutlich, wie wichtig ein Dach über dem Kopf ist.

Willkommen an der Spitze des Bezirkes, hier wo vor 30 Jahren nicht einmal Grenzpolizisten verkehrten.

Ich habe ein gute Nachricht: Auch an der Spitze muss man nicht einsam sein, sondern man kann ganz viel sein, frei nach Berti Vogts: „Wir müssen in der Spitze breiter werden.“

Die zweite gute Nachricht:
Hierhergekommen bin ich heute über den Mauerpark – ein Wunder: ihn gibt es wirklich noch, er ist nicht bebaut!

Darüber wurde nicht nur mit berechtigter Sorge, sondern auch mit viel Hysterie und Weltverschwörung diskutiert.
Einen wahren Kern hatte die Diskussion allerdings – wie und wo soll in Berlin gebaut werden?
Es gab viele, die sagten: Günstig, ökologisch, innovativ, attraktiv, natürlich barrierefrei, aber auf keinen Fall in meiner Nachbarschaft – und das vor allem schnell.

Unstrittig ist heute: schnell ist gelungen – Respekt und Dank an alle, die das ermöglicht haben.

Und hier sind Wohnungen entstanden, die im wahrsten Sinne eine tote Gegend beleben und neue urbane Räume schaffen – das an dieser Stelle zu versuchen und zu schaffen, war und ist nicht einfach, es zeigt aber, dass kluge Politik und kluge Bauherren auch in einer Stadt wie Berlin noch Räume finden, in denen ein Mehr an Wohnen nicht mit einem Weniger an Licht, Luft, Grün oder was auch immer verbunden ist. In diesem Sinne war und ist diese Bebauung beispielgebend.

Und deswegen hoffe ich sehr, dass die Menschen hier vom Leben um sie herum profitieren – Stichwort Kinderbauernhof – und es nicht erschweren.

Es sind aber auch andere Fragen offen: Sie betreffen die Qualität des Wohnens, der Architektur – hier gibt es unterschiedliche Ansprüche und unterschiedliche Ansichten.

Aber für alle Gebäude sollte gelten: die, die sie planen, bauen, verwalten, verkaufen – sollten selbst darin wohnen wollen. Und zwar nicht nur in der Dachgeschosswohnung. Dieser Ansatz ist nicht nur bestes Verkaufsargument, sondern auch Garantie für notwendige Qualität.

Die Ansprüche an Wohnen verändern sich. –
Ein Stellplatz vor dem Haus war früher unverzichtbar, heute wird er von vielen nur noch als Gefahren- und Geräuschquelle gesehen.

Die Küche, früher möglichst versteckt und hinter verschlossenen Türen – frei nach dem Motto „Mutter, ich kann nicht sehen, wie du allein in der Küche arbeitest, mach mal bitte die Tür zu“ – ist heute schon oftmals der Mittelpunkt der Wohnungen. Paradox: je schöner die Küche, desto weniger benutzt ist sie. Küche hat als Prestigeobjekt das Auto abgelöst.

In dem immer schneller werdenden Wandel scheint es daher fast unmöglich, zukunftsfest zu bauen. Doch es ist möglich, denn eins ist über die Jahre und Jahrzehnte gleichgeblieben – ob ich mich in meiner Wohnung wohl fühle hat etwas mit der Nachbarschaft zu tun, hat etwas mit dem Wohlfühlen jedes Einzelnen zu tun, dessen Summe zur Stimmung im Haus, des Hauses wird.
Zukunftsfähiges Bauen muss daher ganz, ganz viel, aber ganz besonders muss es gute Nachbarschaft ermöglichen.

Das Dilemma ist: auf dem Papier wollen wir alle eine bunte Nachbarschaft, vom Bauch her aber am liebsten unter unseres Gleichen bleiben. Es tut aber uns und der Stadt und uns allen gut, wenn wir das Leben in seiner Vielfalt mitbekommen und selbst einen Beitrag zur Vielfalt bringen – aus Monokulturen entwickelt sich selten etwas Gutes

Ich besuche bisweilen über 100-Jährige – zum Teil leben sie seit über 70 Jahren in derselben Wohnung. So habe ich viele kennengelernt, die nach dem Krieg oft selbst als Flüchtlinge in den Wedding kamen oder nach Moabit. Die Menschen wollen gerne so lange sie können da wohnen bleiben, wo sie wohnen. Einige wechseln die Wohnung und ziehen lieber eine Treppe tiefer oder in eine kleinere Wohnung, aber ihre Straße, ihren Kiez, ihre Nachbarn wollen sie nicht verlassen

Das ist ein soziales Netz, das wir mit allem Geld der Welt nicht knüpfen können
Hier im Mauerpark sehe ich gute Voraussetzungen für gute Nachbarschaft immer da, wo den Menschen Raum für Begegnung bleibt und wo Platz ist für die Vielfalt unserer Gesellschaft, vom Single in der Ausbildung für wenig Geld, der jungen Familie mit Zuwachs, der gestandenen Familie, deren Kinder aus dem Haus sind, die aber noch ein Elternteil zur Pflege zu sich nehmen, Wohnen in ganz vielen unterschiedlichen Wohnformen und eben auch in ganz unterschiedlichen Einkommensklassen.

Ob es hier eine gute und gesunde Mischung gibt oder ob die Kritiker Recht behalten, dass hier im Bereich des preiswerten Wohnens noch mehr und vielleicht auch noch Innovativeres möglich gewesen wäre – kann ich noch nicht beurteilen. Hier wird es sicherlich auch auf die Vermietungs- und Verkaufspraxis ankommen: unterschätzen sie nicht den Immobilienwert einer gesunden Mischung.

Genauso wenig kann ich einschätzen, wie gut oder wie gewöhnlich die Architektur ist, die hier entstanden ist.
Denn neben der Frage wie sich Nachbarschaft entwickelt, ist auch die Frage der Qualität der Architektur bei Fertigstellung eines Gebäudes noch nicht entschieden – nicht jedes architektonisches Welterbe wurde bei seiner Entstehung schon als solches wahrgenommen.

Insofern hoffe ich für diese Gebäude auf eine gute Entwicklung, dass sie zeigen, was sie können: Menschen einzeln und miteinander eine gute Heimat geben, eine Heimat, ein Wohnquartier, das sie mitgestalten wollen.

So bunt und vielfältig wie Berlin und seine Mitte und die Menschen, die hoffentlich auch hier bald glücklich wohnen.

Allen, die das ermöglicht haben und noch ermöglichen werden, gilt mein ganz herzlicher Dank!