Auf den Spuren des Geheimnisses eines langen Lebens
Bild: Sascha Bachmann
Eine der schönsten Aufgaben als Bezirksbürgermeister sind die Besuche von Menschen, die ihren 100. oder einen noch höheren Geburtstag feiern.
Unvergesslich sind mir Momente wie der Ausspruch einer 103-Jährigen zu ihrer 80-jährigen Tochter, als sie ihr die Digitalkamera wegnahm und mit den Worten „Also Margot, mit Technik hast du dich doch noch nie ausgekannt“ die Kamera selbst in Betrieb nahm.
Auch das Schneiderehepaar, er 100 und sie 99 ist mir in Erinnerung geblieben. Beide hatten in den 30er Jahren für einen exklusiven Laden am Kurfürstendamm Kleider geschneidert. Sie bekamen dafür eine Mark, verkauft wurden die Kleider für 7 bis 8 Mark. Abends sind sie dann immer an den beleuchteten Vitrinen auf dem Kudamm vorbeigeschlendert und haben die Kleider des jeweils anderen auf Nähfehler untersucht, um festzulegen, wer das Eis oder das Getränk – ganz sicherlich dann außerhalb des Kudammes – bezahlen musste.
Besonders faszinierend ist es, wenn Menschen auch im hohen Alter noch zu Hause und fast ganz selbstständig leben können. Inklusive Einkaufen. Auf meine Frage an eine 101jährige Dame, wie sie das denn mit dem Einkaufen schaffe, insbesondere wenn die Straßen glatt seien. „Ach, sagte sie, ich stelle mich vors Haus und warte bis jemand vorbeikommt, bei dem ich mich unterhaken kann. Und wenn er dann in die falsche Richtung abbiegt, warte ich auf den nächsten, bei dem ich mich unterhaken kann und so weiter, bis ich beim Supermarkt bin“. Aber, ob sie denn keine Angst habe, mal an den Falschen zu geraten, der sie dann bestehlen würde. „Nein, wo denken Sie hin, war ihre Antwort, gerade die jungen Menschen sind ganz reizend, tragen meine Tasche und gehen für mich einen Umweg bis zum Supermarkt. Mir ist noch nie etwas weggekommen.“ Fußgängertrampen und mit einer positiven Einstellung allen Menschen gegenüber nur gute Erfahrungen machen, sage ein Mensch, man könne von alten Menschen nichts lernen.
Natürlich habe ich oft die Frage gestellt, was denn das Geheimnis des langen Lebens ist. Die Antwort war fast immer: Arbeit. Arbeit bis ins hohe Alter. Wie sagte mir eine Jubilarin, die bis 97 noch allein gewohnt hatte, dann aber in ein Seniorenheim umziehen musste: Herr von Dassel, ich hatte ja so Glück, ich habe hier im Heim auch gleich wieder Arbeit gefunden.
Dass das lebenslange Arbeiten ungeahnte Probleme mit sich bringen kann, sollte aber auch allen bewusst sein. Eine Dame sagte mir, dass sie nach der Pensionierung einfach weiter jeden Tag zur ihrer Arbeitsstelle, einem großen Konfektionsladen, gegangen wäre, um zu helfen. Insbesondere die neu eingeführte Ordnung im Warenlager erschien ihr gar nicht zweckmäßig und so versetzte sie es regelmäßig auf den alten Stand. Irgendwann habe sie dann doch tatsächlich Hausverbot erhalten. „Ach, sollen die jungen Leute doch sehen, wohin sie mit ihrer Unordnung kommen“ war ihr abschließender Kommentar.
Auch eine meiner faszinierendsten Geschichten hat mit Mode zu tun. Die Jubilarin war gelernte Korsettmacherin, in den 30er Jahren eine zweijährige Zusatzausbildung für gelernte Schneiderinnen. Sie arbeitete in einem großen jüdischen Wäsche- und Korsettgeschäft an der Berliner Straße in Neukölln (heute Karl-Marx-Straße). Mitte der 30er Jahre fliehen die jüdischen Ladenbesitzer nach Paris, bieten ihrer jungen Angestellten an mitzukommen, die lehnt ab, weil sie sich frisch verliebt hat und zum Abschied bekommt sie die Ausrüstung, um sich selbst als Korsett- und Miedermacherin selbstständig zu machen. Die Kriegsjahre sind hart, sie muss wegen unpatriotischem Verhalten mit ihrer kleinen Tochter im Tagebau bei Cottbus in der Küche für die Kumpel arbeiten. Nach Kriegsende kommt ihr Mann sehr schnell zurück nach Berlin und sie will ihr altes Gewerbe wieder aufnehmen. Während am Schwarzmarkt Lebensmittel und Zigaretten gefragt sind, ist ihr Mann nur hinter Stoffen her, aus denen man Korsette und Mieder herstellen kann. Das erste Korsett wird in einem ausgebombten Laden in der Berliner Straße ausgestellt, ein einziges Stück auf einer großen Fläche, das verkauft sich nicht, also wird die Fassade mit Brettern zugenagelt und ein kleines Loch hineingesägt. Das in der Mitte des Raumes ausgestellte Korsett wird von mehreren Kerzen umstanden, die das Kleidungsstück geheimnisvoll umleuchten. Schnell bilden sich Schlangen vor dem Guckloch und die Nachfrage steigt stetig. Dann meine erstaunte Frage: Aber warum wollten die Menschen so kurz nach dem Krieg Korsette und Mieder, die Frauen hatten Hunger und waren dünn, da musste man doch keine überschüssigen Pfunde wegschnüren? Ein mitleidiger Blick der alten Dame: Junger Mann, sind sie so naiv oder tun sie nur so? Die Korsette und Mieder waren doch nicht für Frauen – sie waren für Männer! Für Männer, die sich endlich wieder ausleben konnten – wenn auch nur an ganz bestimmten Orten. Oft habe ich in meinem Laden Besuch von eifersüchtigen Frauen bekommen, die meine Adresse oder eine Quittung in den Sachen ihres Mannes gefunden hatten und die dann von mir wissen wollten, ob ihr Mann eine Geliebte hätte. Und ich konnte immer mit ganzer Überzeugung sagen: Nein meine Dame, eine Geliebte hat ihr Mann nicht, da bin ich ganz sicher. Und die Frauen seien dann immer sehr beruhigt nach Hause gegangen. Dort haben sie dann aber wohl vergeblich auf das Geschenk aus dem Korsett- und Miedergeschäft meiner so fortschrittlichen Jubilarin gewartet.
Ihr Bezirksbürgermeister