10.11.2025
Das Bezirksamt und die Bezirksverordnetenversammlung Mitte erinnerten auch in diesem Jahr an die Opfer der Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Gemeinsam mit Schüler*innen des Gymnasiums Tiergarten, des Lessing-Gymnasiums, der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule und des Französischen Gymnasiums fanden an vier historischen Orten im Bezirk Gedenkveranstaltungen statt: am Güterbahnhof Moabit, am Siegmunds Hof, am Denkmal in der Levetzowstraße und am Jüdischen Krankenhaus.
Die Schüler*innen erinnerten mit Lesungen, Zeitzeugnissen und eigenen Texten an Verfolgungen, Deportationen und Morde, die im November 1938 ihren offenen Ausdruck fanden. Viele Beiträge nahmen Bezug auf Biografien einzelner Menschen, die damals in Mitte lebten. Das Gedenken wurde so zu einer persönlichen Annäherung an ein Geschehen, das oft abstrakt wirkt, aber in die Straßen, Häuser und Nachbarschaften hineinwirkte, die uns heute umgeben.
Am Güterbahnhof Moabit versammelten sich Schüler*innen der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule gemeinsam mit Vertreter*innen der jüdischen Gemeinde, dem Verein „Gleis 69“ und Bezirksstadtrat Christopher Schriner, um an die mehr als 30.000 Jüdinnen und Juden zu erinnern, die von hier aus deportiert wurden. Die Lesungen machten deutlich, wie eng historische Verantwortung und gegenwärtige Haltung miteinander verknüpft sind.
Am Jüdischen Krankenhaus sprachen Schüler*innen des Lessing-Gymnasiums über ihre Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des 9. November 1938. Bezirksstadtrat Carsten Spallek würdigte das Engagement der Jugendlichen und hob hervor, wie wichtig es sei, Antisemitismus und Rassismus heute klar zu benennen und ihnen entschieden entgegenzutreten. Das Krankenhaus steht historisch wie gegenwärtig für die Haltung, Menschlichkeit zu bewahren, wo sie bedroht ist.
Am Denkmal Levetzowstraße und am Siegmunds Hof erinnerten Schüler*innen des Französischen Gymnasiums und des Gymnasiums Tiergarten an Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft, deren Leben von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Auf dem Gelände der heutigen Gedenkstätte in der Levetzowstraße befand sich einst eine der größten Synagogen Berlins. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und 1955 abgerissen. Bezirksstadtrat Benjamin Fritz begleitete in diesem Jahr beide Veranstaltungen und erinnerte vor den Schüler*innen an die Geschichte des Baus. Vor dem Hintergrund des heute grassierenden Antisemitismus rief er sie auf: “Was seit dem 7. Oktober 2023 passiert ist, lässt mich erschrecken. Wir brauchen das Engagement von jungen Menschen. Die derzeitige Situation im Nahen Osten bietet eine Chance für die Gesellschaft aufeinander zuzugehen und stärker zusammenzurücken.” Nikola Dzembritzki, die Leiterin des
Französischen Gymnasiums, erinnerte an die Geschichte ihrer Schule, die eine langjährige Tradition der Toleranz habe: “Wir stehen oft vor der Frage, wie wir mit schwierigen Momenten umgehen.” Heute gehe es um die Verteidigung der Demokratie im virtuellen und analogen Raum.
Das Gedenken in Mitte lebt von der aktiven Beteiligung junger Menschen. Ihr Blick auf Geschichte brachte in diesem Jahr erneut deutlich zum Ausdruck: Erinnerung ist keine bloße Rückschau, sondern eine Aufgabe für die Gegenwart.