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Kiezspaziergang am 8.6.2002

Auf den Spuren von Walther Rathenau durch die Kolonie Grunewald

Bezirksstadtrat Joachim Krüger
Treffpunkt: Rathenauplatz

Rathenauplatz

Name seit 31.8.1957 (damals zum 90. Geburtstag des 1922 ermordeten Außenministers benannt)

Anlässlich des 80. Todestages von Walther Rathenau am 24.6.2002 wird dieser Spaziergang viele Orte in Grunewald berühren, die an Walther Rathenau erinnern.

Beton-Cadillacs

“Cadillacs in Form der Nackten Maja”, 1987 von Wolf Vostell, Teil des “Skulpturenboulevard” zu 750-Jahr-Feier, Vostells erläuterte seine Skulptur als “die Entlarvung des 24-stündigen Tanzes der Autofahrer ums Goldene Kalb”. Die Skulptur löste für einige Jahre einen heftigen Kunststreit aus. Viele Anwohner wehrten sich gegen die Skulptur. Zeitweise wurde sogar als Alternative ein Beton-Trabi aufgebaut. Als Teil des “Skulpturenboulevards” sind die Beton-Cadillacs das Gegenstück zu “Berlin” von Matschinsky-Denninghoff auf dem Tauentzien-Mittelstreifen.

Manche sagen, der Rathenauplatz sei der verkehrsreichste Platz Europas. Das gilt allerdings nur, wenn man den Stadtring dazu nimmt, der direkt unter dem Platz hindurchführt.

Lunapark

Theodor Fontane veröffentlicht 1891 seinen Roman “Jenny Treibel”. Hier spielt das “Wirtshaus am Halensee” eine wichtige Rolle als Ziel einer Landpartie. Für Corinna, die Tochter des Professors Schmidt, die mit Leopold, dem Sohn der Kommerzienratsfamilie Treibel, eine gemeinsame Zukunft plant, klingt “ein Nachmittag in Halensee fast so poetisch wie vier Wochen auf Capri”…

“Und wirklich, um vier Uhr war alles versammelt, oder doch fast alles. Alte und junge Treibels, desgleichen die Felgentreus, hatten sich in eigenen Equipagen eingefunden, während Krola … aus nicht aufgeklärten Gründen die neue Dampfbahn, Corinna aber … die Stadtbahn benutzt hatte. Von den Treibels fehlte nur Leopold …

Sehen Sie, Schmidt, wenn ich Leopold Treibel wäre …, so hätte mich doch kein Deubel davon abgehalten, hier heute hoch zu Roß vorzureiten, und hätte mich graziös … aus dem Sattel geschwungen … Und nun sehen Sie sich den Jungen an. Kommt er nicht an, als ob er hingerichtet werden sollte? Denn das ist ja gar keine Droschke, das ist ein Karren, eine Schleife.”

“Nun, liebe Freunde,” nahm Treibel das Wort, “alles nach der Ordnung. Erste Frage, wo bringen wir uns unter? Wir haben verschiedens zur Wahl. Bleiben wir hier Parterre, … oder rücken wir auf die benachbarte Veranda hinauf … Oder endlich,… sind Sie für Turmbesteigung und treibt es Sie, diese Wunderwelt, in der keines Menschen Auge bisher einen frischen Grashalm entdecken konnte, treibt es Sie, sage ich dieses von Spargelbeeten und Eisenbahndämmen durchsetzte Wüstenpanorama zu Ihren Füßen ausgebreitet zu sehen?”

1904 wurden die “Terrassen am Halensee” eröffnet, 1910 wurde daraus bis1935 der “Lunapark”, Europas größter Vergnügungspark. Der Eingang befand sich am Kurfürstendamm Nr. 124a. Es gab jährlich neue Attraktion, zeitweise jeden Abend ein großes Feuerwerk, die Anwohner waren nicht immer begeistert. Die Nationalsozialisten schlossen den Park 1935 und machten ihn dem Erdboden gleich, weil das Gelände für die Straßenverbindung Richtung Olympiastadion gebraucht wurde. Heute führt der Autobahnzubringer quer durch den ehemaligen Lunapark.

Hubertusallee

1898 benannt nach dem Schutzpatron der Jagd. Die Allee ist Teil des früheren Reitweges, der die kurfürstlichen Jäger in den Grunewald führte.

Bismarckplatz

Am 24.1.1898 benannt nach dem ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck, einige Monate vor Bismarcks Tod am 30.7.1898 in Friedrichsruh, von 1891 bis 1898 hieß der Platz Joachimplatz.

Bismarck-Skulptur

Bronzefigur, 1897 von dem in Grunewald lebenden und arbeitenden Bildhauer Max Klein, im Zweiten Weltkrieg wahrscheinlich eingeschmolzen; eine Nachschöpfung von Harald Haacke wurde 1996 auf dem alten Granitsockel aufgestellt. Sie wurde vom Heimatverein Wilmersdorf mit Lottomitteln realisiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Bismarck-Skulpturen zeigt diese den privaten Menschen in Zivil mit Hund.

Die Inschrift “Dem Fürsten Otto von Bismarck – Die dankbare Kolonie Grunewald” bezieht sich auf Bismarcks Rolle bei der Gründung der Villenkolonie im Zusammenhang mit dem Ausbau des Kurfürstendammes als Boulevard.

Bismarck schrieb am 5.2.1873 an den Geheimen Kabinettsrat von Wilmowski:

“Auch die Straße am Kurfürstendamm wird nach den jetzt bestehenden Absichten viel zu eng werden, da dieselbe voraussichtlich ein Hauptspazierweg für Wagen und Reiter werden wird. Denkt man sich Berlin so wie bisher wachsend, so wird es die doppelte Volkszahl noch schneller erreichen, als Paris von 800.000 Einwohnern auf 2.000.000 gestiegen ist. Dann würde der Grunewald etwa für Berlin das Bois de Boulogne und die Hauptader des Vergnügungsverkehrs dorthin mit einer Breite wie die der Elysäischen Felder durchaus nicht zu groß bemessen sein.”

1875 wurde die Breite des zukünftigen Kurfürstendammes per Kabinettsordre auf 53m festgelegt (knapp halb so breit wie die Champs-Èlysées). Bismarck legte besonderen Wert darauf, dass ein Reitweg erhalten bleiben sollte. Zunächst scheiterten die Finanzierungsbemühungen. Schließlich wurde ein Banken-Konsortium gebildet, die Kurfürstendamm-Gesellschaft. Diese erhielt als Ausgleich für die Finanzierung des Straßenausbaus die Vorkaufsrechte für 234 ha Grunewald. Der Boulevard sollte nicht in einen Wald führen, sondern in eine Villenkolonie

Seit 1883 wurde die Straße ausgebaut, am 5.5.1886 mit der Dampfstraßenbahnlinie Zoo-Kurfürstendamm-Grunewald eröffnet.

1889 wurde die Villenkolonie Grunewald angelegt, die Grundstücke baureif gemacht und verkauft. 1899 erhielt die Kolonie den Status einer selbständigen Landgemeinde. Allgemein wurde sie in Berlin die “Millionärskolonie” genannt.

Ohne Bismarcks Beharren auf dem Kurfürstendammausbau und seine Bereitschaft, dafür auch Grunewaldgelände zu opfern, wäre die Villenkolonie nicht entstanden.

Die Anlage der Villenkolonie war höchst umstritten. Das Lied “Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion” war nicht zuletzt Ausdruck des ohnmächtigen Protests gegen das Abholzen der meisten Bäume.

1920 gab es in der Landgemeinde Grunewald besonders starke Proteste gegen die Bildung der Einheitsgemeinde Groß-Berlin. Grunewald mit 6.449 Einwohnern wurde 1920 gemeinsam mit der Gemeinde Schmargendorf und der Großstadt Wilmersdorf zum Bezirk Wilmersdorf, dem 9. Bezirk von Berlin zusammengefasst.

In der Kolonie Grunewald ließen sich Bankiers, Unternehmer, Professoren, erfolgreiche Künstler und Schriftsteller nieder und genossen bis zur Eingemeindung 1920 die Steuervorteile der Landgemeinde Grunewald. Die weltbekannte Opernsängerin Lilli Lehmann war eine der ersten Bewohnerinnen. Walther Rathenau, Max Planck, Alfred Kerr, die Familie Bonhoeffer, Gerhard Hauptmann, Samuel Fischer, Franz und Robert Mendelssohn, die Brüder Ullstein, Vicki Baum, Lion Feuchtwanger und viele andere Persönlichkeiten ließen sich hier nieder, die Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft des ausgehenden Kaiserreichs und vor allem der Weimarer Republik entscheidend prägten. So wurde Grunewald nicht nur ein Wohnviertel für Millionäre, sondern auch ein kulturelles Zentrum.

In ihren Erinnerungsbüchern haben viele prominente Grunewaldbewohner berichtet von prächtigen Soireen, Abendgesellschaften, Lesezirkeln, Wohltätigkeitskonzerten usw. in den großen Villen mitten in ausgedehnten Parkanlagen. Viele davon wurden nach 1945 geteilt und bebaut.

Der jüdische Anteil der Bevölkerung war hier besonders hoch (ca. 1/3). Viele jüdische Repräsentanten des neuen, modernen Berlin zog es seit der Jahrhundertwende in den “Neuen Westen”. Die Nationalsozialisten vertrieben die jüdischen Bürgerinnen und Bürger und zerstörten damit das kulturelle Zentrum Grunewald. Bei der historischen Erforschung Grunewalds stößt man auf Schritt und Tritt auf die deutsch-jüdische Geschichte und die Geschichte ihrer Zerstörung durch die Nationalsozialisten.

In der Zeit nach 1945 wurde der Charakter der Villenkolonie durch Verdichtung und intensive ‘brutale’ Bebauung mit Reihenhäusern und Flachbauten an vielen Stellen beschädigt wenn nicht zerstört. Seit den 80er Jahren konnte – auch durch entsprechende Vorgaben des Bezirksamtes Wilmersdorf durch modernen Villenbau an die Tradition angeknüpft werden. Um denkmalgerechte Erhaltung und Restaurierung von alten Villen möglich zu machen, müssen oft Kompromisse gefunden werden, um eine zeitgemäße Nutzung möglich zu machen.

Umweltbundesamt
Bismarckplatz 1

Das für die Villenkolonie äußerst untypische Gebäude wurde 1935-1937 für die Reichsleitung des Reichsarbeitsdienstes RAD erbaut, 1946-1972 Druck- und Verlagshaus Grunewald (“Telegraf” u.a.), seit 1974 Umweltbundesamt.

Das Umweltbundesamt ist eine wissenschaftliche Umweltbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU). Am Standort Bismarckstraße befinden sich die Zentralabteilung sowie die Fachbereiche I und II. Diese Behörde wird voraussichtlich 2004 nach Dessau in Sachsen-Anhalt verlegt.

Hubertusallee

Johannaplatz

1898 benannt nach der 1894 in Varzin verstorbenen Gattin Bismarcks, Johann von Bismarck (geb. von Puttkamer)

Herbertstraße

1898 benannt nach Herbert von Bismarck, dem ältesten Sohn Otto von Bismarcks (geb 1849 in Berlin, gest. 1904 in Friedrichsruh)

Nr. 2-6
Walther-Rathenau-Gymnasium

1903 als “Realgymnasium zu Grunewald in Berlin” eröffnet, seit 1919 “Grunewald-Gymnasium”, am 24.6.1946 (24. Todestag) nach Walther Rathenau benannt. In den 20er Jahren war etwa ein Drittel der Schüler jüdisch. 1988 wurde im Schulhof ein Gingkobaum aufgestellt und eine Gedenktafel eingeweiht, die an die Vertreibung der jüdischen Schüler seit 1933 erinnern. Außerdem erinnert eine Gedenktafel im Eingangsbereich der Schule an diejenigen Schüler, die im Widerstand gegen Hitler ihr Leben verloren: Dietrich Bonhoeffer, Justus Delbrück, Hans von Dohnanyi und Bernhard Klamroth.

Koenigsallee

1895 benannt nach dem Bankier und Mitbegründer der Villenkolonie Felix Koenigs. Er besaß an der Koenigsallee einige Grundstücke.

Ecke Herthastraße (1898 nach der angeblichen germanischen Göttin Hertha benannt) und Lynarstraße (1898 nach dem Baumeister des 16. Jhs, Graf Rochus Guerini zu Lynar benannt). Das pompöse Eingangstor führte früher auf das Grundstück von Robert von Mendelssohn am Herthasee. Dahinter befand sich das ebenfalls sehr große Grundstück von Franz von Mendolssohn (Eingang Bismarckallee 23, heute St. Michaels-Heim der Johannischen Kirche). Beide waren Nachfahren Moses Mendelssohns, und beide waren einflussreiche Bankiers des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Bei ihren Wohltätigkeitsveranstaltungen war nicht selten Kaiser Wilhelm II persönlich zu Gast.

An Franz von Mendelssohn erinnert am Eingang Bismarckallee 23 eine Gedenktafel:

Hier lebte von 1899 bis 1935 FRANZ VON MENDELSSOHN
29.7.1865 – 18.6.1935
Jurist und Bankier. Mitinhaber des Bankhauses Mendelssohn
1914 bis 1931 Präsident der Berliner Industrie- und Handelskammer
1921 bis 1931 Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages

Die Wohnungsbebauung des Grundstückes von Robert von Mendessohn in den 60er Jahren ist wohl das hässlichste Beispiel für die Zerstörung des ursprünglichen Charakters der Villenkolonie durch den sogenannten Wiederaufbau.

Ecke Erdener Straße (1898 nach dem Rheinland-Pfälzer Weinort Erden benannt) und Wallotstraße (1898 nach dem Architekten des Reichstags, Paul Wallot benannt. Wallot lebte von 1841 bis 1912, die Straße wurde also zu seinen Lebzeiten benannt.

Rathenau-Gedenkstein

Dem Andenken an
WALTHER RATHENAU
Reichsaußenminister der deutschen Republik
Er fiel an dieser Stelle durch Mörderhand
am 24. Juni 1922
Die Gesundheit eines Volkes
kommt nur aus seinem inneren Leben
Aus dem Leben seiner Seele und seines Geistes
Oktober 1946

Walther Rathenau (1867-1922) übernahm als Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau als Direktor die Leitung der AEG. Daneben schrieb er philosophische und essayistische Werke (besonders umstritten 1896 “Höre Israel”, wo er den deutschen Juden die vollständige Assimilation empfiehlt) und war politisch in der DDP aktiv, organisierte im Ersten Weltkrieg den Nachschub für das Heer, wurde am 1.2.1921 Reichsaußenminister. Seine Politik der Aussöhnung mit Russland (Rapallo-Vertrag) machte ihm Feinde über die antisemitischen Gegener hinaus. Obwohl er wusste, dass er extrem gefährdet war, lehnte er verschärfte Sicherheitsmaßnahmen für seine Person ab.

Am 24. Juni 1922 wurde er auf dem Weg von seinem Haus (Koenigsallee 65) ins Außenministerium in der Koenigsallee Ecke Erdener Straße im offenen Wagen ermordet. Die Attentäter überholten sein Auto in der Kurve, schossen auf ihn und warfen eine Handgranate in seinen Wagen. Blutüberströmt wurde er in sein Haus zurückgebracht, wo er kurz danach starb.

Seit 1990 geht von von diesem Gedenkstein jährlich am 9. November ein von Schülern gemeinsam mit dem Bezirksamt organisierter Gedenkmarsch zum Bahnhof Grunewald.

Walther Rathenau war lange befreundet mit dem Publizisten Maximilian Harden, der nicht weit entfernt in der Wernerstr.16 wohnte, Am 3.7.1922, nur 9 Tage nach Rathenaus Ermordung, wurde auf Harden unweit seines Hauses in der Wernerstraße ebenfalls ein Attentat von Rechtsradikalen verübt, das er nur knapp überlebte. Harden zog danach in die Schweiz, wo er 1927 an den Folgen des Attentats starb.

Wallotstraße

Nr.19
Wissenschaftskolleg zu Berlin – Institute for Advanced Study Berlin

1980 in Form eines privaten Vereins gegründet; Gründungsrektor Peter Wapnewski, Nachfolger Wolf Lepenies, dessen Rektorat im September 2001 nach fünfzehnjähriger Amtszeit endete. Neuer Rektor ist der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Dieter Grimm. Bis zu 40 Fellows verfolgen innerhalb eines Akademischen Jahres selbstgewählte Forschungsvorhaben und bilden eine Wissenschaftlergemeinschaft auf Zeit. Seit Anfang der 90er Jahre Vertiefung der kulturellen Verständigung mit osteuropäischen Ländern.

Erdener Straße

Nr.8

Samuel Fischer (1859-1934, lebte hier seit 1905) (Gedenkplakette mit Relief)

Verleger von Gerhard Hauptmann, Thomas Mann, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und vielen anderen deutschen Autoren. Ohne ihn wäre die deutsche Literatur zwischen 1900 und 1933 nicht denkbar.

Seine Tochter Brigitte Behrmann-Fischer schrieb ein Erinnerungsbuch unter dem Titel “Sie schrieben mir oder Was aus meinem Poesiealbum wurde”. Es ist eines der schönsten Dokumente der Villenkolonie Grunewald als kulturelles Zentrum. Was heute für öffentliche Gelder in einer Eliteinstitution wie dem Wissenschaftskolleg möglich ist, wurde damals privat von den Bewohnern der Villenkolonie Grunewald organisiert. Brigitte Behrmann-Fischer schreibt:

“‘Leute’ kamen oft und viele in mein Elternhaus, in die schöne und helle, weitläufige Villa im Grunewald. An ihrer Außenwand zeigte sie das S. Fischer-Signet, den Fischer mit dem Netz, als Relief …

Brigitte Behrmann-Fischer beschreibt Treffen mit den Berliner Philharmonikern und mit Albert Einstein, der für jedes Streitgespräch offen war aber äußerst empfindlich reagierte, wenn sein Geigenspiel nicht genügend gewürdigt wurde.

Felix Salten, Freund der Familie, schrieb 1910 in “Spaziergang in Berlin”:

“Es hat einen unvergleichlichen Reiz, als bummelnder oder als geschäftiger Fremder in der Stadt drin zu wohnen, umherzulaufen, sich umklirren und umdröhnen zu lassen von dem siedenden Tumult dieses Lebens, dann aber mit einem Automobil blitzschnell hinauszurasen, zu dem Haus im Grunewald und dort still zu sitzen. Es ist, wie wenn man unter dem Wasser geschwommen wäre, bis es einem in den Ohren braust, bis einem die Schläfen hämmern und ein eherner Druck einem die Brust umpreßt. Dann aber taucht man auf, und die Luft streicht einem beschwichtigend über die Wangen, und man hat das himmlische Glück der tiefen Atemzüge.”

Otto Flake, schrieb 1912 über das Haus von Samuel Fischer:

“Der Haushalt mit Tennisplatz, Gärtner, Chauffeuer, Gesellschafterin, Kinderfräulein, Köchin und Dienstboten kostete beträchtliche Summen … In dem Haus mit der ausgemalten Halle, dem angebauten Speisesaal, der großen Bibliothek, dem Klavierzimmer und dem reizenden Teezimmer, mit den gewählten Teppichen und dem Liebermann, dem Gauguin, dem van Gogh, dem Ludwig von Hofmann an den Wänden, traf ich mit einer Unmenge von Namensträgern zusammen – Hauptmann, Rathenau, Thomas Mann, Schnitzler, Hofmannsthal, Stefan Zweig, Peter Nansen, Carl Ludwig Schleich, Kellermann, Franz Blei, Johannes V.Jensen, Wassermann, Hans Reisiger, Lovis Corinth, Irene Triesch, Gabriele Reuter, Dernburg, Annette Kolb, und im Lauf der Jahre wurde es ein endloser Zug: meine Tischdamen allein nähmen eine Seite in Anspruch: die reizendsten waren Käthe Dorsch und Brigitte Horney …”

Nach 1945 zog Hans Werner Richter in das Haus und organisierte hier Treffen der Gruppe 47, später richtete sich hier das Literarisches Colloquium ein, bevor es nach Wannsee zog. Heute ist das Haus in Privatbesitz.

Gneiststraße

1898 benannt nach dem Juristen und Politiker Heinrich Rudolf Hermann Friedrich von Gneist (1816-1895), zunächst Mitglied des Zentrums, dann der Nationalliberalen Partei, bis 1884 Reichstagsabgeordneter, beeinflusste maßgeblich das deutsche Verwaltungsrecht.

Winklerstraße

1898 benannt nach dem Rheingauer Weinort Winkel (Stadtteil von Oestrich-Winkel)

Nr. 11

1906 von Hermann Muthesius im englischen Landhausstil für den Ingenieur und Fabrikanten Eduard Bernhard, Bau- und Gartendenkmal. Der Pavillon als Ausguck weist darauf hin, dass ursprünglich von hier aus der Blick auf den Dianasee frei war.

Hasensprung

(1898 benannt nach einer Weinlage bei Oestrich-Winkel, westlich von Winkel im Rheingau-Taunus-Landkreis in Hessen; in diesem Teil der Villenkolonie wurden einige Straße nach Weinorten bzw. Weinsorten benannt – angeblich von den Gründern der Villenkolonie beim gemütlichen Treffen in weinseliger Stimmung)

Der Fußgängerweg verbindet Winkler Straße und Koenigsallee. Die Brücke (1920) ist Baudenkmal und bietet einen reizvollen Blick auf Diana- und Koenigssee.

Koenigssee

Der 22.000 m² große Koenigssee wurde bei der Anlage der Villenkolonie 1889 künstlich angelegt und ist Bestandteil der Kleinen Grunewaldseenkette. Ein 515 m langer Abschnitt am Ufer ist als Bestandteil des Uferwanderwegs öffentliche Grünanlage (Koenigsallee 27/33). Als Naturdenkmal geschützt ist eine prächtige Blutbuche (Koenigsallee 27 a).

Die Koenigsalleequerung ermöglicht den Blick auf die Brücke – Koenigsallee und die Besichtigung des Bau- und Gartendenkmals Koenigsallee 20/20 a (Wilhelm Walther, 1912 – 1919). Das Grundstück ist öffentlich zugänglich und bietet einen sehr schönen Ausblick auf den See.

Dianasee

25.000 m² groß, 1889 ebenfalls künstlich angelegt. Von dem geplanten Uferwanderweg, der 680m lang am See enlangführen soll, sind 280 m realisiert. Weil derzeit keine Grundstücke angekauft werden können, stagniert das Projekt.

Dianasee, Koenigssee, Herthasee und Hubertussee wurden bei der Anlage der Villenkolonie Grunewald 1889 künstlich angelegt. Für die Grabungen wurden polnische Gastarbeiter beschäftigt. Man schuf die Seen, um das umliegende Gelände trockenzulegen, aber auch um wertvolle Seegrundstücke zu gewinnen.

Koenigsallee

Nr.30-32 Stiftung Starke im Löwenpalais

Gemeinnützige Kunststiftung; Gründung 1988. Bietet jungen Künstlern im Löwenpalais Wohn- und Arbeitsateliers zur temporären Nutzung (Artists in Residence), veranstaltet Kunstausstellungen mit wissenschaftlicher Begleitung, fördert den Dialog zwischen Künstlern und Öffentlichkeit.

Nr.45

Vicky Baum (1888-1960)

Bestsellerautorin bei Ullstein. Ihr berühmtester Roman “Menschen im Hotel” wurde 1931 in Hollywood mit Greta Garbo verfilmt. Sie lebte 1926-31 in Grunewald, die beiden Söhne besuchten das Grunewald-Gymnasium. Sie schrieb:
“Wir wohnten nahe den Grunewaldseen, und in der warmen Jahreszeit fuhren wir nach einem leichten Frühstück allesamt hinaus, um rasch ein paar Stöße zu schwimmen … Dann brachten wir, mein Mann und ich, die Kinder zur Schule, aber um Himmels willen nie bis an den Eingang: wer im Wagen vorfuhr, war als Dicketuer gezeichnet.”

Von einem USA-Aufenthalt 1931 anläßlich der Verfilmung ihres Romans “Menschen im Hotel” kehrte sie wegen des wachsenden Antisemitismus nicht mehr zurück; 1938 amerikanische Staatsbürgerschaft.

Nr.53 Carl Fürstenberg (noch vorhanden?)

Carl Fürstenberg (1850-1933) lebte hier von 1898 bis1933, Bankier, Direktor der Berliner Handelsgesellschaft, beteiligte seine Bank am Ausbau des Kurfürsendamms und an der Erschließung der Villenkolonie Grunewald. Seine Frau Aniela war berühmt für ihre Tischordnungen bei den Soireen. Zu Gast waren u.a. Walter Leistikow, Hanns Fechner, Max Klein, Walther Rathenau, Maximilian Harden, Alfred Kerr, Richard Strauss, Gerhart Hauptmann, May Reinhardt usw.

Sein riesiges Grundstück reichte bis zum Dianasee. Es wurde in der Nachkriegszeit mit Reihenhäusern bebaut.

Ecke Taubertstraße (1925-1933 Rathenauallee, seit 25.10.1933 Taubertstraße nach dem Komponisten und Dirigenten Carl Gottfried Wilhelm Taubert, 1811-1891). Ein Erklärungsschild am Straßenschild erinnert an den früheren Straßennamen.

Hagenplatz

1934 benannt nach dem Landesforstmeister Otto von Hagen (1817-1880). Davor hieß der Platz Kurmärker Platz

Koenigsallee

Nr.65 Walther Rathenau

1910 von Walther Rathenau und Johannes Kraaz gebaut, Baudenkmal, Gedenktafel am Zaun. Rathenau selbst hat das Haus gemeinsam mit seinem Freund Johannes Kraaz entworfen. Die auffällig schmale Eingangstür wird als Zeichen seiner Einsamkeit gedeutet.

Sein Freund Alfred Kerr schrieb über das “Jagdhaus”:

“Es war beileibe weder schlicht noch ein Jagdhaus – sondern barg im Innern, was das Herz begehrte… Wilhelm kam hier oft vorbei, wenn er nach Potsdam fuhr; Walthers Freunde schoben ihm eine List unter: der Kaiser sollte beim Vorüberfahren aufmerksam werden und nach dem Besitzer des “Jagdhauses” fragen, das in brandenburgischem Spartanertum von den prunkreichen Villen des Grunewalds ruckartig abstach.”

Gustav-Freytag-Straße

1909 benannt nach dem Schriftsteller Gustav Freytag (1816-1895)

Douglasstraße

1898 benannt nach dem schottischen Botaniker David Douglas (1798-1834)

Die Straße führte über den Grundbesitz des Grunewalder Baumschulbesitzers John Booth. Er war als Mitglied der Kurfürstendamm-Gesellschaft Mitbegründer der Villenkolonie Grunewald und ließ die Straße nach seinem früh verstorbenen Freund David Douglas benennen.

Nr. 12

(/Oberhaardter Weg 32/Gustav-Freytag-Straße 2/4)

Haus des Generaldirektors der I.G.Farben, Dr. Julius Flechtheim, 1928-29 von Otto Rudolf Salvisberg, Baudenkmal, eines der wenigen Beispiele für die architektonische Moderne der 20er Jahre in Grunewald, 1989 vom Land Berlin gekauft, 1992 dem Bezirk Wilmersdorf übertragen. Verkaufsverhandlungen scheiterten, die Villa zerfiel, Millionenschaden, Vorwürfe gegen das Grundstücksamt, Sonderausschuss der Wilmersdorfer BVV, nach Verkauf als Residenz für die irische Botschaft vorbildlich restauriert. Kompromiss: Zusätzlicher Neubau im Garten musste genehmigt werden.

Nr.10 Alfred Kerr (Gedenktafel)

Gedenktafel am Zaun für Alfred Kerr (1867-1948). Er lebte hier 1929-1933. Schriftsteller und maßgeblicher Theaterkritiker in Berlin bis 1933. Im Jahr 2000 erschien: “Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt” (Zeitungsartikel von Alfred Kerr über Berlin, die 1895-1900 in der Breslauer Zeitung erschienen sind.)
Kerr warnte schon früh in seinen “Tagesglossen” im Rundfunk vor dem Nationalsozialismus.
Seine Tochter Judith Kerr beschrieb in ihrem Buch “Als Hitler mein rosa Kaninchen stahl” die Emigration der Familie. Im ersten Kapitel unterhält sie sich mit ihrer Schulfreundin, mit der sie gemeinsam die Grunewald-Grundschule besuchte:

“Ich dachte, Juden hätten krumme Nasen, aber deine Nase ist ganz normal. Hat dein Bruder eine krumme Nase?”

“Nein”, sagte Anna, “der einzige Mensch in unserem Haus mit einer krummen Nase ist unser Mädchen Bertha, und deren Nase ist krumm, weil sie aus der Straßenbahn gestürzt ist und sie sich gebrochen hat.” Esbeth wurde ärgerlich. “Aber dann”, sagte sie, “wenn du wie alle anderen aussiehst und nicht in eine besondere Kirche gehst, wie kannst du dann wissen, daß du wirklich jüdisch bist? Wie kannst du sicher sein?”

Aus der kindlichen Perspektive beschreibt Judith Kerr die überstürzte Flucht des Vaters im Februar 1933, dem die Familie bald folgte:

“Warum ist Papa so plötzlich weggefahren?”
“Weil ihn gestern jemand angerufen und ihn gewarnt hat, daß man ihm vielleicht den Paß wegnehmen würde. Darum habe ich ihm einen kleinen Koffer gepackt, und er hat den Nachtzug nach Prag genommen – das ist der kürzeste Weg aus Deutschland hinaus.”
“Wer könnte ihm denn seinen Paß wegnehmen?”
“Die Polizei. In der Polizei gibt es ziemlich viele Nazis.”
“Und wer hat ihn angerufen und ihn gewarnt?”
Mama lächelte zum ersten Mal.
“Auch ein Polizist. Einer, den Papa nie getroffen hat; einer, der seine Bücher gelesen hat, und dem sie gefallen haben.”

Kerrs Sohn Michael (1921 in Berlin geboren) wurde als Sir Michael Kerr oberster Richter in Großbritannien.

7/9

Villa Harteneck, Informationstafel am Eingang. 1910-12 gebaut von Adolf Wollenberg für den Chemiefabrikanten Carl Harteneck, Bau- und Gartendenkmal; in der NS-Zeit Privatwohnsitz von Admiral Canaris, vom Wilmersdorfer Gartenbauamt wurde 1985 der Garten restauriert und als öffentlicher Park zugänglich gemacht, während das Haus in Privatbesitz blieb, Botschaftsresidenz Südafrika im Obergeschoss, Blumenkünstler im Erdgeschoss.

Die Parkanlage zeigt sehr schön die Dreiteilung, die für Grunewaldvillenparks typisch war, heute aber kaum noch sonst irgendwo erhalten ist: Im vorderen, repräsentativen Bereich wurde ein Ziergarten angelegt und architektonisch auf das Haus bezogen, hier mit Brunnenanlage in der Mitte und Pergola gegenüber dem Haus als architektonischem Kontrapunkt. Daneben begann früher ein Nutzgarten (Kräuter, Gemüse, Obst), der heute als Grünanlage angelegt ist. An diesen schloss ein Naturgarten mit vielen Bäumen an, der an den Wald erinnert, der sich hier ursprünglich befand.

Der Park ist Teil des bezirklichen Uferwanderweg-Konzeptes, das noch immer nur in Teilen realisiert ist, weil viele Seegrundstücke bisher nicht für einen öffentlichen Weg erschlossen sind. Man kann aber aus dem Garten hinaus die Fontanestraße überqueren und über einen Spielplatz an den Dianasee gelangen. Der Anschluss in die andere Richtung an den Hundekehlesee ist allerdings in absehbarer Zukunft nicht möglich, weil u.a. der Tennisclub Rot-Weiß von seinem Grundstück nichts abgibt.

Nr.15-17

Haus für den Rechtsanwalt Prof. Max Epstein, 1922-25 von Oskar Kaufmann, Baudenkmal

Der bekannte Architekt Oskar Kaufmann baute u.a.: Hebbeltheater 1908, Theater am Nollendorfplatz, Volksbühne 1914, Renaissance-Theater 1927. Nach langem Leerstand und Zerfall wurde das Haus nicht sehr denkmalgerecht umgebaut. Es wird privat genutzt (Büros im Erdgeschoss, Wohnen im Obergeschoss).

Nr.22 Friedrich Wilhelm Murnau (Gedenktafel)

Nr. 24/28

Villa des Bankiers Julius Erxleben, 1907 von Hart & Lesser gebaut, Baudenkmal, ehmals in bezirklichem Besitz, seit Jahren von der Gesobau vermietet; enthält eine getäfelte Bibliothek, deren Abriss durch das Bezirksamt verhindert wurde, nachdem es durch Anwohnermeldungen darauf aufmerksam gemacht worden war. Das Haus diente in den 50er Jahren als Filmkulisse.

Nr. 30

Hier lebte bis 1930 Albert Bassermann (1867-1952), einer der berühmtesten deutschen Schauspieler, emigrierte 1933 mit seiner jüdischen Frau über die Schweiz und Österreich 1938 in die USA. Eine Gedenktafel für ihn gibt es an der Joachim-Friedrich-Str.54, wo er 1930-33 lebte.

Siegfried Jacobsohn (1881-1926), Begründer der Schaubühne (1905), aus der er 1918 die “Weltbühne” machte; lebte hier 1926 ca ½ Jahr bis zu seinem Tod, seine Frau Edith Jacobsohn betrieb hier bis 1933 ihren Verlag Williams & Co. (Emil und die Detektive, Pu der Bär u.a.)

Bettinastraße

1898 benannt nach der Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785-1859)

Nr.12

Hier lebte bis 1982 Hildegard Knef. Sie musste wegen Mietschulden beim Bezirksamt Wilmersdorf ausziehen.

Nr.4 Hans Ullstein

Gedenktafel für den Verleger Hans Ullstein (1859-1935), der mit seinen Brüder Hermann, Louis, Franz und Rudolf den vom Vater Leopold Ullstein gegründeten Verlag leitete.

Heute: Gemeindepsychiatrische Klinik Eibenhof des DRK

Nr.3 Hermann Sudermann

Gedenktafel für den Schriftsteller und Dramatiker Hermann Sudermann (1857-1928). Er war im Kaiserreich äußerst populär und konnte sich hier neben seinem Schloss Blankensee bei Trebbin seit 1915 die von Otto March erbaute Villa als Sommersitz leisten. Heute ist hier der Sitz der Hermann-Sudermann-Stiftung, das Grab des Dramatikers befindet sich auf dem Friedhof Grunewald an der Bornstedter Straße.

Er litt zeitlebens darunter, dass er von der Theaterkritik nicht ernstgenommen wurde.

Alfred Kerr schrieb über ihn:

“Von allem, was große und echte Überlieferung in unserer Literatur heißt, ist er geschieden; mit allem, was Anempfindung und oberflächliche Mode heißt, ist er eng verknüpft. Wildgewordener Frauenroman ist seine Note. Mit Gerhart Hauptmann (Scherzbolde vergleichen die Beiden) hat er nichts gemein als die letzte Silbe seines Namens.”

Sudermann hörte am 24. Juni 1922 von dem Attentat auf Walther Rathenau, mit dem er befreundet war. Er schrieb in sein Tagebuch:

“Ich, eiskalt vor Entsetzen und hoffend, es sei nicht wahr, renne die paar Schritte zu Rathenaus Haus … Der Diener packt losweinend meine Hand. Und dann gehen wir ins Arbeitszimmer. Da liegt vorm Schreibtisch auf der Erde, mit weißem Laken bedeckt, ein längliches Etwas. Schlage das Laken zurück: Sein Gesicht – der rechte Unterkiefer durch eine drei Finger breit klaffende Wunde gespalten, der weißgewordene Spitzbart durch darüber geronnenes Blut wieder braun … Unser bester Mann – nun haben sie ihn zur Strecke gebracht.”

Winklerstraße

Bahnhof Grunewald

1879 als Bahnhof Hundekehle eröffnet, seit 1884 “Bahnhof Grunewald”, zunächst vor allem für die Grunewald-Ausflügler aus Berlin gebaut, seit der Jahrhundertwende auch für die Bewohner der Villenkolonie. Das Bahnhofsgebäude wurde 1899 von Karl Cornelius gebaut. Es steht ebenso unter Denkmalschutz wie der Tunnel (1884-85), Bahnsteig 1 (1885) und Bahnsteig 2 (1935)

Seit 18.10.1941 fuhren u.a. von hier (außerdem von Bhf. Putlitzstraße und von Lehrter Stadtbahnhof) Deportationszüge nach Lodz, Riga und Auschwitz und brachten insgesamt mehr als 35.000 jüdische Berlinerinnen und Berliner in die Vernichtungslager, wo die meisten von ihnen ermordet werden. Die Nationalsozialisten haben genaue Listen über die Transporte geführt, auf denen allerdings die Verladebahnhöfe nicht erwähnt sind. Deshalb wissen wir nur von Augenzeugenberichten über einzelne Transporte vom Bahnhof Grunewald. Die großen Transporte mit meist mehr als 1000 Menschen gingen zunächst nach Lodz und Riga, seit Ende 1942 bis Juni 1943 nach Auschwitz. Danach gab es noch bis zum 2.2.1945 kleinere Transporte, zuletzt am 2.2.1945 mit 11 Opfern nach Ravensbrück.

Die Reichsbahn verlangte von der SS pro Person und gefahrenem Schienenkilometer 4 Pfennige, pro Kind 2 Pfennige, nur die Hälfte wenn mehr als 400 Menschen transportiert wurden.

Bericht eines Reichsbahners:

“An einem Abend im Winter 1942/43, der sehr kalt war, kam Herr von der Heid vom Dienst nach Hause und berichtete völlig aufgelöst, daß von seinem Bahnsteig wieder ein Transport abgegangen sei … Er hatte das schon öfter erlebt … war aber froh, als er sah, daß bei dieser Kälte kleine Eisenöfen auf dem Bahnsteig zum Verladen bereitstanden … Die Waggons wurden immer voller mit Menschen ‘gepackt’ … Aber die Öfen wurden nicht verladen … Sie waren nur zur Schau angeliefert worden.”

Von den etwa 170.000 in Berlin lebenden Juden wurden 55.000 in Konzentrationslagern ermordet. Von 5000, die in den Untergrund gingen (wie z.B. Hans Rosenthal oder Inge Deutschkron) haben 1.400 überlebt.

Seit einigen Jahren am 9. November Gedenkveranstaltung des Bezirksamtes mit Berliner Schülerinnen und Schülern und mit Jugendlichen der Landespolizeischule. Ein Gedenkmarsch beginnt am Rathenau-Gedenkstein und endet hier am Mahnmal am Bahnhof Grunewald.

Mahnmal von Karol Broniatowski am 18.10.1991 enthüllt (Initiative der BVV Wilmersdorf). Es zeigt Negativabdrücke von menschlichen Gestalten in einem Betonblock und informiert (schwer lesbar) daneben auf einer Bronzetafel über die Deportationen.

Mahnmal auf der Gleisanlage von der Deutschen Bahn AG am 27.1.1998 enthüllt. Es besteht aus Eisenbahnschwellen, auf denen die Daten, Bestimmungsorte und Opferzahlen der einzelnen Transporte eingraviert sind.

Zugang über die Rampe und von der Unterführung.

Gelände des Güterbahnhofs entlang der Trabener Straße: Die Autoverladestation wurde nach Wannsee verlagert. Es gibt lediglich noch einige Betriebsgebäude (Reinigungsanlagen u.ä.) Baupläne der Deutschen Bahn wurden wegen mangelnden Lärmschutzes und zu hoher Dichte abgelehnt. Voraussichtlich wird eine neue Planung für ca. 250 Wohnungen mehr Chancen haben. Die Erschließungsstraße wird über den Platz am Bahnhof Grunewald und die Rampe laufen.

Der Bahnhofsvorplatz ist in die Kritik geraten (Weg zur BVG-Toilette). Es gibt ein Gutachten und einen Entwurf der Gartendenkmalpflege zur Neugestaltung nach historischen Vorbild. Der Bezirk hat beantragt, das Projekt in das Platzprogramm des Senats aufzunehmen, was dieser abgelehnt hat. Deshalb gibt es derzeit leider keine Realisierungschancen.