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Mommsenstraße 54

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Hauseingang Mommsenstraße 54
Bild: Stolperstein-Initiative CW, Hupka

Der Stolperstein für Walter Mann wurde am 28.10.2020 verlegt.

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Stolperstein Walter Mann
Bild: Stolperstein-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
WALTER MANN
JG. 1880
FLUCHT 1935 PRAG
1942 THERESIENSTADT
MAUTHAUSEN
FLUCHT IN DEN TOD
15.4.1942

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Walter Mann
Bild: Nationalarchiv Prag, Polizei-Direktion Prag, 1941–1950, M, Mann Walter (Signatur M 746/4)

Walter Israel Mann wurde am 22. Juli 1880 in Stettin (heute: Szczecin, Polen) geboren. Seine Mutter, die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Franziska Mann geb. Hirschfeld (1859–1927), war eine Schwester des Berliner Arztes und Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld (1868–1935), die mit ihren Werken allerdings erst an die Öffentlichkeit trat, nachdem ihre Söhne erwachsen geworden waren. Sein Vater war der Kaufmann und Hotelier Moritz Mann (1846–1922). Die Eltern hatten 1877 geheiratet und wohnten in der Pölitzer Straße 5 (heute: aleja Wyzwolenia). Schon wenige Jahre später aber zog die Familie nach Berlin um. Walter Mann hatte einen älteren Bruder, James (1879–1930), der wie er selbst in Stettin zur Welt gekommen war, der jüngere Bruder Franz (1884–1929) wurde bereits in Berlin geboren.

Moritz Mann betrieb ab 1888 das renommierte Passage-Hotel in der Berliner Behrenstraße 52 (Mitte). Walter Mann besuchte das Realgymnasium und ließ sich anschließend zum Zahntechniker (Dentist) ausbilden, offenbar in Halle, Ilmenau und den USA. Anfang des 20. Jahrhunderts dauerte die Ausbildung in Deutschland mindestens sechs Jahre. An drei Praxisjahre und eine einjährige Ausbildung in Prothetik schloss sich eine viersemestrige Schulung in einem Lehrinstitut an. Um 1910 wohnte Walter Mann in London, und hier heiratete er 1911 zum ersten Mal. Seine Frau war Rosa Elisabeth Teich (1885–1976), die Lisa genannt wurde. Drei Jahre später kam ihr Sohn Franz Richard Mann (1914–1980) zur Welt. Er starb 66jährig in Nairobi, Kenia. Wann die Familie nach Deutschland übersiedelte, ist unbekannt. Offenbar kam Lisa Mann schon kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit ihrem Neugeborenen als Flüchtling nach Berlin, wo sie bei ihren Schwiegereltern wohnte. Walter Mann war noch 1917 im britischen Wakefield als „enemy alien“ interniert. Da er „dentist“ war, durfte er dort praktizieren.

Nach seiner Entlassung aus dem Lager und seiner Rückkehr nach Berlin praktizierte Walter Mann als Zahntechniker in der Chausseestraße 2 (Mitte), und als seine Mutter 1927 starb (der Vater war bereits fünf Jahre zuvor verstorben), übernahm er die elterliche Wohnung in der Westfälischen Straße 54 in Wilmersdorf. In den folgenden Jahren verlor er auch seine beiden Brüder Franz und James, die wenige Monate nacheinander starben. Um 1929 verlegte Walter Mann dann auch seine Praxis in die Westfälische Straße 54, bis er im April 1933 vom Zulassungsverbot für jüdische Ärzte betroffen wurde.

Walter und Lisa Mann ließen sich 1926 scheiden. Offenbar war die Ehe nicht glücklich gewesen. Walter Mann heiratete am 17. Juli 1930 erneut. Seine zweite Frau war die Vortragskünstlerin Else Budschun (1900–1942), die in Berlin geboren wurde und evangelisch aufwuchs. Else Mann war schon vor 1933 wegen ihrer Eheschließung mit einem Juden Anfeindungen ausgesetzt bzw. sie sah ihre Auftrittsmöglichkeiten unter den heraufziehenden politischen Bedingungen in Deutschland bedroht, sodass sich das Ehepaar bereits am 25. April 1932 formell scheiden ließ. Walter Mann löste wohl im Zuge dessen oder im Jahr darauf den einstigen gemeinsamen Hausstand in der Westfälischen Straße auf und zog in die Mommsenstraße 54.

Nachdem Walter Mann – vermutlich wegen seiner jüdischen Abstammung – Drohbriefe erhalten hatte, verließ er im Oktober 1935 Deutschland und reiste mit dem Zug in die Tschechoslowakei ein. Als Flüchtling durfte er hier weder einen Beruf ausüben, noch Handel treiben oder sich politisch betätigen. Er wurde in dieser Zeit vom Jüdischen Hilfskomitee in Prag unterstützt. Else Mann folgte ihrem geschiedenen Mann wenig später und trat als Vortragskünstlerin in mehreren Städten im Sudetengebiet auf. Dabei dürfte sie an die deutsche Sprache gebunden gewesen sein. Zunächst wohnte das geschiedene Ehepaar im nordböhmischen Chomutov (Komotau), ab Dezember 1935 dann unter verschiedenen Adressen in Prag.

Am 14. Mai 1935 verstarb Magnus Hirschfeld, der Onkel Walter Manns, im Exil in Nizza, wodurch seinem Neffen, wie auch anderen seiner Verwandten, ein kleines Erbe zufiel, das Walter Mann und Else Budschun wohl half, die ärgste Not, in der sie lebten, zu lindern. Die zwei wurden auch durch andere Verwandte in Großbritannien und in Deutschland finanziell unterstützt. Im Mai 1937 erhielt Walter Mann dann auch eine Aufenthaltsgenehmigung für das Gebiet der Tschechoslowakei, die zwei Jahre lang gültig war. Gleichwohl befand er sich ab Mitte der dreißiger Jahre in mehrfacher Hinsicht in einer prekären Lage. Er war zeitweise in Rechtsstreitigkeiten verwickelt, deren Hintergründe bis heute nicht geklärt sind. Ende 1938 wurde er sogar polizeilich gesucht, nachdem er über die jüdische Buchhandlung Julius Kittl in Mährisch Ostrau (Moravská Ostrava) ein Buch seines Onkels Magnus Hirschfeld bezogen hatte, es aber nie bezahlt haben soll.

Nach der Besetzung der westlichen Tschechoslowakei durch die deutsche Wehrmacht und dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag im März 1939 versuchte Walter Mann offenbar zeitweise unterzutauchen. Er meldete sich polizeilich ab, und es ist unbekannt, wohin er verzog. In der zweiten Jahreshälfte 1940 wohnte er in der Kochova 887 (Kochgasse, heute: Pujmanové) im Prager Stadtteil Pankrác südlich des Stadtzentrums und bemühte sich nun auch offiziell um die Auswanderung aus dem „Protektorat Böhmen und Mähren“. Vermutlich wollte er zurück nach Großbritannien, obgleich erdort einst nicht immer in Freiheit gelebt hatte, sondern zeitweise interniert war. Aber schließlich lebte in London auch sein Sohn. Im November 1940 wurde Else Budschun in einen Vorfall verwickelt, der kaum zu ihrer Beruhigung beigetragen haben dürfte. Sie wurde von einer Wurstverkäuferin auf dem Wenzelsplatz (Václavské náměstí) bezichtigt, sie habe sie gestoßen. Möglicherweise ist es aber nie zu polizeilichen Ermittlungen, einer formellen Anklage und einer Verurteilung gekommen.

Am 1. September 1941 wurde im gesamten Deutschen Reich der „Judenstern“ als obligatorisches Kennzeichen für alle Juden ab dem sechsten Lebensjahr eingeführt. Einen Monat später kam es auch in der besetzten Tschechoslowakei zu organisierten antijüdischen Maßnahmen: Hier wurde mit der Registrierung aller Juden begonnen. Knapp 90.000 Menschen wurden „erfasst“. Ihnen wurde untersagt, über ihr eigenes Eigentum zu verfügen, und ein normales Leben zu führen war für sie so nicht mehr möglich. Zeitgleich begannen die Deportationen von jüdischen Menschen aus Deutschland, Österreich und dem „Protektorat“, zunächst in ein Ghetto in der Stadt Łódż im besetzten Polen. Der Bau des Ghettos Theresienstadt 60 km nördlich von Prag begann im November 1941, und schon wenige Wochen später wurde das Ghetto „in Betrieb genommen“.

Walter Mann wurde am 5. Februar 1942 abends gegen 20:00 Uhr in der Kochova (Kochgasse) verhaftet und ins Prager Polizeipräsidium verbracht. Als Begründung wurde lapidar festgehalten: „Verstoß gegen polizeiliche Anordnungen“. Möglicherweise wurde ihm vorgeworfen, er habe die nächtliche Ausgangssperre nicht beachtet, oder er hatte den „Judenstern“ nicht sichtbar genug getragen. Penibel notierte die Polizei, welche Gegenstände er bei der Festnahme bei sich führte. Darunter befanden sich seine Brille, seine Geldbörse (mit 104 tschechoslowakischen Kronen als Inhalt) und drei Schlüssel, eine Armbanduhr, ein Füllfederhalter, eine Taschenlampe, zwei Lichtbilder, zwei Lebensmittelmarken und zwei Taschentücher.

Am 17. Februar 1942 wurde Walter Mann von der tschechoslowakischen Polizei an die Gestapo überstellt. Er wurde zunächst im Polizeigefängnis in Theresienstadt interniert, von dort aber am 13. April 1942 in das KZ Mauthausen in Österreich deportiert, das bis 1943 ein reines Vernichtungslager war. Hier starben Häftlinge nicht nur an Erschöpfung, Hunger und Krankheiten. Viele von ihnen wurden erschossen, erschlagen und erhängt, sie wurden über die „Todesstiege“ gestoßen, man ließ sie erfrieren oder tötete sie im Zuge von medizinischen Versuchen, durch Herzinjektionen und Giftgas. Selbst von deutscher Seite wurde das Lager „Mordhausen“ genannt. Ob Walter Mann nach seiner Internierung noch vom Tod seiner geschiedenen Frau erfahren hat, ist zweifelhaft. Else Budschun starb am 8. März 1942 in ihrer Wohnung in der Prager Radlická-Straße 45 an einer Lungenentzündung.

Walter Mann war 61 Jahre alt, als er am 14. April 1942 im Lager Mauthausen eintraf und dort dem Stammblock 5 („Judenblock“) zugeteilt wurde. Schon am nächsten Morgen nahm er sich um 5:25 Uhr das Leben. Das war wenige Minuten vor dem Morgenappell und möglicherweise vor dem Ausmarsch zum Steinbruch „Wiener Graben“, der der Hauptgrund für den KZ-Standort war, oder aber seine Leiche wurde erst in der Morgendämmerung gefunden. In der Todesmeldung heißt es: „Freitod durch Einwirkung von Starkstrom“. Offenbar hatte sich Walter Mann aus Verzweiflung in den Elektrozaun des Konzentrationslagers geworfen, der nur wenige Schritte vor den Fenstern des „Judenblocks“ gespannt war. Die Qualen, die die Insassen von Block 5 in Mauthausen erleiden mussten, waren so grauenhaft, dass Nacht für Nacht unzählige Menschen im mit Starkstrom geladenen Stacheldraht Selbstmord verübten. Ihre Leichen hingen dann morgens im Draht.

Biografische Zusammenstellung: Raimund Wolfert