Stolpersteine Holsteinische Straße 27

Hausansicht Holsteinische Str. 27

Diese neun Stolpersteine wurden von der Hausgemeinschaft gespendet und am 4. September 2018 an der Holsteinischen Straße 27 verlegt.

Am 21. Oktober 2018 fand hier eine Gedenkfeier statt. Nach einleitenden Worten von Evelyn Krause-Kerruth, Vertreterin der Initiative Stolpersteine Berlin-Charlottenburg, und Trauerworten der Hausbewohnerin Beate Ellrich verlasen Bewohnerinnen und Bewohner jeweils eine Kurzbiografie zu den neun Opfern aus dem Haus. Eingerahmt wurden die verschiedenen Vorträge durch Partiten von Johann Sebastian Bach, gespielt von der Violinistin Maria I.J. Reich.

Einleitende Trauerworte von Beate Ellrich

Stolperstein für Jenny Wilonski

HIER WOHNTE
JENNY WILONSKI
JG. 1875
DEPORTIERT 2.4.1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET

Jenny Wilonski, eigentlich Jenne, wurde am 29. September 1875 in Königsberg geboren. Sie war von Beruf Buchhalterin. Seit spätestens Anfang der 1920er Jahre lebte sie in Berlin-Wilmersdorf: Von 1924 bis 1934 war sie in der Heilbronner Straße 6 (Gartenhaus, 4. Stock), 1935 in der Heilbronner Straße 3 gemeldet. Von 1936 bis 1939 wohnte sie in der Kaiserallee 215, der heutigen Bundesallee, danach in der Holsteinischen Straße 27 zur Untermiete bei Rosa Nansen. Ihr letzter Aufenthaltsort vor ihrer Deportation war Charlottenburg, Eislebener Straße 9, Gartenhaus, 1. Stock, bei Brasch. Ihre Angehörigen sind nicht bekannt.

Jenny Wilonski wurde am 2. April 1942 zusammen mit weiteren 1.009 jüdischen Menschen aus Berlin (643) und aus dem Regierungsbezirk Frankfurt an der Oder mit dem XII. Transport nach Warschau deportiert. Im Deportationszug befanden sich auch fünf Frauen und drei Männer aus dem sogenannten „Dauerheim für jüdische Schwachsinnige“ in Berlin-Weißensee. Die Deportation dieser acht Bewohner*innen einer psychiatrischen Einrichtung erfolgte im Kontext der sogenannten „T4-Aktionen“. In der Tiergartenstraße 4 befand sich die „T4“, die Planungs- und Verwaltungsbehörde für die sogenannten „Euthanasie“-Morde.
Jenny Wilonski wurde in der Deportationsliste des XII. Transports als Nr. 329 mit folgenden weiteren Angaben aufgeführt: ohne Beruf, ledig, 66 Jahre, arbeitsfähig, Wohnung: Charlottenburg. In der Liste zum Vermögensstatus der Deportierten wurde sie als Nr. 12454 geführt: Ihr Vermögen sei „verfallen“ – es war ihr bereits entzogen worden.

Jenny Wilonski kam im Ghetto in Warschau um. Bei ihrer Deportation war sie 66 Jahre alt. Der genaue Todeszeitpunkt ist nicht bekannt.

Stolperstein für Hans Plessner

HIER WOHNTE
HANS PLESSNER
JG. 1885
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Hans Plessner wurde am 7. Dezember 1885 „morgens um einviertel neun“ in Dessau, Anhalt, geboren. Sein Vater Oswald war am 15. März 1855, in Laurahütte, Kattowitz, Oberschlesien (Siemianowice Śląskie, heute Polen) geboren worden. Seine Mutter Clara, genannt Claire Goldstein war am 17. Januar 1858 in Groß Strehlitz, Oppeln, Schlesien (heute Strzelce Opolskie, Polen) geboren worden. Seine Eltern hatten sich am 2. Mai 1881 in Breslau verlobt und danach geheiratet. Sein Vater war von Beruf Kaufmann und arbeitete als Vertreter. Die Familie wohnte in Dessau in der Schlossstraße 12 und zog dann nach Berlin. Hans hatte drei Geschwister, die alle in Berlin geboren wurden: Seine ältere Schwester Alice war am 7. Mai 1884 geboren worden, sein Bruder Curt, später auch Kurt, wurde am 24. August 1887 geboren, und Lili Margot, später Lilli, kam am 7. Juni 1889 zur Welt. In Berlin zogen sie häufig um: Bei der Geburt von Curt wohnten sie noch in Berlin SO36 am Elisabethufer 39 (heute Erkelenzdamm/ Leuschnerdamm). Dann zog die Familie sehr häufig um. Von 1903 bis 1916 wohnten sie in Wilmersdorf, u.a. auch in der Uhlandstraße 145. 1917 ließen sie sich dauerhaft in Friedenau am Südwestkorso 16 nieder, wo sie im 1. Stock wohnten.

Hans Plessner heiratete 1914 Johanna-Louise Schweitzer, genannt Hanni, geboren am 26. März 1892 in Berlin. Am 2. Januar 1918 wurde ihr einziger Sohn Otto in Elberfeld, Wuppertal geboren.

Hans‘ Schwester Alice heiratete Erich Roemer. Sie bekamen zwei Kinder: Horst, geboren 1903, und Erika, geboren am 22. März 1908 in Berlin. Sein Bruder Curt heiratete Fritzi Nitz. Seine Schwester Lilli heiratete Otto Bonin.

Am 12. Dezember 1922 verstarb sein Vater Oswald Plessner. Er wurde am 18. Dezember 1922 auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Hans‘ Eltern wohnten zu dieser Zeit in Berlin-Friedenau am Südwestkorso 16 im zweiten Stock. Seine Mutter blieb dort bis zu ihrem Tod am 22. August 1934 wohnen.

Hans Plessner war – wie sein Vater – von Beruf Kaufmann. Von 1935 an wurde er von seiner Position als Abteilungsleiter verdrängt. Sein Durchschnittseinkommen als Abteilungsleiter in den letzten drei Jahren vor seiner Verfolgung wurde später mit 4000,— RM (Reichsmark) beziffert.

1937, Hans Plessner wohnte zu dieser Zeit mit seiner Familie in Berlin-Schöneberg, wanderte sein einziger Sohn Otto mit 19 Jahren nach Südafrika aus. Hans und Johanna-Louise Plessner wollten 1938 ihrem Sohn nach Südafrika folgen und auswandern. Aber dazu kam es nicht.

Ab Mitte Juni 1938 musste Hans Plessner als Kassierer bei einem Hilfsverein für einen sehr geringen Lohn von 13,30 RM pro Woche arbeiten. Johanna Plessner musste für 18 RM die Woche Zwangsarbeit leisten. Sie mussten ihren Hausstand auflösen und ihre Vermögensgegenstände sowie ihren Hausrat weit unter Wert verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Verkäufe sollten auch dazu dienen, die für den Sohn bestimmten Pakete nach Südafrika zu verschicken. Allerdings konnten sie die Frachtkosten letztlich nicht aufbringen, und die beiden Kisten, die bei Braschen & Rothenstein in Berlin NW, Lüneburger Straße, eingelagert waren, blieben zurück und gingen verloren. In diesen Kisten befand sich eine große Menge an Hausrat: Geschirr, Töpfe, Lampen, Bettzeug, Besteck und Gläser.

Hier ist die Abschrift eines Briefes, den Hans und Johanna-Louise Plessner am 26. Juni 1938 an ihren Sohn gerichtet haben. Er beschreibt ihre damalige Situation deutlich:

„Mein gel.[geliebter] Junge, Deine 1. Zeilen vom 13. und 15.6. haben uns sehr erfreut und schöpfen wir daraus wieder neuen Mut und Hoffnung. Nur dass Du in letzter Zeit wiederholt erkältet warst, hat uns sehr betrübt, hoffentlich bist Du nun ganz wieder hergestellt, was ich Dir von Herzen wünsche. Dass Du hoffst, uns höchst bald herauszubekommen, macht uns sehr glücklich, hoffentlich sind Deine Bemühungen diesmal von Erfolg. Es ist auch für mich jetzt höchste Zeit, dass unsere Auswanderung vonstatten geht, denn die Nerven sind eben in heutiger Zeit schneller verbraucht, und diese Trennung macht einen mürbe. Jetzt schreibst Du wieder wie früher, mein gel.[geliebter] Junge, und das macht uns glücklich. Nun zu den Aufstellungen. Du weißt doch, vielleicht kannst Du Dich darauf besinnen, dass wir Gustav Brietz verklagen wollten und da stellte sich heraus, dass die meisten Sachen nicht mehr da sind und angeblich gestohlen sein sollen. Nun sitzt Gustav im Irrenhaus und können wir im Moment nicht[s] weiter unternehmen. Es ist vielleicht möglich, dass wir noch etwas von den Sachen erhalten, wenn wir das Geld dazu haben, sie auszulösen. Seit einer Woche bin ich als Kassierer beim Hilfsverein eingestellt und habe die Woche 266,— Mk einkassiert und dann 5% Provision – 13.30 Mk. erhalten. Das ist ja nun gar nicht viel und quasi vorläufig nur ein Trinkgeld, aber ich habe eine Beschäftigung, die zwar sehr anstrengend ist, und Mutti hilft mir so fleißig mit, denn das Leben ist doch sehr schwer. Wenn ich ganz eingearbeitet bin, wird sich der Verdienst hoffentlich verdoppeln.….“

Es folgt eine Aufstellung aller Wert- und Haushaltsgegenstände, die sie im Central-Leihhaus Schöneberg (Innsbrucker Platz) und bei Gustav Brietz oder Briek (Westfälische Straße 50, Halensee) versetzen mussten. Für die wertvollen Gegenstände aus Gold und Silber, für Schmuck, Uhren, Besteck und Kleidung erhielten Sie nur insgesamt 255 Reichsmark.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnten Hans und Johanna-Louise Plessner in der Holsteinischen Straße 27.

Die letzte Nachricht, die der ausgewanderte Otto Plessner in Südafrika von seinen Eltern erhielt, war ein Brief über das Rote Kreuz vom 2. Februar 1943 mit Geburtstagswünschen.

Zu dieser Zeit waren sie in der Bamberger Straße 22 (Bezirk W30) im Parterre bei Löwenstein in einem möblierten Zimmer untergekommen. Dort zahlte das Ehepaar Plessner 50 RM pro Monat Miete. Johanna Plessner bekam damals nur 18 RM Wochenlohn. Hans Plessner musste beim Weser-Flugzeugbau in Tempelhof Zwangsarbeit leisten.

Am 27. Februar 1943 führte die Gestapo die sogenannte „Fabrikaktion“ beim Weser-Flugzeugbau durch, bei der auch Hans Plessner festgesetzt wurde. Die Fabrikaktion war eine von der Gestapo und bewaffneten SS-Männern am 27. Januar 1943 morgens durchgeführte Razzia in etwa 100 Betrieben, insbesondere auch Rüstungsbetrieben. Dabei wurden die bis dahin noch nicht deportierten Jüdinnen und Juden verhaftet, auf offenen Lastkraftwagen zu vorbereiteten Sammelstellen transportiert und anschließend deportiert. Den Begriff „Fabrikaktion“ prägten die Opfer erst nach 1945.

Am 28. Februar 1943, musste Hans Plessner seine Vermögenserklärung abgeben. Dabei teilte er mit, dass sie nach Südafrika auswandern wollten, ihr Sohn sei schon in Johannesburg. Er hatte zu diesem Zeitpunkt noch 70 Reichsmark bei sich.

Auch seine 53-jährige Schwester Lilli Bonin, geborene Plessner, wurde bei der „Fabrikaktion“ festgesetzt. Im Mai 1939 wohnte sie in Berlin-Wilmersdorf. Ihre letzte Adresse vor ihrer Deportation war die Pariser Straße 3. Lilli Bonin wurde mit dem 31. Osttransport am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Am 2. März 1943 wurde Hans Plessner einen Tag nach seiner Schwester und einen Tag vor seiner Frau Johanna-Louise als Nr. 622 mit dem 32. Osttransport nach Auschwitz deportiert. Dieser Transport umfasste insgesamt 1.758 Deportierte, darunter 1.529 jüdische Menschen aus Berlin und 157 aus Norwegen. Bei seiner Deportation war Hans Plessner 57 Jahre alt. Hans Plessner wurde in Auschwitz vor dem 8. Mai 1945 ermordet.

Seine Schwester Alice Roemer, deren Ehemann Erich bereits 1925 verstorben war, wohnte bei der deutschen „Minderheiten-Volkszählung“ im Mai 1939 zusammen mit ihrer Tochter Erika Roemer, damals 31 Jahre alt, in der Markobrunnerstraße 23 in Berlin-Wilmersdorf bei ihrem Sohn Horst, von Beruf Kaufmann, damals 33 Jahre alt. Alice Roemer wurde am 19. April 1944 nach Theresienstadt deportiert und überlebte das Ghetto.

Sein Bruder Curt Plessner war Architekt. Seit 1925 war er in zweiter Ehe mit Irmgard Marie Käte Mann, geboren 1913, verheiratet. Sie wohnten in Berlin-Charlottenburg in der Bayreuther Straße 33. 1938 flüchtete er nach Brüssel, weshalb ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Er überlebte dort und kehrte nach 1945 nach Berlin zurück. Am 15. Dezember 1964 verstarb er mit 77 Jahren.

Sein Sohn Otto Plessner erhielt die südafrikanische Staatsbürgerschaft. Nach dem Abitur, das er 1940 in Johannesburg absolviert hatte, arbeitete er bis 1955 als Angestellter. In erster Ehe war er in Johannesburg mit Eva Juliana Ingeborg Sandelowsky, geboren am 25. August 1922 in Königsberg, verheiratet.

In zweiter Ehe war Otto Plessner mit Mildred Milly Meyerowitz verheiratet, die am 12. April 1920 in Johannesburg geboren worden war. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor: Richard, Harold und Jonathan. Otto Plessner arbeitete als Verkäufer. 1955 wohnte er mit seiner Familie in Windhoek, Südwestafrika, bis sie 1963/1964 nach Houston, Texas, auswanderten. Dort erhielten sie 1968 die US-Staatsbürgerschaft. Ihre beiden älteren Söhne Richard, geboren am 16. April 1945, und Harold, geboren 1947, heirateten und gründeten Familien. Es gibt weitere Nachkommen in den USA.

Otto Plessner stellte von September 1955 bis Dezember 1965 verschiedene Entschädigungsanträge. Der Antrag auf Entschädigung für Schaden am Leben seiner Eltern wurde gemäß Bundesgesetz zur Entschädigung der nationalsozialistischen Verfolgung (BEG) 1965 abgelehnt, da Otto zum Zeitpunkt des Todes seiner Eltern bereits 27 Jahre alt war und eine entsprechende Entschädigung für Kinder nur bis zum 16. Lebensjahr gewährt wurde. Aufgrund von Anträgen in Bezug auf seinen Vater erhielt er Entschädigungen für Schaden im beruflichen Fortkommen. Sein eigener Ausbildungsschaden und seine Auswanderungskosten wurden entschädigt.

Mildred Meyerovitz Plessner verstarb am 12. Juli 1987 im Alter von 67 Jahren in Houston. Richard Plessner verstarb am 12. Mai 2000 mit 55 Jahren. Otto Plessner starb mit 85 Jahren am 31. August 2003 im Konsulat der USA in Johannesburg, Südafrika.

Stolperstein für Johanna-Louise Plessner

HIER WOHNTE
JOHANNA-LOUISE
PLESSNER
GEB. SCHWEITZER
JG. 1892
DEPORTIERT 3.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Johanna-Louise Plessner geborene Schweitzer wurde am 26. März 1892 in Berlin geboren. Ihre Eltern Otto Schweitzer, geboren 1864, und Wally Schweitzer geborene Schweitzer (*26. April 1862 in Breslau) hatten am 18. Dezember 1889 geheiratet. Johanna-Louise wurde Hanni genannt. Sie hatte keine Geschwister.

1914 heiratete Johanna-Louise den Kaufmann Hans Plessner, der am 7. Dezember 1885 in Dessau geboren worden und in Berlin aufgewachsen war. Zu dieser Zeit wohnten ihre Eltern Otto und Wally Schweitzer in Elberfeld, Wuppertal. Ihr Vater war lange schwer krank und verstarb am 5. September 1914 in Elberfeld.

Johanna-Louise und Hans Plessner bekamen ihren einzigen Sohn Otto am 2. Februar 1918. Er wurde in Elberfeld geboren.

Am 5. Februar 1922 verstarb ihre Mutter Wally Schweitzer in Elberfeld.

Von 1935 an wurde Hans Plessner von seiner Position als Abteilungsleiter verdrängt.

1937, die Familie Plessner wohnte damals in Berlin-Schöneberg, wanderte ihr Sohn Otto mit 19 Jahren nach Südafrika aus. Hans und Johanna-Louise Plessner wollten 1938 ihrem Sohn nach Südafrika folgen und auswandern. Aber dazu kam es nicht.

Ab Mitte Juni 1938 musste Hans Plessner als Kassierer bei einem Hilfsverein für einen sehr geringen Lohn von 13,30 RM (Reichsmark) pro Woche arbeiten. Johanna Plessner musste für 18 RM die Woche Zwangsarbeit leisten. Sie mussten ihren Hausstand auflösen und ihre Vermögensgegenstände und ihren Hausrat weit unter Wert verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

In einem Brief vom 26. Juni 1938 an ihren Sohn beschreiben Hans und Johanna ihre damalige Situation deutlich: [siehe Biografie von Hans Plessner]

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnten Hans und Johanna-Louise Plessner in der Holsteinischen Straße 27.

Die letzte Nachricht, die der ausgewanderte Otto Plessner in Südafrika von seinen Eltern erhielt, war ein Brief über das Rote Kreuz vom 2. Februar 1943 mit Geburtstagswünschen.

Zu dieser Zeit waren sie in der Bamberger Straße 22 (Bezirk W30) im Parterre bei Löwenstein in einem möblierten Zimmer untergekommen. Dort zahlte das Ehepaar Plessner 50 RM pro Monat Miete. Johanna Plessner bekam damals nur 18 RM Wochenlohn. Hans Plessner musste beim Weser-Flugzeugbau in Tempelhof Zwangsarbeit leisten.

Am 27. Februar 1943 führte die Gestapo die sogenannte „Fabrikaktion“ beim Weser-Flugzeugbau durch, bei der auch Hans Plessner festgesetzt und in ein Sammellager transportiert wurde. Er wurde am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Bei seiner Deportation war er 57 Jahre alt.

Johanna-Louise Plessner wurde einen Tag nach ihrem Mann am 3. März 1943 mit dem 33. Osttransport zusammen mit 1731 Berliner jüdischen Menschen nach Auschwitz deportiert. Auf der Transportliste wurde sie als Nr. 868 aufgelistet. Sie war 51 Jahre alt, als sie deportiert wurde. Johanna-Louise Plessner wurde in Auschwitz vor dem 8. Mai 1945 ermordet.

Ihr Sohn Otto Plessner erhielt die südafrikanische Staatsbürgerschaft. Nach dem Abitur, das er 1940 in Johannesburg absolviert hatte, arbeitete er bis 1955 als Angestellter. Er war in erster Ehe in Johannesburg mit Eva Juliana Ingeborg Sandelowsky verheiratet. In zweiter Ehe war Otto Plessner mit Mildred Milly Meyerowitz verheiratet, die am 12. April 1920 in Johannesburg geboren worden war. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor: Richard, Harold und Jonathan. 1963/1964 wanderte die Familie nach Houston (Texas) aus.

Otto Plessner stellte von September 1955 bis Dezember 1965 verschiedene Entschädigungsanträge. Der Antrag auf Entschädigung für Schaden am Leben seiner Eltern wurde gemäß Bundesgesetz zur Entschädigung der nationalsozialistischen Verfolgung (BEG) 1965 abgelehnt, da Otto zum Zeitpunkt des Todes seiner Eltern bereits 27 Jahre alt war und eine entsprechende Entschädigung für Kinder nur bis zum 16. Lebensjahr gewährt wurde. Für die Verfolgung seiner Mutter, für das Judensterntragen und die Deportation, wurde ihm eine Entschädigung gewährt. Sein eigener Ausbildungsschaden wurde 1958 entschädigt. Für seine Auswanderungskosten nach Südafrika erhielt er 150,— DM Entschädigung, was umgerechnet 750 Reichsmark entsprochen hätte.

Mildred Meyerovitz Plessner verstarb am 12. Juli 1987 im Alter von 67 Jahren in Houston. Richard Plessner verstarb am 12. Mai 2000 mit 55 Jahren. Otto Plessner starb mit 85 Jahren am 31. August 2003 im Konsulat der USA in Johannesburg, Südafrika.

Stolperstein für Rosa Nansen

HIER WOHNTE
ROSA NANSEN
GEB. LÖWENTHAL
JG. 1890
VERSTECKT GELEBT
DENUNZIERT
DEPORTIERT 28.6.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET AUG. 1943

Rosa Nansen geborene Löwenthal wurde am 10. Januar 1890 in Linnich bei Jülich geboren. Ihr Vater Leopold Löwenthal, geboren am 28. Oktober 1839, stammte aus Garzweiler, Kreis Grevenbroich. Ihre Mutter Sarah Löwenthal geborene Meyer war am 17. Oktober 1853 in Hompesch oder Hottorf bei Linnich geboren worden. Sarah Löwenthal verstarb am 23. Dezember 1913 in Düren oder Linnich. Leopold Löwenthal verstarb am 3. Dezember 1915 in Linnich.

Rosa war das neunte von insgesamt elf Kindern. Alle kamen in Linnich zur Welt. Ihr ältester Bruder Willy war ca. 14 Jahre älter als sie. Auf Willy folgten Johanna, Hugo, Dinah/Blondine, Otto, Helene, Julius/John und Auguste, bevor Rosa geboren wurde. Ihre ein Jahr jüngere Schwester Elly verstarb 1919 mit nur 28 Jahren. Ihre jüngste Schwester Dora wurde 1892 geboren. Ihre Schwester Auguste brachte am 29. Februar 1916 in Berlin ihren Sohn Wolfgang zur Welt.

Rosa Löwenthal war noch in Düren gemeldet, als sie am 7. September 1918 den Kunstmaler und Zeichner Fritz Nansen in Berlin-Wilmersdorf heiratete.

Fritz Nansen stammte aus Annaberg in Sachsen. Er wurde am 9. Juli 1881 geboren. Sein ursprünglicher Familienname war Nathansohn, er änderte seinen Namen in Nansen. Von 1907 bis 1909 nahm er als wissenschaftlicher Zeichner unter der Leitung des Ethnologen und Gründers des Afrika-Archivs Leo Frobenius an einer Forschungsexpedition in Westafrika teil. Sie führte in den Westsudan, nach Mali, Burkina Faso und Togo. Fritz Nansen fertigte viele Zeichnungen und auch Gemälde an, die die dortige Bevölkerung und ihre Umgebung zeigten. Während des ersten Weltkrieges war Fritz Nansen Leutnant und Adjutant im Ulanenregiment 3. Danach betätigte er sich wieder als Kunstmaler.

Rosa Nansen war Hausfrau und hatte keine Kinder. Zusammen mit ihrem Ehemann bewohnte sie eine Fünf-Zimmer-Wohnung in der Holsteinischen Straße 27 im Vorderhaus im 4. Stock. Wie eine Freundin des Ehepaars berichtete, war ihre Wohnung mit antiken Möbeln eingerichtet, und an den Wänden hingen ungefähr dreißig Werke von Fritz Nansen. Rosa und Fritz Nansen pflegten den Kontakt mit Rosas Bruder Willy Löwenthal, von Beruf Kaufmann. Er wohnte in Berlin-Friedenau, in der Bachestraße 1. Er war unverheiratet und hinterließ keine Kinder. Die gemeinsame Freundin: „… Ich war häufig in seiner Wohnung zu Gast. Herr Löwenthal war bekannt als Kunstkenner und Kunstsammler und seine Wohnung glich einem kleinen Museum. Er besaß auch ein Grundstück mit Gartenhaus in Lankwitz, wo ich ebenfalls sehr häufig weilte.“

Fritz Nansen war mit seinen Werken bei fast allen Kolonialausstellungen in Berlin vertreten. Das Buch „Deutschland braucht Kolonien. Buchschmuck von Kolonialmaler Fritz Nansen. Mit 150 eingeklebten farbigen Sammelbildern.“ von Oldenkott-Rees (Hrg.) mit einem Geleitartikel des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin und einem Vorwort von Paul von Lettow-Vorbeck wurde 1934 von der Deutschen Kolonialgesellschaft herausgegeben.

Rosas Schwester Auguste berichtete: “… Ihr Mann lebte nicht nur vom Malen. Er schrieb auch zahlreiche Artikel, die gut bezahlt waren. Als ihm kurz nach dem Umsturz von einer Sekretärin einer Kolonialausstellung nach einer Rückfrage, ob er tatsächlich dem Judentum angehöre, erklärt wurde, dass er sich dann an dieser Ausstellung nicht beteiligen dürfe, starb er am Herzschlag. …“

Am 23. März 1934 verstarb Fritz Nansen mit 52 Jahren in der Holsteinischen Straße 27 an einem Herzinfarkt.

Nach dem Tod ihres Mannes blieb Rosa Nansen im Haus Holsteinische Straße 27 wohnen. 1939 wohnten Jenny Wilonski und Irma Klepeter bei ihr zur Untermiete.

1939 verstarb Rosas Schwester Johanna in Amsterdam. Johannas Sohn Wolfgang lebte später mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in Mexiko. Er starb dort 1996.

1940 musste Rosa Nansen die Wohnung verlassen. Ihre Wohnungseinrichtung mit dem Hausrat, darunter auch die Bildersammlung mit den Werken ihres Mannes, soll in der Lützowstraße 43/45 im Lagerkeller des Antiquitätenhändlers Willy Matthies eingelagert und dort bei einem Bombenangriff vernichtet worden sein.

Von März bis zum 1. Juni 1942 wohnte sie in der Trautenaustraße 16 (Bezirk W30), einem sogenannten Judenhaus, in einem teilmöblierten Zimmer zur Untermiete bei Alice Meyer für 60 RM (Reichsmark) Miete pro Monat. Hier wohnte auch ihr Bruder Willy bis zu seiner Deportation Mitte Mai 1942 ins Ghetto Piaski bei Lublin und ins Konzentrationslager Trawniki/ Lublin. Der genaue Zeitpunkt seiner Ermordung ist nicht bekannt. Sein Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt. Alice Meyer geborene Bauchwitz (*1885) wurde am 26. Oktober 1942 nach Riga deportiert, wo sie am 29. Oktober 1942 ermordet wurde. Für Alice Meyer wurde in der Trautenaustraße 16 ein Stolperstein verlegt.

Ab dem 2. Juni 1942 lebte Rosa Nansen versteckt, wurde aber denunziert. Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) vermerkte am 8. Oktober 1943, dass sie zuletzt in der Ludwigkirchstraße 10a gewohnt habe. Bei ihrer Verhaftung wurden ihr 4936 Reichsmark abgenommen. Am 24. Juni 1943 war ihre Adresse Berlin N4, Große Hamburger Straße 26 – hier wurde ihr die Verfügung der Gestapo über die Einziehung ihres Vermögens zugestellt. In der Großen Hamburger Straße 26 befand sich ein großes Sammellager zur Vorbereitung von Deportationen. Zwei Tage später, am 28. Juni 1943, wurde Rosa Nansen im Alter von 53 Jahren mit dem 39. Osttransport nach Auschwitz deportiert. Der 39. Osttransport der Deportation aus Pommern/ Preußen führte von Königsberg über Berlin nach Auschwitz. 317 der Deportierten kamen aus Berlin. Rosa Nansen wurde in der Deportationsliste als Nr. 146 aufgeführt. Mitte August 1943 wurde Rosa Nansen in Auschwitz ermordet.

Rosas Bruder Hugo Löwenthal, seine Frau Helene und ihr Sohn Helmut waren in Düsseldorf ansässig. Zuletzt hatten sie sich nach Mailand geflüchtet. Hugo befand sich im Januar 1944 im Internierungs- und Durchgangslager Campo Fossoli bei Modena in Italien. Von Italien aus wurde er nach Auschwitz deportiert, wo er im März 1945 ankam. Helene und Helmut Löwenthal waren bereits vor Hugo dorthin deportiert worden. Die gesamte Familie wurde in Auschwitz ermordet.

Rosas Schwester, Helene Seligmann geborene Löwenthal, wohnte zuletzt in Wuppertal-Elberfeld. Sie wurde am 27. Oktober 1941 von Düsseldorf in das Ghetto von Litzmannstadt/ Łódź deportiert. Im August 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet. Auch ihr Ehemann Emil Seligmann wurde deportiert und ermordet. Sie hinterließen keine Kinder.

Fünf Geschwister konnten in die USA beziehungsweise nach Großbritannien auswandern: Dinah Lowe/ Blondine Löwenthal floh zunächst nach London und ging von dort aus 1947 nach New York. Sie war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Von Beruf war sie Köchin. 1965 verstarb sie in New York.

Otto Loeventhal/ Löwenthal und seine Frau Selma gingen 1940 von Aachen aus über Stuttgart und Lissabon in die USA. Sie lebten in New Jersey. Aus der Ehe ist ihre Tochter Ruth hervorgegangen. Otto Loeventhal starb 1974.

John T. Lowe/ Julius Löwenthal, wanderte in die USA aus. Er und seine Frau Margaretha Isabella lebten in Connecticut. Ihre Tochter Gertrude gründete eine Familie, es gibt Enkel und Urenkel in den USA. John T. Lowe starb 1976.

Auguste Josephs geborene Löwenthal war von Beruf Kosmetikerin. 1939 flüchtete sie nach Großbritannien. Ihre Ehe wurde geschieden. Ihr 1916 in Berlin geborener Sohn Wolfgang Josephs hieß später Peter William Johnson. Auguste und ihr Sohn wohnten in London. Auguste Josephs starb 1965.

Dora Mayer geborene Löwenthal wohnte mit ihrem Ehemann Julius Mayer in Düsseldorf, bevor sie in die USA auswanderten. Julius Mayer starb im Dezember 1941, und Dora Mayer starb im Februar 1942 in New York. Sie hinterließen keine Kinder.

Nach 1945 ließen die Überlebenden der Familie auf dem Jüdischen Friedhof in Linnich ein Grabmal zum Gedenken an Leopold und Sarah Löwenthal und ihre von den Nationalsozialisten ermordeten Nachkommen errichten – für Willy Löwenthal, für Hugo mit Helene geb. Heymann und Helmuth Löwenthal, für Helene Seligmann geb. Löwenthal und für Rosa Nansen geb. Löwenthal.

Stolperstein für Julia Koerbel

HIER WOHNTE
JULIA KOERBEL
GEB. HELLER
JG. 1879
DEPORTIERT 4.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Julie Körbel geborene Heller wurde am 24. Oktober 1882 im ungarischen Liptokiszylasz oder Kisolaszi, Liptó geboren. Das Komitat Liptó (deutsch: Liptau), gelegen in der Westtatra, war bis 1920 eine Verwaltungseinheit im Norden des Königreichs Ungarn. Heute liegt dieser Landstrich in der Mittelslowakei und wird als Liptov bezeichnet. Der Geburtsort trägt nun den Namen Vlašky und liegt im Kreis Liptovský Mikuláš. Über die Herkunftsfamilie von Julie Körbel liegen bisher keine Informationen vor.

Julie Körbel war mit Hermann Körbel (*25. Juni 1878) verheiratet. Er stammte aus Alexanderfeld in Schlesien (ab 1920 Aleksandrowice, Polen). Hermann Körbel war von Beruf Kaufmann und vermutlich als Holzhändler tätig. Das Ehepaar Körbel hatte drei Kinder: Ihre Tochter Ilka kam am 17. August 1903 in Niederdorf (heute Mszana Dolna, Limanowa, Polen) südlich von Krakau (Kraków) zur Welt. Ihr Sohn Eduard wurde am 6. Februar 1908 und ihr Sohn Arpad wurde am 29. November 1910, beide in Gleiwitz, Oberschlesien (heute Gliwice, Polen), geboren. Offenbar war die Familie von ihrem Wohnort in der Nähe von Krakau in die 100 Kilometer weiter nordwestlich gelegene Stadt Gleiwitz gezogen.

1932 siedelten sie nach Berlin über. Sie sollen vorher in Pollnow (heute Polanów) in Pommern gewohnt haben. In Berlin bezogen sie eine Wohnung in SO 16 in der Köpenicker Straße 103, Ecke Neanderstraße. Die Neanderstraße begann an der Kreuzung Köpenicker Straße/ Brückenstraße. Sie wurde 1960 in Heinrich-Heine-Straße (Ost-Berlin) umbenannt.

Hermann Körbel wurde im Jahre 1932 von einer Knopffabrik, die sich gleich um die Ecke befand, als Kaufmann engagiert. Er war wohl hauptsächlich für den Außendienst zuständig, Julie Körbel soll dort im Innendienst mitgearbeitet haben. Sie selbst gab als Beruf „Wirtschafterin“ an.

Ihre Tochter Ilka heiratete den Uhrmacher Herbert Grünbaum, geboren am 21. September 1887 in Thorn, Westpreußen (heute Toruń, Polen). Sie wohnten in der Neuen Winterfeldtstraße 33 in Schöneberg (heute: Winterfeldtstraße).

Am 9. Dezember 1935 starb Hermann Körbel in der Wohnung in der Köpenicker Straße 103. Er war von den Nationalsozialisten verfolgt worden.

Nach dem Tod ihres Mannes zog Julie Körbel am 2. April 1936 von der Köpenicker Straße 103 in eine Wohnung in der Düsseldorfer Straße 24.

Julie Körbels Sohn Eduard war Sportlehrer oder Kaufmann bzw. Vertreter. Am 2. April 1936 wohnte er in der Düsseldorfer Straße 24 bei seiner Mutter. Sein Wohnort am 25. August 1938 war unbekannt. Er heiratete Margot Stern (*24. Juli 1907 in Schildberg, Posen (heute Ostrzeszów, Polen). Sie hatten keine Kinder. Sie wohnten in Prag in der Sudetenstraße 61. Am 10. August 1942 wurde Eduard Körbel von Prag X, Palackeho 61, nach Theresienstadt deportiert. Seine Transportnummer war die 927. Von dort aus wurde er am 29. September 1944 nach Auschwitz/ Birkenau deportiert, seine Deportationsnummer in diesem Transport war die 955. Als er am 23. Januar 1945 nach Buchenwald überstellt wurde, wog er noch 55 kg. Er war 178 cm groß. Er hatte Phlegmone an beiden Oberschenkeln, eine Erfrierung am linken Fuß und Durchfall, wie am 23. März 1945 auf seiner Häftlingskarteikarte vermerkt wurde. Nach letzten Informationen soll er in Mauthausen, Österreich ermordet worden sein. Sein Todeszeitpunkt wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Julie Körbels Sohn Arpad, von Beruf Kaufmann/ Verkäufer, wurde ebenfalls verfolgt und ab dem 1. Juli 1938 aus der Erwerbstätigkeit verdrängt. Er heiratete Friedel Hellmann (*30. Juni 1904 in Gleiwitz) und konnte mit ihr zusammen zunächst nach Venezuela auswandern, wo sie in Caracas wohnten. Dort wurde in Guatire ihr Sohn Peter Michael geboren. Arpad Körbel sprach neben Deutsch auch Englisch und Spanisch. 1941 wanderten sie zu dritt in die USA aus. Sie kamen mit dem Schiff Cayru aus La Guaira, Venezuela, am 19. März 1941 in New York an. Ihr Ziel war 149 Dover Street, BE, County Kings, Manhattan, New York. Ihr Sohn Peter Michael war damals sechs Monate alt, muss also im Herbst 1940 geboren worden sein. Bei ihrer Ankunft wurde ihnen gute Gesundheit bescheinigt.

Am 25. August 1938 war laut Melderegister „unbekannt“, wo Julie Körbel wohnte. Im Adressbuch war sie 1939 noch in der Düsseldorfer Straße 24 verzeichnet. Vom 20. Dezember 1938 an und im Jahr 1939 wohnte Julie Körbel zur Untermiete bei Julius und Helene Kadisch in der Holsteinischen Straße 27. Der am 4. August 1856 in Leszno, Lissa, Polen geborene Julius Kadisch war Kaufmann und wohnte hier etliche Jahre zusammen mit seiner Frau Helene geborene Beerenzson (*18. Januar 1864). Julius Kadisch verstarb am 13. April 1941 im Alter von 84 Jahren, seine Frau Helene Kadisch verstarb mit 75 Jahren am 12. April 1942 – beide in der Holsteinischen Straße 27.

Einige Zeit vor ihrer Verhaftung wohnte Julie Körbel bei Blumenthal in der Nassauischen Straße 5, dann soll sie ab dem 15. Dezember 1941 in der Lessingstraße 5 oder 8 untergekommen sein. Ilka und Herbert Grünbaum wohnten zu dieser Zeit in Berlin NW 87 in der Lessingstraße 8 im Vorderhaus im 3. Stock. Ihr Schwiegersohn Herbert Grünbaum gab an, dass Julie Körbel sich zu ihnen geflüchtet habe, in die Lessingstraße 8, Vorderhaus 3. Stock. Ihre Tochter Ilka wurde am 1. März 1943 dort abgeholt und mit dem 31. Osttransport als Nr. 204 von Berlin nach Auschwitz deportiert. Der genaue Zeitpunkt ihrer Ermordung ist nicht bekannt. Ihr Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Julie Körbel wurde drei Tage nach ihrer Tochter aus der Lessingstraße 8 abgeholt. Sie war 60 Jahre alt, als sie am 4. März 1943 mit dem 34. Osttransport als Nr. 342 zusammen mit weiteren 1141 jüdischen Menschen nach Auschwitz deportiert wurde. Der genaue Zeitpunkt ihrer Ermordung ist nicht bekannt. Ihr Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Ilkas Mann Herbert Grünbaum überlebte und wohnte 1957 in der Presselstraße 1 in Berlin-Steglitz.

Eduards Frau Margot Körbel befand sich 1945 im Ghetto in Theresienstadt, in der Hauptstraße 10. Sie überlebte und wohnte später in Jerusalem. 1961 erhielt sie den Bescheid über ihre Entschädigungsrente als Witwe von Eduard Körbel und wegen ihrer eigenen Ansprüche als Geschädigte an Körper und Gesundheit. Es waren ca. 200 DM pro Monat. Nach ihrem Tod am 24. August 1978 wurde sie in Israel bestattet, auf dem Friedhof New Rishon LeTsiyon Gordon Cemetery, Rishon LeZion, Central District, Israel.

Die Familie Arpad Körbel ließ sich in Cincinnati, Ohio, nieder. Sie erhielten die amerikanische Staatsbürgerschaft. Bei der Volkszählung am 1. April 1950 gehörten zwei Kinder zu ihrem Haushalt: Peter Koerbel, 9 Jahre, und der Stiefsohn Garry Glassman, 20 Jahre alt. Auf Antrag beim Entschädigungsamt erhielt Arpad Körbel Entschädigungen. Er hatte ab dem 25. September 1972 Anspruch auf Rente. Zwanzig Jahre später verstarb er im Alter von 81 Jahren am 3. September 1992 in Evendale, Ohio. Er wurde auf dem Friedhof Rest Haven Memorial Park, Evendale, Ohio, USA, begraben. Seine Frau Friedel Körbel starb am 6. November 2003 mit 99 Jahren. Sie wurde auf demselben Friedhof bestattet. Es gibt Enkel und Urenkel in den USA.

Stolperstein für Irma Klepeter

HIER WOHNTE
IRMA KLEPETER
JG. 1891
DEPORTIERT 19.10.1942
RIGA
ERMORDET 22.10.1942

Irma Klepeter wurde am 31. Januar 1891 in Prag, Protektorat Böhmen und Mähren (heute Praha, Tschechische Republik) geboren. Sie war die zweite Tochter von Alois Klepetař (*1856 in Amschelberg, heute Kosova Hora, ca. 75 km südlich von Prag) und Kamila Klepetařová, geborene Kamilla Freund (*26. Januar 1870 in Pardubice, 120 km östlich von Prag). Alois und Kamilla Freund hatten am 4. März 1889 in Pardubice geheiratet. Irmas Schwester Ella wurde am 25. November 1889 geboren.

Ihr Nachname ist eigentlich Klepetař, aber die ursprüngliche Aussprache und damit auch die korrekte Schreibung sind wohl verlorengegangen. Ihr Großvater Samuel (*1819 – 1877) war mit dem Nachnamen Klepetař / Klepetařz geboren worden.

Ihr Vater Alois Klepetař hatte drei Brüder: Sigmund, Ignaz, Ludwig und eine Halbschwester, Henriette. Ihre Mutter Kamilla hatte fünf Geschwister: Josef, Karl Viktor, Emilie Emma, Viktor Hugo und Rudolf Julius. Alois Klepetař starb im Alter von 65 Jahren am 26. August 1921 in Prag und wurde dort zwei Tage nach seinem Tod bestattet.

1931 wohnte Irma Klepeter in Berlin W62 in der Keithstraße 1, sie wurde unter dem Namen Petar, Klepetar, Irma im Jüdischen Adressbuch von 1931/32 verzeichnet. Im Mai 1939 war sie Untermieterin bei Rosa Nansen in der Holsteinischen Straße 27 im Vorderhaus im 4. Stock.
Ihr letzter Aufenthaltsort vor der Deportation war spätestens ab dem 20. Mai 1941 die Keithstraße 7.

Ihre Mutter Kamilla Klepetař(ová) wurde am 9. September 1942 von Prag, Petrská ulice 3, zunächst nach Theresienstadt und dann am 19. Oktober 1942 nach Treblinka deportiert.

Irma Klepeter wurde im Alter von 51 Jahren am 19. Oktober 1942 mit dem 21. Osttransport als Nr. 966 mit dem Vermerk in der Deportationsliste „ohne Beruf, ledig, 51 Jahre, arbeitsfähig“ in das 1.000 Kilometer entfernte lettische Riga deportiert. In diesem Transport befanden sich auch fast 60 Kinder im Alter zwischen zwei und sechzehn Jahren aus dem Baruch Auerbach’schen Waisenhaus, Schönhauser Allee 162, darunter der zehnjährige Gert Rosenthal, der Bruder des späteren Entertainers Hans Rosenthal, und drei ihrer Betreuer*innen.

Drei Tage später, sofort nach der Ankunft am 22. Oktober 1942, wurde Irma Klepeter, wie alle 999 Deportierten dieses Transports – außer 81 arbeitsfähigen Männern – in einem Wald bei Riga erschossen und verscharrt.

Stolperstein für Rosa Hamel

HIER WOHNTE
ROSA HAMEL
GEB. LEWY
JG. 1866
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 20.12.1942

Rosa Hamel geborene Lewy wurde am 28. Mai 1866 in Stettin, Pommern (heute Szczecin, Polen) geboren. Ihre Eltern hießen Philipp Lewy und Adelheid Lewy geborene Gerling. Mit 23 Jahren heiratete Rosa Lewy am 21. Oktober 1889 in Stettin den Kaufmann Julius Hamel, geboren am 28. September 1858 in Tschiefer in Niederschlesien (heute Przyborów, Polen). Rosa Hamel war Hausfrau. Sie hatten zwei Kinder, beide wurden in Stettin geboren: Herta, geboren am 24. August 1890, und Walter, geboren am 8. März 1895.

Der Familienname war ursprünglich Hammel. In Urkunden zu Julius Hamel ist sowohl die Schreibweise Hammel als auch die Schreibweise „m“ mit Überstrich zu finden. Die Schreibweise Hamel setzte sich durch. Der Überstrich wurde früher verwendet, um eine Buchstabendoppelung anzuzeigen und damit Platz zu sparen.

Ihre Tochter Herta besuchte in Stettin die Dr. Wegner höhere Töchterschule und danach eine Handelsschule. Im Jahr 1909 ging Herta Hamel nach Berlin. Dort war sie zunächst als Korrespondentin und später als Sekretärin tätig.

Julius Hamel hatte in Stettin eine Kleiderfabrikation. Das Unternehmen endete bei Ausbruch des 1. Weltkrieges, sie zogen 1914 nach Berlin. Dort wohnten sie bis 1918 in der Uhlandstraße 151, im Hof im 2. Stock des Gartenhauses. Ab 1919 wohnten sie in der Uhlandstraße 106 im Vorderhaus im 3. Stock. Julius Hamel starb dort am 10. März 1922.

Nach seinem Tod blieben Rosa Hamel und ihre Tochter Herta zunächst in der Uhlandstraße 106 wohnen. Herta Hamel war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. 1933 zogen sie in die Holsteinische Straße 27. Nach Auskunft von Walter Hamel war es eine Fünf-Zimmer-Wohnung im Vorderhaus der Holsteinischen Straße 27. Nach einer anderen Quelle sollen sie im Hinterhaus im 2. Stock in einer Drei-Zimmer-Wohnung gewohnt haben. Möglicherweise mussten sie innerhalb des Hauses in eine kleinere Wohnung umziehen. Rosa wurde von ihrer Tochter Herta und ihrem Sohn Walter unterstützt.

Nach der Machtübernahme verlor Herta Hamel als Jüdin ihre langjährige Stellung als Sekretärin. In den Jahren 1935 bis 1939 unterhielt sie in ihrer Wohnung in der Holsteinischen Straße 27 ein Büro für Schreibmaschinenarbeiten und Vervielfältigung, das sie dann auch aufgeben musste. 1941/42 wurde sie zur Zwangsarbeit bei der Luftschiffbau Zeppelin GmbH in Berlin-Tempelhof herangezogen.

Walter Hamel, später Walter V. Hamel, erlernte den Beruf des Hutmachers bzw. Mützenfabrikanten. Er wurde ebenfalls von den Nationalsozialisten verfolgt. Sein letzter Wohnsitz in Berlin war die Clausewitzstraße 4 in Berlin-Wilmersdorf. Im April 1938 flüchtete er über Nacht nach Dänemark und blieb vorübergehend in Kopenhagen. Am 22. Februar 1939 wanderte er auf dem finnischen Frachtdampfer „Carolina Thorden“ von Kopenhagen aus in die USA aus. Als Beruf gab er Hutmacher an. Er kam am 9. März 1939 in New York an. Seine Anlaufadresse dort war sein Cousin Albert Siegel. Am 11. April 1939 heiratete er Dorothy B. Ziegel. Sie wohnten in Manhattan 61 West 92th Street. Als Beruf gab er bei seiner Heirat Kaufmann an. 1942 wohnte er in Sacramento, Kalifornien. Er wurde amerikanischer Staatsbürger.

Als Verfolgte mussten Rosa Hamel und ihre Tochter Herta die Wohnung in der Holsteinischen Straße 27 verlassen. Ab dem 4. März 1940 wohnten sie zur Untermiete für 47 RM (Reichsmark) monatlich bei dem Ehepaar Erich und Erna Falk in der Uhlandstraße 145.

Der Hauptmieter Erich Falk, geboren 1882, war Vertreter für Werbedrucksachen. Er und seine Frau Erna geborene Leibowitsch (1885) wohnten mindestens seit 1928 in der Uhlandstraße 145. Im Februar 1942 wurde er unter einem Vorwand von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) in sogenannte “Schutzhaft” genommen und am 9. September 1942 im KZ Sachsenhausen ermordet.

Am 1. September 1942 verfügte die Gestapo über den Einzug des Vermögens von Rosa Hamel. Ihr Vermögen war bereits konfisziert worden und bestand nur noch aus dem Wochenlohn ihrer Tochter Herta. Am 11. September 1942 unterschrieb Rosa Hamel ihre Vermögenserklärung. Die Urkunde über den Einzug ihres Vermögens wurde ihr am 12. September 1942 in der Großen Hamburger Str. 26 zugestellt. An diesem Ort befand sich ein großes Sammellager zur Vorbereitung der Deportationen. Zwei Tage später, am 14. September 1942, wurde Rosa Hamel mit dem 2. großen Alterstransport zusammen mit weiteren 1000 Menschen nach Theresienstadt deportiert. Auf der Transportliste wurde sie als Nr. 788 geführt. Dieser 2. große Alterstransport nach Theresienstadt bestand mehrheitlich aus älteren Menschen über 65 Jahren aus unterschiedlichen Stadtteilen, die nicht in Heimen, sondern zuletzt in Wohnungen gewohnt hatten. Bereits drei Monate später, im Dezember 1942, ist Rosa Hamel in Theresienstadt zu Tode gekommen. Nach Angaben des Internationalen Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes wurde Rosa Hamel am 19./20. Dezember 1942 in Theresienstadt eingeäschert. Ihr Sarg trug die Nummer 7164. Sie wurde 76 Jahre alt.

Rosas Hauptmieterin Erna Falk wurde ein Jahr nach der Deportation ihres Mannes Erich Falk zunächst in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 und von dort am 26. Februar 1943 mit dem 30. Osttransport nach Auschwitz deportiert. Sie wurde in Birkenau ermordet. Für das Ehepaar Erich und Erna Falk wurden in der Uhlandstraße 145 in Berlin-Wilmersdorf Stolpersteine verlegt.

Herta Hamel war 52 Jahre alt, als sie fünf Monate nach der Deportation ihrer Mutter am 26. Februar 1943 mit dem 30. Osttransport, in dem sich auch Erna Falk befand, nach Auschwitz deportiert wurde. Der genaue Zeitpunkt ihrer Ermordung ist nicht bekannt. Ihr Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Ab 1957 stellte Walter V. Hamel Anträge beim Entschädigungsamt in Bezug auf seine Mutter Rosa. Am 26. Juli 1957 ging sein erster Antrag auf Entschädigung beim Entschädigungsamt Berlin ein. Zu dieser Zeit wohnte er mit seiner Frau in Berkeley, Kalifornien. Er arbeitete in der Annahmestelle einer Kleiderreinigung. 1959 wohnten sie in Oakland, Kalifornien. Das Ehepaar Walter und Dorothy Hamel hatte keine Kinder.

Für die Verfolgung seiner Mutter wurde Walter V. Hamel eine Entschädigung gewährt. Walter Hamel machte den Verlust der Wohnungseinrichtung seiner Mutter geltend. Für den Hausrat wurde ihm eine Entschädigung bewilligt. Es wurde vermerkt, dass laut Inventar- und Bewertungsliste am 30. Oktober 1942 keine weiteren Gegenstände in der letzten Wohnung seiner Mutter und Schwester vorgefunden wurden.

Während des Entschädigungsverfahrens erlitt der 68-jährige Walter Hamel am 24. September 1963 einen Herzanfall und musste sich im Hospital Mexico-Americano in Guadalajara behandeln lassen.

Stolperstein für Herta Hamel

HIER WOHNTE
HERTA HAMEL
JG. 1890
DEPORTIERT 26.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Herta Hamel wurde am 24. August 1890 in Stettin geboren. Ihre Eltern waren Julius Hamel, geboren am 28. September 1858 in Tschiefer in Niederschlesien (heute Przyborów, Polen), und Rosa Hamel, geborene Lewy (*28. Mai 1866 in Stettin, Pommern, heute Szczecin, Polen). Ihre Eltern hatten am 21. Oktober 1889 in Stettin geheiratet. Ihre Mutter Rosa Hamel war Hausfrau. Ihr Vater Julius Hamel war Kaufmann und hatte in Stettin eine Kleiderfabrikation.

Der Familienname war ursprünglich Hammel. Die Schreibweise Hamel setzte sich durch.
Am 8. März 1895 wurde Hertas Bruder Walter in Stettin geboren.

Herta Hamel besuchte in Stettin die Dr. Wegner höhere Töchterschule und danach eine Handelsschule, wo sie den Beruf der Sekretärin erlernte. Im Jahr 1909 ging Herta Hamel nach Berlin. Dort war sie zunächst bei Orenstein & Koppel und danach bei der Loewe AG als Korrespondentin tätig. Während des ersten Weltkrieges arbeitete sie als Sekretärin bei der Deutschen Kriegsmetall AG für Dr. Sasserath. Nach dem ersten Weltkrieg arbeitete Herta Hamel bei dem Patentanwalt Dr. Werner Klug in der Tauentzienstraße als Sekretärin.

Das Unternehmen ihres Vaters Julius Hamel endete bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, er zog mit Rosa und Walter 1914 auch nach Berlin. Dort wohnten sie bis 1918 in der Uhlandstraße 151, im Hof im 2. Stock des Gartenhauses. Ab 1919 wohnten sie in der Uhlandstraße 106 im Vorderhaus im 3. Stock. Julius Hamel starb dort am 10. März 1922 im Alter von 63 Jahren.

Nach seinem Tod blieben Herta Hamel und ihre Mutter Rosa zunächst in der Uhlandstraße 106 wohnen. Herta Hamel war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. 1933 zogen sie in die Holsteinische Straße 27. Nach Auskunft von Walter Hamel war es eine Fünf-Zimmer-Wohnung im Vorderhaus der Holsteinischen Str. 27. Nach einer anderen Quelle sollen sie im Hinterhaus im 2. Stock in einer drei-Zimmer-Wohnung gewohnt haben. Möglicherweise mussten sie innerhalb des Hauses in eine kleinere Wohnung umziehen. Herta Hamel und ihr Bruder Walter sorgten für den Unterhalt ihrer Mutter.

Herta Hamel war von 1913 bis 1932 angestellt. Als Jüdin verlor sie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ihre langjährige Stellung als Sekretärin. Danach war sie noch weitere Jahre bei John Lissauer, Metalle, Berlin tätig. In den Jahren 1936 und 1937 zahlte sie vorübergehend je einen Monat nochmals Beiträge zur Reichsversicherung. In den Jahren 1935 bis 1939 war sie selbstständig und unterhielt in der Holsteinischen Straße 27 ein Büro für Schreibmaschinenarbeiten und Vervielfältigung, das sie dann auch aufgeben musste.

Ihr Bruder Walter Hamel erlernte den Beruf des Hutmachers bzw. Mützenfabrikanten. Er wurde ebenfalls von den Nationalsozialisten verfolgt. Sein letzter Wohnsitz in Berlin war die Clausewitzstraße 4 in Berlin-Wilmersdorf. Im April 1938 flüchtete er über Nacht nach Dänemark und von da 1939 weiter in die USA. 1942 wohnte er in Sacramento, Kalifornien. Er wurde amerikanischer Staatsbürger.

Während der Verfolgungszeit mussten Herta Hamel und ihre Mutter ihre Wohnung verlassen. Am 17. Mai 1939 wohnten sie noch in der Holsteinischen Straße 27. Ab dem 4. März 1940 bis zur Deportation wohnten sie zur Untermiete bei Erich und Erna Falk, Berlin W15 im Gartenhaus im Parterre.

Der Hauptmieter Erich Falk, geboren 1882, wurde 1942 im KZ Sachsenhausen ermordet.

1941/42 wurde Herta Hamel zur Zwangsarbeit bei der Luftschiffbau Zeppelin GmbH in Berlin-Tempelhof herangezogen, wo sie zu einem Lohn von 21,66 RM (Reichsmark) pro Woche arbeiten musste. Am 1. September 1942 verfügte die Gestapo über den Einzug des Vermögens ihrer Mutter Rosa Hamel. Ihr gesamtes Vermögen war bereits konfisziert worden und bestand nur noch aus dem Wochenlohn von Herta Hamel. Am 14. September 1942, wurde Rosa Hamel mit dem 2. großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Drei Monate später, im Dezember 1942, kam sie in Theresienstadt zu Tode. Sie wurde 76 Jahre alt.

Herta Hamel war 52 Jahre alt, als sie am 26. Februar 1943 – fünf Monate nach der Deportation ihrer Mutter – mit dem 30. Osttransport zusammen mit weiteren 1100 jüdischen Menschen aus verschiedenen Orten, darunter auch Erna Falk und weitere 900 Menschen aus Berlin, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Auf der Deportationsliste erschien sie als Nr. 992, von Beruf „Arbeiterin“, ledig und arbeitsfähig. Der genaue Todeszeitpunkt ist nicht bekannt. Als ihr Todesdatum wurde der 8. Mai 1945 festgelegt.

Auch Erna Falk wurde in Auschwitz/ Birkenau ermordet. Für das Ehepaar Erich und Erna Falk wurden in der Uhlandstraße 145 in Berlin-Wilmersdorf am 18. Oktober 2008 Stolpersteine verlegt.

Ab 1957 stellte Walter V. Hamel Anträge beim Entschädigungsamt unter anderem für Schaden an Freiheit von Herta Hamel. Dieser Antrag wurde abgelehnt, da er als Bruder diesbezüglich nicht erbberechtigt war. Erbberechtigt waren hier lediglich Ehegatten, Eltern, Kinder und Enkel, aber nicht Geschwister. Für den Schaden seiner Schwester Herta im beruflichen Fortkommen erhielt Walter Hamel Anfang 1964 eine Entschädigung.

Zu dieser Zeit wohnte er in Berkeley, Kalifornien. Das Ehepaar Walter und Dorothy Hamel hatte keine Kinder. Er arbeitete in der Annahmestelle einer Kleiderreinigung. 1959 wohnten er und seine Frau in Oakland, Kalifornien.

Stolperstein für Hildegard Gerson

HIER WOHNTE
HILDEGARD GERSON
GEB. WESTMANN
JG. 1899
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET

Hildegard Gerson geborene Westmann wurde am 15. Juni 1899 in Berlin geboren. Ihre Eltern hießen Simon (*8. April 1870 in Soldau – 18. November 1937 in Berlin) und Else Westmann geborene Eckersdorff (*1876 – 23. Oktober 1921). Ihr Vater Simon war Kaufmann. Zur Zeit der Geburt von Hildegard wohnte die Familie in der Wilhelmstraße 147, ungefähr zwanzig Jahre später wohnten sie in Berlin SW11 in der Königgrätzer Straße 84 im Erdgeschoss (heute Stresemann-/Ebertstraße). Hildegard hatte zwei Brüder: Gerhard, geboren 1898, starb bereits 1909 im Alter von ca. elf Jahren. Ihr Bruder Helmuth wurde 1900 geboren und kam 1943 in Auschwitz um.

Am Sonntag, dem 18. Januar 1920, feierte Hildegard ihre Verlobung mit Julius Schrubski (*1885) bei einem „Empfang von 12 bis 2 Uhr“, zu dem die Eltern der Verlobten geladen hatten. Aber es kam nicht zur Hochzeit. Denn am 3. Mai 1921 heiratete Hildegard den Kaufmann Albert Gerson, der als Verkäufer tätig war. Er war am 11. Juni 1890 als David Albert Gerson geboren worden und stammte aus Wreschen im Bezirk Posen, heute Wreśnia, Polen. Damals wohnte er in der Lessingstraße 21 in Berlin. Hildegard und Albert Gerson bekamen zwei Töchter: Ilse Else, geboren am 11. Mai 1922, und Helga Esther, geboren am 9. Oktober 1925. Beide wurden in Berlin geboren. Von 1922 bis 1925 wohnte die junge Familie in Berlin O27 in der Magazinstraße 13 im 2. Stock. Von 1926 bis 1932 wohnten sie in SW61 in der Großbeerenstraße 12, und ab 1934 bewohnten sie eine Wohnung in der Holsteinischen Str. 27 im rechten Seitenflügel 1. Stock. Hildegard Gerson war Hausfrau, sie hatte keinen Beruf erlernt.

Ihre Tochter Helga wurde 1932 eingeschult und besuchte die Schule in Berlin SW61 in der Großbeerenstraße. Ab dem 6. August 1935 besuchte sie die Schule in der Nachodstraße in Wilmersdorf. Sie war 14 Jahre alt, als ihr Schulbesuch in Berlin am 18. Dezember 1939 endete. Denn Hildegard und Albert Gerson schickten ihre Tochter Helga im Dezember 1939 nach Dänemark. Ihre Tochter Ilse kam nach London, der Zeitpunkt ist nicht bekannt.

Am 11. Februar 1940 verstarb Albert Gerson im Alter von 49 Jahren in der gemeinsamen Wohnung in der Holsteinischen Straße 27. Als Todesursache wurde Gehirn-Rückenmarklähmung angegeben.

Hildegard Gerson blieb nach dem Tod ihres Mannes bis zu ihrer Deportation im Hause Holsteinische Straße 27 wohnen.

Am 25. Januar 1942 wurde sie mit dem X. Transport zusammen mit weiteren 1050 Berliner jüdischen Menschen nach Riga deportiert. Hildegard Gerson wurde in der Deportationsliste mit der Nr. 344 als Arbeiterin und als arbeitsfähig aufgeführt. Bei ihrer Deportation war sie 42 Jahre alt. Sie kam im Ghetto in Riga um. Der genaue Todeszeitpunkt ist nicht bekannt. Ihr Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Ihre beiden Töchter haben die nationalsozialistische Gewaltherrschaft überlebt und blieben miteinander in Kontakt. Im April 1956 stellten sie gemeinsam Anträge auf Entschädigung, denen nachgekommen wurde.

Tochter Ilse Gerson lebte in London. Sie erhielt die britische Staatsangehörigkeit. Nach ihrer Heirat hieß sie Alice Naldrett. Sie wohnte im Stadtteil Brixton und arbeitete als Büroangestellte. Sie hatte einen Sohn mit Namen Peter Michael Naldrett, geboren am 8. Juli 1945 in Chanctonbury, Sussex. Alice Naldrett verstarb 1977 in Lambeth, Greater London, und ihr Sohn Peter Michael Naldrett verstarb ebendort im Mai 1996.

Tochter Helga Gerson, die seit dem 18. Dezember 1939 in Dänemark untergebracht war, wurde kurz vor ihrem 18. Geburtstag am 5. Oktober 1943 nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte das Ghetto und wanderte nach Kfar Hamakabi bei Haifa, Israel aus. Dort nahm sie die israelische Staatsangehörigkeit an. Sie heiratete und hieß nach ihrer Heirat Ester Helga Hammer. Am 4. Mai 1996 verstarb sie und wurde in Ramar Yohanan bei Haifa, Israel bestattet.

Text und Recherche aller Biografien: Beate Ellrich, Februar 2025

Quellen:

Weitere Quellen:

Hans und Johanna Plessner, Hildegard Gerson, Rosa und Herta Hamel, Julie Körbel, Rosa Nansen:
  • Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin Abt. I, Entschädigungsbehörde Fehrbelliner Platz 1, 10707 Berlin: Entschädigungsakten,
Rosa und Herta Hamel, Rosa Nansen, Hans und Johanna Plessner: Rosa Nansen: Rosa und Herta Hamel: Hans Plessner: Julie Körbel:

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