HIER WOHNTE
HANS PLESSNER
JG. 1885
DEPORTIERT 2.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ
Hans Plessner wurde am 7. Dezember 1885 „morgens um einviertel neun“ in Dessau, Anhalt, geboren. Sein Vater Oswald war am 15. März 1855, in Laurahütte, Kattowitz, Oberschlesien (Siemianowice Śląskie, heute Polen) geboren worden. Seine Mutter Clara, genannt Claire Goldstein war am 17. Januar 1858 in Groß Strehlitz, Oppeln, Schlesien (heute Strzelce Opolskie, Polen) geboren worden. Seine Eltern hatten sich am 2. Mai 1881 in Breslau verlobt und danach geheiratet. Sein Vater war von Beruf Kaufmann und arbeitete als Vertreter. Die Familie wohnte in Dessau in der Schlossstraße 12 und zog dann nach Berlin. Hans hatte drei Geschwister, die alle in Berlin geboren wurden: Seine ältere Schwester Alice war am 7. Mai 1884 geboren worden, sein Bruder Curt, später auch Kurt, wurde am 24. August 1887 geboren, und Lili Margot, später Lilli, kam am 7. Juni 1889 zur Welt. In Berlin zogen sie häufig um: Bei der Geburt von Curt wohnten sie noch in Berlin SO36 am
Elisabethufer 39 (heute Erkelenzdamm/ Leuschnerdamm). Dann zog die Familie sehr häufig um. Von 1903 bis 1916 wohnten sie in Wilmersdorf, u.a. auch in der Uhlandstraße 145. 1917 ließen sie sich dauerhaft in Friedenau am Südwestkorso 16 nieder, wo sie im 1. Stock wohnten.
Hans Plessner heiratete 1914 Johanna-Louise Schweitzer, genannt Hanni, geboren am 26. März 1892 in Berlin. Am 2. Januar 1918 wurde ihr einziger Sohn Otto in Elberfeld, Wuppertal geboren.
Hans‘ Schwester Alice heiratete Erich Roemer. Sie bekamen zwei Kinder: Horst, geboren 1903, und Erika, geboren am 22. März 1908 in Berlin. Sein Bruder Curt heiratete Fritzi Nitz. Seine Schwester Lilli heiratete Otto Bonin.
Am 12. Dezember 1922 verstarb sein Vater Oswald Plessner. Er wurde am 18. Dezember 1922 auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Hans‘ Eltern wohnten zu dieser Zeit in Berlin-Friedenau am Südwestkorso 16 im zweiten Stock. Seine Mutter blieb dort bis zu ihrem Tod am 22. August 1934 wohnen.
Hans Plessner war – wie sein Vater – von Beruf Kaufmann. Von 1935 an wurde er von seiner Position als Abteilungsleiter verdrängt. Sein Durchschnittseinkommen als Abteilungsleiter in den letzten drei Jahren vor seiner Verfolgung wurde später mit 4000,— RM (Reichsmark) beziffert.
1937, Hans Plessner wohnte zu dieser Zeit mit seiner Familie in Berlin-Schöneberg, wanderte sein einziger Sohn Otto mit 19 Jahren nach Südafrika aus. Hans und Johanna-Louise Plessner wollten 1938 ihrem Sohn nach Südafrika folgen und auswandern. Aber dazu kam es nicht.
Ab Mitte Juni 1938 musste Hans Plessner als Kassierer bei einem Hilfsverein für einen sehr geringen Lohn von 13,30 RM pro Woche arbeiten. Johanna Plessner musste für 18 RM die Woche Zwangsarbeit leisten. Sie mussten ihren Hausstand auflösen und ihre Vermögensgegenstände sowie ihren Hausrat weit unter Wert verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Verkäufe sollten auch dazu dienen, die für den Sohn bestimmten Pakete nach Südafrika zu verschicken. Allerdings konnten sie die Frachtkosten letztlich nicht aufbringen, und die beiden Kisten, die bei Braschen & Rothenstein in Berlin NW, Lüneburger Straße, eingelagert waren, blieben zurück und gingen verloren. In diesen Kisten befand sich eine große Menge an Hausrat: Geschirr, Töpfe, Lampen, Bettzeug, Besteck und Gläser.
Hier ist die Abschrift eines Briefes, den Hans und Johanna-Louise Plessner am 26. Juni 1938 an ihren Sohn gerichtet haben. Er beschreibt ihre damalige Situation deutlich:
„Mein gel.[geliebter] Junge, Deine 1. Zeilen vom 13. und 15.6. haben uns sehr erfreut und schöpfen wir daraus wieder neuen Mut und Hoffnung. Nur dass Du in letzter Zeit wiederholt erkältet warst, hat uns sehr betrübt, hoffentlich bist Du nun ganz wieder hergestellt, was ich Dir von Herzen wünsche. Dass Du hoffst, uns höchst bald herauszubekommen, macht uns sehr glücklich, hoffentlich sind Deine Bemühungen diesmal von Erfolg. Es ist auch für mich jetzt höchste Zeit, dass unsere Auswanderung vonstatten geht, denn die Nerven sind eben in heutiger Zeit schneller verbraucht, und diese Trennung macht einen mürbe. Jetzt schreibst Du wieder wie früher, mein gel.[geliebter] Junge, und das macht uns glücklich. Nun zu den Aufstellungen. Du weißt doch, vielleicht kannst Du Dich darauf besinnen, dass wir Gustav Brietz verklagen wollten und da stellte sich heraus, dass die meisten Sachen nicht mehr da sind und angeblich gestohlen sein sollen. Nun sitzt Gustav im Irrenhaus und
können wir im Moment nicht[s] weiter unternehmen. Es ist vielleicht möglich, dass wir noch etwas von den Sachen erhalten, wenn wir das Geld dazu haben, sie auszulösen. Seit einer Woche bin ich als Kassierer beim Hilfsverein eingestellt und habe die Woche 266,— Mk einkassiert und dann 5% Provision – 13.30 Mk. erhalten. Das ist ja nun gar nicht viel und quasi vorläufig nur ein Trinkgeld, aber ich habe eine Beschäftigung, die zwar sehr anstrengend ist, und Mutti hilft mir so fleißig mit, denn das Leben ist doch sehr schwer. Wenn ich ganz eingearbeitet bin, wird sich der Verdienst hoffentlich verdoppeln.….“
Es folgt eine Aufstellung aller Wert- und Haushaltsgegenstände, die sie im Central-Leihhaus Schöneberg (Innsbrucker Platz) und bei Gustav Brietz oder Briek (Westfälische Straße 50, Halensee) versetzen mussten. Für die wertvollen Gegenstände aus Gold und Silber, für Schmuck, Uhren, Besteck und Kleidung erhielten Sie nur insgesamt 255 Reichsmark.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnten Hans und Johanna-Louise Plessner in der Holsteinischen Straße 27.
Die letzte Nachricht, die der ausgewanderte Otto Plessner in Südafrika von seinen Eltern erhielt, war ein Brief über das Rote Kreuz vom 2. Februar 1943 mit Geburtstagswünschen.
Zu dieser Zeit waren sie in der Bamberger Straße 22 (Bezirk W30) im Parterre bei Löwenstein in einem möblierten Zimmer untergekommen. Dort zahlte das Ehepaar Plessner 50 RM pro Monat Miete. Johanna Plessner bekam damals nur 18 RM Wochenlohn. Hans Plessner musste beim Weser-Flugzeugbau in Tempelhof Zwangsarbeit leisten.
Am 27. Februar 1943 führte die Gestapo die sogenannte „Fabrikaktion“ beim Weser-Flugzeugbau durch, bei der auch Hans Plessner festgesetzt wurde. Die Fabrikaktion war eine von der Gestapo und bewaffneten SS-Männern am 27. Januar 1943 morgens durchgeführte Razzia in etwa 100 Betrieben, insbesondere auch Rüstungsbetrieben. Dabei wurden die bis dahin noch nicht deportierten Jüdinnen und Juden verhaftet, auf offenen Lastkraftwagen zu vorbereiteten Sammelstellen transportiert und anschließend deportiert. Den Begriff „Fabrikaktion“ prägten die Opfer erst nach 1945.
Am 28. Februar 1943, musste Hans Plessner seine Vermögenserklärung abgeben. Dabei teilte er mit, dass sie nach Südafrika auswandern wollten, ihr Sohn sei schon in Johannesburg. Er hatte zu diesem Zeitpunkt noch 70 Reichsmark bei sich.
Auch seine 53-jährige Schwester Lilli Bonin, geborene Plessner, wurde bei der „Fabrikaktion“ festgesetzt. Im Mai 1939 wohnte sie in Berlin-Wilmersdorf. Ihre letzte Adresse vor ihrer Deportation war die Pariser Straße 3. Lilli Bonin wurde mit dem 31. Osttransport am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Am 2. März 1943 wurde Hans Plessner einen Tag nach seiner Schwester und einen Tag vor seiner Frau Johanna-Louise als Nr. 622 mit dem 32. Osttransport nach Auschwitz deportiert. Dieser Transport umfasste insgesamt 1.758 Deportierte, darunter 1.529 jüdische Menschen aus Berlin und 157 aus Norwegen. Bei seiner Deportation war Hans Plessner 57 Jahre alt. Hans Plessner wurde in Auschwitz vor dem 8. Mai 1945 ermordet.
Seine Schwester Alice Roemer, deren Ehemann Erich bereits 1925 verstorben war, wohnte bei der deutschen „Minderheiten-Volkszählung“ im Mai 1939 zusammen mit ihrer Tochter Erika Roemer, damals 31 Jahre alt, in der Markobrunnerstraße 23 in Berlin-Wilmersdorf bei ihrem Sohn Horst, von Beruf Kaufmann, damals 33 Jahre alt. Alice Roemer wurde am 19. April 1944 nach Theresienstadt deportiert und überlebte das Ghetto.
Sein Bruder Curt Plessner war Architekt. Seit 1925 war er in zweiter Ehe mit Irmgard Marie Käte Mann, geboren 1913, verheiratet. Sie wohnten in Berlin-Charlottenburg in der Bayreuther Straße 33. 1938 flüchtete er nach Brüssel, weshalb ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Er überlebte dort und kehrte nach 1945 nach Berlin zurück. Am 15. Dezember 1964 verstarb er mit 77 Jahren.
Sein Sohn Otto Plessner erhielt die südafrikanische Staatsbürgerschaft. Nach dem Abitur, das er 1940 in Johannesburg absolviert hatte, arbeitete er bis 1955 als Angestellter. In erster Ehe war er in Johannesburg mit Eva Juliana Ingeborg Sandelowsky, geboren am 25. August 1922 in Königsberg, verheiratet.
In zweiter Ehe war Otto Plessner mit Mildred Milly Meyerowitz verheiratet, die am 12. April 1920 in Johannesburg geboren worden war. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor: Richard, Harold und Jonathan. Otto Plessner arbeitete als Verkäufer. 1955 wohnte er mit seiner Familie in Windhoek, Südwestafrika, bis sie 1963/1964 nach Houston, Texas, auswanderten. Dort erhielten sie 1968 die US-Staatsbürgerschaft. Ihre beiden älteren Söhne Richard, geboren am 16. April 1945, und Harold, geboren 1947, heirateten und gründeten Familien. Es gibt weitere Nachkommen in den USA.
Otto Plessner stellte von September 1955 bis Dezember 1965 verschiedene Entschädigungsanträge. Der Antrag auf Entschädigung für Schaden am Leben seiner Eltern wurde gemäß Bundesgesetz zur Entschädigung der nationalsozialistischen Verfolgung (BEG) 1965 abgelehnt, da Otto zum Zeitpunkt des Todes seiner Eltern bereits 27 Jahre alt war und eine entsprechende Entschädigung für Kinder nur bis zum 16. Lebensjahr gewährt wurde. Aufgrund von Anträgen in Bezug auf seinen Vater erhielt er Entschädigungen für Schaden im beruflichen Fortkommen. Sein eigener Ausbildungsschaden und seine Auswanderungskosten wurden entschädigt.
Mildred Meyerovitz Plessner verstarb am 12. Juli 1987 im Alter von 67 Jahren in Houston. Richard Plessner verstarb am 12. Mai 2000 mit 55 Jahren. Otto Plessner starb mit 85 Jahren am 31. August 2003 im Konsulat der USA in Johannesburg, Südafrika.