Stolpersteine Bregenzer Straße 9

Hausansicht Bregenzer Str. 9

Hausansicht Bregenzer Str. 9

Die Stolpersteine für Moritz Nadelmann und Clara Nadelmann wurden von Dr. Friedhelm Krey (Berlin) gespendet und am 16. Juni 2016 mit zahlreichen Anwohner/innen verlegt.

Dr. Krey hatte 2015 bei einem Besuch in Auschwitz-Birkenau in der Dauerausstellung der Gedenkstätte unter zahllosen Koffern auch einen mit dem Namen Clara Nadelmann und der Berliner Adresse Xantener Straße 2 (s. Foto) entdeckt. Daraufhin beschloss er, am letzten selbst gewählten Wohnort des Ehepaars Nadelmann an der Bregenzer Straße 9 zwei Stolpersteine zu ihrem Gedenken zu setzen. Nachkommen der Nadelmanns sind die Enkelin Sue und der Urenkel Joshua Raymond in Großbritannien. Es gelang, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Sie nahmen an der Stolpersteine-Verlegung teil. Joshua Raymond hielt eine Gedenkansprache.

Die Stolpersteine für Elsbeth Cäcilie Wartenberg und Dr. Wilhelm Wartenberg wurden am 7. Oktober 2020 verlegt.

Die Stolpersteine für Georg Lange, Pauline Lange, Margarete Schwabe, Richard Schwabe und Erna Meier wurden am 23. Juni 2026 verlegt.

Stolperstein für Moritz Nadelmann

HIER WOHNTE
MORITZ NADELMANN
JG. 1867
DEPORTIERT 29.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 5.3.1943

Moritz Nadelmann wurde am 17. April 1867 in Schwarzenau in der Region Posen (Poznan) geboren. Seine Eltern hießen Abraham und Jeannette geb. Hirschfeld.

Stolperstein für Clara Nadelmann

HIER WOHNTE
CLARA NADELMANN
GEB. BUTTERMILCH
JG. 1880
DEPORTIERT 29.1.1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Clara Nadelmann geb. Buttermilch wurde am 10. August 1880 in Benneckenstein im Harz in der Nähe des Brocken geboren. Ihre Eltern waren Rudolf und Margarete Buttermilch, geb. Joel.

Clara Nadelmann

Clara Nadelmann

Clara und Moritz Nadelmann kamen in den 1930er Jahren aus Stettin (Szczecin) nach Berlin, wohnten in der Bregenzer Straße 9 und hatten eine Adoptivtochter Irmgard (Irm), die schon in den 1920er Jahren nach England emigrierte und mehrmals verheiratet war. Sie starb 1999. Moritz Nadelmann war Rechtsanwalt und stand 1939 im Berliner Adressbuch als „Justizrat“. Nadelmanns hatten ein Vermögen, das nach ihren eigenen Angaben 26 696 Reichsmark betrug und Hypotheken auf zwei Grundstücke in Ahlbeck auf Usedom und in Müncheberg in Brandenburg.

Moritz Nadelmann

Moritz Nadelmann

Weil sie Juden waren, mussten sie zuerst in die Xantener Straße 2 ausweichen. Dorthin konnten sie einige Möbel und Hausrat aus der Bregenzer Straße, wo sie bis 1942 als Mieter registriert waren, mitnehmen, wie aus einer selbst angefertigten Auflistung hervorgeht. Für einen ihnen versprochenen ruhigen Lebensabend in Theresienstadt (Terezín) in Böhmen wurde ihnen jedoch das Gesamtvermögen als „Heimkaufbetrag“ abgenommen. Außerdem musste Moritz Nadelmann seine Sterbegeldversicherung von 542,11 RM bei der Deutschen Anwalt- und Notarversicherung kündigen.

Koffer von Clara Nadelmann

Koffer von Clara Nadelmann

Am 29. Januar 1943 wurden beide in einem verschlossenen Personenwagen des fahrplanmäßigen Zugs in Richtung Dresden-Prag mit 100 Menschen vom Anhalter Bahnhof in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort wurde Moritz Nadelmann am 5. März 1943 ums Leben gebracht. Als Todesursache wurde im Totenschein ein ‘Herzschlag’ angegeben.
Clara Nadelmann wurde am 9. Oktober 1944 in einem Güterzug mit 1600 Menschen aus dem Ghetto Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Unterdessen war die Wohnung in der Bregenzer Str. 9 mitsamt ihrer Einrichtung, deren Wert immerhin auf 1139 RM amtlich geschätzt wurde, dem Gesandten der irakischen Botschaft, Kamil el Gailani, „bevorzugt zugewiesen“.

Eine andere Verwandte lebt in den USA, mit der Friedhelm Krey ebenfalls Kontakt aufnehmen konnte: Ruth Nadelman Lynn, verheiratet mit Bruce Lynn in Lexington (Massachusetts). Sie hat für Clara und Moritz Nadelmann in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem 1995 Gedenkblätter hinterlegt und Stolpersteine zum Gedenken an ihre Großeltern mütterlicherseits, Paula und Martin Wolff, an der Sybelstraße 27 verlegen lassen.

Ruth Nadelman Lynn ist die Großnichte von Clara und Moritz Nadelmann. Ihr Großvater, der Apotheker Dr. Hugo Nadelmann aus Stettin, Erbe der (ehemals Königl. Hof- und Garnisons-) Apotheke seines Vaters Abraham Nadelmann, war der Bruder des Juristen Dr. Moritz Nadelmann.

Text: Dr. Friedhelm Krey, ergänzt von der Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf.

Quellen: Bundesarchiv, Adressbuch, Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Archiv Theresienstadt, Yad Vashem.

Stolperstein für Elsbeth Cäcilie Wartenberg

Stolperstein für Elsbeth Cäcilie Wartenberg

HIER WOHNTE
ELSBETH CÄCILIE
WARTENBERG
GEB. NATHANSOHN
JG. 1875
DEPORTIERT 14.1.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 15.8.1943

Elsbeth Cäcilie Nathansohn kam am 4. Mai 1875 in Berlin auf die Welt. Ihre Eltern waren der Kaufmann und Fabrikbesitzer Jakob (Jacques) Nathansohn und seine Frau Ida geborene Pincus. Das Ehepaar Nathansohn bekam neben Elsbeth 4 weitere Kinder. Paul war am 7. Mai 1874 geboren worden, Charlotte am 17. Mai 1878, Katharina am 19. Juli 1879 und Albert am 12. Mai 1882.

Jakob Nathansohn führte sein Geschäft in Berlin Mitte unter der französischen Version seines Vornamens, passend zu der edlen Ware, die er vertrieb.

Die Privatwohnung der Familie befand sich zu dieser Zeit am Lützowufer 23, später in der Keithstraße 3.

Im Jahr 1914 änderte sich die Situation der Familie Nathansohn dramatisch. Der Eintrag für die Firma war aus dem Adressbuch getilgt, sicher im Zusammenhang mit dem fast gleichzeitigen Tod der Eltern. Ida starb am 10. Januar und Jakob am 5. April 1914. Ihr Sohn Paul meldete den Tod seiner Eltern beim Standesamt. Zu dem Zeitpunkt wohnten sie schon in Wilmersdorf in der Sächsischen Straße 74, einer viel bescheideneren Wohngegend als zuvor. Paul änderte 1919 bei seiner Heirat seinen Nachnamen in Nansen. Er sollte als Architekt 10 Jahre später die Fassade des Hauses, in dem sein Schwager Wilhelm Wartenberg die Rothe Apotheke betrieb, im Rahmen der „Neuen Sachlichkeit“ umgestalten.

Adressbucheintrag Jaques Nathanson 1890

„Jacques Nathansohn, Handl. Roher und gefärbter Seiden, Perlen u. Artikel für die Passementerie, Vert. v. J & T Brocklehurst & Sons i. Macelesfield, C Kurstr. 29 Inh. Jacques Nathansohn.“ (Berliner Adressbuch 1890)

Elsbeth war bereits 1899 aus dem Elternhaus ausgezogen. Sie hatte am 11. Februar 1899 den Apotheker Dr. phil. Wilhelm Wartenberg geheiratet und lebte mit ihm in der Reichenberger Straße 63, in der sich auch dessen „Falkenapotheke“ befand. Ein Jahr später, am 21. Dezember 1900 kam die Tochter Elfriede auf die Welt, am 18. Januar 1906 der Sohn Fritz. 1907 wohnte die Familie in der Courbièrestraße 72. Elsbeths Mann hatte in diesem Jahr die „Marggraffsche Rothe Apotheke“ am Hackeschen Markt gekauft. Sie gilt heute als älteste Apotheke Berlins, die Innenräume stehen unter Denkmalschutz.

Von der Courbièrestraße zog die Familie ans Holsteiner Ufer 11 (1912 wurden die Hausnummern geändert, aus Nr. 11 wurde Nr. 20). Dort blieb die Familie bis 1933 wohnen.

Die Tochter Elfriede trat in die Fußstapfen ihres Vaters und wurde eine der ersten jüdischen Apothekerinnen Berlins. Fritz studierte ebenfalls Pharmazie, nach dem Studium arbeitete er ab 1931 in der Apotheke seines Vaters. Seine Heiratsanzeige von 1933 wies ihn, wie auch seinen Vater, als Apotheker und Doktor der Philosophie aus.

Wilhelm Wartenberg wurde 1933, gleich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, aller öffentlicher Ämter als Vorsitzender der Apothekerkammer und Mitglied des Reichsgesundheitsrats enthoben.
Die Wartenbergs mussten ihre Wohnung am Holsteiner Ufer aufgeben und zogen in die Mommsenstraße 1. Es war nur eine vorübergehende Bleibe. Ab 1937 wohnten sie in der Bregenzer Straße 9, nahe des Olivaer Platzes. Nachdem das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ 1939 in Kraft getreten war, wurden Elsbeth und Wilhelm Wartenberg gezwungen, aus dieser Wohnung aus- und in eine ihnen zugewiesene Unterkunft in der Prinzregentenstraße 4 einzuziehen.

Elsbeths Kinder waren längst verheiratet. Am 27. November 1926 hatte Elfriede den Arzt Dr. med. Hans Jungmann geheiratet. Das Ehepaar wanderte nach London aus, wo Elfriede 1971 verstarb. Fritz Wartenberg heiratete am 26. April 1933 Elisabeth Franziska Buchmann. Er hatte von seinem Vater die Leitung der Rothen Apotheke übernommen. 1937 musste er sie verkaufen und flüchtete ohne seine Frau und seine 1934 geborene Tochter Carla nach London.
Am 27. Januar 1942 kam der nächste Schicksalsschlag für Elsbeth, ihr Mann Wilhelm wurde auf einer Parkbank vor dem Haus Aschaffenburger Straße 22 tot aufgefunden. Gedemütigt und entrechtet starb er in aller Öffentlichkeit an Herzversagen. Die Schwiegertochter Elisabeth meldete seinen Tod dem Wilmersdorfer Standesamt.

Am 14. Januar 1943 wurde Elsbeth Wartenberg in das Ghetto Theresienstadt verschleppt und dort 5 Monate später, am 15. Juni, ums Leben gebracht. Als Todesursache wurde auf der Todesfallanzeige „Schenkelhalsbruch links“ und „Myokarditis“ vermerkt.

Ihre Schwiegertochter Elisabeth und die Enkelin Carla flohen am Tag der Deportation Elsbeths aus Berlin und überlebten Verfolgung und Krieg in wechselnden Verstecken auf dem Land. Wann Carla zu ihrem Vater nach England übersiedelte, ist nicht bekannt. 1990 erbte Carla Wartenberg die Apotheke ihres Großvaters in der Rosenthaler Straße und ließ sie in die Form zurückbauen, die ihr der Großvater Wilhelm 1929 gegeben hatte. Fritz Wartenberg kehrte zu einem nicht bekannten Zeitpunkt nach Deutschland zurück. Er starb 1983 in Donaueschingen.
Carla starb 2019, ein Jahr vor der Verlegung der Stolpersteine ihrer Großeltern, in London.

Recherche und Text: Karin Sievert, Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Deportationslisten
Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
Berliner Adressbücher- Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Landesarchiv Berlin , WGA , Heirats- und Geburtsregister
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank
https://zwanziger-jahre-berlin.de/4817-2/
https://de.wikipedia.org/wiki/Rothe_Apotheke
https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/apothekenpraxis/berlins-aelteste-apotheke-berlinapotheke-am-hackeschen-markt/

Stolperstein Dr. Wilhelm Wartenberg

HIER WOHNTE
DR. WILHELM
WARTENBERG
JG. 1868
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
TOT 27.1.1942

Wilhelm Wartenberg wurde am 26. Februar 1868 in Neumittelberg Krs. Breslau geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Benno Wartenberg und Friederike geb. Reichmann. Der 2 Jahre ältere Bruder Max starb 1920 in Berlin. Weitere Ereignisse aus dem Familienleben sind nicht bekannt.
Wilhelm studierte Pharmazie und Philosophie und besaß bereits um die Jahrhundertwende die Falkenapotheke in der Reichenberger Straße 63. Im selben Haus befand sich auch die Wohnung der jungen Familie Wartenberg.

Wilhelm hatte 1899 Elsbeth Cäcilie Nathansohn geheiratet, im Dezember 1900 wurde die Tochter Elfriede geboren, 1906 der Sohn Fritz. Beide Kinder wurden später ebenfalls Apotheker.

1907 kaufte Wilhelm Wartenberg die in der Rosenthaler Straße Ecke Schönhauser Straße gelegene Rothe Apotheke von den Marggraffschen Erben. Im selben Jahr begann auch seine standespolitische Karriere. Er wurde zunächst Mitglied des Berliner Apothekervereins, außerdem Vorsitzender der Apothekerkammer für die Provinz Brandenburg und die Stadtgemeinde Berlin sowie Mitglied des Reichsgesundheitsrates.

Adressbucheintrag Wilhelm Wartenberg

Die Rothe Apotheke gilt als älteste Apotheke Berlins und steht unter Denkmalschutz. Der ursprüngliche Besitzer Johannes Marggraff errichtete das Gebäude 1887 mit einer üppigen Stuckfassade. Wilhelm Wartenberg ließ 1929 die Fassade umarbeiten. Mit der Leitung der Umbaumaßnahmen wurde sein Schwager, der Architekt Paul Nansen (vor 1919: Paul Nathansohn) beauftragt. Er gestaltete das Äußere im Stil der „Neuen Sachlichkeit“ und die Inneneinrichtung in dunklem Holz, die Deckenmalereien stammen noch von 1887.

1931 zog sich Wilhelm Wartenberg aus dem eigentlichen Apothekenbetrieb zurück und stellte seinen Sohn Fritz ein, der sein Pharmaziestudium erfolgreich beendet hatte. Wilhelm widmete sich vorwiegend seinen standespolitischen Aufgaben. Diese fanden 1933 ein jähes Ende. Wilhelm Wartenberg wurde unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aller Ämter enthoben.

Am 19. September 1933 findet sich sein Name auf der Hamburger Passagierliste des Schiffes „Gothland“, Ankunftsort Leith, Schottland. Möglicherweise suchte er in Großbritannien für sich eine neue berufliche Zukunft zu finden – offenbar vergeblich.

Die Rothe Apotheke überschrieb er seinem Sohn Fritz. 1937 wurde die Arisierung der deutschen Apotheken eingeleitet und Fritz musste die Apotheke für 110 000 Reichsmark an den Apotheker Richard Berger, Mitglied der NSDAP, verkaufen. Fritz Wartenberg flüchtete noch im selben Jahr nach London, seine Frau Elisabeth, seine Tochter Carla und seine Eltern blieben in Berlin zurück.

Wilhelm und Elsbeth Wartenberg waren in diesem Jahr in die Bregenzer Straße 9 gezogen. Nachdem das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ 1939 verabschiedet war, finden sich keine Einträge von Wartenberg mehr unter dieser Adresse. Das Ehepaar wurde in die Prinzregentenstraße 4 umgesetzt, wahrscheinlich in die Wohnung einer anderen jüdischen Familie.
Wilhelm Wartenberg war seiner Ämter enthoben, hatte sein Lebenswerk, die Rothe Apotheke, verloren, seine Bestallung als jüdischer Apotheker war am 31. Januar 1939 erloschen, seine Kinder waren ins Ausland geflohen, er war entrechtet und gedemütigt. Am 27. Januar 1942 wurde Wilhelm Wartenberg auf einer Parkbank in Wilmersdorf tot aufgefunden. Die Diagnose lautete Herzschlag, sein Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Recherche und Text: Karin Sievert, Stolpersteininitiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Deportationslisten
Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
Berliner Adressbücher- Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Landesarchiv Berlin , WGA , Heirats- und Geburtsregister
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank
https://zwanziger-jahre-berlin.de/4817-2/
https://de.wikipedia.org/wiki/Rothe_Apotheke
https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/apothekenpraxis/berlins-aelteste-apotheke-berlinapotheke-am-hackeschen-markt/

Stolperstein für Pauline Lange

Stolperstein für Pauline Lange

HIER WOHNTE
PAULINE LANGE
GEB. NEUMANN
JG. 1878
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 22.10.1942

Pauline Lange geb. Neumann kam am 28. September 1878 in Berlin auf die Welt. Sie hatte sieben Geschwister.

Ihr Vater war der Kaufmann Mayer Neumann (1835 – 1902), ihre Mutter Hulda Chaja Golda Neumann geb. Murawer. Das Ehepaar Neumann lebte zunächst in Chorzele/Chorzellen (damals Russland), dort kamen die drei ältesten Kinder auf die Welt.
Am 13. Mai 1862 wurde Jossek genannt Pinkus geboren, er starb am 17. August 1922 in Berlin. Drei Jahre später, 1865, wurde Isaak Julius geboren, er starb am 11. Mai 1909. Leo kam am 14. Juli 1866 auf die Welt, er starb am 24. Juli 1937 in Berlin. Seine Witwe Lea wurde 1943 in Auschwitz ermordet.

Pauline Lange

Pauline Lange

Zwischen 1865 und 1875 zog die Familie nach Berlin in die Rosenthaler Straße, wo die Familie im Laufe der Jahre größer wurde.
Die 1875 geborene Minna wurde nur 12 Jahre alt, sie starb am 9. Januar 1887.
Paul, geboren am 16. Juni 1876, wurde 1942 ins Ghetto Piaski deportiert und starb noch während des Transportes, seine Frau wurde im Ghetto ermordet.
Clara, geboren am 28. Februar 1880 in Berlin, verheiratet mit Martin Just, wurde am 1. November 1941 nach Litzmannstadt deportiert und am 8. Mai 1942 in Kulmhof ermordet. Sie waren Eltern eines 1910 geborenen Sohnes.
Es soll noch den Bruder David Neumann gegeben haben, über ihn gibt es keine gesicherten Daten.

Pauline Lange mit Werner und Kurt

Pauline Lange mit Werner und Kurt

Pauline lernte in Berlin den Möbelfabrikanten Georg Lange kennen. Sie heirateten am 25. Januar 1906. Bald wurden die Söhne geboren, Kurt am 31. Oktober 1906 und Werner am 11. November 1912.

Das weitere Schicksal von Pauline Lange ist in der Biografie ihres Ehemannes Georg enthalten.
Beide wurden am 3. Oktober 1943 mit dem 1.021 Menschen umfassenden 3. „großen“ Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Pauline überlebte die katastrophalen Umstände im Ghetto nur um knapp drei Wochen, sie starb am 22. Oktober 1942. Georg überlebte noch knapp sieben Monate unter menschenunwürdigen Bedingungen, er starb am 21. April 1943.

Recherche: Karin Sievert und Dr. Katrin Völkner
Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Deportationslisten
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Loose: Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941–1944. Ein Gedenkbuch“
Yad Vashem – Opferdatenbank
Arolsen Archives
MyHeritage
Weitere ergänzende Informationen und Fotos aus dem Nachlass der Familie Lange

Stolperstein für Georg Lange

Stolperstein für Georg Lange

HIER WOHNTE
GEORG LANGE
JG. 1877
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 21.4.1943

Georg Lange kam am 15. Januar 1877 in Schieroth/Oberschlesien als eins von 12 Kindern des Ehepaares Karl (1840 – 1895) und Rosalie Lange geb. Kornfeld (1841 – 1891) auf die Welt.

Das Dörfchen Schieroth hatte zwischen 600 und 800 Einwohner. Sein Vater Karl Lange war Bauer und Inhaber eines Gasthofes in Schieroth. Die große Familie wohnte im oberen Teil des riesigen Bauernhauses, im Parterre befanden sich der Gasthof und ein kleiner Laden. Nach einem anstrengenden Leben in der Landwirtschaft und der Geburt von 12 Kindern starb Georgs Mutter im Alter von 50 Jahren.

Bis auf den Bruder Max verließen alle Kinder das Dorf und zogen nach Beuthen, Gleiwitz und Hindenburg; die meisten der Geschwister zogen nach Berlin.
Max war nun der einzige Jude im Dorf und ein angesehenes Mitglied der Dorfgemeinschaft. Er betrieb die Gastwirtschaft und den Laden, bis SA-Mitglieder 1933 den Dorfbewohnern den Zutritt verwehrten, indem sie sich vor dem Eingang aufstellten. Isoliert und verzweifelt starb Max an einem Herzinfarkt.

Georg zog nach Berlin, wo er seine Frau Pauline Neumann (*28. September 1878 in Berlin) kennenlernte und am 25. Januar 1906 heiratete. Bald kam der erste Sohn zur Welt. Kurt wurde am 31. Oktober 1906 geboren, sechs Jahre später folgte sein Bruder Werner, der am 11. November 1912 geboren wurde. Damals wohnte die Familie in der Wöhlerstraße 21 in der Oranienburger Vorstadt in Berlin Mitte.

Georg Lange

Georg Lange

Georg war Kaufmann und Möbelfabrikant. Eine Geschäftsadresse kann ihm nicht eindeutig zugeordnet werden, es gab zu viele namensgleiche Kaufleute aus derselben Branche.
Möglicherweise handelte es sich bei der Firma „Lange & Gilberg, Möbel (Industrie) Eingetragen im Handelsregister/ Gründung 1905 Erloschen 1936 Zeebrüggestr. 34, Berlin“ um Georg Langes Unternehmen.

Nach den Schilderungen von Werner Lange waren Georg und Pauline liebevolle Eltern und voller Stolz auf ihre Kinder. Sie legten großen Wert auf eine gute Bildung. Werner und Kurt machten das Abitur und besuchten in Berlin die Hochschule. Werner studierte Rechtswissenschaften, bis er nach der Machtergreifung 1933 als Jude von der Universität verwiesen wurde. Kurt studierte Medizin mit der Fachrichtung Inneres.
Beide Söhne erkannten rechtzeitig die sich anbahnende physische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung und wanderten 1938 nach New York und Los Angeles / USA aus. Sofort nach ihrer Ankunft versuchten sie, die Eltern nachzuholen. Die Registrierungsnummer für ein Visum war aber so hoch, dass ihnen die Ausreise vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nicht gelang. Kurt und Werner versuchten es auf anderem Wege. Für ein paar tausend Dollar kauften sie Einreisevisa nach Kuba. Dazu sollten Georg und Pauline einen besonderen Zug nach Spanien besteigen, von wo aus sie nach Kuba gelangen sollten. Das Unterfangen scheiterte aus unbekannten Gründen.

Nachdem Werner und Kurt Deutschland verlassen hatten, waren Georg und Pauline in eine kleine 2-Zimmer–Wohnung „mit allem Komfort“ im Vorderhaus 4. Stock in die Bregenzer Straße 9 gezogen. Von dort wurden beide am 3. Oktober 1943 mit dem 1.021 Menschen umfassenden 3. „großen“ Alterstransport in das böhmische Ghetto Theresienstadt deportiert.
Sie fanden dort katastrophale Zustände vor. Die primitiven Unterkünfte waren völlig überfüllt, es herrschten Hunger und Kälte, eine ärztliche Versorgung und Medikamente bei grassierenden Krankheiten fehlte gänzlich.
Pauline überlebte diese Umstände nur um knapp drei Wochen, sie starb am 22. Oktober 1942, Georg musste noch knapp sieben Monate im Ghetto ausharren, er starb am 21. April 1943.
Die Söhne erhielten zunächst noch kurze Nachrichten von ihren Eltern durch das Rote Kreuz, dann kam nur noch die Benachrichtigung ihres Todes.

Ausplünderung, Diffamierung, Hass und Herabwürdigung der jüdischen Mitmenschen setzte sich auch nach deren Tod noch fort.
Einen Tag vor der Deportation hatten Georg und Pauline Lange eine „Vermögenserklärung“ auszufüllen, in der akribisch ihre verbliebenen Besitztümer aufzulisten waren.
Das „Vermögen“ des Ehepaares wurde „zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“, die auf 130 RM (Reichsmark) bewerteten „beschlagnahmten Gegenstände aus dem Vermögen des abgefahrenen Juden Georg Lange“ an einen Referenten des „Reichspropagandaamtes – Ausland“ verkauft. Dieser bezog auch die Wohnung und verlangte vom Vermieter eine „grundlegende Instandsetzung der Judenwohnung Lange“. Die Wohnung habe sich in einem arg verwohnten Zustand befunden. Die Wohnung müsse ferner vollständig „entgast“ werden, da „die Ehefrau des Wohnungsinhabers mit einer ansteckenden Krankheit behaftet war“.

Bregenzer Straße 9: Georg Lange (oben rechts) mit seinen Geschwistern

Von den Geschwistern Georg Langes wurden vier mitsamt ihren Familienangehörigen in Konzentrationslagern ermordet. Einige überlebten und starben später eines natürlichen Todes, viele konnten auswandern.

Recherche: Karin Sievert und Dr. Katrin Völkner
Text: Karin Sievert Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de
  • Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Deportationslisten
  • Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
  • Loose: „Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941 – 1944
  • Yad Vashem – Opferdatenbank
  • MyHeritage
  • Arolsen Archives
  • Weitere ergänzende Informationen und Fotos aus dem Nachlass der Familie Lange
Stolperstein für Margarete Schwabe

Stolperstein für Margarete Schwabe

HIER WOHNTE
MARGARETE
SCHWABE
GEB. HAUSDORF
JG. 1894
DEPORTIERT 29.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Rosa Margarete Schwabe geb. Hausdorf kam am 25. Juni 1894 in Berlin auf die Welt. Sie war Tochter des jüdischen Ehepaares Karl Hausdorf (*1859 – 8. März 1921) und Martha Hausdorf geb. Holzner (*2. Februar 1862).
Margarete hatte zwei Schwestern, Gertrud (Trudi), geb. am 26. November 1891 und Charlotte Lilli, geb. am 10. Dezember 1897.
Karl Hausdorf führte in der Leipziger Straße 101 ein Unternehmen für Seiden- und Wollstoffe, in dem Margaretes späterer Ehemann Richard Schwabe als Teilhaber beschäftigt war. Die Wohnung der Familie Hausdorf befand sich bis 1912 in der Schützenstraße 73, ab 1913 Am Karlsbad 22 – sicher zur Freude von Martha Hausdorf, die im böhmischen Karlsbad geboren wurde.
Möglicherweise lernte Margarete Richard durch die berufliche Verbundenheit zu ihrem Vater kennen. Sie heiratete ihn am 3. Juni 1920.
Zehn Monate später, am 8. März 1921, starb ihr Vater. Durch Richards Teilhaberschaft blieb die Firma in der Familie.
Während ihre Schwester Charlotte ledig blieb, hatte Gertrud bereits 1913 den „Agenten“ Michaelis Grün geheiratet, von dem sie aber nach 15 Jahren Ehe 1928 geschieden wurde.
Die Ehen aller drei Schwestern Hausdorf waren kinderlos.
Die Witwe Martha Hausdorf blieb noch einige Jahre in der großen Wohnung Am Karlsbad 22, nach mehreren Umzügen wohnte sie ab 1940 in der Sächsischen Straße 10/11. Im April 1942 musste sie diese Wohnung verlassen und zwangsweise in die Augsburger Straße 39 in eine 3,5-Zimmer–Wohnung einziehen, Charlotte wohnte dort mit ihr zusammen.
Mutter und Tochter wurden beide am 28. Januar 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Martha überlebte die Torturen des Lagers und starb im Oktober 1948 im Krankenhaus Berlin-Buch. Charlotte wurde am 12. Oktober 1944 weiter nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Gertrud überlebte die Verfolgung in der Schweiz, im Januar 1947 gelang die Einreise in die USA.

Margarete und ihr Mann Richard lebten bis 1935 in der Königsallee 54 in einer großen Mehrfamilienvilla an der Ecke Hagenstraße, ab 1936 wohnten sie in der Bregenzer Straße 9.
Im April 1942 zwang man sie, ihre dortige Wohnung zu verlassen und stattdessen in eine 2,5-Zimmer-Wohnung „mit allem Komfort“ in der Württembergallee 26/27 zu ziehen. Für die Wohnung mussten sie 110 RM (Reichsmark) monatlich bezahlen. Einen Teil ihres Mobiliars konnten sie in die sehr viel kleinere Wohnung mitnehmen.
In Anwesenheit von Richards Schwester Leonie wurde bei Richard und Margarete Schwabe im Januar 1943 eine Hausdurchsuchung durch die Gestapo durchgeführt. Es war der Auftakt für die bevorstehende Deportation.
Am 26. Januar 1943 unterzeichneten sie die obligatorische „Vermögenserklärung“, in der alle verbliebenen Besitztümer akribisch aufgeführt werden mussten.
Einen Tag später wurden sie von der Gestapo aus ihrer Wohnung abgeholt und in die Sammelstelle Große Hamburger Straße gebracht.
Am 29. Januar deportierte man sie in das Vernichtungslager Auschwitz. Es war der 1.000 jüdische Menschen umfassende „27. Osttransport“. Ob sie bei der Selektion an der Rampe noch registriert und damit als tauglich für die Zwangsarbeit eingestuft wurden, oder ob ihr Leben sogleich in einer der Gaskammern endete, ist nicht bekannt.

Recherche: Karin Sievert und Dr. Katrin Völkner
Text: Karin Sievert Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
Theresienstädter Gedenkbuch Holocaust.cz
Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten – Entschädigungsbehörde
Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Deportationslisten
Gottwald/Schulle „Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“
Yad Vashem – Opferdatenbank
Arolsen Archives
Personenstandsunterlagen über Ancestry
MyHeritage

Stolperstein für Richard Schwabe

Stolperstein für Richard Schwabe

HIER WOHNTE
RICHARD SCHWABE
JG. 1885
DEPORTIERT 29.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Stolperstein für Erna Meier

Stolperstein für Erna Meier

HIER WOHNTE
ERNA MEIER
GEB. GOLDSTEIN
JG. 1898
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

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Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

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