HIER WOHNTE
GERDA BERGMANN
GEB. VOGEL
JG. 1917
FLUCHT 1939
AUSTRALIEN
Gerda Vogel kam am 3. Februar 1917 als einziges Kind von Fritz Vogel und dessen Ehefrau Else geborene Levy (Lewy) in Berlin zur Welt. Ihre Mutter, eine Kaufmannstochter aus Kulm an der Weichsel (heute Chełmno in Polen), war nach Berlin gezogen, um dort Klavier zu studieren. Am Konservatorium hatte sie ihren späteren Mann und Gerdas Vater kennengelernt, der dort Orchester- und Chorleitung studierte. Gerdas Eltern hatten um 1912 geheiratet. Die Familie Vogel wohnte in Halensee.
Als Gerda zwei Jahre alt war, verliebte sich ihr Vater, der inzwischen am Mohr’schen Konservatorium in Steglitz unterrichtete, in eine seiner Schülerinnen und verließ Frau und Tochter. Die Ehe wurde geschieden. Fritz Vogel heiratete seine Geliebte, eine Nicht-Jüdin namens Frieda Bredow, mit der er später noch einen Sohn bekam. Diese im Jargon der Nationalsozialisten „Mischehe” genannte Verbindung rettete ihm später das Leben. Er starb 1969 in Berlin.
Auch Gerdas Mutter verheiratete sich bald ein zweites Mal. Über ihre gemeinsame Liebe zur Musik hatte sie den aus Weimar stammenden Journalisten Friedrich Nathan (*10. August 1888) kennengelernt, der bei der „Berliner Illustrirten Zeitung” arbeitet. Das Paar heiratete, als Gerda ungefähr vier Jahre alt war. Zwischen Gerda und ihrem Stiefvater, den sie „Onkel Fidi” nannte, scheint es Liebe auf den ersten Blick gewesen zu sein. 1996 gab Gerda der USC Shoah Foundation ein Interview, worin sie sich sehr lebhaft an ihre Kindheit erinnerte: Wie sie mit Onkel Fidi das Sportfechten übte, wie sie gemeinsam bei Urlauben in der Schweiz auf „Berge rannten”, wie er ihr ein Akkordeon kaufte: „Ich nannte ihn Onkel, aber er war mir alles, was mir ein Vater hätte sein können.” Bis sie in die Schule kam, hatte Gerda auch noch Kontakt zu ihrem leiblichen Vater, dann beendete sie diese Treffen auf eigene Initiative. Sie sah ihren Vater erst in den 1960er-Jahren wieder, kurz
vor seinem Tod, als sie Berlin besuchte. Auch zu ihrem Halbbruder Wolfgang Günther Vogel aus der zweiten Ehe ihres Vaters verlor sie den Kontakt.
Die Familie Nathan wohnte zunächst in der Joachim-Friedrich-Straße in Halensee, zog dann in die Johann-Georg-Straße um und von dort in die Emser Straße 19-20 in eine schöne Parterrewohnung mit Garten. „Großmutti Nathan”, Friedrich Nathans verwitwete Mutter, wohnte ganz in der Nähe. Gerda wurde in Halensee eingeschult. „Ich war die Kleinste und konnte am schnellsten rennen”, erzählte sie 1996. Sie erinnerte sich auch, dass sie erst an ihrem ersten Schultag, als alle Kinder nach ihrer Konfession gefragt wurden, mit Erstaunen realisierte, dass sie Jüdin war. Religion spielte in ihrer Familie keine Rolle. Ihre Eltern hatten einen großen, internationalen Freundeskreis und bekamen oft Besuch. Sie musizierten zusammen, die Mutter am Klavier, „Onkel Fidi“ an der Geige. Gerdas Jugend war sorgenfrei, harmonisch und abwechslungsreich. Sie war von klein auf wissbegierig, willensstark und eine begeisterte Sportlerin und träumte nach dem Wechsel aufs Gymnasium sogar von einer
Teilnahme an der Olympiade als Leichtathletin. In der Schweiz lernte sie Skifahren, mit ihren Freunden, einer Clique ehemaliger Pfadfinderinnen und Pfadfinder, streifte sie durch die Natur und ging Kanufahren.
Zwei Tage vor ihrem 16. Geburtstag, am 1. Februar 1933, hielt der neue Reichskanzler Adolf Hitler seine erste Radioansprache. Gerda erinnerte sich als alte Frau lebhaft daran, wie sie mit ihren Eltern vor einem neu gekauften Radio von Siemens saß und zuhörte. Ihr Stiefvater war überzeugt, dass „im Land von Goethe und Schiller” dieser Horror nicht von Dauer sein könnte; ihre Mutter kommentierte: „Er wird uns alle umbringen”.
Bald nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten veränderte sich die Situation für die Familie Nathan. Gerdas Stiefvater verlor seine Stelle bei der Berliner Illustrirten Zeitung und wechselte zur CV-Zeitung, der Wochenzeitung des Centralverbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, wo er bis zu ihrem Verbot 1938 tätig war. Plötzlich waren sie von Feinden umgeben; ihr Dienstmädchen entpuppte sich als Nazi und musste entlassen werden, die Nachbarn bespitzelten sie. Gerda erinnerte sich später, wie sich die ganze Familie ins Elternbett verkroch und unter der Decke flüsterte, wenn es etwas zu besprechen gab. Sie beharrte darauf, dass sie „trotz Hitler eine schöne Jugend” gehabt habe. Das Gymnasium musste sie abbrechen und wechselte auf eine jüdische Berufsschule. Sie dachte über Emigration nach, unterstützt von ihrem Freund, der selbst kein Jude war und ständig zu ihr sagte, „haut ab, haut ab”. Gerda lernte alles, was im Ausland irgendwie von Nutzen sein
konnte: Hauswirtschaft, Buchhaltung, Kinderpflege, Physiotherapie, Fotografie, Sprachen. Auch ihre Mutter frischte ihr Englisch und Französisch auf. Ihr Stiefvater hielt an seinem Optimismus fest: Die Zeiten würden bald besser werden. Wahrscheinlich fühlte er sich auch als dekorierter Veteran der Ersten Weltkriegs mitsamt seiner Familie geschützt.
Am späten Abend des 9. Novembers 1938 geriet Gerda auf dem Heimweg von einer Physiotherapie-Stunde in die „Kristallnacht”-Pogrome. Vor der Synagoge in der Fasanenstraße lagen zerfledderte Bücher und ein alter Mann im Nachthemd wurde herumgehetzt und geprügelt. Gerda stand reglos mit dem Rücken an einer Hausfassade und griff hinter sich mit beiden Händen ins Gemäuer, bis ihr alle Fingernägel abgebrochen waren. Als sie zu Hause ankam, war ihr Stiefvater bereits geflohen. Er versteckte sich in einem Unterschlupf am Stadtrand. Gerda und ihre Mutter brachten ihm Kleidung und Essen. Später kehrte er in die Familienwohnung in der Emser Straße zurück.
Wenig später organisierte Gerda ihre Emigration. Sie heiratete einen Freund aus dem jüdischen Sportverein, Georg Bergmann, der Angehörige in Australien hatte und eine australische Einreiseerlaubnis „mit Frau”. 1939 verließ das junge Ehepaar zusammen mit Georgs Mutter vom Bahnhof Zoo aus Berlin. Gerdas Mutter brachte sie zum Zug. Sie gab ihrer Tochter eine Salami und ein Taschentuch und winkte ihr nach. Gerda sah ihre Mutter und ihren Stiefvater nie wieder. Wer ebenfalls emigrierte, war „Großmutti Nathan” (Rosa Nathan geb. Markus). Sie reiste noch 1940 zu ihren älteren Söhnen Alfred und Rudolf aus, die bereits in den USA lebten. Sie starb 1942 in Pennsylvania. Gerdas Mutter und ihr Stiefvater blieben in der Emser Straße zurück.
Gerda Bergmann und ihr Mann Georg reisten erst nach Rotterdam, dann weiter nach England. Von dort traten sie die siebenwöchige Schiffsreise nach Australien an, die Gerdas Eltern bezahlten. In Australien fand Gerda Arbeit als Fotografin, ihr Mann war zunächst als Landarbeiter tätig und trat dann in die australische Armee ein. 1940 bekamen sie ihr erstes Kind, die Tochter Madeleine. Ihre Mutter und ihr Stiefvater in Berlin erfuhren noch, dass sie Großeltern geworden waren; von Gerdas zweitem Kind, dem Sohn Gary, der 1943 auf die Welt kam erfuhren sie nichts mehr. Else und Friedrich Nathan wurden am 17. März 1943 von Berlin ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie noch anderthalb Jahre die unmenschlichen Lebensbedingungen ertragen mussten. Im Herbst 1944 verschleppte man sie weiter nach Auschwitz. Am 19. Oktober 1944 kamen beide ums Leben. Gerda erfuhr das Todesdatum ihrer Eltern erst nach Kriegsende. Sie war ihr Leben lang davon überzeugt, dass sie nicht in der Gaskammer
ermordet wurden, sondern auf dem Weg von Theresienstadt nach Auschwitz Suizid begingen. Ihre Tante mütterlicherseits, die in den USA lebte, hatte berichtet, dass Else und Friedrich schon bei ihrer Deportation aus Berlin entweder Zyankalikapseln oder ausreichend große Mengen des Schlafmittels Veronal bei sich hatten, um den Nazis zuvorzukommen.
Gerda Bergmann schrieb ihren Namen in Australien Gerida Bergman. Ihr Mann und sie adoptierten noch ein Mädchen namens Judy, deren Eltern ebenfalls im Holocaust getötet worden waren. Gerida arbeitete in verschiedenen Berufen, unter anderem in einer Gärtnerei, im Sekretariat einer jüdischen Schule und dann bis zu ihrer Berentung in der Abteilung für Sportwissenschaften der Universität Sydney. 1970 ließ sie sich von ihrem Mann Georg scheiden. Sie hatte mehrere Enkelkinder, darunter die Tochter ihrer Tochter Madeleine, Mireille Juchau geborene Bergman. Mit ihr besuchte sie 2002 Berlin und zeigte ihr ihre verlorene Heimat. Dabei wiederholte sie immer wieder die Frage: „Glaubst du, du könntest hier leben?” Gerida Bergman starb am 9. November 2004 mit 87 Jahren in Sydney.
Recherche und Text: Christine Wunnicke
Quellen:
- Yad Vashem
- Gedenkbuch des Bundes
- mappinthelives.org
- MyHeritage
- Berliner Adressbücher
- Mireille Juchau: “ Berlin story: Mireille Juchau visits Berlin with her grandmother who fled the city on the eve of the Second World War” in: Meanjin, Vol. 61, Issue 3, 2002
- Visual History Archive der USC Shoa Foundation, Interview Gerida Bergman née Vogel, 21.10.1996