Stolpersteine Emser Straße 19-20

Hausansicht Emser Str. 19-20

Der Stolperstein zum Gedenken an Otto Bendix wurde von seinem Enkel Gerald (Gerry) Bendix gewünscht und von der gesamten Familie gespendet: Kathleen Bendix Liebenow, Danika Miskelly, Rob Miskelly, Eleanor Miskelly, Anna Petra Liebenow, Valeska Martin, Erik Martin, Elliott Martin, Theodore Martin, Gerald Bendix, Peter Bendix, Adia Benton, Salma Bendix, Nika Maurer, Kevin Maurer, David G. Bendix, Rae Ellen Bendix, Judy Bendix, Thomas Pehrson, Piper Pehrson, Zoe Pehrson, Ernest Gomes, Karen Schwartz, Samuel Gomes, Julia Gomes, Lori Gomes, Mark Gomes. Er wurde am 16.6.2016 verlegt.

Die Stolpersteine für Helene Markus, Irma Goldstein, Georg Freudenthal, Rosa und Zerline Eckstein, Else und Friedrich Nathan, Gerda Bergmann wurden am 10.05.2019 verlegt.

Stolperstein Otto Julius Bendix

HIER WOHNTE
OTTO JULIUS BENDIX
JG. 1878
DEPORTIERT 3.10.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 8.1.1943

Julius Otto Bendix wurde in Berlin am 5. Dezember 1878 geboren. Seine Eltern waren Hugo und Anna geb. Hauer. Otto, dessen zweiter Name Julius war, wuchs in Berlin auf und folgte seinem Vater in die 1870 gegründete familieneigene Textilfirma Julius Bendix Söhne. Diese Firma hatte Fabriken und Büros mit Beschäftigten in kleinen Gemeinden in Schlesien und Böhmen, wo Arbeitsplätze knapp waren. Otto war als freundlicher und großzügiger Chef angesehen, er fuhr Ski und war Briefmarkensammler.

Otto Julius Bendix

Er heiratete am 26.12.1911 Gertrude Stern und war Vater der drei Kinder Gerhart (geboren 1913), Günter (1916) und Monika (1918). Otto und Gertrude Bendix traten als Juden zum Christentum über, die Kinder besuchten lutherische Schulen und wurden konfirmiert. 1925 ließen sie sich scheiden. Otto Bendix heiratete im selben Jahr Gertrud (Trude) Gurschke. Diese Ehe blieb kinderlos.

Seine erste Frau und die drei erwachsenen Kinder flüchteten 1938 in die USA. Otto blieb in Deutschland, weil er annahm, dass ihn seine guten Verbindungen und seine Position vor Verfolgung schützten. Letztlich aber verkauften die Nazis seine Wohnung und die Firma. Trude, die Arierin war, und er ließen sich scheiden, sodass sie nicht den Judenverfolgungen wie er ausgesetzt war. Wahrscheinlich blieben sie zusammen, bis er bei einem jüdischen Bekannten in der Pariser Straße 27 unterkam.

Am 4. Oktober 1942 wurde Otto Julius Bendix festgenommen und nach Theresienstadt deportiert, wo er am 8. Januar 1943 ums Leben gebracht worden ist. Er wurde 64 Jahre alt. Sein Totenschein, in den ein „akuter Darmkatarrh“ – eine Umschreibung für die Folgen der unhygienischen Zustände im Ghetto – als „Krankheit“ und Todesursache eingetragen wurde, ist einsehbar.

Julius Otto Bendix was born in Berlin, on 5 December 1878. His parents Hugo and Anna (née Hauer) Bendix, were German citizens of Jewish descent. Otto was raised in Berlin and joined his father in business at the family-owned linen / textile company, “Julius Bendix Söhne” founded in 1870. The company had offices in Berlin, and factories in Friedland, Silesia and Qualisch, Bohemia. The factories employed many residents of these small communities at a time when jobs were scarce. Otto was considered a kind and generous employer. He enjoyed skiing, and was an avid stamp collector.

Otto married Gertrude Stern on 26 December 1911, and was a loving father to their 3 children, Gerhart born 1913, Günter born 1916, and Monika born 1918. Otto and Gertrude converted to Christianity and their children attended Lutheran parochial schools and were confirmed as Lutherans.

Otto and Gertrude divorced in 1925 and he remarried in the same year to Gertrud Gurschke or Trude. They had no children.
His first wife and his three adult children fled to the United States in the fall of 1938 after the Nazis took control of Czechoslovakia. Otto remained in Germany thinking that his social connections and respected position in the business community would protect him from Nazi persecution. Ultimately, however, the Nazis forced the sale of his home and his company. It is believed that he and Trude, who was Gentile, divorced so that she would not be subject to the same persecution directed at Otto. It is likely that they continued to live together until he was deported to a concentration camp. Or it is possible that, no longer able to work, he moved to a room in the home of a Jewish acquaintance. On 4 October 1942 Otto was arrested and transported to the Theresienstadt concentration camp. His death was recorded three months later on 8 January 1943. Otto had just turned 64.

Otto’s grandchildren, great-grandchildren, and great-great-grandchildren, all citizens of the United States of America, honor his memory with the laying of this Stolperstein. Otto is also commemorated with a headstone at the Weißensee Cemetery in Berlin and is listed in the Yad Vashem Central Database of Shoah Victims’ Names.

Text: Gerald Bendix (Redding, Kalifornien, USA)

Stolperstein Helene Markus

HIER WOHNTE
HELENE MARKUS
GEB. COHN
JG. 1888
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
20.10.1941

Stolperstein Irma Goldstein

HIER WOHNTE
IRMA GOLDSTEIN
JG.1895
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
20.10.1941

Stolperstein Georg Freudenthal

HIER WOHNTE
GEORG
FREUDENTHAL
JG.1864
DEPORTIERT 11.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 25.8.1942

Stolperstein Rosa Eckstein

HIER WOHNTE
ROSA ECKSTEIN
GEB. FREUDENTHAL
JG.1870
DEPORTIERT 11.8.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Stolperstein Zerline Eckstein

HIER WOHNTE
ZERLINE ECKSTEIN
GEB. EBSTEIN
JG. 1863
DEPORTIERT 11.8.1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Stolperstein Else Nathan

HIER WOHNTE
ELSE NATHAN
GEB. LEVY
GESCH. VOGEL
JG. 1891
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Else Levy (die Familie schrieb ihren Namen Lewy) kam am 18. Januar 1891 als Tochter von Leo Lewy und dessen Ehefrau Margaret, geborene Epstein im westpreußischen Kulm an der Weichsel (heute Chełmno in Polen) zur Welt. Sie hatte einen großen Bruder namens George (*1889), der bereits 1905 starb, und eine kleine Schwester namens Hedwig (1892-1969). Der Vater war in einem kaufmännischen Beruf tätig und ein vielseitig interessierter Mann. Er bastelte gerne und war sehr sportlich. Als in Kulm die Fahrräder in Mode kamen, zwang er die ganze Familie, Fahrrad fahren zu lernen. Else und Hedwig besuchten ein Mädchengymnasium. Else wollte nach dem Abitur Medizin studieren, was ihre Mutter aber nicht erlaubte. Nun wollte sie ihr musikalisches Talent zum Beruf machen. Sie zog nach Berlin und nahm an einem privaten Konservatorium ein Klavierstudium auf. Sie verliebte sich dort in ihren Kommilitonen Fritz Isidor Vogel (*1888), der Orchester- und Chorleitung studierte. Else und Fritz heirateten um 1912 in Berlin. Danach scheint Else ihr Musikstudium aufgegeben zu haben. Sie arbeitete eine Weile als Lehrerin, später gab sie „Hausfrau” als Beruf an. Das Ehepaar Vogel wohnte in Halensee. Dort bekamen sie am 3. Februar 1917 ihr einziges Kind, die Tochter Gerda.

Als Gerda zwei Jahre alt war, verliebte sich Elses Mann, der inzwischen am Mohr’schen Konservatorium in Steglitz unterrichtete, in eine seiner Schülerinnen und verließ Frau und Tochter. Die Ehe wurde geschieden. Fritz Vogel heiratete seine Geliebte, eine Nicht-Jüdin namens Frieda Bredow, mit der er später noch einen Sohn bekam. Diese im Jargon der Nationalsozialisten „Mischehe” genannte Verbindung rettete ihm später das Leben. Er starb 1969 in Berlin.

Auch Else heiratete bald ein zweites Mal, den aus Weimar gebürtigen Journalisten Friedrich Nathan (*10. August 1888), der bei der „Berliner Illustrirten Zeitung” arbeitet. Sie hatten sich über ihre Liebe zur Musik kennengelernt und musizierten zusammen, Friedrich an der Violine, Else am Klavier. Die kleine Gerda war von ihrem Stiefvater, den sie „Onkel Fidi” nannte, hellauf begeistert. Die Familie wohnte in der Joachim-Friedrich-Straße in Halensee, zog dann in die Johann-Georg-Straße um und von dort in die Emser Straße 19-20 in eine schöne Parterrewohnung mit Garten. „Großmutti Nathan”, Friedrichs verwitwete Mutter, wohnte ganz in der Nähe. Die Familie Nathan hatte einen großen Freundeskreis. Oft kamen Besucher aus aller Herren Länder mit den verschiedensten Hintergründen, viele Musiker. Religion spielte in der Familie keine Rolle. In die Synagoge ging man nur, wenn jemand heiratete. Die Familie führte ein harmonisches, sorgenfreies Leben. Im Urlaub reiste man in die Schweiz, wo die Tochter Skifahren lernte. Auch Else war eine sportliche Frau, sie fuhr immer noch Fahrrad, spielte Tennis und ging schwimmen.

Einen Tag vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 kaufte die Familie Nathan ein schönes neues Radio von Siemens, wie sich die Tochter Gerda später erinnerte. Daraus ertönte am 1. Februar 1933 Hitlers erste Radioansprache. „Das kann nicht lange dauern, hier in Deutschland, dem Land von Schiller und Goethe”, kommentierte Friedrich Nathan. „Er wird uns alle umbringen”, sagte Else. Auch das hat sich Gerda ihr Leben lang gemerkt.

Bald nach der Machtergreifung veränderte sich die Situation für die Familie Nathan. Friedrich verlor seine Stelle bei der Berliner Illustrirten Zeitung und wechselte zur CV-Zeitung, der „pro-assimilatorischen”, liberal-konservativen, antizionistischen Wochenzeitung des Centralverbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, wo er bis zu ihrem Verbot 1938 tätig war. Das Dienstmädchen Anna, das lange bei der Familie gearbeitet und gewohnt hatte, entpuppte sich als Nazi und musste entlassen werden. Anna kam aber auch danach ständig unter allerlei Vorwänden zu Besuch. Die linientreuen Nachbarn interessierten sich ebenfalls sehr für das Tun und Treiben der jüdischen Musikliebhaber und ihrer immer noch häufigen Gäste. Die Nathans fühlten sich so bespitzelt, dass sie sich, wollten sie etwas besprechen, zu dritt ins Elternbett verkrochen und unter der Decke miteinander flüsterten.

Die Familie dachte an Emigration, aber lange wurde nichts in die Wege geleitet, obwohl sowohl Elses Schwester Hedwig mit ihrem Ehemann als auch Friedrichs Brüder Alfred und Rudolf in den USA lebten. Elses Mann hielt immer noch an der Hoffnung fest, die Zeiten würden sich bald normalisieren. Vielleicht verließ er sich auch darauf, dass er als dekorierter Veteran des Ersten Weltkriegs mitsamt seiner Familie unantastbar sei. Nach wie vor machte man Hausmusik, und als Juden immer mehr aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden und die den Nathans so wichtige Kunst und Kultur unerreichbar wurde, konnte man noch immer die Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbunds genießen. Tochter Gerda, die das Gymnasium hatte abbrechen müssen, besuchte eine Berufsschule und lernte alles, was im Ausland irgendwie von Nutzen sein konnte – Hauswirtschaft, Buchhaltung, Kinderpflege, Physiotherapie, Fotografie, Sprachen. Nach den „Kristallnacht”-Pogromen im November 1938 verließ Elses Mann für eine Weile die Wohnung und versteckte sich in einem abgelegenen Vorort; Else und Gerda brachten ihm heimlich Essen und Kleidung. Später kehrte er in die Emser Straße zurück.

Nur Gerda setzte die Emigrationspläne in die Tat um. Sie heiratete einen Freund aus dem jüdischen Sportverein, Georg Bergmann, der Angehörige in Australien hatte und eine australische Einreiseerlaubnis „mit Frau”. 1939 verließ das junge Ehepaar zusammen mit Georgs Mutter vom Bahnhof Zoo aus Berlin. Else brachte sie zum Zug. Sie gab ihrer Tochter eine Salami und ein Taschentuch und winkte ihr nach. Sie sah Gerda nie wieder. Wer ebenfalls emigrierte, war „Großmutti Nathan” (Rosa Nathan geb. Marcus). Sie reiste zu ihren Söhnen Alfred und Rudolf und starb 1942 in Pennsylvania.

Else und Friedrich blieben in der Emser Straße zurück. Eine Weile korrespondierten sie noch mit ihrer Tochter und mit Elses Schwester. Als Gerda in Australien 1940 ihr erstes Kind bekam, die Tochter Madeleine, erfuhren Else und ihr Mann, dass sie Großeltern geworden waren; von Gerdas Sohn Gary, der 1943 zur Welt kam, erfuhren sie nichts mehr. Else und Friedrich Nathan wurden am 17. März 1943 von Berlin ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie noch anderthalb Jahre die unmenschlichen Lebensbedingungen ertragen mussten. Im Herbst 1944 verschleppte man sie weiter nach Auschwitz. Am 19. Oktober 1944 kamen beide ums Leben. Else Nathan wurde 53 Jahre alt, ihre Ehemann Friedrich 56 Jahre. Ihre Tochter Gerda erfuhr das Todesdatum ihrer Eltern erst nach Kriegsende. Sie war ihr Leben lang davon überzeugt, dass sie nicht in der Gaskammer ermordet wurden, sondern auf dem Weg von Theresienstadt nach Auschwitz Suizid begingen. Ihre Tante Hedwig hatte berichtet, dass Else und Friedrich schon bei ihrer Deportation aus Berlin entweder Zyankalikapseln oder ausreichend große Mengen des Schlafmittels Veronal bei sich hatten, um den Nazis zuvorzukommen.
Gerda Bergmann, die ihren Namen in Australien Gerida Bergman schrieb, gab der USC Shoah Foundation 1996 ein langes Interview, weshalb über die Familie Nathan viel bekannt ist. Sie starb am 9. November 2004 mit 87 Jahren in Sydney.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
- Yad Vashem
- Gedenkbuch des Bundes
- mappingthelives.org
- MyHeritage
- Berliner Adressbücher
- Mireille Juchau: „ Berlin story: Mireille Juchau visits Berlin with her grandmother who fled the city on the eve of the Second World War” in: Meanjin, Vol. 61, Issue 3, 2002
- Visual History Archive der USC Shoa Foundation, Interview Gerida Bergman née Vogel, 21.10.1996

Stolperstein Friedrich Nathan

HIER WOHNTE
FRIEDRICH NATHAN
JG. 1888
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Friedrich Nathan kam am 10. August 1888 als Sohn von Hugo Nathan und dessen Ehefrau Rosa geborene Markus in Weimar zur Welt. Er hatte zwei ältere Brüder, Alfred (*1884) und Rudolf (*1886). Die Familie lebte in Weimar in der Schillerstraße 3. Im gleichen Haus betrieb der Vater ein Manufaktur- und Modewarengeschäft.

Welche Ausbildung Friedrich genoss, konnte nicht herausgefunden werden. Er nahm am Ersten Weltkrieg teil und wurde für seine Dienste ausgezeichnet. Dann arbeitete er in Berlin als Journalist. Zuerst war er bei einer der Zeitungen des Verlags von Rudolf Mosse beschäftigt, dann bei der „Berliner Illustrirten Zeitung”. In seiner Freizeit trieb er viel Sport und spielte mit großer Begeisterung Geige. Über die gemeinsame Liebe zur Musik lernte er Anfang der 1920er-Jahre seine spätere Frau kennen, die Pianistin Else Lewy geschiedene Vogel (*18. Januar 1891). Ihr Ex-Mann Fritz Vogel, der sie vor wenigen Jahren verlassen und ein zweites Mal geheiratet hatte, war Dozent am Mohr’schen Konservatorium in Steglitz; Else und Fritz hatten gemeinsam Musik studiert. Aus ihrer ersten Ehe hatte Else eine Tochter namens Gerda (*3. Februar 1917), die sie mit in die Ehe brachte. Als Friedrich und Else heirateten, war Gerda ungefähr vier Jahre alt.

Zwischen Friedrich und seiner Stieftochter, die ihn „Onkel Fidi” nannte, war es anscheinend Liebe auf den ersten Blick. Gerda gab 1996 der USC Shoah Foundation ein langes Interview, weshalb über die Familie Nathan viel bekannt ist. Sie beschreibt ihren Stiefvater als sportlichen Blondschopf mit künstlerischer Ader, der hervorragend zeichnen konnte und Musik und Literatur liebte. Mit der kleinen Gerda übte er sich im Sportfechten und bei Urlauben in der Schweiz stiegen sie zusammen auf die Berge. Ein Akkordeon kaufte er ihr auch. „Ich nannte ihn Onkel, aber er war mir alles, was mir ein Vater hätte sein können.”

Die Familie Nathan wohnte zuerst in der Joachim-Friedrich-Straße in Halensee, zog dann in die Johann-Georg-Straße um und von dort in die Emser Straße 19-20 in eine schöne Parterrewohnung mit Garten. „Großmutti Nathan”, Friedrichs verwitwete Mutter, wohnte ganz in der Nähe. Friedrich und Else musizierten noch immer zusammen, Friedrich an der Violine, Else am Klavier. Die Familie hatte einen großen Freundeskreis. Oft kamen Besucher aus aller Herren Länder mit den verschiedensten Hintergründen, viele Musiker. Religion spielte bei den Nathans keine Rolle. In die Synagoge ging man nur, wenn jemand heiratete.

Als Hitler am 1. Februar 1933 seine erste Radioansprache hielt, saß die Familie vor ihrem neuen Siemens-Radio und hörte zu, wie sich Gerda später erinnerte. Friedrich glaubte nicht daran, dass dieser Horror von Dauer wäre: “In dem Land von Goethe und Schiller sei das schlichtweg unmöglich.” Seine Frau war anderer Meinung und kommentierte: „Er wird uns alle umbringen.”

Bald nach der Machtergreifung veränderte sich das Leben der Nathans. Friedrich verlor seine Stelle bei der Berliner Illustrirten Zeitung und wechselte zur CV-Zeitung, der „pro-assimilatorischen”, liberal-konservativen, antizionistischen Wochenzeitung des Centralverbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, wo er bis zu ihrem Verbot 1938 tätig war. Das Redaktionsbüro befand sich ebenfalls an der Emser Straße, in der Nummer 42. Noch immer machte man Hausmusik bei den Nathans, empfing Gäste und besuchte die Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbunds. Tochter Gerda musste das Gymnasium abbrechen und besuchte eine jüdische Berufsschule.

Nach den „Kristallnacht”-Pogromen im November 1938, die seine Tochter Gerda vor der Synagoge an der Fasanenstraße hautnah hatte miterleben müssen, verließ Friedrich Nathan für eine Weile die Familienwohnung und zog in ein abgelegenes Versteck am Stadtrand. Seine Frau und Tochter brachten ihm Essen und Kleidung, wofür sie fast den ganzen Tag unterwegs waren. Laut seiner Tochter hielt Friedrich Nathan auch in dieser Situation noch an der Hoffnung fest, dass der Spuk bald vorüber sein werde. Vielleicht verließ er sich auch darauf, dass er mitsamt seiner Familie als Veteran des Ersten Weltkriegs geschützt sei. Man sprach über Emigration, aber leitete lange nichts in die Wege.

Tochter Gerda setzte die Emigrationspläne schließlich in die Tat um. Sie heiratete einen Freund aus dem jüdischen Sportverein, Georg Bergmann, der Angehörige in Australien hatte und eine australische Einreiseerlaubnis „mit Frau”. 1939 verließ das junge Ehepaar zusammen mit Georgs Mutter vom Bahnhof Zoo aus Berlin. Friedrich und Else Nathan sahen ihre Tochter nie wieder.

Auch Friedrichs Mutter Rosa Nathan emigrierte. Sie reiste noch 1940 mit fast 80 Jahren über Ellis Island in die Vereinigten Staaten ein. Ihre Söhne Alfred und Rudolf, Friedrichs ältere Brüder, war bereits dorthin emigriert. Alle drei lebten in Pennsylvania. Rosa starb dort 1942 in einem jüdischen Altersheim, Alfred starb 1967, Rudolf 1973.

Friedrich Nathan und seine Frau Else blieben in der Emser Straße zurück. Eine Weile korrespondierten sie noch mit ihrer Tochter und mit ihren Verwandten in den USA; auch Elses Schwester Hedwig lebte dort. Als Gerda in Australien 1940 ihr erstes Kind bekam, die Tochter Madeleine, erfuhren Friedrich und Else, dass sie Großeltern geworden waren; von Gerdas Sohn Gary, der 1943 zur Welt kam, erfuhren sie nichts mehr. Friedrich und Else Nathan wurden am 17. März 1943 von Berlin ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie noch anderthalb Jahre die unmenschlichen Lebensbedingungen ertragen mussten. Im Herbst 1944 deportierte man sie weiter nach Auschwitz. Hier kamen beide am 19. Oktober 1944 ums Leben. Friedrich Nathan wurde 56 Jahre alt, seine Frau Else 53 Jahre. Ihre Tochter Gerda erfuhr das Todesdatum ihrer Eltern erst nach Kriegsende. Sie war ihr Leben lang überzeugt, dass sie nicht in der Gaskammer ermordet wurden, sondern auf der Fahrt von Theresienstadt nach Auschwitz Suizid begingen. Ihre Tante Hedwig hatte berichtet, dass Friedrich und Else schon bei ihrer Deportation aus Berlin entweder Zyankalikapseln oder ausreichend große Mengen des Schlafmittels Veronal bei sich hatten, um den Nazis zuvorzukommen.
Friedrichs Stieftochter Gerda, die ihren Namen in Australien Gerida Bergman schrieb, starb am 9. November 2004 mit 87 Jahren in Sydney.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundes
mappinthelives.org
MyHeritage
Adressbücher Weimar und Berlin
Datenbank des Jüdischen Museums Berlin
Mireille Juchau: “ Berlin story: Mireille Juchau visits Berlin with her grandmother who fled the city on the eve of the Second World War” in: Meanjin, Vol. 61, Issue 3, 2002
Visual History Archive der USC Shoa Foundation, Interview Gerida Bergman née Vogel, 21.10.1996

Stolperstein Gerda Bergmann

HIER WOHNTE
GERDA BERGMANN
GEB. VOGEL
JG. 1917
FLUCHT 1939
AUSTRALIEN

Gerda Vogel kam am 3. Februar 1917 als einziges Kind von Fritz Vogel und dessen Ehefrau Else geborene Levy (Lewy) in Berlin zur Welt. Ihre Mutter, eine Kaufmannstochter aus Kulm an der Weichsel (heute Chełmno in Polen), war nach Berlin gezogen, um dort Klavier zu studieren. Am Konservatorium hatte sie ihren späteren Mann und Gerdas Vater kennengelernt, der dort Orchester- und Chorleitung studierte. Gerdas Eltern hatten um 1912 geheiratet. Die Familie Vogel wohnte in Halensee.

Als Gerda zwei Jahre alt war, verliebte sich ihr Vater, der inzwischen am Mohr’schen Konservatorium in Steglitz unterrichtete, in eine seiner Schülerinnen und verließ Frau und Tochter. Die Ehe wurde geschieden. Fritz Vogel heiratete seine Geliebte, eine Nicht-Jüdin namens Frieda Bredow, mit der er später noch einen Sohn bekam. Diese im Jargon der Nationalsozialisten „Mischehe” genannte Verbindung rettete ihm später das Leben. Er starb 1969 in Berlin.

Auch Gerdas Mutter verheiratete sich bald ein zweites Mal. Über ihre gemeinsame Liebe zur Musik hatte sie den aus Weimar stammenden Journalisten Friedrich Nathan (*10. August 1888) kennengelernt, der bei der „Berliner Illustrirten Zeitung” arbeitet. Das Paar heiratete, als Gerda ungefähr vier Jahre alt war. Zwischen Gerda und ihrem Stiefvater, den sie „Onkel Fidi” nannte, scheint es Liebe auf den ersten Blick gewesen zu sein. 1996 gab Gerda der USC Shoah Foundation ein Interview, worin sie sich sehr lebhaft an ihre Kindheit erinnerte: Wie sie mit Onkel Fidi das Sportfechten übte, wie sie gemeinsam bei Urlauben in der Schweiz auf „Berge rannten”, wie er ihr ein Akkordeon kaufte: „Ich nannte ihn Onkel, aber er war mir alles, was mir ein Vater hätte sein können.” Bis sie in die Schule kam, hatte Gerda auch noch Kontakt zu ihrem leiblichen Vater, dann beendete sie diese Treffen auf eigene Initiative. Sie sah ihren Vater erst in den 1960er-Jahren wieder, kurz vor seinem Tod, als sie Berlin besuchte. Auch zu ihrem Halbbruder Wolfgang Günther Vogel aus der zweiten Ehe ihres Vaters verlor sie den Kontakt.

Die Familie Nathan wohnte zunächst in der Joachim-Friedrich-Straße in Halensee, zog dann in die Johann-Georg-Straße um und von dort in die Emser Straße 19-20 in eine schöne Parterrewohnung mit Garten. „Großmutti Nathan”, Friedrich Nathans verwitwete Mutter, wohnte ganz in der Nähe. Gerda wurde in Halensee eingeschult. „Ich war die Kleinste und konnte am schnellsten rennen”, erzählte sie 1996. Sie erinnerte sich auch, dass sie erst an ihrem ersten Schultag, als alle Kinder nach ihrer Konfession gefragt wurden, mit Erstaunen realisierte, dass sie Jüdin war. Religion spielte in ihrer Familie keine Rolle. Ihre Eltern hatten einen großen, internationalen Freundeskreis und bekamen oft Besuch. Sie musizierten zusammen, die Mutter am Klavier, „Onkel Fidi“ an der Geige. Gerdas Jugend war sorgenfrei, harmonisch und abwechslungsreich. Sie war von klein auf wissbegierig, willensstark und eine begeisterte Sportlerin und träumte nach dem Wechsel aufs Gymnasium sogar von einer Teilnahme an der Olympiade als Leichtathletin. In der Schweiz lernte sie Skifahren, mit ihren Freunden, einer Clique ehemaliger Pfadfinderinnen und Pfadfinder, streifte sie durch die Natur und ging Kanufahren.

Zwei Tage vor ihrem 16. Geburtstag, am 1. Februar 1933, hielt der neue Reichskanzler Adolf Hitler seine erste Radioansprache. Gerda erinnerte sich als alte Frau lebhaft daran, wie sie mit ihren Eltern vor einem neu gekauften Radio von Siemens saß und zuhörte. Ihr Stiefvater war überzeugt, dass „im Land von Goethe und Schiller” dieser Horror nicht von Dauer sein könnte; ihre Mutter kommentierte: „Er wird uns alle umbringen”.

Bald nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten veränderte sich die Situation für die Familie Nathan. Gerdas Stiefvater verlor seine Stelle bei der Berliner Illustrirten Zeitung und wechselte zur CV-Zeitung, der Wochenzeitung des Centralverbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, wo er bis zu ihrem Verbot 1938 tätig war. Plötzlich waren sie von Feinden umgeben; ihr Dienstmädchen entpuppte sich als Nazi und musste entlassen werden, die Nachbarn bespitzelten sie. Gerda erinnerte sich später, wie sich die ganze Familie ins Elternbett verkroch und unter der Decke flüsterte, wenn es etwas zu besprechen gab. Sie beharrte darauf, dass sie „trotz Hitler eine schöne Jugend” gehabt habe. Das Gymnasium musste sie abbrechen und wechselte auf eine jüdische Berufsschule. Sie dachte über Emigration nach, unterstützt von ihrem Freund, der selbst kein Jude war und ständig zu ihr sagte, „haut ab, haut ab”. Gerda lernte alles, was im Ausland irgendwie von Nutzen sein konnte: Hauswirtschaft, Buchhaltung, Kinderpflege, Physiotherapie, Fotografie, Sprachen. Auch ihre Mutter frischte ihr Englisch und Französisch auf. Ihr Stiefvater hielt an seinem Optimismus fest: Die Zeiten würden bald besser werden. Wahrscheinlich fühlte er sich auch als dekorierter Veteran der Ersten Weltkriegs mitsamt seiner Familie geschützt.

Am späten Abend des 9. Novembers 1938 geriet Gerda auf dem Heimweg von einer Physiotherapie-Stunde in die „Kristallnacht”-Pogrome. Vor der Synagoge in der Fasanenstraße lagen zerfledderte Bücher und ein alter Mann im Nachthemd wurde herumgehetzt und geprügelt. Gerda stand reglos mit dem Rücken an einer Hausfassade und griff hinter sich mit beiden Händen ins Gemäuer, bis ihr alle Fingernägel abgebrochen waren. Als sie zu Hause ankam, war ihr Stiefvater bereits geflohen. Er versteckte sich in einem Unterschlupf am Stadtrand. Gerda und ihre Mutter brachten ihm Kleidung und Essen. Später kehrte er in die Familienwohnung in der Emser Straße zurück.

Wenig später organisierte Gerda ihre Emigration. Sie heiratete einen Freund aus dem jüdischen Sportverein, Georg Bergmann, der Angehörige in Australien hatte und eine australische Einreiseerlaubnis „mit Frau”. 1939 verließ das junge Ehepaar zusammen mit Georgs Mutter vom Bahnhof Zoo aus Berlin. Gerdas Mutter brachte sie zum Zug. Sie gab ihrer Tochter eine Salami und ein Taschentuch und winkte ihr nach. Gerda sah ihre Mutter und ihren Stiefvater nie wieder. Wer ebenfalls emigrierte, war „Großmutti Nathan” (Rosa Nathan geb. Markus). Sie reiste noch 1940 zu ihren älteren Söhnen Alfred und Rudolf aus, die bereits in den USA lebten. Sie starb 1942 in Pennsylvania. Gerdas Mutter und ihr Stiefvater blieben in der Emser Straße zurück.

Gerda Bergmann und ihr Mann Georg reisten erst nach Rotterdam, dann weiter nach England. Von dort traten sie die siebenwöchige Schiffsreise nach Australien an, die Gerdas Eltern bezahlten. In Australien fand Gerda Arbeit als Fotografin, ihr Mann war zunächst als Landarbeiter tätig und trat dann in die australische Armee ein. 1940 bekamen sie ihr erstes Kind, die Tochter Madeleine. Ihre Mutter und ihr Stiefvater in Berlin erfuhren noch, dass sie Großeltern geworden waren; von Gerdas zweitem Kind, dem Sohn Gary, der 1943 auf die Welt kam erfuhren sie nichts mehr. Else und Friedrich Nathan wurden am 17. März 1943 von Berlin ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie noch anderthalb Jahre die unmenschlichen Lebensbedingungen ertragen mussten. Im Herbst 1944 verschleppte man sie weiter nach Auschwitz. Am 19. Oktober 1944 kamen beide ums Leben. Gerda erfuhr das Todesdatum ihrer Eltern erst nach Kriegsende. Sie war ihr Leben lang davon überzeugt, dass sie nicht in der Gaskammer ermordet wurden, sondern auf dem Weg von Theresienstadt nach Auschwitz Suizid begingen. Ihre Tante mütterlicherseits, die in den USA lebte, hatte berichtet, dass Else und Friedrich schon bei ihrer Deportation aus Berlin entweder Zyankalikapseln oder ausreichend große Mengen des Schlafmittels Veronal bei sich hatten, um den Nazis zuvorzukommen.

Gerda Bergmann schrieb ihren Namen in Australien Gerida Bergman. Ihr Mann und sie adoptierten noch ein Mädchen namens Judy, deren Eltern ebenfalls im Holocaust getötet worden waren. Gerida arbeitete in verschiedenen Berufen, unter anderem in einer Gärtnerei, im Sekretariat einer jüdischen Schule und dann bis zu ihrer Berentung in der Abteilung für Sportwissenschaften der Universität Sydney. 1970 ließ sie sich von ihrem Mann Georg scheiden. Sie hatte mehrere Enkelkinder, darunter die Tochter ihrer Tochter Madeleine, Mireille Juchau geborene Bergman. Mit ihr besuchte sie 2002 Berlin und zeigte ihr ihre verlorene Heimat. Dabei wiederholte sie immer wieder die Frage: „Glaubst du, du könntest hier leben?” Gerida Bergman starb am 9. November 2004 mit 87 Jahren in Sydney.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
- Yad Vashem
- Gedenkbuch des Bundes
- mappinthelives.org
- MyHeritage
- Berliner Adressbücher
- Mireille Juchau: “ Berlin story: Mireille Juchau visits Berlin with her grandmother who fled the city on the eve of the Second World War” in: Meanjin, Vol. 61, Issue 3, 2002
- Visual History Archive der USC Shoa Foundation, Interview Gerida Bergman née Vogel, 21.10.1996

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