HIER WOHNTE
FANNY TOBIAS
GEB. LOEWISOHN
JG. 1874
DEPORTIERT 29.7.1942
ERMORDET
IN THERESIENSTADT
Fanny Tobias wurde als Fanny Loewisohn am 4. November 1874 in Löwenberg in Schlesien (Lwówek Śląski, Polen) geboren. Ihre sechs Jahre ältere Schwester Amalia (*10. Mai 1868) kam in Breslau zur Welt und ihr drei Jahre jüngerer Bruder Leo (*25. Februar 1877) in Freiburg in Schlesien (Świebodzice, Polen).
Vermutlich heiratete Fanny 1900 den aus Zwickau in Sachsen stammenden Kaufmann Gustav Tobias. Am 24. Oktober 1901 kam ihre Tochter Käthe zur Welt.
Als am 12. Oktober 1912 der Kaufmann Samuel H. Tobias (*1857) starb, übernahm Fannys Ehemann die Firma Samuel M. Tobias, Baumwollwaren und Kleiderstoffhandlung, Wäsche- und Schürzenfabrik im Schloßgrabenweg 4 in Zwickau. Vermutlich nahm Gustav Tobias am Ersten Weltkrieg teil und kehrte nicht daraus zurück. 1917 wurde er als vermisst gemeldet und später auf dem jüdischen Friedhof in Zwickau ohne Angaben beigesetzt.
Fannys Bruder Leo heiratete 1923 die aus Oppeln (Opole, Polen) stammende Geschäftsinhaberin Amalie Kassel (*17. Juli 1894). Fanny war 1925 im Amtlichen Fernsprechbuch von Zwickau als Witwe im Schloßgrabenweg 4 zu finden.
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war sie 58 Jahre und ihre unverheiratete Tochter Käthe 32 Jahre alt. Im Amtlichen Fernsprechbuch von Zwickau wurde bei der Witwe Fanny Tobias der Zusatz „Geschäftsführer“ hinzugefügt, demnach führte sie das Geschäft ihres Ehemannes bis zur Beschlagnahmung (Arisierung) und ihrem Umzug nach Berlin.
Bis 1937 wohnte sie in Zwickau am Schloßgrabenweg 4 und kurz vor ihrem Umzug dann am Adolf-Hitler-Ring 30. Ab dem 1. Juli 1937 mietete sie zusammen mit ihrer Tochter Käthe eine 2-Zimmer-Eckwohnung inklusive Heizung, Warmwasser und Fahrstuhl im Hochparterre in der Eschenallee 34 in Berlin-Charlottenburg-Westend für eine Jahresmiete in Höhe von 1.440 RM.
Von 1938 bis 1940 war sie im Amtlichen Fernsprechbuch von Berlin zu finden, 1940 mit dem Zwangsnamen Sara. Ihrem Bruder Leo gelang mit seiner Familie 1939 die Flucht nach Großbritannien. Ihre Schwester Amalia Heinrich geborene Loewisohn starb am 5. Januar 1942 in Breslau eines natürlichen Todes.
Mitte Juli 1942 bekam Fanny den Deportationsbefehl in die Eschenallee 34. Ihre Tochter Käthe befand sich zu dem Zeitpunkt in der von Adelheid de Rothschild (Urenkelin des Begründers der Bankdynastie Mayer Amschel Rothschild (1744-1812)) gestifteten und jüdisch geführten Lungenheilstätte, auch “Rothschild‘sches Sanatorium” genannt, in Nordrach im Schwarzwald. Die Lungenheilstätte war 1905 eröffnet worden und hatte 48 Krankenzimmer für bedürftige jüdische Patientinnen zur unentgeltlichen Behandlung.
Fanny gab in der auszufüllenden Vermögenserklärung an, dass ihre Tochter ca. 16.500 RM, und sie selbst ein zum größten Teil gesperrtes Vermögen von 12.000 RM besitze. Sie unterschrieb die Erklärung am 20. Juli 1942. Bis zur Deportation wurde sie in der Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße 26 festgehalten. Am 29. Juli 1942 transportierte die Gestapo sie vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt, wo sie vermutlich schon nach kurzer Zeit aufgrund der unmenschlichen Verhältnisse im Ghetto starb.
Ihre Tochter Käthe musste die Vermögenserklärung während ihrer Heilbehandlung am 24. September 1942 ausfüllen. Sie wurde am 30. September 1942 mit weiteren 26 Patientinnen des “Rothschild‘schen Sanatoriums“ in das Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo sie vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurde. Käthe Tobias starb mit 42 Jahren.
Die “Verwaltung des jüdischen und reichsfeindlichen Vermögens” am Finanzamt Offenburg gab am 21. Dezember 1942 dem Finanzamt in Berlin-Moabit den Auftrag, das Vermögen, welches durch die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz dem Reich „verfallen“ war, zu verwerten. Vorsorglich wies der Finanzbeamte daraufhin, dass Kleider, Wäsche etc. nach Ansicht des Gesundheitsamtes nur nach vorheriger Desinfektion verkauft bzw. abgegeben werden dürften, da Käthe Tobias lungenkrank war.
Der Schlüssel für die Wohnung in der Eschenallee 34 war bei der Hauswartsfrau Frau Schuster hinterlegt. Wer sich an dem Eigentum von Fanny und Käthe Tobias bereicherte, war nicht mehr festzustellen. Die Räumung der Wohnung durch den Gerichtsvollzieher am 17. Februar 1943 war erfolglos, da die Wohnung in der Zwischenzeit schon weitervermietet worden war.
Nach dem Krieg, am 1. Januar 1946, suchte Fannys Bruder Leo seine Schwester über das Rote Kreuz. 1948 wurde ihm mitgeteilt, dass Fanny 1942 in das Altersghetto Theresienstadt deportiert worden und 1945 nicht zurückgekehrt sei.
Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 38107, Fanny Tobias und Käthe Tobias