Stolpersteine Eschenallee 34

Hausansicht Eschenallee 34

Diese Stolpersteine wurden am 19. Mai 2016 verlegt.

Stolperstein Hildegard Schwarz

HIER WOHNTE
HILDEGARD SCHWARZ
GEB. BAUMANN
JG. 1908
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
28.8.1942

Hildegard Schwarz wurde als Hildegard Lilli Baumann am 8. November 1908 in Leipzig geboren. Für ihre Eltern, den Berliner Kaufmann Max Baumann (*12. November 1880) und dessen Ehefrau, die Putzmacherin Bertholdine geborene Lichtenstein (*14. November 1882), war sie die Jüngste von insgesamt drei Kindern. Die in Berlin geborene Schwester Gerda (*31. Oktober 1903) war fünf Jahre und ihr Bruder Heinz (*10. Mai 1906) zwei Jahre älter als sie.

Ihre ältere Schwester, die Stenotypistin Gerda Baumann, heiratete am 16. April 1927 mit 23 Jahren Dagobert Hans Friedlaender (*22. Mai 1906). Drei Jahre später, am 15. Juli 1930, heiratete ihr Bruder Heinz die nicht-jüdische Verkäuferin Edith Johanna Lina Harte (*29. April 1911). Durch diese „privilegierte Mischehe“ waren er und ihre drei Kinder später vor der Deportation geschützt. Die Familie wohnte in den 1930er Jahren mit der Mutter Bertholdine in der Katzbachstraße 4 in Berlin-Kreuzberg.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Hildegard 24 Jahre alt. Ihre Schwester Gerda und Dagobert Hans Friedlaender ließen sich Ende 1933 scheiden.

Wann und wo Hildegard ihren späteren Ehemann, den Kaufmann Manfred Schwarz (*21. September 1906), kennenlernte, ist nicht bekannt. Der geschiedene Manfred Schwarz hatte in erster Ehe am 8. Januar 1931 die 18-jährige Rosa Ilse Loewy (*5. Dezember 1912) geheiratet. 1932 waren sie Eltern einer Tochter geworden, die sie Evelyn (*20. April 1932) nannten. Die Ehe von Manfred und Ilse Schwarz wurde durch das rechtskräftig gewordene Urteil des Landgerichts Berlin am 2. Dezember 1936 geschieden.

Vermutlich heirateten die 29-jährige Hildegard und der 31-jährige Manfred 1937 und zogen in eine Wohnung des neu erbauten Hauses in der Eschenallee 34 in Berlin-Charlottenburg. Im Berliner Adressbuch war Manfred Schwarz 1938 das erste Mal dort gemeldet. Am 11. Dezember 1938 starb Hildegards Mutter Bertholdine mit 56 Jahren an ihrer Zuckerkrankheit. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war nur noch Hildegard in der Eschenallee 34 gemeldet. Manfred Schwarz war nach Belgien emigriert. Hildegards Vater Max und ihre Schwester Gerda, die 1938 in Rom ihren Mädchennamen Baumann wieder angenommen hatte, flüchteten aus Europa.

Vermutlich war Hildegard mit Fanny und Käthe Tobias aus dem Haus befreundet gewesen. Als Käthe Tobias sich zur Kur in einer Lungenheilanstalt im Schwarzwald aufhielt, wurde ihre Mutter Fanny am 29. Juli 1942 in das Altersghetto Theresienstadt deportiert. Hildegard musste mit ansehen, wie sich fremde Menschen an dem Eigentum der Tobias‘ bereicherten und fühlte sich als einzige Jüdin im Haus diskriminiert, entrechtet und gedemütigt. Womöglich hatte auch sie einen Deportationsbefehl für den 19. Osttransport Ende August 1942 erhalten, sodass sie für sich nur einen Ausweg sah.

Sie drehte den Gasherd in ihrer Küche auf und atmete das damals genutzte Leuchtgas (Stadtgas) ein, welches einen hohen Anteil an Kohlenmonoxid beinhaltete. Schon nach kurzer Zeit führte das Einatmen des Leuchtgases zur Bewusstlosigkeit und schließlich zum Tod. Wir wissen nicht, ob sie ihrem Leben aus Verzweiflung ein Ende setzte oder ob ihr Tod ein Akt des Widerstands war, um der zugedachten Entwürdigung durch die Deportation zu entkommen.

Am 28. August 1942 gegen 21.30 Uhr wurde sie tot in ihrer Wohnung in der Eschenallee 34 aufgefunden. Als Todesursache wurde Selbstmord durch Leuchtgas festgestellt. Hildegard Schwarz geborene Baumann starb mit 33 Jahren. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee im Grab Nr. 109 519 beigesetzt.

Ihr geschiedener Ehemann Manfred Schwarz wurde im Sammellager Mechelen in Belgien von der SS interniert und am 31. Oktober 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er am 30. Dezember 1942 ermordet wurde. Seine erste Ehefrau Rosa Ilse lebte zusammen mit ihrer damals 11-jährigen Tochter Evelyn seit 1943 bis zum Ende des Krieges versteckt in Berlin. Sie emigrierten 1949 in die USA.

Am 20. Oktober 1957 starb Hildegards Vater Max mit 76 Jahren. Ihre Schwester Gerda starb am 19. März 1987 mit 84 Jahren in Sydney in Australien.

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage

Stolperstein Fanny Tobias

HIER WOHNTE
FANNY TOBIAS
GEB. LOEWISOHN
JG. 1874
DEPORTIERT 29.7.1942
ERMORDET
IN THERESIENSTADT

Fanny Tobias wurde als Fanny Loewisohn am 4. November 1874 in Löwenberg in Schlesien (Lwówek Śląski, Polen) geboren. Ihre sechs Jahre ältere Schwester Amalia (*10. Mai 1868) kam in Breslau zur Welt und ihr drei Jahre jüngerer Bruder Leo (*25. Februar 1877) in Freiburg in Schlesien (Świebodzice, Polen).

Vermutlich heiratete Fanny 1900 den aus Zwickau in Sachsen stammenden Kaufmann Gustav Tobias. Am 24. Oktober 1901 kam ihre Tochter Käthe zur Welt.

Als am 12. Oktober 1912 der Kaufmann Samuel H. Tobias (*1857) starb, übernahm Fannys Ehemann die Firma Samuel M. Tobias, Baumwollwaren und Kleiderstoffhandlung, Wäsche- und Schürzenfabrik im Schloßgrabenweg 4 in Zwickau. Vermutlich nahm Gustav Tobias am Ersten Weltkrieg teil und kehrte nicht daraus zurück. 1917 wurde er als vermisst gemeldet und später auf dem jüdischen Friedhof in Zwickau ohne Angaben beigesetzt.

Fannys Bruder Leo heiratete 1923 die aus Oppeln (Opole, Polen) stammende Geschäftsinhaberin Amalie Kassel (*17. Juli 1894). Fanny war 1925 im Amtlichen Fernsprechbuch von Zwickau als Witwe im Schloßgrabenweg 4 zu finden.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war sie 58 Jahre und ihre unverheiratete Tochter Käthe 32 Jahre alt. Im Amtlichen Fernsprechbuch von Zwickau wurde bei der Witwe Fanny Tobias der Zusatz „Geschäftsführer“ hinzugefügt, demnach führte sie das Geschäft ihres Ehemannes bis zur Beschlagnahmung (Arisierung) und ihrem Umzug nach Berlin.

Bis 1937 wohnte sie in Zwickau am Schloßgrabenweg 4 und kurz vor ihrem Umzug dann am Adolf-Hitler-Ring 30. Ab dem 1. Juli 1937 mietete sie zusammen mit ihrer Tochter Käthe eine 2-Zimmer-Eckwohnung inklusive Heizung, Warmwasser und Fahrstuhl im Hochparterre in der Eschenallee 34 in Berlin-Charlottenburg-Westend für eine Jahresmiete in Höhe von 1.440 RM.

Von 1938 bis 1940 war sie im Amtlichen Fernsprechbuch von Berlin zu finden, 1940 mit dem Zwangsnamen Sara. Ihrem Bruder Leo gelang mit seiner Familie 1939 die Flucht nach Großbritannien. Ihre Schwester Amalia Heinrich geborene Loewisohn starb am 5. Januar 1942 in Breslau eines natürlichen Todes.

Mitte Juli 1942 bekam Fanny den Deportationsbefehl in die Eschenallee 34. Ihre Tochter Käthe befand sich zu dem Zeitpunkt in der von Adelheid de Rothschild (Urenkelin des Begründers der Bankdynastie Mayer Amschel Rothschild (1744-1812)) gestifteten und jüdisch geführten Lungenheilstätte, auch “Rothschild‘sches Sanatorium” genannt, in Nordrach im Schwarzwald. Die Lungenheilstätte war 1905 eröffnet worden und hatte 48 Krankenzimmer für bedürftige jüdische Patientinnen zur unentgeltlichen Behandlung.

Fanny gab in der auszufüllenden Vermögenserklärung an, dass ihre Tochter ca. 16.500 RM, und sie selbst ein zum größten Teil gesperrtes Vermögen von 12.000 RM besitze. Sie unterschrieb die Erklärung am 20. Juli 1942. Bis zur Deportation wurde sie in der Sammelstelle in der Großen Hamburger Straße 26 festgehalten. Am 29. Juli 1942 transportierte die Gestapo sie vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt, wo sie vermutlich schon nach kurzer Zeit aufgrund der unmenschlichen Verhältnisse im Ghetto starb.

Ihre Tochter Käthe musste die Vermögenserklärung während ihrer Heilbehandlung am 24. September 1942 ausfüllen. Sie wurde am 30. September 1942 mit weiteren 26 Patientinnen des “Rothschild‘schen Sanatoriums“ in das Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo sie vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurde. Käthe Tobias starb mit 42 Jahren.

Die “Verwaltung des jüdischen und reichsfeindlichen Vermögens” am Finanzamt Offenburg gab am 21. Dezember 1942 dem Finanzamt in Berlin-Moabit den Auftrag, das Vermögen, welches durch die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz dem Reich „verfallen“ war, zu verwerten. Vorsorglich wies der Finanzbeamte daraufhin, dass Kleider, Wäsche etc. nach Ansicht des Gesundheitsamtes nur nach vorheriger Desinfektion verkauft bzw. abgegeben werden dürften, da Käthe Tobias lungenkrank war.

Der Schlüssel für die Wohnung in der Eschenallee 34 war bei der Hauswartsfrau Frau Schuster hinterlegt. Wer sich an dem Eigentum von Fanny und Käthe Tobias bereicherte, war nicht mehr festzustellen. Die Räumung der Wohnung durch den Gerichtsvollzieher am 17. Februar 1943 war erfolglos, da die Wohnung in der Zwischenzeit schon weitervermietet worden war.

Nach dem Krieg, am 1. Januar 1946, suchte Fannys Bruder Leo seine Schwester über das Rote Kreuz. 1948 wurde ihm mitgeteilt, dass Fanny 1942 in das Altersghetto Theresienstadt deportiert worden und 1945 nicht zurückgekehrt sei.

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 38107, Fanny Tobias und Käthe Tobias