Stolperstein Kaiserdamm 101

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Hausansicht Kaiserdamm 101
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

Dieser Stolperstein ist auf Initiative des Lehrerkollegiums der Paula-Fürst-Schule, vorbereitet von der Religonslehrerin Petra Neumann, am 11.6.2015 verlegt worden. Dabei waren zahlreiche Schülerinnen und Schüler, die Texte und Musikstücke vortrugen, ebenso der Eltern-Lehrer-Chor. Inge Deutschkron (Jahrgang 1922), die den Holocaust versteckt in Berlin überlebt hat, berichtete aus ihrem Leben. Von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin war Rabbiner Jonah Sievers anwesend und sprach einen Psalm.

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Stolperstein Paula Fürst
Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

HIER WOHNTE
PAULA FÜRST
JG. 1894
DEPORTIERT 23.6.1942
ERMORDET IN
MINSK

Paula Fürst
Paula Fürst
Bild: Archiv der Paula-Fürst-Schule

Paula Fürst wurde am 6. August 1894 im niederschlesischen Glogau als zweites Kind des jüdischen Kaufmanns Otto Fürst und seiner Frau Malvine geboren. Als Otto Fürst starb, zog Malvine Fürst 1906 mit Paula und deren älterem Bruder Richard nach Berlin um. Im Jahr 1914, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, legte die erst 20-jährige Paula Fürst in Berlin-Wilmersdorf ihr erstes Lehrerinnenexamen ab, anschließend studierte sie ab 1917/18 an der Berliner Universität Geschichte und Französisch. Dieses Studium brach sie jedoch ab, vermutlich nachdem sie im Jahr 1922 Vorträge von Maria Montessori gehört hatte. Paula Fürst absolvierte in Berlin und Rom Montessori-Kurse und erwarb ein Diplom, das sie zur Leitung von Montessori-Heimen und Schulen berechtigte.

Paula Fürst leitete die erste Montessori-Klasse, die an einer öffentlichen Schule in Deutschland eröffnet wurde: am 14. Februar 1926 an der 9. Volksschule in Berlin-Wilmersdorf in der Pfalzburger Straße. Die Montessori-Klassen waren in einer Baracke in der Düsseldorfer Straße 3 untergebracht. Fürst engagierte sich auch publizistisch für die Verbreitung der Montessori-Pädagogik, die sie zu ihrer Herzenssache gemacht hatte.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Montessori-Pädagogik als „un-deutsch“ verboten, Paula Fürst als Jüdin außerdem aus dem Staatsdienst entlassen. Noch im Jahr 1933 wurde ihr die Leitung der 1922 gegründeten Theodor-Herzl-Schule, einer jüdischen, zionistischen Privatschule angeboten, weil die bisherige Leiterin Paula Nathan nach Palästina auswanderte. Zu diesem Zeitpunkt gab es 40 000 jüdische Schülerinnen und Schüler in Deutschland (1939 waren es noch 9 000). Die große Schule – 30 Klassen mit 780 Schülerinnen und Schülern sowie 20 Lehrerinnen und Lehrern – war in einem umgebauten Fabrikgebäude am Kaiserdamm 77-79 untergebracht (heute befindet sich dort der RBB und eine Gedenktafel erinnert an die Schule und ihre ehemalige Leiterin).

Paula Fürst, die neue Direktorin der Schule, musste sich sehr anstrengen, geeignete zusätzliche Lehrer für die gewachsene Schülerzahl zu finden. Sie konnte und musste nun nicht nur ihre Erfahrungen und Vorstellungen entfalten, sondern auch ihr außerordentliches Organisationstalent gewinnbringend einsetzen. Paula Fürst hatte einiges zu bewältigen, denn es fehlte an Schulgebäuden und geeignetem Schulmaterial und es herrschte Unklarheit über die Unterrichtsinhalte.
1938 wurden jüdische Privatschulen ebenfalls verboten, und während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden nicht nur jüdische Geschäfte und Synagogen, sondern auch jüdische Schulen gestürmt und verwüstet, unter anderem die Theodor-Herzl-Schule – trotz der mutigen Gegenwehr von Lehrerinnen und Lehrern einschließlich der Direktorin. Paula Fürst übernahm daraufhin die Schulabteilung der Reichsvereinigung der Juden. Nun unterstand ihr das gesamte jüdische Schulwesen in Deutschland. Gleichzeitig engagierte sie sich für die Auswanderung jüdischer Kinder aus Deutschland und begleitete im August 1939 einen der letzten Kindertransporte nach Großbritannien. Trotz eindringlicher Warnungen ihrer Freunde kehrte sie nach Berlin zurück.

Bis Herbst 1941 gelang es der „Fürstin“, wie sie sich gelegentlich ironisch nannte und liebevoll genannt wurde, an verschiedenen Orten (Privatwohnungen etc.) einen geregelten Unterricht zu organisieren. Bis zum Juni 1942 kümmerte sich Paula Fürst um die in Berlin verbliebenen Kinder. Am 23. Juni 1942 wurde Paula Fürst zusammen mit 201 weiteren Berliner Juden deportiert (siehe Deportationsliste), wo sie fälschlich mit der Hausnummer Kaiserdamm 106 eingetragen war. Vermutlich ging der Transport vom Güterbahnhof Moabit nach Minsk, der genaue Ort und das Datum von Paula Fürsts Tod sind unbekannt. Möglicherweise wurde sie in der Vernichtungsstätte Maly Trostinec etwa zwölf Kilometer südöstlich von Minsk hingerichtet.

Fest steht, dass Paula Fürst eine der bedeutendsten Reformpädagoginnen des frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland war. Am 16. August 2013 wurde die 1. Reformschule Charlottenburg in der Sybelstraße 20-21, eine Gemeinschaftsschule, feierlich nach Paula Fürst benannt

Text: Anke Silomon
Literatur: Martin-Heinz Ehlert: Paula Fürst. Aus dem Leben einer jüdischen Pädagogin. Berlin 2005. Manfred Berger: Paula Fürst – eine in Vergessenheit geratene Montessori-Pädagogin, in: Zeitschrift für Montessori-Pädagogik, 2005/H. 3, S. 147 ff.