HIER WOHNTE
HASKEL HEINRICH
ARENSTEIN
JG. 1864
FLUCHT 1939 HOLLAND
VERSTECKT GELEBT
VOR VERHAFTUNG
FLUCHT IN DEN TOD
1. OKT. 1942
Haskel Arenstein (früher Arenszstein, Aronsztejn oder Arenstain) wurde am 1. Dezember 1864 in Warschau geboren. Sein Vater, der Kaufmann Jacob Abraham Josef Arenszstein war bei seiner Geburt 34 Jahre (1830-1900) und seine Mutter Estera, auch Ester genannt, (geborene Rotheim) 24 Jahre alt. Haskel hatte einen vier Jahre älteren Bruder mit Namen Zelman Jekesiel (1860-1915 in Warschau).
Über Haskels Kindheit und Jugend konnte nichts recherchiert werden. Wann genau er von Warschau nach Berlin kam und wann er Ida Czarne Leiser kennenlernte ist ebenfalls nicht bekannt.
Es ist anzunehmen, dass er um 1890 nach Berlin übersiedelte und anfangs im Schuhgroßhandel tätig war. Er wohnte in der Grenardierstraße 23 (heute Almstadtstraße) im „Scheunenviertel“ in Berlin-Mitte.
Der 27-jährige Haskel und die 22-jährige Ida Czarne (in der Heiratsurkunde Tscharne geschrieben) Leiser, Tochter von Jacob Leiser, heirateten am 25. Februar 1892. Ihre erste gemeinsame Wohnung bezogen sie in der Grenadierstraße 37, wo am 18. Januar 1893 ihr erster Sohn Karl zur Welt kam.
Am 7. September 1892 gab der Berliner Börsen-Courier bekannt, dass Haskel Arenstein die Firma H. Arenstein & Co C.-G. in der Grenadierstraße 37 gegründet habe. Der Kaufmann Haskel Arenstein war der persönlich haftende Gesellschafter. Ihm zur Seite stand seine Ehefrau, die das Metier durch die Geschäfte ihrer Eltern gut kannte.
Rudolf Moos, der Gründer der Firma Salamander (Schuhe), erinnert sich in seinen Memoiren „Journey of hope and depair“ an den Verkauf seines Geschäftes in der Andreasstraße im Mai 1893 an Czarne und Haskel Arenstein. Frau Arenstein, so Moos, war der Überzeugung, dass es für ihren Ehemann profitabler sei, ein eigenes Schuhgeschäft zu eröffnen, als Großhändler zu sein.
Um die alten Waren aus Rudolf Moos Geschäft schnell zu verkaufen, soll Haskel vorgeschlagen haben, eine Ausverkaufs-Aktion zu starten. Im Schaufenster platzierte er ein Schild, auf dem stand, dass Schuhe, die vorher zum Beispiel 10,50 RM gekostet hätten, für nur 5,50 RM verkauft würden. Dann stapelten sie viele Schuhe im Schaufenster übereinander, sodass die Leute dachten, es wäre ein eiliger, erzwungener Ausverkauf. Sie schlossen den Laden für drei Tage und gaben bekannt, dass der Verkauf am Samstag um 5 Uhr nachmittags starten würde. Schon Stunden vor der Eröffnung versammelten sich so viele Kunden vor dem Geschäft, dass die Polizei kommen musste, um Ordnung zu schaffen. Als dann schließlich das Geschäft eröffnet wurde, stürmten die Kunden herein und füllten das gesamte Geschäft. Haskel schloss daraufhin die Tür und stellte ein Schild auf: „Wegen Überlastung vorübergehend geschlossen“. Er sagte, das würde mehr Kunden anlocken, und tatsächlich standen die Leute vor dem Laden
Schlange, um zu warten, bis jemand ging, damit sie hineingehen konnten.
Haskel und Czarne bauten in der Andreasstraße 59 in Friedrichshain später „Arenstein´s Schuhwarenhaus Haskel Arenstein, Schuhwarenhandlung“ auf und zogen in die Nähe ihres Geschäftes in Grüner Weg 93, dort wurde am 26. Juli 1894 ihr zweiter Sohn Erich und auch ihre Tochter Lilli am 20. Oktober 1899 geboren. Später zogen sie in die Charlottenstraße 14 in Kreuzberg, wo sie bis 1927 wohnten.
Es ist anzunehmen, dass ihr ältester Sohn Karl, der in Eisenach, Thüringen lebte, im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Als Todesdatum wurde der 18. November 1918, das Ende des Ersten Weltkrieges, angegeben. Er starb mit 25 Jahren. Beerdigt wurde er auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, wo ein Gedenkstein an ihn erinnert.
Die beiden anderen Kinder arbeiteten, nachdem sie ihre Schulzeit beendet hatten, mit in der elterlichen Schuhwarenhandlung. Erich lernte den Beruf des Schuhmachers in der hauseigenen Schusterei und machte anschließend eine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten. Lilli arbeitete schon als 14-Jährige im Laden als Verkäuferin.
Laut dem Berliner Adressbuch von 1914 befand sich die Zentrale von Arenstein´s Schuhwarenhaus in der Andreasstraße 58/59 in Friedrichshain (O27). Außerdem gab es sieben weitere Filialen: in Charlottenburg in der Joachimsthaler Straße 6 und in der Wilmersdorfer Straße 57, in Kreuzberg (SW 61) in der Belle-Alliance-Straße 104, in Moabit (NW 87) in der Turmstraße 58, in Friedrichshain (O34) Königsberger Straße 8 und in Lichtenberg in der Frankfurter Chaussee 4. Laut Handelsregistereintrag 1921 und in den folgenden Jahren zog die Zentrale und Versandabteilung von „Arenstein’s Schuhhaus ersten Ranges“ in die Markgrafenstraße 75.
Ein halbes Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges, am 25. Juni 1919 heiratete ihre jüngste Tochter Lilli mit 19 Jahren den 25-jährigen Kaufmann Max Blumenstein (geboren 21. Januar 1894) aus der Lindenstraße 43, der als leitender Angestellter im Schuhwarenhaus Leiser beschäftigt war.
Als Mitgift bekamen sie von Czarne und Haskel drei Schuhwarengeschäfte geschenkt. Das Ehepaar bezog ihre erste gemeinsame Wohnung in der Uhlandstraße 148 in Wilmersdorf. Hier kamen am 4. September 1924 ihr erster Sohn Klaus, Haskels und Czarnes erster Enkel, und am 13. Oktober 1927 der zweite Sohn Ralf zur Welt.
Ihr 26-jähriger Sohn Erich heiratete am 24. Oktober 1922, die 22-jährige Golda Gurdus aus der Mommsenstraße 15 in Charlottenburg. Trauzeuge waren der 52-jährige Brautvater Izak Gurdus und der 37-jährige Abram Sztybel. Diese Ehe wurde aber schon drei Jahre später wieder geschieden.
Vielleicht war der Wunsch, in der Nähe der beiden Enkel zu sein, der Grund für Haskels und Czarnes Umzug 1927 nach Wilmersdorf in eine 5-Zimmer-Wohnung in das Eckhaus Brandenburgische Straße 29/Duisburger Straße 10. Hier wollten sie ihren Ruhestand genießen.
Immer wenn Haskels Neffe Wladyslaw Arenstein, der Sohn seines älteren Bruders Zelmann, der schon 1915 mit 55 Jahren gestorben war, in Berlin zu tun hatte, wohnte er bei seinem Onkel, dem Oberhaupt der Familie Arenstein. Wladyslaw Arenstein war wie sein Onkel ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann und Immobilienbesitzer, der halb in Warschau und halb in Berlin lebte.
Im Berliner Adressbuch 1930 war Haskel Arenstein zum ersten Mal als Heinrich Arenstein und Privatier angegeben. Es ist anzunehmen, dass auch Czarne zu dieser Zeit ebenfalls ihren Namen in Czarne Ida änderte.
1930 zog die vierköpfige Familie Blumenstein in die Eisenzahnstraße 7 in Halensee. Das Glück war aber nur von kurzer Dauer, denn Max Blumenstein starb am 25. Januar 1932 mit erst 38 Jahren. Lilli Blumenstein wurde mit 32 Jahren Witwe. Der älteste Sohn Klaus war damals 7 Jahre und der jüngste Sohn Ralf 4 Jahre alt.
Ein Jahr später, am 30. Januar 1933, kamen die Nationalsozialisten mit dem Reichskanzler Adolf Hitler an die Macht. Schon am 1. April 1933 trat der Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte in Kraft.
Lilli Blumenstein zog 1936 ganz in die Nähe ihrer Eltern in die Düsseldorfer Straße 41, bevor sie noch im gleichen Jahr mit ihren Söhnen nach Amsterdam flüchtete.
Heinrich und Czarne Arenstein mussten im April 1938 ihr Vermögen beim Finanzamt deklarieren. Ihr Gesamtvermögen von ca. 160.000 RM, welches sie sich für den Ruhestand zurückgelegt hatten, war Grundlage für die Festsetzung der Judenvermögensabgabe und der Reichsfluchtsteuer. Mit Schreiben vom 21. Dezember 1938 wurde ihnen mitgeteilt, dass Heinrich 62.400 RM in vier Teilbeträgen von jeweils 15.600 RM zu zahlen hätte und Czarne 1.000 RM. Im Februar 1939 folgte die Festsetzung der Reichsfluchtsteuer in Höhe von ca. 30.000 RM, die am 10. April 1939 zu zahlen war. Die Auswanderabgabe in Höhe von ca. 8.000 RM für Heinrich und 5.000 RM für Czarne mussten sie an die Jüdische Gemeinde zahlen. All diese Zahlungen waren nötig, um eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vom Finanzamt zu bekommen, die nötig war, um einen Reisepass beantragen zu können und die Erlaubnis zur Beförderung des eigenen Umzugsgutes.
Heinrich und Czarne flogen im Mai 1939 mit der „Koninklijke Luchtvaart Maatschappij“, kurz KLM, von Berlin nach Amsterdam. Sie wählten den Flugweg, weil sie Verfolgungsmaßnahmen befürchteten. In Amsterdam kamen sie ziemlich mittellos an und waren auf Unterstützung ihrer Tochter Lilli angewiesen.
Von der Wohnungseinrichtung aus der Duisburger Straße 10 konnten sie nur sehr wenig mitnehmen, den größten Teil verkauften sie aufgrund der Eile weit unter Preis für 3.000 RM. Wertgegenstände wie silberne Kerzenständer und Schmuck hatten sie schon Ende 1938 bei der Pfandleihstelle in Berlin abgeben müssen.
Heinrich und Czarne lebten ca. drei Jahre illegal in einer kleinen Wohnung in der Euterpestraat in Amsterdam, wo sie am 25. Februar 1942 ihre Goldene Hochzeit im Kreise ihrer Familie feierten.
Danach zogen sie in die Pension von Max Sigmund Back und Martha Back-Domp. Martha Back war schon 1934 aus Berlin geflüchtet und hatte mit ihrem Mann eine kleine Pension eröffnet. Als diese beiden am 1. September 1942 von der Gestapo verhaftet und in das Auffanglager Westerbork gebracht wurden, von wo sie drei Tage später nach Auschwitz deportiert wurden, muss sich bei Haskel der Entschluss verfestigt haben, lieber seinem Leben selber ein Ende zu setzen, als sich dieser ungewissen Zukunft auszusetzen. Am 6. Oktober schrieb er für seine Familie einen Abschiedsbrief, der im Joodse Raad in Amsterdam archiviert wurde.
Als Haskel von der Gestapo festgenommen werden sollte, nahm er sich am 9. Oktober 1942 in der Beethovenstraat 67 in Amsterdam, wo sich die Eheleute versteckt hielten, unter dem Druck der Umstände mit 77 Jahren das Leben. Czarne wurde mit 71 Jahren Witwe und zog zu ihrer Tochter Lilli an den Scheldeplein 16 in Amsterdam.
Ihr Sohn Erich war bei der Minderheitenzählung am 17. Mai 1939 noch in der Düsseldorfer Straße 43 gemeldet. Er floh kurze Zeit später nach Belgien und danach nach Frankreich. In Monte Carlo arbeitete er als Schuhmacher. Am 10. Februar 1944 wurde er im Konvoi Nr. 68 vom französischen Sammel- und Durchgangslager Drancy nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Lilli Blumenstein hatte zwei Wochen vor der Besetzung Hollands durch die Deutschen am 15. Mai 1940 den gebürtigen Thüringer Kaufmann für Textilwaren Rudolf Jolles (geboren 8. März 1899 in Erfurt), den sie schon in Berlin kennengelernt hatte, geheiratet. Die Mutter von Rudolf, Fanny Jolles, geborene Levy (geboren am 13. Mai 1873), lebte ebenfalls in ihrem Haushalt.
Czarne und Fanny Jolles wurden am 18. März 1943 von der Gestapo festgesetzt und in dem von den Nationalsozialisten eingerichteten „Judendurchgangslager Westerbork“ interniert. Das Ehepaar Lilli und Rudolf Jolles, sowie Lillis Söhne Klaus und Ralf konnten sich der Deportation 1943 entziehen und lebten fortan in privaten Verstecken, wie Kenneth, ehemals Klaus, Blumenstein 1996 in einem aufgezeichneten Interview der USC Shoah Foundation berichtete.
Am 20. Juli 1943 wurden Czarne Arenstein und Fanny Jolles von der Gestapo nach Sobibor deportiert und dort am 23. Juli 1943 ermordet. Czarne Arenstein wurde 73 Jahre alt.
Ihre Tochter Lilli, ihr Schwiegersohn Rudolf und ihre beiden Enkel Klaus und Ralf überlebten und emigrierten 1946 in die USA.
Recherche und Text: Gundula Meiering, März 2025
Quellen:
• Mapping the Lives
• Berliner Adressbuch 1892-1939
• Jüdisches Adressbuch Berlin 1929/1930
• Amtliche Fernsprechbücher Berlin
• Arolsen Archives
• USC Shoah Foundation, Interview 13695 vom 25. März 1996 mit Kenneth Blumen-stein, Enkel von Hasel Arenstein in New York
• Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsbehörde (LABO) Reg. 53.306 Antragstellerin: Lilli Jolles geborene Arenstein
• Landesarchiv Berlin, 351 WGA 5357/59, 51 WGA 5358/59, 51 WGA 5359/59
• Landesarchiv Berlin
• Personenstandsunterlagen über „Ancestry“
• My Heritage, Genealogie, Familienstammbaum
• Rudolf Moos: Journey of hope and depair, Memoires of Rudolf Moos, 2010