HIER WOHNTE
SOPHIE MENDELSOHN
GEB. GOLDSTEIN
JG. 1868
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 22.9.1942
Sophie Goldstein kam am 30. November 1868 als Tochter von Marcus Goldstein und dessen Ehefrau Johanna „Hannchen” geborene Samter in Posen (Poznań) zur Welt. Ihre Mutter war gebürtige Posenerin; ihr Vater, der aus Krotoschin in der Provinz Posen stammte, war Tischlermeister von Beruf. Sophie hatte fünf Geschwister: die Schwestern Regina (*1864), Lina (*1866) und Julie (1870) und die Brüder Alfons (*1872) und Hugo (*1875). Die Familie lebte in der Wronkerstraße (ulica Wroniecka) in der südlichen Altstadt von Posen.
Im März 1893 heiratete Sophie den sechs Jahre älteren Kaufmann Leo Mendelsohn (*25. Oktober 1862). Er stammte aus dem westpreußischen Städtchen Mewe (heute Gniew in Polen). Das Ehepaar zog nach Stettin. Sophies Mann hatte dort nach dem Tod des Besitzers einen Laden für Kurzwaren, Herrenwäsche und Schuhwaren übernommen. Passenderweise befand er sich in der Schuhstraße (ulica Szewska), in der seit dem Mittelalter die Stettiner Schuhmacher zu finden waren. Am 10. Februar 1894 bekamen Sophie und Leo in Stettin ihr einziges Kind, die Tochter Edith.
Sophies Vater starb 1903, ihre Mutter 1911. Um die Jahrhundertwende war Sophie mit Mann und Tochter nach Berlin gezogen. Auch hier handelte Leo mit Schuhen. Ab etwa 1920 hatte er in der Kniprodestraße 118 am Prenzlauer Berg einen Schuhhandel en gros & en détail, den er 1925 unter dem Namen „Schuhvertrieb Kniprode Leo Mendelsohn” ins Handelsregister eintragen ließ. Das Ehepaar Mendelsohn lebte auch in der Kniprodestraße 118.
1920 heiratete Sophies und Leos Tochter Edith in Berlin den Ingenieur Hans Walter Hellinger (*21. März 1888). Er stammte aus Reichenbach im Vogtland und seine Familie hatte in Sachsen eine Pressspanfabrik. Hans Hellinger war Mitinhaber der Berliner Manufaktur Zirker & Hellinger, die patentierten Siegellack in Tuben („Siegelit”) herstellte. Edith und Hans zogen in die Mommsenstraße 51 in Charlottenburg. Am 17. Januar 1923 bekamen sie ihr einziges Kind, den Sohn Horst-Ralf. Sophie wurde mit 54 Jahren Großmutter.
Bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verloren Sophie und Leo Mendelsohn ihren Lebensunterhalt. Der „Schuhvertrieb Kniprode” wurde geschlossen und 1937 aus dem Handelsregister gelöscht. Wahrscheinlich arbeitete Leo trotz seines hohen Alters danach noch eine Weile als Vertreter. Das Ehepaar scheint in den 1930er-Jahren nach Wilmersdorf gezogen zu sein, wahrscheinlich erst in die Motzstraße und spätestens 1937 dann in die Sybelstraße 61. Bei der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wurden Sophie und Leo hier im gemeinsamen Haushalt erfasst.
Ihre Tochter Edith emigrierte mit ihrem Ehemann Hans Walter Hellinger und ihrem zwölfjährigen Sohn Horst-Ralf 1933 nach Frankreich und 1935 weiter nach Palästina. 1937 wurde die Familie dort eingebürgert. Sie lebten in Tel Aviv. Die Todesdaten von Edith Hellinger geborene Mendelsohn und ihrem Ehemann ließen sich nicht ermitteln. Sophies Enkel Horst-Ralf starb mit 91 Jahren 2014 in Israel und wurde auf dem Nahalat-Yitshak-Friedhof in Tel Aviv beigesetzt. 1991 reichte er für seine Großmutter Sophie bei Yad Vashem ein Gedenkblatt mit Foto ein.
Sophies Mann Leo Mendelsohn starb am 24. September 1939 kurz vor seinem 77. Geburtstag anscheinend eines natürlichen Todes. Drei Jahre später, im August 1942, wurde Sophie entweder von der Gestapo aus ihrer Wohnung abgeholt oder ins Sammellager Große Hamburgische Straße beordert. Am 17. August wurde sie mit 996 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden im sogenannten „1. großen Alterstransport” vom Bahnhof Moabit /Putlitzstraße aus ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Die meisten Insassen dieses Zuges waren alte und kranke Menschen. Wenige von ihnen überlebten den Sommer. Auch Sophie starb nach wenigen Wochen. Sophie Mendelsohn geborene Goldstein wurde am 22. September 1942 mit 73 Jahren ermordet.
Sophies Schwestern Regina, Lina und Julie hatten alle drei in Posen geheiratet und waren dann mit ihren Ehemännern und eventuellen Kindern ebenfalls nach Berlin gezogen. Die Lebenswege von Regina und Julie ließen sich nicht mehr rekonstruieren. Von Lina wissen wir, dass sie 1938 als Witwe über die Schweiz nach Australien emigrierte und dort 1950 starb. Sophies Bruder Hugo heiratete in Danzig. Danach verliert sich auch seine Spur. Ihr Bruder Alfons emigrierte mit seiner Frau Margarete geborene Tietz in den 1930er-Jahren nach Großbritannien. Sie starben dort beide bereits 1944. Auch ihr Sohn, Sophies Neffe Hans Ernst, emigrierte nach England und starb 1967 in Hendon in Middlesex. Der zweite Sohn von Alfons und Margarete Goldstein, Sophies Neffe Joachim Max, der in Berlin in der Buchbranche tätig gewesen war, emigrierte wie seine Kusine Edith in den 1930er-Jahren nach Palästina. 1938 gründete er in Tel Aviv einen Literaturverlag, den er 1942 wieder aufgab. 1957 kehrte er nach
Deutschland zurück. Er lebte bis zu seinem Tod 1969 in West-Berlin.
Recherche und Text: Christine Wunnicke
Quellen:
- Yad Vashem
- Gedenkbuch des Bundes
- Arolsen Archives
- mappingthelives.org
- Adressbücher Posen, Stettin, Berlin
- Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin
- MyHeritage
- „Die Umschau” 1921
- Leo Baeck Institute Archive
- Einbürgerungsurkunden Palästina
- Claims Resolution Tribunal Schweiz zu Lina Brandt geb. Goldstein
- ushmm.org