Stolpersteine Sybelstraße 61

Hauseingang Sybelstr. 61, 2014

Hauseingang Sybelstr. 61, 2014

Diese Stolpersteine sind am 1. April 2014 verlegt worden.

Stolperstein Margot Ingeborg Caminer, 2014

Stolperstein Margot Ingeborg Caminer, 2014

HIER WOHNTE
MARGOT INGEBORG
CAMINER
JG 1925
DEPORTIERT 3.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Wilhelm Traube, 2014

Stolperstein Wilhelm Traube, 2014

HIER WOHNTE
WILHELM TRAUBE
JG. 1866
VERHAFTET
POLIZEIGEFÄNGNIS BERLIN
ERMORDET 28.9.1942

Stolperstein Sophie Mendelsohn, 2014

Stolperstein Sophie Mendelsohn, 2014

HIER WOHNTE
SOPHIE MENDELSOHN
GEB. GOLDSTEIN
JG. 1868
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 22.9.1942

Sophie Goldstein kam am 30. November 1868 als Tochter von Marcus Goldstein und dessen Ehefrau Johanna „Hannchen” geborene Samter in Posen (Poznań) zur Welt. Ihre Mutter war gebürtige Posenerin; ihr Vater, der aus Krotoschin in der Provinz Posen stammte, war Tischlermeister von Beruf. Sophie hatte fünf Geschwister: die Schwestern Regina (*1864), Lina (*1866) und Julie (1870) und die Brüder Alfons (*1872) und Hugo (*1875). Die Familie lebte in der Wronkerstraße (ulica Wroniecka) in der südlichen Altstadt von Posen.

Im März 1893 heiratete Sophie den sechs Jahre älteren Kaufmann Leo Mendelsohn (*25. Oktober 1862). Er stammte aus dem westpreußischen Städtchen Mewe (heute Gniew in Polen). Das Ehepaar zog nach Stettin. Sophies Mann hatte dort nach dem Tod des Besitzers einen Laden für Kurzwaren, Herrenwäsche und Schuhwaren übernommen. Passenderweise befand er sich in der Schuhstraße (ulica Szewska), in der seit dem Mittelalter die Stettiner Schuhmacher zu finden waren. Am 10. Februar 1894 bekamen Sophie und Leo in Stettin ihr einziges Kind, die Tochter Edith.

Sophies Vater starb 1903, ihre Mutter 1911. Um die Jahrhundertwende war Sophie mit Mann und Tochter nach Berlin gezogen. Auch hier handelte Leo mit Schuhen. Ab etwa 1920 hatte er in der Kniprodestraße 118 am Prenzlauer Berg einen Schuhhandel en gros & en détail, den er 1925 unter dem Namen „Schuhvertrieb Kniprode Leo Mendelsohn” ins Handelsregister eintragen ließ. Das Ehepaar Mendelsohn lebte auch in der Kniprodestraße 118.

1920 heiratete Sophies und Leos Tochter Edith in Berlin den Ingenieur Hans Walter Hellinger (*21. März 1888). Er stammte aus Reichenbach im Vogtland und seine Familie hatte in Sachsen eine Pressspanfabrik. Hans Hellinger war Mitinhaber der Berliner Manufaktur Zirker & Hellinger, die patentierten Siegellack in Tuben („Siegelit”) herstellte. Edith und Hans zogen in die Mommsenstraße 51 in Charlottenburg. Am 17. Januar 1923 bekamen sie ihr einziges Kind, den Sohn Horst-Ralf. Sophie wurde mit 54 Jahren Großmutter.

Bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verloren Sophie und Leo Mendelsohn ihren Lebensunterhalt. Der „Schuhvertrieb Kniprode” wurde geschlossen und 1937 aus dem Handelsregister gelöscht. Wahrscheinlich arbeitete Leo trotz seines hohen Alters danach noch eine Weile als Vertreter. Das Ehepaar scheint in den 1930er-Jahren nach Wilmersdorf gezogen zu sein, wahrscheinlich erst in die Motzstraße und spätestens 1937 dann in die Sybelstraße 61. Bei der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wurden Sophie und Leo hier im gemeinsamen Haushalt erfasst.

Ihre Tochter Edith emigrierte mit ihrem Ehemann Hans Walter Hellinger und ihrem zwölfjährigen Sohn Horst-Ralf 1933 nach Frankreich und 1935 weiter nach Palästina. 1937 wurde die Familie dort eingebürgert. Sie lebten in Tel Aviv. Die Todesdaten von Edith Hellinger geborene Mendelsohn und ihrem Ehemann ließen sich nicht ermitteln. Sophies Enkel Horst-Ralf starb mit 91 Jahren 2014 in Israel und wurde auf dem Nahalat-Yitshak-Friedhof in Tel Aviv beigesetzt. 1991 reichte er für seine Großmutter Sophie bei Yad Vashem ein Gedenkblatt mit Foto ein.

Sophies Mann Leo Mendelsohn starb am 24. September 1939 kurz vor seinem 77. Geburtstag anscheinend eines natürlichen Todes. Drei Jahre später, im August 1942, wurde Sophie entweder von der Gestapo aus ihrer Wohnung abgeholt oder ins Sammellager Große Hamburgische Straße beordert. Am 17. August wurde sie mit 996 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden im sogenannten „1. großen Alterstransport” vom Bahnhof Moabit /Putlitzstraße aus ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Die meisten Insassen dieses Zuges waren alte und kranke Menschen. Wenige von ihnen überlebten den Sommer. Auch Sophie starb nach wenigen Wochen. Sophie Mendelsohn geborene Goldstein wurde am 22. September 1942 mit 73 Jahren ermordet.

Sophies Schwestern Regina, Lina und Julie hatten alle drei in Posen geheiratet und waren dann mit ihren Ehemännern und eventuellen Kindern ebenfalls nach Berlin gezogen. Die Lebenswege von Regina und Julie ließen sich nicht mehr rekonstruieren. Von Lina wissen wir, dass sie 1938 als Witwe über die Schweiz nach Australien emigrierte und dort 1950 starb. Sophies Bruder Hugo heiratete in Danzig. Danach verliert sich auch seine Spur. Ihr Bruder Alfons emigrierte mit seiner Frau Margarete geborene Tietz in den 1930er-Jahren nach Großbritannien. Sie starben dort beide bereits 1944. Auch ihr Sohn, Sophies Neffe Hans Ernst, emigrierte nach England und starb 1967 in Hendon in Middlesex. Der zweite Sohn von Alfons und Margarete Goldstein, Sophies Neffe Joachim Max, der in Berlin in der Buchbranche tätig gewesen war, emigrierte wie seine Kusine Edith in den 1930er-Jahren nach Palästina. 1938 gründete er in Tel Aviv einen Literaturverlag, den er 1942 wieder aufgab. 1957 kehrte er nach Deutschland zurück. Er lebte bis zu seinem Tod 1969 in West-Berlin.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Arolsen Archives
  • mappingthelives.org
  • Adressbücher Posen, Stettin, Berlin
  • Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin
  • MyHeritage
  • „Die Umschau” 1921
  • Leo Baeck Institute Archive
  • Einbürgerungsurkunden Palästina
  • Claims Resolution Tribunal Schweiz zu Lina Brandt geb. Goldstein
  • ushmm.org
Stolperstein Gertrud Cohn, 2014

Stolperstein Gertrud Cohn, 2014

HIER WOHNTE
GERTRUD COHN
GEB. PINCSOHN
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
19.4.1943

Gertrud Pincsohn wurde am 17. September 1887 in Berlin geboren. Sie war die Tochter des aus Tütz (dem heutigen Tuczno) stammenden Kaufmanns und Fabrikanten Heimann Pincsohn und seiner in Posen (Poznań) geborenen Ehefrau Therese, geborene Mamroth. Gertrud hatte eine ältere Schwester, die 1894 geborene Pauline. Außerdem lebten noch weitere Geschwister ihres Vaters in Berlin: Mit seinen Brüdern Selig und Max führte Heimann Pincsohn die Strickgarn- und Strumpfwarenfabrik „Lindenau & Pincsohn“. Zum Zeitpunkt der Geburt von Gertrud lebte die Familie Pincsohn in der Charlottenstraße 89 in Kreuzberg. Über die Kindheit und Jugend von Gertrud haben sich keine Informationen erhalten. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde der Stadt.

Im Oktober 1906 bestand Gertrud ihr Lehrerinnenexamen für höhere und mittlere Mädchenschulen, erhielt 1909 das Abitur und begann in Berlin ihr Medizinstudium, das sie 1914 mit dem Staatsexamen abschloss. Im ersten Kriegsjahr erhielt sie ihre Approbation und war von Oktober 1914 bis 1921 Assistenzärztin im renommierten Auguste-Viktoria-Klinikum Berlin-Schöneberg in den Abteilungen Innere und Chirurgie – Abteilungen, in denen Ärzte wie Walther Kausch (1867–1928) und Otto Nordmann (1876–1846) in jener Zeit Pionierarbeit leisteten. 1916 erschien ein Aufsatz von ihr zu „Sehstörungen nach der Darreichung von Optochin“ in der Berliner klinischen Wochenschrift. Am 4. März 1921 veröffentlichte Gertrud Pincsohn, inzwischen verheiratete Cohn, ihre Dissertation zum Thema von Pneumonien bei Paratyphuserkrankungen – also Entzündung des Lungengewebes bei einer durch Salmonellen hervorgerufenen Infektionskrankheit – mit dem Titel „Zur Kenntnis des Pneumoparatyphus“. Ab dem 29. August 1924 praktizierte Gertrud Cohn als niedergelassene Hausärztin. Ihre Praxis lag in der Pistoriusstraße 147 in Weißensee und ab 1931 in der Berliner Straße 112 in Hohenschönhausen. In den 1930er-Jahren lebte die Ärztin in der Charlottenburger Sybelstraße 61. 1931 trat Gertrud Cohn in den Bund deutscher Ärztinnen (BdÄ) ein.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Gertud Cohn und ihre Verwandten. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Abgesehen von Boykottmaßnahmen, behördlichen Schikanen und Verhaftungsaktionen wurde die Schlinge für jüdische Ärzte durch eine Flut von Verordnungen und Gesetze schrittweise enger gezogen: So wurden mit insgesamt sieben Verordnungen von 1933 bis 1937 „nichtarischen“ Ärzten nach und nach die Kassenzulassungen entzogen. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 waren sie vom öffentlichen Gesundheitswesen ausgeschlossen, mit der Verordnung vom 20. November 1933 durften sie keine ärztlichen Fortbildungskurse mehr besuchen und wurden vom ärztlichen Bereitschaftsdienst ausgeschlossen. Ab dem Jahr 1936 durften sie nicht mehr mit „deutschstämmigen“ Ärzten zusammenarbeiten. Gertrud Cohn wurde die Kassenzulassung am 1. Juli 1933 entzogen. Am 30. September 1938 wurde ihr, wie allen jüdischen Ärzten und Ärztinnen, mit der „vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ die Approbation entzogen. Das Leben in Berlin Ende der 1930er- und Anfang der 1940er-Jahre wurde für Gertrud Cohn zum Existenzkampf. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich nach der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Am 6. Oktober 1942 starb Gertrud Cohns Mutter Therese im Alter von 79 Jahren in Berlin. Wenige Wochen zuvor hatte sich ihr Onkel Max Pincsohn am 22. Juli 1942 der Verfolgung durch Selbstmord entzogen. Vermutlich unmittelbar vor der drohenden Deportation nahm sich Gertrud Cohn am 19. April 1943 das Leben. Sie wurde 56 Jahre alt. Ihre Schwester Pauline überlebte die NS-Verfolgung. Sie hatte sich in den 1930er-Jahren nach England retten können. Das Schicksal des Vaters von Gertrud Cohn und das ihres Ehemanns ist ungeklärt.

Biografische Zusammenstellung: Indra Hemmerling

Stolperstein Adelheid Königsfeld, 2014

Stolperstein Adelheid Königsfeld, 2014

HIER WOHNTE
ADELHEID
KÖNIGSFELD
GEB. KÖNIGSFELD
JG. 1882
DEPOIRTIERT 5.6.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 22.5.1944

Adelheid Königsfeld wurde am 15. Juli 1882 in Kobier/Oberschlesien, heute Polen, als Tochter von Josef und Maria Königsfeld geboren. Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Als sie 1917 den Kaufmann Otto Königsfeld heiratete, brachte sie eine Tochter mit in die Ehe[1].

Bis in die späten 1920er Jahre lief das Geschäft ihres Mannes, über das wir keine genaueren Angaben haben, offensichtlich recht ordentlich. Die Eheleute lebten am Kaiserdamm 28 in Charlottenburg. Nach dem ersten Offenbarungseid ihres Mannes veränderten sich ihre Lebensbedingungen erheblich. Ihr Mann arbeitete nun als Handelsvertreter für Möbel. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten verstärkte diesen ‚sozialen Abstieg‘ in den 1930er Jahren. Das Ehepaar musste schon 1933 in eine andere, vermutlich kleinere Wohnung in der Bismarckstraße 68 ziehen, 1938 erfolgte dann der Umzug in die Sybelstraße 61.Nach einem zweiten Offenbarungseid in diesem Jahr verleiteten die finanzielle Not und der Versuch, eine Auswanderung finanziell abzusichern, Otto Königsfeld dazu, gegen das Devisengesetz zu verstoßen.

Dankesschreiben von Adelheid Königsfeld an den Konsulenten Dr. Siegfried Popper (Frankfurt) vom 14. Januar 1942

Der illegale Transfer von Devisen ins Ausland wurde entdeckt, Otto Königsfeld im März 1940 verhaftet, im Sommer 1940 für dieses ‚Devisenverbrechen‘ vor Gericht gestellt[2].

Nach der Verurteilung ihres Mannes bemühte sich Adelheid Königsfeld mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, die Situation für ihren mittlerweile schwer herzkranken Ehemann zu verbessern. So oft es ging besuchte sie in im Gefängnis in Frankfurt, wo er seine zweijährige Haftstrafe abzusitzen hatte. Für sie bedeutete das jedes Mal neun Stunden Fahrzeit mit dem Zug. Auch finanziell fiel ihr dies nicht leicht, sie lebte schon längere Zeit von den Zuwendungen vermögender Verwandter. Nachdem das Gericht in 1941 die Begnadigung ihres Mannes in Aussicht gestellt hatte, sofern die Geldstrafe und die zu zahlenden Gerichtskosten beglichen würden, musste sie sich auch darum kümmern. Die finanzielle Not erzwingt im Dezember 1940 einen weiteren Umzug in die Giesebrechtstraße 15. Dort wohnt Adelheid Königsfeld jetzt zur Untermiete.

Zahlreiche Briefe, Behördengänge und Fahrten nach Frankfurt sind in den Unterlagen des Finanzamtes und des Gerichtes dokumentiert und führten letztlich zum Ziel: Freilassung ihres Mannes aus der Haft im Januar 1942[3].

Bis zur endgültigen Begnadigung vergingen noch mehr als drei aufregende Monate, in denen sie sich um die Bezahlung der Strafe in Höhe von ca. 16.500 RM kümmerte und gleichzeitig immer wieder eine erneute Inhaftnahme von Otto Königsfeld drohte[4].

Schreiben des Generalstaatsanwaltes Frankfurt an Adelheid Königsfeld vom 24. Januar 1942

Hinzu kam der im Februar 1942 erzwungene weitere Umzug von der Giesebrechtstraße 15 in die Levetzowstraße 11a, unmittelbar neben dem „Sammellager“ für die Deportation der Berliner Juden. Adelheid Königsfeld spielte in dieser Zeit sogar mit dem Gedanken, dass das Ehepaar sich freiwillig zur „Evakuierung“ melden sollte, um einer erneuten Inhaftierung ihres Ehemannes zu entgehen[5]. Offensichtlich war den Eheleuten Königsfeld nicht klar, was sich tatsächlich unter dem von den NS-Behörden benutzten Begriff der „Evakuierung“ verbarg.

Adelheid und Otto Königsfeld hatten nach der endgültigen Begnadigung am 1. Mai noch genau vier gemeinsame Wochen in Freiheit. Am 27. Mai 1942 wurde Otto Königsfeld plötzlich verhaftet und am 28./29. Mai im KZ Sachsenhausen mit 249 weiteren jüdischen Männern erschossen. Eine Woche später, am 5. Juni, wurde Adelheid Königsfeld zusammen mit knapp 100 Angehörigen der ermordeten Männer in einer von Eichmann geplanten Aktion in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sie widerstand den unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager noch fast zwei Jahre, bis sie am 22. Mai 1944 starb.

Recherche und Text: Willi Creutzenberg

Fußnoten:
fn1. Ob diese Tochter unehelich geboren war oder aus einer früheren Ehe von Adelheid Königsfeld stammte, ist nicht bekannt. Der Hinweis auf die Tochter stammt aus der im Gefängnis Frankfurt-Preungesheim entstandenen ‚Personalakte‘ von Otto Königsfeld (vgl. HStA Wiesbaden Bestand 409/4 Nr. 3480).

fn2. Zwar waren die Devisenverkehrsbeschränkungen bereits unter Reichskanzler Brüning eingeführt worden, die Nationalsozialisten wandten sie aber besonders gerne gegen jüdische Bürger an, um ihnen letztlich ihr Vermögen zu rauben und sie so zu kriminalisieren.

fn3. Siehe hierzu die Akten im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Bestand 409/4 Nr. 3480, Bestand 474/3 Nr. 789 und Bestand 519/3 Nr. 35381.

fn4. Das Geld floss später tatsächlich aus dem bereits beschlagnahmten Vermögen des Schwagers Hugo Aufricht. Da dieser bereits seinen Wohnort Beuthen Richtung Neuseeland verlassen hatte und ausgebürgert worden war, kümmerte sich Martin Königsfeld, ein Bruder von Adelheid, der ebenfalls in Beuthen wohnte, bei den dortigen Behörden um die Freigabe des Geldes.

fn5. Das deutet ihr Berliner Rechtsanwalt Dr. Günther Loebinger in einem Schreiben an den Frankfurter Anwalt Dr. Siegfried Popper vom 31. 3. 1942 an. (Vgl. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Bestand 474/3 Nr. 789)

Stolperstein Otto Königsfeld, 2014

Stolperstein Otto Königsfeld, 2014

HIER WOHNTE
OTTO KÖNIGSFELD
JG. 1875
VERHAFTET 27.5.1942
SACHSENHAUSEN
ERMORDET 28.5.1942

Otto Königsfeld wurde am 10. Juli 1875 in Nikolai in Oberschlesien, heute Polen, als Sohn des Glasermeister Aron Königsfeld und seiner Frau Charlotte geb. Steinberg, beide aus Gleiwitz, geboren. Er besuchte eine Zeitlang die jüdische Schule in Nikolai und machte anschließend eine dreijährige Lehre als Schuhmacher. Mit 21 Jahren absolvierte er die zweijährige Militärzeit und nahm danach in Berlin Arbeit an. 1905 machte er sich dort als Kaufmann selbständig.

1917 heiratete er in zweiter Ehe Adelheid, geb. Königsfeld, die am 15. Juli 1882 in Kobier in Oberschlesien geboren worden war[1]. Sie brachte eine Tochter mit in die Ehe. 1928 ging Otto Königsfeld in Konkurs und musste einen Offenbarungseid leisten. Von da an arbeitete er als Möbelvertreter. Die Familie wohnte in der Sybelstraße 61 in Charlottenburg. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eheleute verbesserten sich nicht mehr grundlegend. 1938 musste Otto Königsfeld erneut einen Offenbarungseid leisten. Von da an lebten sie von Zuwendungen von Verwandten der Ehefrau, Otto Königsfeld selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits wegen einer Herzschwäche erwerbsunfähig[2].

Antrag des Untersuchungshäftlings Otto Königsfeld zum Halten der ‚Frankfurter Zeitung‘.

In dieser Situation ist es nachvollziehbar, dass sich die Eheleute der im Februar 1939 für Juden verordneten Abgabe von Gold, Silber und Schmuck an die öffentlichen Abgabestellen verweigerten und ein Goldstück, eine goldene Brosche und eine goldene Uhr einbehielten. Otto Königsfeld erklärte später, dass es Erinnerungsstücke an seine erste Ehefrau gewesen seien. Am 30. März 1940 wurde Otto Königsfeld festgenommen und am 4. April in der Strafanstalt Plötzensee in Untersuchungshaft genommen. Der Vorwurf: Königsfeld habe Personen, die Devisen und inländische Währung ins Ausland schaffen wollten, gegen Provision an einen entsprechenden Geschäftsmann aus Frankfurt vermittelt. Damit hatte er sich im nationalsozialistischen Staat eines schweren Devisenvergehens schuldig gemacht. Das Verfahren wurde am Landgericht in Frankfurt geführt, Otto Königsfeld dazu von der Strafanstalt Plötzensee in das Untersuchungsgefängnis Frankfurt verlegt. Die in diesem Zusammenhang bei den Königsfelds durchgeführte polizeiliche Wohnungsdurchsuchung brachte dann auch die unerlaubt zurückgehaltenen Wertgegenstände ans Tageslicht, die dann in das Verfahren einbezogen wurden.

Auszug aus dem Schreiben des Konsulenten Dr. Günther Loebinger vom 31. März 1942 an den Konsulenten Dr. Siegfried Popper (Frankfurt a. M.)

Am 27. Juli 1940 wurde Otto Königsfeld von der III. Strafkammer beim Landgericht Frankfurt zu zwei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 10.000 RM verurteilt. Anschließend wurde er am 23. August in das Zuchthaus Preungesheim/Frankfurt zur Verbüßung der Strafe verbracht. Seine Frau bemühte sich von Anfang an um Erleichterung der (Einzel-)Haftsituation ihres schwer herzkranken Mannes. So beantragte sie z. B., ihren Mann von Frankfurt in eine Haftanstalt nach Berlin zu verlegen, damit es für sie einfacher würde, ihn zu besuchen. Alle von ihr gestellten Anträge blieben erfolglos.

Im April 1941 beurteilte der Leiter der Strafanstalt in seiner Stellungnahme zu ihrem Gnadenantrag die Haftsituation für Otto Königsfeld angesichts seines Alters und Gesundheitszustandes als ‚bedrückend‘[3]. Während er daher unter bestimmten Auflagen, insbesondere einer hohen Geldzahlung, eine Begnadigung befürwortete, wurde der Antrag vom Generalstaatsanwalt abgelehnt. Obwohl sich ihre eigene Situation als Jüdin in Berlin immer weiter verschlechterte, kämpfte Adelheid Königsfeld intensiv weiter um die Freilassung.

Von jetzt an führt Adelheid Königsfeld mit Hilfe ihres Anwaltes bzw. ‚Rechtskonsulenten‘ einen intensiven, fast ein Jahr dauernden Kampf um die Freilassung ihres Mannes. Ihre eigene Situation verschlechterte sich in dieser Zeit angesichts der zunehmenden Verfolgung in Berlin und der Deportationen nach Osteuropa. So musste sie im Sommer 1941 in die Giesebrechtstraße 15 zu Frau Erhard ziehen[4]. Schließlich erreichte sie im Januar 1942 die vorläufige Entlassung ihres Mannes aus der Haft, nachdem sie zugesagt hatte, im Gegenzug einen Betrag von ca. 16.500 RM an die Gerichtskasse zu überweisen. Dankschreiben an den Rechtsanwalt, der die Eheleute in der ganzen Zeit beraten und unterstützt hatte, zeigen, wie glücklich die beiden in diesem Moment waren[5].

Es stellten sich in der Folge große Schwierigkeiten, an das von Verwandten in Beuthen zugesagte Geld zu kommen, das dann an die Gerichtskasse fließen sollte[6]. Es drohte die erneute Inhaftierung von Otto Königsfeld. Gleichzeitig verschärfte sich die allgemeine Judenverfolgung in Berlin. Im Februar 1942 mussten die Eheleute Königsfeld in die Levetzowstraße 11a, ein sogenanntes „Judenhaus“, ziehen. Damit wohnten sie in unmittelbarer Nachbarschaft zu der seit Oktober 1941 als „Sammellager für die Evakuierung“ genutzten Synagoge in der Levetzowstraße 8/9[7]. Das führte bei ihnen zu der Idee, sich freiwillig zur „Evakuierung“ zu melden, um der erneuten Festnahme des Ehemanns zu entgehen. Offensichtlich wussten sie nicht, welches Schicksal die „Evakuierten“ erwartete. Bevor diese Idee umgesetzt werden konnte, bekam Otto Königsfeld die Aufforderung, sich zum 15. April 1942 zum Strafantritt für die Reststrafe im Strafgefängnis Berlin-Spandau zu melden. Das konnte jedoch verhindert werden. Am 14. April war der notwendige Geldbetrag tatsächlich vom Oberfinanzpräsidenten Berlin wieder frei gegeben und an die Gerichtskasse in Frankfurt überwiesen worden.

Schreiben des Konsulenten Dr. Günther Loebinger (Berlin) an den Konsulenten Dr. Siegfried Popper (Frankfurt) vom 7. Juli 1942

Am 1. Mai 1942 teilte der Generalstaatsanwalt Otto Königsfeld dann förmlich folgendes mit:

bq. Auf das Gesuch Ihres Verteidigers Dr. Popper vom 16. April 1942 habe ich auf Grund der mir durch die Gnadenordnung erteilten Ermächtigung des Reichsministers der Justiz die Vollstreckung der Ihnen durch Urteil der Strafkammer in Frankfurt am Main vom 17.7.1940 auferlegten Gefängnisstrafe von zwei Jahren, und zwar des noch nicht verbüßten Teils auf die Dauer von drei Jahren, bis zum 1. Mai 1945 ausgesetzt.

Otto Königsfeld hatte noch genau vier Wochen, in ‚Freiheit‘ zu leben, wobei die Bedingungen in der Levetzowstraße 11a sicher keine wirkliche ‚Freiheit‘ bedeuteten.

Am 27. Mai 1942 wurde er von der Berliner Gestapo erneut festgenommen, nach Sachsenhausen geschafft und mit 249 weiteren jüdischen Männern im Rahmen der Racheaktion nach dem Attentat der Gruppe um Herbert Baum auf die Propaganda-Ausstellung der Nationalsozialisten „Das Sowjetparadies“ im Konzentrationslager Sachsenhausen erschossen.

Recherche und Text: Willi Creutzenberg

Fußnoten:
fn1. Wann und wen er in erster Ehe geheiratet hat, ist nicht bekannt. Im Übrigen stammen die folgenden Informationen aus der in der Strafanstalt Preungesheim entstandenen ‚Personalakte‘ für Otto Königsfeld (HStA Wiesbaden Bestand 409/4 Nr. 3480)

fn2. Vgl. hierzu auch: HStA Wiesbaden Bestand 519/3 Nr. 35381 (Devisenakte Königsfeld)
fn3. Vgl. hierzu Schreiben vom 1. 4. 1941 in: HStA Wiesbaden Bestand 409/4 Nr. 3480

fn4. Vgl. hierzu den Bericht über Marion Erhard (Stolpersteine Giesebrechtstr. 15 – Berlin.de Zugriff 27. 11. 2020). In der Wohnung der Familie Erhard lebten Ende 1941 schließlich 14 Personen, 12 davon als Untermieter.

fn5. Die Schreiben sind in der in Anm. 1 genannten Akte enthalten.

fn6. Der Schwager von Adelheid Königsfeld, der Holzkaufmann Hugo Auftricht, war – als tschechischer Staatsbürger – mittlerweile von Beuthen nach Prag verzogen, sein Vermögen, darunter auch das Geld, das für Otto Königsfelds Freilassung eingesetzt werden sollte, von der Gestapo beschlagnahmt worden. (Vgl. hierzu Schreiben der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt an die Gestapo Beuthen vom 10.10.1941 in: HStA Wiesbaden Bestand 474/3 Nr. 789)

fn7. Der Begriff ‚Evakuierung‘ wurde von den Nationalsozialisten genutzt, um damit die Deportation der jüdischen Menschen in die Ghettos bzw. Vernichtungslager im besetzten Polen zu verharmlosen.

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