Stolpersteine Sächsische Str. 72

Hausansicht Sächsische Str. 72

Der Stolperstein für Rosa Blumenthal wurde gespendet von den Urenkelinnen Katja Uhlig (Düsseldorf) und Ursula Weber (Reinbek bei Hamburg), die bei der Verlegung am 29. Oktober 2013 anwesend waren.

Der Stolperstein für Else Schendel wurde am 19. Mai 2016 verlegt.

Stolperstein Rosa Blumenthal

HIER WOHNTE
ROSA BLUMENTHAL
GEB. MEYERS
JG. 1861
DEPORTIERT 20.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 12.9.1942

Rosa Blumenthal wurde am 16.4.1861 in Löbau in Westpreußen geboren. Sie war die Witwe des Sanitätsrat Dr. Ludwig Blumenthal, der am 14.9.1855 in Lippusch geboren und am 25.1.1933 in Berlin gestorben ist. Die Praxis mit integrierter Privatwohnnung befand sich auf der Schlüterstr. 38 in Charlottenburg. Zunächst wohnte sie nach dem Tod ihres Mannes in der Leibnizstraße 106, von 1935 an war sie im Adressbuch als „Witwe“ in der Sächsischen Straße 72 eingetragen.

Wie alle Jüdinnen und Juden musste Rosa Blumenthal in der Öffentlichkeit den gelben Judenstern tragen. Sie wurde im 82. Lebensjahr am 20.8.1942 vom Anhalter Bahnhof in einem von zwei mit je 50 Menschen besetzten Waggons nach Theresienstadt deportiert und dort am 12.9.1942 ermordet. Die Todesurkunde aus Theresienstadt ist erhalten und in der Opferdatei unter http://109.123.214.108/de/document/DOCUMENT.ITI.4215 zu sehen. Die dort angegebene, von vier Ärzten bestätigte Todesursache „Darmkatarrh“ ist eine Umschreibung dafür, dass sie an Unterernährung und den miserablen hygienischen Zuständen im Ghetto zugrunde gegangen ist.

Ihr gesamtes Vermögen einschließlich Mobiliar wurde von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) beschlagnahmt und ging verloren. Vorher war sie schon zur Judenabgabe herangezogen worden. Diese „Grünspan-Milliarde“ genannte Summe wurde mit staatlichem Erlass vom 12.11.1938 den Juden als „Sühneopfer“ abverlangt, nachdem der 14jährige Herschel Gynszpan (Grünspan) in Paris einen deutschen Diplomaten erschossen hatte. Außerdem wurden Verschleppung und Ermordung willkürlich als „Flucht“ eingestuft, was eine „Reichsfluchtsteuer“ auslöste. Zum Zeitpunkt ihrer Deportation war sie also bereits völlig ausgeplündert worden.

Das Ehepaar hatte drei Kinder: Georg, Bertha und Käthe, die alle drei den Holocaust überlebten. Ihr Sohn Prof. Dr. med. Georg Blumenthal (8.4.1888 bis 15.3.1964) wurde während der Nazi-Zeit verfolgt und 1933 vom Robert-Koch-Institut entlassen. Zwar durfte er seine Augenarztpraxis weiterführen, aber sich nur noch „Krankenbehandler“ nennen und von 1938 an nur noch Juden behandeln.

Am 5. Oktober 1942 wurden er und seine Frau Agnes von der Gestapo aus ihrer Wohnung vertrieben und auf die Straße gesetzt. Erst vier Wochen später erhielt das Paar eine “Judenwohnung” in der Solinger Straße 10. Die Gestapo verfolgte ihn ständig und wollte ihn mehrmals abholen, aber es gelang ihm, in den Untergrund zu flüchten. Das letzte Versteck war auf der Insel Marienwerder in einer halbverfallenen Laube ohne Heizung, in der das Paar das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt hat.

Auch Bertha Blumenthal, die verheiratet war, überlebte den Holocaust. Alle Dokumente über sie sind verschwunden.

Dr. med. Käthe Zieger, geb. Blumenthal (4.8.1893 bis 14.12.1989), die Christin war, wurde ebenfalls vom Nazi-Regime terrorisiert. Ihre Kinderarztpraxis in der Kaiserallee 206 in Wilmersdorf wurde zugrunde gerichtet. Sie bekam Berufsverbot und ihr „arischer“ Ehemann Dr. jur. Albrecht Zieger (18.11.1894 bis 19.3.1956) wurde massiv unter Druck gesetzt, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Da er sich weigerte, wurde er aus allen Ämtern entfernt.
Als Anwalt hat er versucht, die Deportation seiner Schwiegermutter zu verhindern, indem er bei der Gestapo vorsprach. Er wurde unverschämt behandelt und ihm wurde mit sofortiger Verhaftung gedroht. 1944 wurde er dann in einem Straf- und Arbeitslager interniert, aus dem ihm vor der bevorstehenden Ermordung die Flucht gelang.

Text: Katja Uhlig
Quellen: Familienerinnerungen; Berliner Adressbücher 1933-1935; Opferdatei Theresienstadt

Stolperstein Else Schendel

HIER WOHNTE
ELSE SCHENDEL
GEB. WOLFFHEIM
JG. 1888
DEPORTIERT 5.9.1942
RIGA
ERMORDET 8.9.1942

Else Schendel wurde als Else Wolffheim am 18. Februar 1888 in Berlin geboren. Ihre Eltern waren der aus Berlin stammende Kaufmann Hermann Wolf Wolffheim und dessen aus Pleschen (Pleszew, Polen) stammende Ehefrau Wilhelmine geborene Pfeiffer (geb. 28. Juli 1854). Kurze Zeit nach Elses Geburt starb ihre Mutter am 30. März 1888. Ihr Vater heiratete am 6. Mai 1890 in zweiter Ehe die aus Posen stammende Regina Landsberg (geb. 4. Februar 1862), die Elses Stiefmutter wurde. Aus der zweiten Ehe seines Vaters bekam Else zwei Halbgeschwister, Johanna Erna (geb. 24. März 1891) und Walter Hermann (geb. 12. Dezember 1895).

Wann und wo Else ihren späteren Ehemann, den aus Glatz in Schlesien (Kłodzko, Polen) stammenden Kaufmann Hermann Schendel (geb. 20. Februar 1880), kennenlernte, ist nicht bekannt. Die 25-jährige Else und der 33-jährige Hermann heirateten am 9. Juni 1913 in Berlin und zogen anschließend nach Chemnitz in Sachsen, wo Hermann schon vor der Hochzeit gewohnt hatte. Sie wurden Eltern von zwei Töchtern, die beide in Chemnitz geboren wurden. Gerda Margarete kam am 29. Juli 1914 und zwei Jahre später kam Margit Ursula am 12. April 1916 zur Welt.

Elses Vater Hermann Wolffheim starb am 28. August 1916 im Alter von 70 Jahren in Berlin. Am 18. Februar 1923 heiratete ihr jüngerer Bruder Walter in zweiter Ehe Emma Küchler (geb. 17. November 1893) in Berlin. 1931 starb die Stiefmutter Regina mit 69 Jahren, daraufhin zog ihre unverheiratete Schwester Erna zu Else nach Chemnitz in die Langestraße 22.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Else 45 Jahre alt. Ihre älteste Tochter Gerda heiratete am 4. März 1935 mit 20 Jahren Hans Werner Meyerhofer. Ein Jahr später, am 24. März 1936, starb Elses Ehemann und Vater ihrer Kinder Hermann Schendel mit 56 Jahren in Chemnitz. Else wurde mit 48 Jahren Witwe. Am 23. Dezember 1937 heiratete ihre Schwester mit 46 Jahren den 61-jährigen Ingenieur Julius Katzky in Berlin. Sie zog zu ihm in die Lessingstraße 24 in Berlin-Lichtenrade. Vermutlich zogen Else und ihre Tochter Margit daraufhin auch nach Berlin. Sie fanden eine Wohnung in der Sächsischen Straße 72 in Berlin-Wilmersdorf.

Elses älteste Tochter Gerda gelang mit ihrem Ehemann am 23. August 1938 die Emigration nach New York in den USA. Walter Wolffheim wohnte mit seiner Ehefrau in der Wrangelstraße 92 in Berlin-Kreuzberg. Er starb am 21. September 1938 im Jüdischen Krankenhaus an einer Lungenembolie.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war Else noch zusammen mit ihrer 23-jährigen Tochter Margit in der Sächsischen Straße 72 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet. Ende August 1939 gelang auch Margit noch in letzter Minute die Flucht nach Großbritannien. Else blieb allein zurück. Im Februar 1941 zog ihre Schwägerin Emma, die Witwe ihres Bruders Walter, zu ihr zur Untermiete in den vierten Stock im Vorderhaus der Sächsischen Straße 72. Emma musste Zwangsarbeit bei Siemens & Halske im Wernerwerk in der Jungfernheide in Berlin-Siemensstadt leisten.

Else bekam Ende August 1942 den Deportationsbefehl in den Osten. Zusammen mit 800 Leidensgenossinnen und -genossen sollte sie am 31. August 1942 deportiert werden. Der 19. Osttransport verließ aber erst am 5. September 1942 den Güterbahnhof Moabit und erreichte am 8. September 1942 den Bahnhof von Riga in Lettland. Hier wurden die Deportierten in einem nahegelegenen Wald erschossen und in Massengräbern verscharrt. Else Schendel geborene Wolffheim starb mit 54 Jahren.

Ihre Schwester Erna verlor zehn Tage später, am 18. September 1942, ihren Ehemann Julius Katzky, der an Herzmuskelschwäche starb. Einen Monat später, am 19. Oktober 1942, wurde auch Erna mit dem 21. Osttransport nach Riga deportiert und am 22. Oktober 1942 dort ermordet.

Ihre Schwägerin Emma Wolffheim wurde von der Gestapo bei der „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 an ihrem Arbeitsplatz bei Siemens festgesetzt und anschließend in ein Sammellager gebracht, wo sie am 28. Februar ihre Vermögenserklärung unterschrieb. Mit dem 34. Osttransport wurde sie am 4. März 1943 nach Auschwitz deportiert und vermutlich kurz nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau in einer Gaskammer ermordet. Die Wohnung in der Sächsischen Straße 72 versiegelte die Gestapo Ende Februar 1943. Sie blieb acht Monate unbewohnt, bis sie am 28. Oktober 1943 geräumt wurde.

Am 13. August 1946 emigrierte auch Margit von Großbritannien nach New York zu ihrer Schwester Gerda. Gerda wurde 96 Jahre und Margit wurde 82 Jahre alt.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Mai 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 40696, Emma Wolffheim