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Stolpersteine Marburger Straße 5

Diese Stolpersteine der Familie Noack sind von Brigitte und Viola Kretschmer (Frankfurt a.M.) gespendet worden und wurden am 12.11.2013 verlegt.

Eigentümerin des Hauses an der Marburger Straße 5 war in den 1930er Jahren die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die ihren Sitz in der Oranienburger Straße hatte. Wie viele jüdische Menschen hier wohnten, ist nicht genau zu ermitteln. Jedenfalls waren darunter 46, die nicht ins sichere Ausland flüchten oder in Verstecken überleben konnten, sondern deportiert und ermordet wurden, und zwei, die diesem Schicksal zu entkommen suchten, indem sie Selbstmord begingen. Drei von ihnen waren die Familie Noack.

Der Stolperstein von Hermine Lesser wurde am 7.10.2020 verlegt.

Stolperstein Arnold Noack, Foto:H.-J. Hupka, 2013
Stolperstein Arnold Noack, Foto:H.-J. Hupka, 2013
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
ARNOLD NOACK
JG 1885
DEPORTIERT 14.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Rike Noack, Foto:H.-J. Hupka, 2013
Stolperstein Rike Noack, Foto:H.-J. Hupka, 2013
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
RIKE NOACK
GEB. SCHMUL
JG. 1901
DEPORTIERT 14.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Stolperstein Eva Noack, Foto:H.-J. Hupka, 2013
Stolperstein Eva Noack, Foto:H.-J. Hupka, 2013
Bild: H.-J. Hupka

HIER WOHNTE
EVA NOACK
JG. 1926
DEPORTIERT 14.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Arnold Noack ist am 9. Juni 1885 in Stettin geboren. Er war Arzt und hatte vorher eine Praxis an der Kantstraße. Wie allen jüdischen Medizinern entzogen ihm die Nazis die Arbeitserlaubnis, sodass er nur Juden als Patienten haben durfte und sich entwürdigend „Krankenbehandler“ nennen musste. Im Berliner Adressbuch von 1940 war Arnold Noack mit der Anschrift Marburger Straße 5 eingetragen und dem Zusatz „jüd. Behandler“.

Seine Frau Rike Noack, geb. Schmul, wurde geboren am 11. August 1901 in Lautenburg (Westpreußen). Ihre Tochter hieß Eva Noack, sie ist am 8. April 1926 in Berlin geboren.

Alle drei und drei weitere Bewohner des Hauses wurden eines Tages abgeholt und mit armseligem kleinem Gepäck in die Große Hamburger Straße gefahren. Dort, in einem ehemaligen jüdischen Altersheim, mussten sich tausende zur Deportation vorgesehen Jüdinnen und Juden melden und registrieren lassen, bevor sie auf die Transportzüge in die osteuropäischen Ghettos und Lager verteilt wurden. Die Familie Noack wurde in einen Zug getrieben, der am 14. Dezember 1942 vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald startete und verriegelt und verplombt mit 811 Menschen nach Auschwitz fuhr. Dort sind die meisten von ihnen gleich nach der Ankunft vergast wurden – ob der Arzt Arnold Noack noch im Arbeitslager zu medizinischem Dienst für die Häftlinge gezwungen und ob die 41jährige Rike Noack und die 16jährige Eva Noack noch als „arbeitsfähig“ eingestuft wurden, bevor sie getötet wurden, ist nicht bekannt.

Auch über die Lebensläufe ist nichts weiter bekannt, da der Kontakt zu den Geschwistern Kretschmer vor der Verlegung abgerissen ist.

Text: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Stolperstein Marburgerstr. 05, Hermine Lesser
Stolpersteine für Hermine Lesser
Bild: Stolperstein-Initiative CW / Hupka

HIER WOHNTE
HERMINE LESSER
GEB. PHILIPP
JG. 1853
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 13.1.1943

Am 28. August 1853 kam Hermine Lesser als Tochter und zweites Kind des Kaufmanns Adolf Philipp und seiner Frau Henriette geb. Schönlank in Berlin zur Welt. Der erstgeborene Bruder war schon im Kindesalter gestorben.
Ihre Kindheit und Schulzeit verlebte sie mit den Schwestern Julie und Anna, die wie sie eine solide bürgerliche Bildung erhielten.

1880 heiratete Hermine den Fabrikanten für Fenster- und Schaufensterjalousien Paul Lesser und wohnte mit ihm und später den beiden Töchtern Dora und Ada, die 1882 und 1886 geboren wurden, im Zentrum Berlins. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts zogen die Eheleute nach Charlottenburg in die Joachimsthaler Straße, wo sie bis zum Tode Paul Lessers im Jahr 1917 lebten.

Recht ungewöhnlich für die Zeit engagierte Hermine sich auch schon als verheiratete, im Bürgertum verwurzelte Frau, in der frühen Frauenbewegung und in der Wohlfahrtspflege. Sie leitete eine Rechtsschutzstelle für Frauen und Mädchen und war engagiert im Bund für Mutterschutz und als Charlottenburger Waisenpflegerin.

Von 1923-33 vertrat sie die Interessen des jüdischen Frauenbundes im Vorstand des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Im Verwaltungsrat desselben waren damals auch der Rabbiner Simon Weise, der Künstler Max Liebermann und Walther Rathenau aktiv.
Im Jahre 1931 wurde sie vom Bezirksamt Charlottenburg für ihre 30jährige ehrenamtliche Tätigkeit als Waisenpflegerin ausgezeichnet.

Dies schützte sie nicht vor der Verfolgung und Ausgrenzung, die mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur einsetzte. Im Dezember 1933 wurde sie, wie auch alle anderen jüdischen Vertreter, aus dem Vorstand des Volksbundes gedrängt.
Sie gründete trotzdem in der Marburger Str. 5 ein Clubheim für notleidende Frauen, um ihnen bei zunehmendem Elend zu helfen und sie zu unterstützen.
Der 9. November 1938 mit seinen Pogromen, Verfolgungen und Morden machte für jeden endgültig klar, dass in Deutschland für Juden und viele andere Minderheiten Rechtlosigkeit herrschte. Deshalb versuchten die Töchter von Hermine mit ihren Familien die Flucht ins Ausland.

Dora gelang es, mit Ernst Gustav Levin und den beiden Söhnen Leo Adolf und Rudolf nach Argentinien auszuwandern. Ada hingegen und ihr Ehemann Willy Beer Fuerst zogen nach Reims zur Tochter Eva Liselotte, doch nach der Besetzung Frankreichs durch die deutschen Truppen, wurde die ganze Familie von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nur deren Sohn Heinz war schon 1934 nach Palästina ausgewandert und überlebte.

Hermine wirkte trotz aller Entbehrungen und Einschränkungen weiter in den Räumen der Marburger Str. 5 als helfende Kraft bei den täglichen heftiger werdenden Verfolgungen. Von dort wurde sie am 10. September 1942 in das Sammellager in der Großen Hamburger Straße gebracht. Sie war eine von 1013 Jüdinnen und Juden, die mit dem „2. Großen Alterstransport“ unter Schikanen und unsäglichen Entbehrungen in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden. Dort herrschten entsetzliche Zustände, an deren Folgen sie im Januar 1943 starb.

Quellen:
  • Bundesarchiv, Adressbuch von Groß-Berlin
  • Volksbund deutsche Kriegergräberfürsorge Pressestelle: Diane Tempel-Bornett, 2020
  • Claudia Schell: „Hermine Lesser Vortrag anlässlich der Stolpersteinverlegung am 7.10.20“
  • Zusammenstellung: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf