HIER WOHNTE
HERMANN HOFFMANN
JG. 1866
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
9.9.1942
Am 14. Januar 1866 kam im ostpreußischen Hohenstein/Osterode (poln. Olsztynek) Hermann Hoffmann auf die Welt. Sein Vater war der Kaufmann Moses Hoffmann (geb. 1837), seine Mutter war Sara, geborene Goldstrom (geb. 1840). Hermann hatte neun Geschwister: Emma geb. 2. August 1861, Rosette geb. 2. Januar 1863, Henriette geb. 20. Juli 1864, Max geb. 6. August 1867, Franziska geb. 17. Mai 1869, Mathilde geb. 18. Juli 1870, Gustav geb. 1872, Eugen geb. 3. April 1876 und Johanne geb. 20. Dezember 1877. Alle Kinder kamen in Hohenstein auf die Welt. Die kinderreiche Familie siedelte zu einem nicht bekannten Zeitpunkt nach Berlin über.
1902 starb Moses Hoffmann in Karlsbad, der Todeszeitpunkt von Sara Hoffmann ist nicht bekannt.
Am 19. Dezember 1901 heiratete Hermann Hoffmann Amalie Meyer (geb. 24. Januar 1877), Tochter von Theodor und Pauline Meyer, geb. Rosenthal. Nach zwölf Jahren kinderloser Ehe starb Amalie am 13. September 1913. Das Ehepaar wohnte damals in der Sybelstraße 39. Angezeigt wurde der Tod von Hermanns Bruder Eugen. Auf der Sterbeurkunde wird die Todesursache nicht genannt.
Ein Jahr später, am 24. Oktober 1914, ihrem 34. Geburtstag heiratete er Amalies drei Jahre jüngere Schwester Lucie (geb. 24. Oktober 1880). Auch diese Ehe blieb kinderlos. Wo Hermann und Lucie ihre Ehejahre verbrachten, konnte nicht festgestellt werden. Kaufleute mit Namen Hermann Hoffmann waren in den Adressbüchern zahlreich aufgeführt und nicht zuzuordnen.
Erst nachweislich 1938 und 1939 wohnten Lucie und Hermann in der Markgraf-Albrecht- Straße 4. Im selben Haus lebte in diesen beiden Jahren auch Martha Meyer, Lucies acht Jahre jüngere Schwester. Martha Meyer wurde als Haushaltsvorstand mit dem Zusatz Kassiererin im Adressbuch genannt, eventuell wohnte sie aber in derselben Wohnung bei dem Ehepaar Hoffmann. Bei der „Minderheitenvolkszählung“ vom 17. Mai 1938 wurden die drei unter dieser Adresse erfasst.
Im Rahmen der Aufhebung des Mieterschutzes für Juden mussten sie ihre Wohnungen räumen und wurden in der Gervinusstraße 4 als Untermieter bei dem jüdischen Ehepaar Max und Paula Mendelsohn eingewiesen. Deren Kinder Charlotte und Hans waren nach England, bzw. in die USA ausgewandert, sodass der frei gewordene Wohnraum durch Zwangseinweisungen belegt wurde. Hermann und Lucie bekamen ein 31 Quadratmeter großes Zimmer, in dem sie einen großen Teil ihres Mobiliars aus der Markgraf-Albrecht–Straße unterbringen konnten. Sie zahlten 52 RM monatliche Miete. Ihre Wohnungseinrichtung wurde nach ihrem Tod auf 723 RM taxiert.
Martha wohnte in einem 16 Quadratmeter großen Zimmer, für das sie 40 RM Miete zahlen musste.
Als die Deportationen in die Vernichtungslager immer häufiger wurden, nahmen sich Hermann, Lucie und Martha angesichts ihres drohenden Schicksals innerhalb weniger Tage durch eine Überdosis Schlafmittel das Leben. Hermann starb am 9. September, seine Schwägerin Martha am 11. September und Lucie am 13. September. Alle drei wurden am 23. September 1942 nachmittags um drei Uhr auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. Eine gemeinsame Kusine, Ida Meyer, Tochter von Max Meyer, dem Bruder Theodor Meyers, bestellte die Beerdigung bei der Jüdischen Kulturvereinigung. Ida selbst wurde wenige Monate später, im März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Das Ehepaar Mendelsohn war schon im August 1942 mit dem 1. großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert worden. Beide überlebten das Ghetto und emigrierten gleich nach dem Krieg in die USA zu ihrem Sohn Hans.
Die Lebensgeschichten von Hermanns Geschwistern sind hier kurz dargestellt:
Emma (geb. 2. August 1861) heiratete den Zigarrenhändler Magnus Meyer am 23. Oktober 1885. Hermann Hoffmann war Trauzeuge. Der Sohn Arnold wurde am 8. Dezember 1886 geboren. Er starb nach 30 Tagen am 7. Januar 1887. Magnus Meyer starb am 14. Januar 1942 im Altersheim Große Hamburger Straße 26 an Altersschwäche.
Rosette (geb. 2. Januar 1863) heiratete Simon Löwenstein am 23. Februar 1888. Die Tochter Lucie wurde am 3. Februar 1892 geboren. Simon Löwenstein starb 63-jährig am 5. September 1915. Das Ehepaar wohnte in der Bleibtreustraße 48.
Henriette (geb. 20. Juli 1864) heiratete am 2. Juli 1889 Moritz Krohner. Ihre Tochter Else wurde am 13. Oktober 1891 geboren. Ihr Mann starb am 2. Dezember 1911. Else heiratete am 6. Mai 1920 Max Sostberg. Henriette starb 1938. Ihre Tochter Else wurde am 28. März 1942 über Trawniki weiter ins Ghetto Piaski deportiert und dort ums Leben gebracht.
Max (6. August 1867) heiratete Regina Holz am 25. März 1897, sie starb am 27. April 1927 im St. Hedwigs Krankenhaus.
Franziska (geb. 17. Mai 1869) heiratete am 1. September 1893 Moritz Mendelsohn, der am 20. Mai 1936 starb. Sie wurde zwischen dem 3. und 7. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 26. September 1942 ums Leben kam.
Mathildes (geb. 18. Juli 1870) Ehemann war Samuel Jacob, geb. 1868. Die Heirat war am 10. Juni 1897. Er starb am 4. August 1937. 1940 emigrierte sie nach Brasilien. Sie starb vermutlich 1965 in Berlin Dahlem. Mathilde bekam fünf Kinder: Edith geb. 20. Mai 1898, Charlotte geb. 18. Mai1899, Margarete 10. Mai 1900, Julius geb. 18. August 1902 und Gustav geb. 5. März 1907, er wird nur vier Tage alt.
Gustav (geb. circa 1872) studierte Medizin und starb am 3. Dezember 1894 im Jüdischen Krankenhaus. Die Todesursache ist nicht bekannt.
Eugen (geb. 3. April 1876) war verheiratet mit Alice Riese. Hermann Hoffmann war ihr Trauzeuge. Das Ehepaar wohnte in der Mommsenstraße 79. Der Sohn Manfred wurde am 26. Oktober 1908 geboren. Er verstarb am 21. September 1939.
Johanne (geb. 20. Dezember 1877) starb am 12. September 1937. Ihr Ehemann war der Mediziner Hermann Cohn. Der Sohn Gerhard Max Cohn, (geb. 10. Mai 1906) wurde wie sein Vater Arzt. Er ging 1937 nach St. Gallen in die Schweiz, am 15. Juli 1937 nach Boulogne, am 17. Juli 1937 fuhr er mit dem Dampfer „Volendam“ nach New York.
Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf
Quellen:
- Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
- Arolsen Archives
- Archiv Centrum Judaicum
- Landesarchiv Berlin über Ancestry
- Mapping The Lives
- Berliner Adressbücher