Stolpersteine Markgraf-Albrecht-Straße 4

Hauseingang Markgraf-Albrecht-Straße 4

Hauseingang Markgraf-Albrecht-Straße 4

Die Stolpersteine für Kurt Danziger, Lucie Hoffmann, Hermann Hoffmann, Charlotte Lilly Koltun und Martha Meyer wurden am 8. Mai 2012 verlegt. Der Stolperstein für Käte Friedländer wurde am 7. April 2022 verlegt.

Stolperstein Kurt Danziger

Stolperstein Kurt Danziger

HIER WOHNTE
KURT DANZIGER
JG. 1886
GEDEMÜTIGT/ ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
15.6.1939

Der jüdische Bankangestellte Ernst (Isajas) Danziger und seine nicht-jüdische Frau Anna Marie Therese, geb. Rose heirateten am 12. März 1885 in Berlin. Ein Jahr nach der Hochzeit, am 22. April 1886 kam Kurt Danziger, der ältere Sohn auf die Welt, wiederum ein Jahr später wurde am 9. September 1887 Kurts Bruder Egon geboren. Seine Schwester Hertha, verh. Heilbrunn kam am 9. September 1893 auf die Welt. Die Familie wohnte zunächst in Berlin Mitte in der Auguststraße 31, zog aber später nach Moabit in die Tile-Wardenberg-Straße 3-4. Kurts Bruder Egon studierte Pharmazie und wurde Apotheker.

Alle Kinder wohnten bis ins Erwachsenenalter bei den Eltern. Egon blieb ledig, er starb mit 32 Jahren am 7. September 1919 in der elterlichen Wohnung. Eine Todesursache ist nicht bekannt. Ein Jahr darauf, am 22. Dezember 1920, starb auch der Vater im Jüdischen Krankenhaus zu Berlin.

Kurt und Hertha blieben auch noch nach dem Tod der Mutter am 2. April 1924 in der Tile-Wardenberg-Straße wohnen. Ein halbes Jahr später, am 27. Oktober 1924, heiratete Kurt die aus einer protestantischen Familie stammende Else Gustavus (*25. April 1897 in Dresden). Else hatte zwei Geschwister, Gerhard und Erna. Ein 1893 geborener Bruder war schon vier Monate nach seiner Geburt verstorben.

Elses erlernter Beruf war Modistin, später „Directrice“, wie es in der Heiratsurkunde angegeben wurde. Das kinderlos gebliebene Ehepaar Danziger wohnte zunächst in der Agricolastraße 29a, von 1930 bis 1932 am Braunschweiger Ring 61 in Tempelhof und ab 1933 in der Markgraf-Albrecht-Straße 4. Die Wohnung in der Tile-Wardenberg-Straße überließen sie Kurts Schwester Hertha. Sie heiratete 1931 den Kaufmann Otto Heilbrunn. Er besaß eine Parfüm- und Haubenfabrik. Möglicherweise lernten sich die Modistin Else Gustavus und die Putzmacherin Hertha Danziger in der Firma von Otto Heilbrunn kennen. Kurt Danziger war als Prokurist der Firma „Alfred Dreyfuss – Metalle und Erze“ bis 1932 und der Fa. Deutsche Metallhandel AG mit Firmensitz am Kurfürstendamm 13 tätig.

Obwohl nur Kurts Vater jüdisch war und seine Ehefrau protestantisch, blieb Kurt bis 1938 Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Er verstand sich selbst als „Halbjude“, nach der „Rassengesetzgebung“ der NSDAP wurde er als „Geltungsjude“ bezeichnet. 1938 stellte Kurt beim „Rassenamt“ der NSDAP den Antrag auf Anerkennung als Mischling ersten Grades, da er zu Recht befürchtete, seine Stellung zu verlieren und Deutschland verlassen zu müssen.

Um das Verfahren zu beschleunigen, wandte er sich an einen Vermittler, der ihm erklärte, er sei in der Lage durch seine Beziehungen zu einem Beamten des „Rassenamtes“ die Angelegenheit gegen Zahlung von 2000 RM zu verkürzen. Der sogenannte Mittelsmann stellte sich aber später als Gestapo–Spitzel heraus. Es wurde gegen Kurt Danziger ein Strafverfahren eingeleitet, weil man annahm, er hätte die maßgebenden Bearbeiter beim Rassenamt bestechen wollen. Er kam einige Wochen in Untersuchungshaft und wurde durch die Strafkammer zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monaten verurteilt. Im „Völkischen Beobachter“ vom 14. Juni 1939 wurde ein Hetzartikel mit der Schlagzeile „Jude wollte Mischling werden – Ein Verbrechertrio wandert ins Gefängnis“ veröffentlicht. Kurt, noch gezeichnet von der Untersuchungshaft, nun öffentlich und unter Angabe seines vollen Namens angeprangert, setzte einen Tag nach Veröffentlichung des Artikels seinem Leben durch Erhängen ein Ende. Er begab sich dazu in die Räume seines Arbeitgebers, der „Deutschen Metallhandel AG“ am Kurfürstendamm 13. Seine Frau ließ ihn auf einem der städtischen Friedhöfe bestatten.

Der Direktor der Deutschen Metallhandel AG überwies der Witwe eine Einmalzahlung in Höhe von 12 000 RM. Er wusste, dass Kurt Danziger seine Ehefrau so gut wie mittellos zurückgelassen hatte und wollte ihr eine Beihilfe gewähren, da der Verstorbene lange Jahre im Dienst der Gesellschaft gestanden hatte. Ende 1939 wurde die Firma liquidiert.

Trotz dieser Zuwendung bemühte sich Else Danziger, wieder eine Anstellung in ihrem früheren Beruf als Modistin zu erhalten, was ihr vom Arbeitsamt aber verweigert wurde. Sie besuchte dann eine Handelsschule, um in einem Büro eine Beschäftigung zu finden. Später wurde sie in einer Munitionsfabrik zu Zwangsarbeit herangezogen.

Nach dem Krieg arbeitete sie zunächst als Kontoristin bei der Deutschen Beamten Versicherung, danach bis 1948 war sie Geschäftsstellenleiterin beim „Tagesspiegel“. Sie verließ 1949 Berlin und zog nach Stuttgart, wo sie als Verlagsangestellte bei „Das Beste aus Reader‘s Digest“ arbeitete. Sie starb zu einem unbekannten Zeitpunkt in Bleidenstedt im Taunus.

Kurts Schwester Hertha Heilbrunn überlebte als Halbjüdin. Sie starb 1969 im Jüdischen Krankenhaus zu Berlin. Ihr Ehemann Otto Heilbrunner wurde am 4. Oktober 1942 im KZ Sachsenhausen ermordet.

Recherche und Text: Karin Sievert Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Entschädigungsakte Else Danziger
  • Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Arolsen Archives
  • Mapping The Lives
Stolperstein Lucie Hoffmann

Stolperstein Lucie Hoffmann

HIER WOHNTE
LUCIE HOFFMANN
GEB. MEYER
JG. 1880
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
13.9.1942

Lucie Hoffmann kam als Lucie Meyer am 24. Oktober 1880 in Berlin auf die Welt. Ihre Eltern Theodor und Pauline Meyer geb. Rosenthal hatten noch sieben weitere Kinder:
Amalie geb. 21. Januar 1877, Leopold geb. 1. März 1878 – er wurde nur ein Jahr alt, Margarethe geb. 29. Mai 1879, Martin geb. 1. November 1882, Richard geb. 22. August 1884, Martha geb. 2. April 1888 und Ehrich geb. 30. Juni 1891.

Als ihre Schwester Amalie am 19. Dezember 1901 den Kaufmann Hermann Hoffmann heiratete, war Lucie sicher bei der Hochzeit zugegen. Die Ehe wurde nach zwölf Jahren durch den Tod Amalies am 18. September 1913 beendet. Eine Todesursache ist auf der Sterbeurkunde nicht vermerkt.

Ein Jahr darauf, am 24. Oktober 1914 nahm Lucie ihren verwitweten Schwager Hermann Hoffmann zum Ehemann. Hermann wohnte zu dieser Zeit in der Jüdenstraße 18/19 und Lucie in der Prenzlauer Allee 27. Mit Ausnahme von Lucies Mutter Pauline waren alle Elternteile bereits verstorben. So wird es für Pauline Meyer beruhigend gewesen sein, ihre 34-jährige Tochter, die über keine Berufsausbildung verfügte, in guten, vertrauten Händen zu wissen. Aus der Ehe von Amalie und Hermann waren keine Kinder hervorgegangen, auch Lucie und Hermann wurden nicht Eltern, obwohl beide aus einer kinderreichen Familie stammten.

Wo Hermann und Lucie ihre Ehejahre verbrachten, konnte nicht festgestellt werden. Kaufleute mit Namen Hermann Hoffmann waren in den Adressbüchern zahlreich aufgeführt und dem Ehepaar nicht zuzuordnen.

Erst nachweislich 1938 und 1939 wohnten Lucie und Hermann in der Markgraf-Albrecht-Straße 4. Im selben Haus lebte in diesen beiden Jahren auch Martha Meyer, Lucies acht Jahre jüngere Schwester – vermutlich im selben Haushalt. In der Minderheitenvolkszählung vom 17. Mai 1938 wurden die drei familiär verbundenen Personen unter dieser Adresse erfasst.

Sie mussten ihre Wohnungen im Rahmen der Aufhebung des Mieterschutzes für Juden räumen und wurden in der Gervinusstraße 4 als Untermieter bei dem jüdischen Ehepaar Max und Paula Mendelsohn eingewiesen. Deren Kinder Charlotte und Hans waren nach England, bzw. in die USA ausgewandert, sodass der frei gewordene Wohnraum durch Zwangseinweisungen belegt wurde. Hermann und Lucie bekamen ein 31 Quadratmeter großes Zimmer, in dem sie einen großen Teil ihres Mobiliars aus der Markgraf-Albrecht–Straße unterbringen konnten. Sie zahlten 52 RM monatliche Miete. Ihre Wohnungseinrichtung wurde nach ihrem Tod auf 723 RM taxiert. Martha wohnte in einem 16 Quadratmeter großen Zimmer, für das sie 40 RM Miete zahlen musste.

Als 1942 die Deportationen in die Vernichtungslager immer häufiger wurden, nahmen sich Hermann, Lucie und Martha angesichts ihres drohenden Schicksals innerhalb weniger Tage durch eine Überdosis Schlafmittel das Leben. Hermann starb am 9. September, seine Schwägerin Martha am 11. September und Lucie am 13. September. Alle drei wurden am 23. September 1942 nachmittags um drei Uhr auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. Eine gemeinsame Kusine, Ida Meyer, Tochter von Max Meyer, dem Bruder ihres Vaters Theodor, bestellte die Beerdigung bei der Jüdischen Kulturvereinigung. Ida selbst wurde wenige Monate später, im März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Das Ehepaar Mendelsohn war schon im August 1942 mit dem 1. großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert worden. Beide überlebten das Ghetto und emigrierten gleich nach dem Krieg in die USA zu ihrem Sohn Hans.

Die Lebensgeschichten von Lucies Geschwistern sind hier kurz dargestellt:

Margarethe Meyer heiratete am 23. Januar 1923 den niederländischen Schneider Charles Ossedryver. Sie starb am 16. Juli 1931 im Haus Bethanien in Berlin.

Martin Meyer wurde nur zehn Jahre alt. Er starb am 6. September 1893.

Richard Meyer, von Beruf Mechaniker, heiratete am 28. April 1923 die Verkäuferin Anna Lina Schultze. Beide überleben den Holocaust. Richard starb am 13. Mai 1949 im Krankenhaus Buch, Anna Meyer starb am 23. Juli 1955 im Krankenhaus Wuhlheide in Berlin.

Ehrich Meyer überlebte den Holocaust und starb am 28. Mai 1959 in Berlin–Buch.

Martha Meyers Biografie ist ihrem Stolperstein zugeordnet.

Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945

  • Arolsen Archives
  • Archiv Centrum Judaicum
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Mapping The Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de – Vermögensverwertungsakte 36A (II) 16017
Stolperstein Hermann Hoffmann

Stolperstein Hermann Hoffmann

HIER WOHNTE
HERMANN HOFFMANN
JG. 1866
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
9.9.1942

Am 14. Januar 1866 kam im ostpreußischen Hohenstein/Osterode (poln. Olsztynek) Hermann Hoffmann auf die Welt. Sein Vater war der Kaufmann Moses Hoffmann (geb. 1837), seine Mutter war Sara, geborene Goldstrom (geb. 1840). Hermann hatte neun Geschwister: Emma geb. 2. August 1861, Rosette geb. 2. Januar 1863, Henriette geb. 20. Juli 1864, Max geb. 6. August 1867, Franziska geb. 17. Mai 1869, Mathilde geb. 18. Juli 1870, Gustav geb. 1872, Eugen geb. 3. April 1876 und Johanne geb. 20. Dezember 1877. Alle Kinder kamen in Hohenstein auf die Welt. Die kinderreiche Familie siedelte zu einem nicht bekannten Zeitpunkt nach Berlin über.

1902 starb Moses Hoffmann in Karlsbad, der Todeszeitpunkt von Sara Hoffmann ist nicht bekannt.

Am 19. Dezember 1901 heiratete Hermann Hoffmann Amalie Meyer (geb. 24. Januar 1877), Tochter von Theodor und Pauline Meyer, geb. Rosenthal. Nach zwölf Jahren kinderloser Ehe starb Amalie am 13. September 1913. Das Ehepaar wohnte damals in der Sybelstraße 39. Angezeigt wurde der Tod von Hermanns Bruder Eugen. Auf der Sterbeurkunde wird die Todesursache nicht genannt.

Ein Jahr später, am 24. Oktober 1914, ihrem 34. Geburtstag heiratete er Amalies drei Jahre jüngere Schwester Lucie (geb. 24. Oktober 1880). Auch diese Ehe blieb kinderlos. Wo Hermann und Lucie ihre Ehejahre verbrachten, konnte nicht festgestellt werden. Kaufleute mit Namen Hermann Hoffmann waren in den Adressbüchern zahlreich aufgeführt und nicht zuzuordnen.

Erst nachweislich 1938 und 1939 wohnten Lucie und Hermann in der Markgraf-Albrecht- Straße 4. Im selben Haus lebte in diesen beiden Jahren auch Martha Meyer, Lucies acht Jahre jüngere Schwester. Martha Meyer wurde als Haushaltsvorstand mit dem Zusatz Kassiererin im Adressbuch genannt, eventuell wohnte sie aber in derselben Wohnung bei dem Ehepaar Hoffmann. Bei der „Minderheitenvolkszählung“ vom 17. Mai 1938 wurden die drei unter dieser Adresse erfasst.

Im Rahmen der Aufhebung des Mieterschutzes für Juden mussten sie ihre Wohnungen räumen und wurden in der Gervinusstraße 4 als Untermieter bei dem jüdischen Ehepaar Max und Paula Mendelsohn eingewiesen. Deren Kinder Charlotte und Hans waren nach England, bzw. in die USA ausgewandert, sodass der frei gewordene Wohnraum durch Zwangseinweisungen belegt wurde. Hermann und Lucie bekamen ein 31 Quadratmeter großes Zimmer, in dem sie einen großen Teil ihres Mobiliars aus der Markgraf-Albrecht–Straße unterbringen konnten. Sie zahlten 52 RM monatliche Miete. Ihre Wohnungseinrichtung wurde nach ihrem Tod auf 723 RM taxiert.

Martha wohnte in einem 16 Quadratmeter großen Zimmer, für das sie 40 RM Miete zahlen musste.

Als die Deportationen in die Vernichtungslager immer häufiger wurden, nahmen sich Hermann, Lucie und Martha angesichts ihres drohenden Schicksals innerhalb weniger Tage durch eine Überdosis Schlafmittel das Leben. Hermann starb am 9. September, seine Schwägerin Martha am 11. September und Lucie am 13. September. Alle drei wurden am 23. September 1942 nachmittags um drei Uhr auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. Eine gemeinsame Kusine, Ida Meyer, Tochter von Max Meyer, dem Bruder Theodor Meyers, bestellte die Beerdigung bei der Jüdischen Kulturvereinigung. Ida selbst wurde wenige Monate später, im März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Das Ehepaar Mendelsohn war schon im August 1942 mit dem 1. großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert worden. Beide überlebten das Ghetto und emigrierten gleich nach dem Krieg in die USA zu ihrem Sohn Hans.

Die Lebensgeschichten von Hermanns Geschwistern sind hier kurz dargestellt:

Emma (geb. 2. August 1861) heiratete den Zigarrenhändler Magnus Meyer am 23. Oktober 1885. Hermann Hoffmann war Trauzeuge. Der Sohn Arnold wurde am 8. Dezember 1886 geboren. Er starb nach 30 Tagen am 7. Januar 1887. Magnus Meyer starb am 14. Januar 1942 im Altersheim Große Hamburger Straße 26 an Altersschwäche.

Rosette (geb. 2. Januar 1863) heiratete Simon Löwenstein am 23. Februar 1888. Die Tochter Lucie wurde am 3. Februar 1892 geboren. Simon Löwenstein starb 63-jährig am 5. September 1915. Das Ehepaar wohnte in der Bleibtreustraße 48.

Henriette (geb. 20. Juli 1864) heiratete am 2. Juli 1889 Moritz Krohner. Ihre Tochter Else wurde am 13. Oktober 1891 geboren. Ihr Mann starb am 2. Dezember 1911. Else heiratete am 6. Mai 1920 Max Sostberg. Henriette starb 1938. Ihre Tochter Else wurde am 28. März 1942 über Trawniki weiter ins Ghetto Piaski deportiert und dort ums Leben gebracht.

Max (6. August 1867) heiratete Regina Holz am 25. März 1897, sie starb am 27. April 1927 im St. Hedwigs Krankenhaus.

Franziska (geb. 17. Mai 1869) heiratete am 1. September 1893 Moritz Mendelsohn, der am 20. Mai 1936 starb. Sie wurde zwischen dem 3. und 7. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 26. September 1942 ums Leben kam.

Mathildes (geb. 18. Juli 1870) Ehemann war Samuel Jacob, geb. 1868. Die Heirat war am 10. Juni 1897. Er starb am 4. August 1937. 1940 emigrierte sie nach Brasilien. Sie starb vermutlich 1965 in Berlin Dahlem. Mathilde bekam fünf Kinder: Edith geb. 20. Mai 1898, Charlotte geb. 18. Mai1899, Margarete 10. Mai 1900, Julius geb. 18. August 1902 und Gustav geb. 5. März 1907, er wird nur vier Tage alt.

Gustav (geb. circa 1872) studierte Medizin und starb am 3. Dezember 1894 im Jüdischen Krankenhaus. Die Todesursache ist nicht bekannt.

Eugen (geb. 3. April 1876) war verheiratet mit Alice Riese. Hermann Hoffmann war ihr Trauzeuge. Das Ehepaar wohnte in der Mommsenstraße 79. Der Sohn Manfred wurde am 26. Oktober 1908 geboren. Er verstarb am 21. September 1939.

Johanne (geb. 20. Dezember 1877) starb am 12. September 1937. Ihr Ehemann war der Mediziner Hermann Cohn. Der Sohn Gerhard Max Cohn, (geb. 10. Mai 1906) wurde wie sein Vater Arzt. Er ging 1937 nach St. Gallen in die Schweiz, am 15. Juli 1937 nach Boulogne, am 17. Juli 1937 fuhr er mit dem Dampfer „Volendam“ nach New York.

Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Arolsen Archives
  • Archiv Centrum Judaicum
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Mapping The Lives
  • Berliner Adressbücher
Stolperstein Charlotte Lilly Koltun

Stolperstein Charlotte Lilly Koltun

HIER WOHNTE
CHARLOTTE LILLY
KOLTUN
JG.1914
DEPORTIERT 24.8.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Charlotte – genannt Lilly – Koltun ist am 20. September 1914 in Berlin geboren. Über Herkunft und Leben der jungen Frau ist in Archiven kaum etwas zu finden. Bei der Volkszählung vom 17.5.1939 wurde sie als ledig und staatenlos registriert. Zu diesem Zeitpunkt wohnte sie in Wilmersdorf in der Markgraf-Albrecht-Straße 4 als Untermieterin bei Prager. Da der Eintrag „Prager, W., Schauspiel.“ in den Berliner Adressbüchern bis 1941 auftaucht, nicht aber in den Deportationslisten, ist anzunehmen, dass die Vermieter keine Juden waren oder aus Deutschland flüchten konnten.

Einige Zeit vor der Volkszählung hatte Lilly Koltun in Schöneberg in der Innsbrucker Straße 54 bei Krebs gewohnt. Dorthin zog sie auch wieder am 3.3.1941, wahrscheinlich, weil Pragers Wohnung ihr nicht mehr als Unterschlupf zur Verfügung stand. Am 6.8.1943, als sie wie alle zur Deportation vorgesehenen Jüdinnen und Juden eine Vermögenserklärung abgeben musste, wohnte sie wieder woanders: in Charlottenburg in der Leibnizstraße 55 bei Frau von Bosse, die ausdrücklich als „Arierin“ gekennzeichnet war – in einem möblierten Zimmer für den stolzen Preis von „100 Reichsmark incl. Frühstück“. Von wem diese Auskunft stammt, ist nicht erkennbar.

Woher sie das Geld für die Miete genommen haben soll, ist unerklärlich, denn nach eigenen Angaben war sie „ohne Beschäftigung“. Ihre Vermögenserklärung hat sie, was an der Schrift erkennbar ist, nicht selbst ausgefüllt – wahrscheinlich tat es ein von der SS dafür eingesetzter jüdischer Helfer. Jedenfalls befand sie sich im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26, einem ehemaligen Jüdischen Altersheim, wo die Listen für die Todeszüge zusammengestellt wurden.

Am 24. August 1943 wurde Lilly Koltun in einem Waggon mit 50 Menschen vom Bahnhof Grunewald nach Auschwitz deportiert. 23 von ihnen wurden in den Gaskammern getötet, 9 Männer und 18 Frauen wurden nach der Selektion in Birkenau ins Lager eingewiesen.

Obwohl bei ihr nichts zu holen war, suchte der Gerichtsvollzieher Hartmann am 31.8.1943 die Wohnung in der Leibnizstraße, musste aber erkennen: „Das Haus ist durch Bombenschaden vollkommen ausgebrannt.“ Am 23.10.1943 notierte dann der Obergerichtsvollzieher Otto Becker: „Koltun hat möbliert gewohnt und eigene Sachen nicht besessen.“ Beide berechneten für ihre unergiebigen Dienstgänge je 2,50 Reichsmark an Schätzkosten, Fahrtauslagen und Schreibgebühren.

Auf der Innenseite des kargen Aktendeckels, den die Finanzbehörden über Lilly Koltun anlegten, ist der Vermerk angebracht: „Kein Vermögensanfall“. Der Beamte Krabel vom Hauptwirtschaftsamt der Stadt Berlin fasste die sinnlose Aktion zusammen: „Schätzung erfolglos, somit keine Räumung“.

Dieses Schicksal ist ein krasses Beispiel dafür, wie viele Menschen und Kräfte des Nazi-Staates daran beteiligt waren, eine einzige junge, arme und schutzlose Jüdin aus purem Rassenhass ums Leben zu bringen. Im Februar 1960 gingen noch Anfragen beim Entschädigungsamt Berlin ein, ob Akten über Charlotte Koltun vorhanden seien, sie blieben unbeantwortet.

Recherche und Text: Helmut Lölhöffel

Stolperstein Martha Meyer

Stolperstein Martha Meyer

HIER WOHNTE
MARTHA MEYER
JG. 1888
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
11.9.1942

Martha Meyer kam am 2. April 1888 in Berlin auf die Welt. Ihre Eltern Theodor und Pauline Meyer geb. Rosenthal hatten noch sieben weitere Kinder: Amalie geb. 21. Januar 1877, Leopold geb. 1. März 1878 – er wurde nur ein Jahr alt, Margarethe geb. 29. Mai 1879, Lucie geb. 24. Oktober 1880, Martin geb. 1. November 1882, Richard geb. 22. August 1884 und Ehrich geb. 30. Juni 1891.

Martha blieb unverheiratet und sorgte als Buchhalterin selbst für ihren Lebensunterhalt. Sie lebte bis Anfang der 1930er-Jahre in einer Gartenhauswohnung in der Flensburger Straße 8. Ihre Schwester Margarethe wohnte bis zu ihrer Heirat 1923 im selben Haus.

Ab 1934 ist Martha nicht mehr in den Adressbüchern zu finden. Möglicherweise hatte sie gleich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ihre Anstellung im Rahmen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” verloren und musste infolgedessen aus ihrer Wohnung ausziehen. Vermutlich wohnte sie bei jemandem zur Untermiete, bis sie zusammen mit ihrer Schwester Lucie und deren Ehemann Hermann Hoffmann circa 1937 in die Markgraf-Albrecht–Straße 4 einzog. Im Adressbuch war sie mit dem Zusatz „Kassiererin“ unter dieser Adresse eingetragen.

Martha wurde später offenbar zu Zwangsarbeit herangezogen, auf ihrer Sterbeurkunde fand sich die Berufsbezeichnung „Arbeiterin“.

Lucie und Hermann Hoffmann und Martha Meyer mussten ihre Wohnungen nach 1939 im Rahmen der Aufhebung des Mieterschutzes für Juden räumen und wurden in der Gervinusstraße 4 als Untermieter bei dem jüdischen Ehepaar Max und Paula Mendelsohn eingewiesen. Deren Kinder Charlotte und Hans waren nach England, bzw. in die USA ausgewandert, sodass der frei gewordene Wohnraum durch Zwangseinweisungen belegt wurde. Hermann und Lucie bekamen ein 31 Quadratmeter großes Zimmer, Martha wohnte in einem 16 Quadratmeter großen Zimmer, für das sie 40 RM Miete zahlen musste.

Als die Deportationen in die Vernichtungslager immer häufiger wurden, nahmen sich Hermann, Lucie und Martha angesichts ihres drohenden Schicksals innerhalb weniger Tage durch Überdosen Schlafmittel das Leben. Hermann starb am 9. September, seine Schwägerin Martha am 11. September und Lucie am 13. September. Alle drei wurden am 23. September 1942 nachmittags um drei Uhr auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt. Eine gemeinsame Kusine, Ida Meyer, Tochter von Max Meyer, dem Bruder Theodor Meyers, bestellte die Beerdigung bei der Jüdischen Kulturvereinigung. Ida selbst wurde wenige Monate später, im März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Das Ehepaar Mendelsohn war schon im August 1942 mit dem 1. großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert worden. Beide überlebten das Ghetto und emigrierten gleich nach dem Krieg in die USA zu ihrem Sohn Hans.

Nach der Räumung der Wohnung in der Gervinusstraße 4 wurden die Einrichtungsstände des Zimmers von Lucie und Hermann auf 723 RM taxiert, in der „Vermögensakte“ von Martha heißt es: „Meyer, Martha Sara wohnte bei Hoffmann und hatte keine Sachen.“

Die Lebensgeschichten von Marthas Geschwistern sind hier kurz dargestellt:

Amalie Meyer starb am 18. September 1913. Sie war zwölf Jahre bis zu ihrem Tod mit Hermann Hoffmann verheiratet.

Margarethe Meyer heiratete am 23. Januar 1923 den niederländischen Schneider Charles Ossedryver. Sie starb am 16. Juli 1931 im Haus Bethanien in Berlin.

Martin Meyer wurde nur zehn Jahre alt. Er starb am 6. September 1893.

Richard Meyer, von Beruf Mechaniker, heiratete am 28. April 1923 die Verkäuferin Anna Lina Schultze. Beide überleben den Holocaust. Richard starb am 13. Mai 1949 im Krankenhaus Buch, Anna Meyer starb am 23. Juli 1955 im Krankenhaus Wuhlheide in Berlin.

Ehrich Meyer überlebte den Holocaust und starb am 28. Mai 1959 in Berlin–Buch.

Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Arolsen Archives
  • Archiv Centrum Judaicum
  • Landesarchiv Berlin über Ancestry
  • Mapping The Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv www.blha.de Vermögensverwertungsakte 36A (II) 26597
Stolperstein Käte Friedländer

Stolperstein Käte Friedländer

HIER WOHNTE
KÄTE
FRIEDLÄNDER
JG. 1891
DEPORTIERT 1.3.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Käte Friedländer wurde am 31.März 1891 in Brieg, Schlesien, geboren als Tochter von Emil Friedländer und Anna Friedländer, geb Gottstein. Sie wurde – wie in der Familie üblich – evangelisch-lutherisch getauft.

Sie war in ihrer Heimatstadt als Lehrerin vor allem für die Fremdsprachen Englisch und Französisch an einer Mittelschule tätig. In den 20er Jahren war sie auch mal zu einem Sprach-Aufenthalt in England unterwegs.
Vor und während des Ersten Weltkriegs war Käte Friedländer zweimal verlobt. Beide Männer sind aber im Krieg gestorben, seitdem war sie alleinstehend.
Nicht nur für ihre Nichte Hilde Risel war „Tante Käte“ mit ihrer modernen Kurzhaarfrisur, ihrem selbstbestimmten Leben und weltläufigen Geist ein frühes „Role Model“.

In Brieg hatte sie keine eigene Wohnung, sondern wohnte bei den Eltern, wo bis zu seiner Hochzeit 1931 auch ihr Bruder Karl Albert lebte.
Zu Beginn der Nazizeit konnte sie aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln nicht in Brieg bleiben. Sie war in der dortigen Öffentlichkeit – auch wegen ihrer Stellung als Lehrerin – zu bekannt. So beschloss sie, nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 in Berlin „unterzutauchen“. Zunächst in einem möblierten Zimmer in Charlottenburg, dann unter kümmerlichen Verhältnissen an wechselnden Adressen auch in Wilmersdorf. An ihrer letzten „freiwilligen“ Adresse in der Markgraf-Albrecht-Str. 4 wurde ein Stolperstein zu ihrem ehrenden Andenken verlegt.

In Berlin hat sich auch Pastor bzw. Probst Heinrich Grüber von der Bekennenden Kirche für sie und andere Christen jüdischer Abstammung eingesetzt. Er ist u.a. dafür selbst ins KZ gekommen.

In ihrem letzten Versteck ist Käte Friedländer während des Zweiten Weltkriegs verraten und aus der Wohnung in eine Berliner Fabrik zur Zwangsarbeit verschleppt worden. Während eines Luftangriffs sind alle jüdisch stämmigen Zwangsarbeiter abtransportiert worden. Vermutlich zunächst in ein sogenanntes „Judenhaus“ in Berlin-Wilmersdorf, Markgraf-Albrecht-Straße 14. Von dort ist Käte Friedländer mit anderen Bewohnern unter besonders brutalen und menschenverachtenden Umständen von Angehörigen der Leibstandarte SS Adolf Hitler kilometerlang durch die Straßen Berlins zum Güterbahnhof Moabit getrieben worden. Von da aus wurde sie mit dem 31. Transport per Zug am 1. März 1943 nach Auschwitz verbracht. Dort wurde auch Käte Friedländer von den Nazis ermordet.

Biografische Zusammenstellung: Martin Risel

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