HIER WOHNTE
LUISE KORNBLUM
GEB. WEISSENBERG
JG. 1872
DEPORTIERT 24.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 31.1.1943
Der Stolperstein für Luise Kornblum wurde auf Initiative der Hausgemeinschaft am 23. Juni 2026 verlegt und von Frau Ingrid Stawinski gespendet.
Rede von Laura Kornblum zur Verlegung des Stolpersteins für ihre Urgroßmutter Luise Kornblum, geborene Weissenberg
“Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Angehörige, liebe Nachbarinnen und Nachbarn,
heute stehe ich hier nicht nur, um an ein Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern.
Ich stehe hier als Urenkelin. Und ich stehe hier für eine Frau, die ich nie kennenlernen durfte – und die dennoch zu meinem Leben gehört.
Heute erinnern wir an meine Urgroßmutter Luise Kornblum, geborene Weissenberg.
Luise wurde am 25. September 1872 in Breslau geboren. Sie war die Tochter von Adolf Weissenberg und Johanna Weissenberg, geborene Neumann. 1888 heiratete sie in Berlin meinen Urgroßvater Ernst Kornblum. Ernst wurde am 15. Mai 1862 in Polsnitz, Schlesien geboren.
Sie gehörten zu jener Generation deutscher Juden, die ihr Leben in Deutschland aufgebaut hatte. Sie arbeiteten. Sie gründeten Familien. Sie schufen Sicherheit. Sie glaubten an Zukunft. Luise und Ernst bauten sich in Berlin ein Leben auf. Ernst war Kaufmann und Herrenausstatter und war wirtschaftlich erfolgreich. Sein Geschäft wurde später, soweit wir wissen, an Leineweber verkauft.
Die Familie besaß drei Mietshäuser. Doch wenn ich heute an meine Urgroßmutter denke, denke ich nicht zuerst an Besitz. Ich denke an das Leben dahinter. An Alltag. An Familie. An Geborgenheit.
Am 15. Juli 1900 wurde ihr erster Sohn geboren, Harry Kornblum, am 3. Juli 1903 ihr zweiter Sohn Fritz Eugen Kornblum – mein Großvater. Die Geburtsurkunde nennt als Adresse die Wilhelmsaue 1a, hier in Wilmersdorf.
Beide Brüder besuchten das Friedrich-Ebert-Gymnasium in Wilmersdorf, welches auch meine jüngere Schwester und ich besuchten.
Der ältere Sohn Harry promovierte in Jura und Philosophie. Und er komponierte Musik für die bekannte Berliner Kabarettistin Claire Waldoff. Eine originale Autogrammkarte von Claire Waldoff befindet sich bis heute im Familienbesitz.
Mein Großvater Fritz wurde Fotograf und führte später ein Geschäft in der Uhlandstraße. Die Familie Kornblum war Teil des Berliner Lebens. Bildung. Kultur. Arbeit. Nachbarschaft.
Im Jahr 1911 ließ die Familie Kornblum das Haus in der Trautenaustraße 13 Ecke Güntzelstraße errichten und zog anschließend selbst dort ein. Meine Urgroßmutter lebte, laut Überlieferung, ab 1939 hier im dritten Stock in einer Vierzimmerwohnung. Im selben Haus wohnte auch ihre Schwägerin Marie Eckstein. Dieses Haus war mehr als Eigentum. Es war ihr Zuhause. Hier wurden Kinder groß. Hier wurde gearbeitet. Hier wurden Gäste empfangen. Hier wurde gelebt.
Dann begann diese Welt zu zerbrechen. 1937 verließ mein Großvater Fritz Deutschland. Er ging nicht allein. Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn – meinem Vater, damals sieben Jahre alt – emigrierte er zunächst nach Italien. Es war keine Reise. Es war Flucht. Zu diesem Zeitpunkt lebte sein Vater Ernst noch. Kurz darauf starb dieser an Krebs. 1939 emigrierte mein Großvater mit seiner Familie weiter nach Uruguay. Dass ich heute hier stehen kann – dass meine Familie hier heute stehen kann, – verdanken wir diesem Weg. Mein Vater verlor seine Heimat als Kind. Mein Großvater verlor sein Land. Und meine Urgroßmutter Luise blieb zurück.
Niemand wusste damals, dass Mutter und Sohn sich nie wiedersehen würden.
Dann begann die letzte Phase der Verfolgung. Und sie begann nicht mit der Deportation. Sie begann mit Akten. Mit Formularen. Mit Stempeln. Ein Dokument aus unserer Familie trägt das Datum 1. September 1942. Es stammt von der Geheimen Staatspolizei Berlin.
Darin steht: „Das gesamte Vermögen der Luise Sara Kornblum, geborene Weissenberg, zuletzt wohnhaft Trautenaustraße 13, werde zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen.“ Nicht nach ihrem Tod. Nicht nach ihrer Deportation. Sondern Wochen davor. Noch bevor sie Berlin verlassen musste. Ein Satz. Ein Stempel. Und ein Leben sollte verschwinden. 1942 gehörte das Haus inzwischen auch dem neuen Eigentümer Emil Perk (Arier).
Am 24. September 1942 wurde Luise Kornblum nach Theresienstadt deportiert. Einen Tag vor ihrem 70. Geburtstag. Dort lebte sie im Gebäude A IV, Zimmer 43. Mit diesem Transport wurden etwa 100 Menschen deportiert. Nur sieben überlebten. Während meine Urgroßmutter in Theresienstadt ums Überleben kämpfte, begann hier die Verwertung ihres Lebens.
Es existieren Schätzungsblätter ihrer Wohnung. Darauf stehen Gegenstände: ein Speisezimmerbuffet, ein Doppelschreibtisch, ein Teppich, Bilder, Spiegel, eine Schwarzwälder Uhr, Lampen.
Daneben stehen Zahlen. 15 Reichsmark, 40 Reichsmark, 90 Reichsmark.
Als wäre ein Zuhause nur Inventar. Als wäre ein Leben berechenbar. Die Wohnung wurde neu vergeben. Der neue Mieter war ein SS-Sturmmann namens Werner Naubur. Während meine Urgroßmutter Hunger litt, wurde ihr Besitz verteilt. Und selbst danach hörte es nicht auf. Am 1. März 1943 fragte die Allgemeine Ortskrankenkasse Berlin beim Oberfinanzpräsidenten an, ob aus ihrem beschlagnahmten Vermögen noch 19 Reichsmark und 98 Pfennig bezahlt werden könnten.
Der Antrag wurde abgelehnt. Begründung: Die „Abgeschobene“ habe keine ausreichenden Vermögenswerte zurückgelassen. Mehr als einen Monat nach ihrem Tod. Ihr Name verschwand, was blieb war ein Verwaltungsbegriff. „Die Abgeschobene“. So funktionierte Verfolgung. Nicht nur durch Gewalt, sondern durch Sprache. Und durch Gleichgültigkeit. Im April 1944 wurde sogar noch wegen einer Hypothek über 8.000 Reichsmark auf ein Grundstück in Breslau angefragt, ob dieses Vermögen ebenfalls dem Reich verfallen sei. Selbst nach ihrem Tod sollte noch genommen werden. Am 31. Januar 1943 starb Luise Kornblum in Theresienstadt. Die Todesfallanzeige nennt: „Altersschwäche“.
Doch ein Arzt und Freund der Familie, der gemeinsam mit ihr in Theresienstadt war und überlebte, schrieb später an meinen Großvater. Er berichtete: Luise sei verhungert. Mein Großvater erhielt diesen Brief im Exil. Fern von seiner Mutter. Er sollte sie nie wiedersehen.
Dieser Stolperstein erinnert uns: Würde ist nicht verhandelbar. Ein Mensch ist niemals nur eine Akte. Niemals nur ein Formular. Niemals nur Besitz. Und gerade deshalb ist Erinnerung nicht nur ein Blick zurück. Sie ist auch eine Frage an uns selbst.
Wie sprechen wir heute über andere Menschen? Wen sehen wir? Wen übersehen wir? Wessen Geschichte interessiert uns? Und wo beginnen Geringschätzung, Ausgrenzung oder Gleichgültigkeit – lange bevor offenes Unrecht sichtbar wird? Die Zeit von Luise Kornblum liegt nicht weit zurück. Auch heute erleben Menschen, dass sie auf ihre Herkunft reduziert werden. Dass sie ausgegrenzt werden. Dass über sie gesprochen wird – statt mit ihnen. Dass sie ihren Platz in der Gesellschaft immer wieder rechtfertigen müssen. Wir leben heute in Freiheit. Aber Würde, Respekt und Menschlichkeit entstehen nicht von allein. Sie entstehen dort, wo Menschen einander sehen. Wo Menschen füreinander einstehen. Wo wir aufmerksam bleiben. Wo wir widersprechen. Wo wir uns bewusst machen, dass hinter jedem Namen ein Mensch steht. Ein Zuhause. Eine Familie. Eine Geschichte.
Ein Stolperstein verändert nicht die Vergangenheit. Aber er verändert vielleicht unseren Blick. Er erinnert uns daran, genauer hinzusehen und nicht gleichgültig zu werden. Heute geben wir meiner Urgroßmutter ihren Namen zurück.
Wir erinnern uns an Luise Kornblum. An das Mädchen aus Breslau. An die Tochter von Adolf und Johanna. An die Ehefrau von Ernst. An die Mutter von Harry und Fritz. An die Frau aus der Trautenaustraße. An meine Urgroßmutter.
Der deutsche Künstler Gunter Demnig, Initiator des Projekts Stolperstein, sagte: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Deshalb spreche ich heute ihren Namen aus: Luise Kornblum.
Dein Name bleibt. Deine Geschichte bleibt. Und wir werden dich nicht vergessen. Und vielleicht liegt genau darin auch die Verantwortung, die aus unserer Geschichte entstanden ist. Dass wir nie wieder zulassen, dass Menschen zu Akten werden. Zu Zahlen. Zu Besitz. Zu Begriffen. Dass wir nie wieder zulassen, dass einem Menschen seine Würde abgesprochen wird. Deshalb möchte ich zum Schluss an den ersten Artikel unseres Grundgesetzes erinnern. Einen Satz, der nach dem Nationalsozialismus bewusst an den Anfang unserer Demokratie gestellt wurde:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Und weiter: „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Möge dieser Satz nicht nur in unserer Verfassung stehen. Sondern in unserem Handeln. Heute. Und jeden Tag.
Vielen Dank.”
Text: Laura Kornblum–Zöllner