Stolpersteine Trautenaustraße 9

Hauseingang Trautenaustr. 9, 10.06.2012

Hauseingang Trautenaustr. 9, 10.06.2012

Die Stolpersteine für Karl und Magdalene Bornstein, Rosalie Jacobsohn und Alfred Knop wurden am 29.04.2012 verlegt.

Der Stolperstein für Georg David Laufer wurde am 23.9.2016 verlegt und ging durch Gehwegarbeiten verloren. Die Mittenmang Hausverwaltung GmbH spendete einen neuen Stolperstein, der am 24.3.2021 verlegt wurde.

Der erste Stolperstein für Marion Inge Eisenstaedt wurde am 29.04.2012 verlegt. Neuen Recherchen zufolge wurde dieser am 10.04.2024 korrigiert und neu verlegt.

Stolperstein Karl Bornstein, 10.06.2012

Stolperstein Karl Bornstein, 10.06.2012

HIER WOHNTE
KARL BORNSTEIN
JG. 1863
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 17.9.1942

Karl Bornstein wurde am 19. Oktober 1863 in Gostyn südlich von Posen geboren. Er besuchte das Gymnasium in Lissa, damals Preußische Provinz Posen, und studierte nach Erhalt der Reife Medizin. Nach seiner Promotion praktizierte er als Arzt in Borek und ging anschließend als Badearzt nach Landeck (Schlesien). Über Leipzig, wo Dr. Karl Bornstein u.a. Vorsitzender des „Vereins für Mutterschutz zu Leipzig“ war, kam er Jahre später nach Berlin.

Dr. Karl Bornstein beschäftigte sich wissenschaftlich vor allem mit Medizinethik und medizinischer Volksbelehrung. Er wirkte als Generalsekretär des preußischen Landesausschusses für hygienische Volksbelehrung und war Schriftleiter der „Blätter für Volksgesundheitspflege“.

1925 wurde er zum Mitglied der 1652 gegründeten Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina mit Sitz in Halle gewählt, einer der ältesten Wissenschaftsakademien der Welt.

Nach der Übergabe der Macht an die Nationalsozialisten lebte er in der Trautenaustraße 9 in Berlin-Wilmersdorf. Er durfte nicht mehr publizieren und wurde im November 1938 aus der Liste der Mitglieder der deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gestrichen.

Es ist nicht bekannt, wann er Magdalene Friedländer heiratete, die am 23. Januar 1874 in Kentschkau, Land Breslau, geboren wurde. Sie hatte keinen Beruf. Über ihr Leben weiß man weiter nichts. Das Ehepaar war kinderlos.

Das Ehepaar Bornstein wurde kurz vor der Deportation aus der Trautenaustraße 9 zwangsweise aus- und in eine sog. „Judenwohnung“ in der Bamberger Str. 48 einge-wiesen. Von dort mussten sie sich im ehemaligen Altersheim der Jüdischen Gemeinde in der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte einfinden, das im Juni 1942 vom Reichssicherheitshauptamt zum „Sammellager“ erklärt wurde. Mit dem sogenannten „1. großen Alterstransport“ wurde das Ehepaar Bornstein am 17. August 1942 vom Lehrter Güterbahnhof in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Mit diesem Transport wurden 1002 Berliner Juden und Jüdinnen – bevorzugt aus jüdischen Altersheimen – nach Theresienstadt verschleppt. Nur 15 Menschen überlebten.

Das Ehepaar Bornstein wurde in Theresienstadt in das Gebäude 609, Zimmer 015 „Marodenzimmer“ eingewiesen. Dr. Karl Bornstein – knapp 80jährig – starb am 17. September 1942 – einen Monat nach der Deportation – vermutlich an den Folgen der unsäglichen hygienischen Bedingungen, an Hunger, Durst und mangelnder medizinischer Versorgung.

Seine Ehefrau Magdalene, geb. Friedländer, wurde am 15. Juni 1943 ermordet. Sie war 69 Jahre alt. Es gibt eine „Todesanzeige“, die sie als „verwitwet“ bezeichnet, da ihr Mann ja bereits im Jahr zuvor verstorben war. Als Todesursache wird „Entheritis/Darmkatarrh“ (akuter Durchfall) und „Debilitas cordis“ (Herzschwäche) angegeben. Man weiß aber aus vielen Quellen, dass diese „Todesursachen“ verschleierten, dass die Menschen den lebensfeindlichen Bedingungen zum Opfer fielen oder durch Unterlassung aktiv zu Tode gebracht wurden.

Im Park der Leopoldina in Halle (Saale) wurde 2009 eine Gedenkstele zur Erinnerung an die während des nationalsozialistischen Regimes getöteten Akademie-Mitglieder errichtet. Die vom halleschen Bildhauer Bernd Göbel gestaltete Stele trägt die Namen der neun Wissenschaftler, die in Konzentrationslagern ermordet wurden oder an den unmenschlichen und grausamen Bedingungen der Lagerhaft starben. Acht der Opfer stammten aus jüdischen Familien.

Dr. Karl Bornstein wird auf dieser Stele nicht genannt. Ursache dafür ist vermutlich die von verschiedenen Autoren veröffentlichte – falsche -Annahme, dass er bereits 1935 verstorben sei.

Recherche und Text: Horst K. Mahler, Gisela Morel-Tiemann

Stolperstein Magdalene Bornstein, 10.06.2012

Stolperstein Magdalene Bornstein, 10.06.2012

HIER WOHNTE
MAGDALENE
BORNSTEIN
GEB. FRIEDLÄNDER
JG. 1874
DEPORTIERT 17.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 15.6.1943

Stolperstein Rosalie Jacobsohn, 10.06.2012

Stolperstein Rosalie Jacobsohn, 10.06.2012

HIER WOHNTE
ROSALIE JACOBSOHN
GEB. LOEWY
JG. 1879
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
31.5.1942

Rosalie Jacobsohn wurde als Rosalie Loewy am 18. März 1879 in Elbing im Kreis Marienwerder in Westpreußen (Elbląg, Polen) nahe der Ostseeküste geboren.

Wann und wo Rosalie ihren späteren Ehemann, den Kaufmann Heymann, genannt Hermann, Jacobsohn, kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten 1899. Am 12. April 1900 wurde ihre Tochter Else Amalie in Elbing geboren. Hermann war Mitinhaber der Firma „Alexander Müller Nachfolger“, einem großen Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft am Alten Markt 46/47 in Elbing.

Hermanns und Rosalies Vermögensverhältnisse erlaubten ihrer Tochter, das staatliche Lyzeum und später das Oberlyzeum, die Kaiserin-Auguste-Viktoria-Schule, zu besuchen. Am 15. August 1931 verließ Else die Schule mit dem Abgangszeugnis der Oberprimareife. Danach ging sie nach Berlin, wo sie ein halbjähriges Volontariat in der Grunewald-Buchhandlung bei Marianne Hoffmann am Kurfürstendamm 123 absolvierte. Anschließend wechselte sie in die Abteilung Fernexpedition des KaDeWe. Als im Laufe des Jahres 1933 das KaDeWe „arisiert” wurde, verlor sie wie alle anderen jüdischen Angestellten „aus Gründen der Betriebsentlastung“ ihre Anstellung. Als Hermann Jacobsohn am 30. November 1933 starb, zog die 55-jährige Rosalie 1936 zu ihrer 36-jährigen Tochter Else nach Berlin. Sie wohnte in der Brandenburgischen Straße 42 in Wilmersdorf.

Nach Inkrafttreten der Nürnberger Rassengesetze 1935 war Else klar, dass sie Deutschland so schnell wie möglich verlassen musste. Weil es als Ehepaar leichter war, ein Visum für die Ausreise zu bekommen, heiratete sie am 19. Oktober 1936 den Ingenieur Hans Joachimsthal. Am 4. Januar 1937 traten sie ihre Reise nach Antwerpen an. Wenige Tage später erfolgte die Einschiffung nach Buenos Aires mit einem Touristenvisum. Die Auswanderungskosten in der 1. Klasse übernahm ihre Mutter Rosalie.

Im März 1938 wurde Rosalies Enkeltochter Irene in Buenos Aires geboren. Aufgrund der Lage in Deutschland war es Rosalie nicht möglich, Irene zu sehen. Ende 1938 trennte sich Else von ihrem Ehemann Hans Joachimsthal, blieb aber verheiratet.

Rosalie Jacobsohn zog 1939 mit ihrer langjährigen Hausangestellten, der aus Eichholz in Ostpreußen stammenden Minna Knorr (*8. Dezember 1897), in die Trautenaustraße 9. Sie wohnten im III. Stock des Vorderhauses in einer 4½ -Zimmer-Wohnung. Laut Vermögenssteuerbescheid war Rosalie eine vermögende Frau. Ihr Gesamtvermögen von 139.600 RM reichte zur Sicherung eines zukünftigen Anspruchs auf Reichsfluchtsteuer von ca. 35.000 RM. Der Betrag wurde auf einem Sperrkonto hinterlegt.

Am 14. Mai 1941 ließ die Witwe Rosalie Jacobsohn einen notariell beglaubigten Schenkungsvertrag zwischen ihr und ihrer langjährigen Hausangestellten Fräulein Minna Knorr aufsetzen. Sie verschenkte „mit Rücksicht auf ihre 25 Jahre als Hausangestellte geleisteten treuen Dienste“ ihr gesamtes Mobiliar des Speisezimmers, Wohnzimmers, Schlafzimmers und der Küche nebst Küchengeschirr an Minna Knorr. Das Eigentum ging damit sofort auf Minna Knorr über. Rosalie Jacobsohn durfte die Gegenstände laut Vertrag leihweise in Besitz behalten. Fräulein Knorr war aber berechtigt, das Leihverhältnis jederzeit zu beenden und die Sachen in Besitz zu nehmen. Der Wert der Gegenstände wurde mit 3.000 RM angegeben.

Ein Jahr später erhielt Rosalie den gefürchteten Deportationsbefehl in den Osten. Sie wurde aufgefordert, eine Vermögenserklärung auszufüllen, die sie am 27. Mai 1942 unterschrieb und abgab. Die Deportation nach Majdanek und Sobibor war ursprünglich für den 2. Juni 1942 geplant.

Rosalie Jacobsohn

Rosalie Jacobsohn

Für Rosalie war klar, dass sie diese Reise nicht antreten würde. Am Abend des 30. Mai 1942 setzte sie ihrem Leben durch die Einnahme einer Überdosis Schlafmittel ein Ende. Am Morgen des 31. Mai 1942 um 9 Uhr wurde sie von der Polizei tot in ihrer Wohnung aufgefunden. In der Sterbeurkunde wurde „Vergiftung durch Schlafmittel” als Todesursache angegeben. Die genaue Todesstunde konnte nicht festgestellt werden. In einigen Schreiben des Oberfinanzpräsidenten wurde deshalb als Todestag der 30. Mai 1942 angenommen und in anderen der 31. Mai 1942. Rosalie Jacobsohn geborene Loewy flüchtete mit 63 Jahren in den Tod, um dem Schicksal, das die Nationalsozialisten für sie vorgesehen hatten, zu entgehen.

Der Deportationszug nach Majdanek und Sobibor, für den Rosalie Jacobsohn vorgesehen war, fuhr tatsächlich erst am 13. Juni 1942 ab. Die Transportliste der Gestapo enthielt anfangs 758 Namen, wovon 19 Namen gestrichen werden mussten, weil diese Menschen vor der Deportation Selbstmord begangen hatten.

Minna Knorr legte nach dem Tod von Rosalie Jacobsohn dem Oberfinanzpräsidenten den Schenkungsvertrag von Rosalie vor. Am 10. August 1942 bestätigte dieser ihr die Freigabe der Gegenstände. Trotzdem ließ der Oberfinanzpräsident am 15. Oktober 1942 das Inventar der Wohnung bewerten. Die Schätzung kam zu dem Resultat, dass allein das Speisezimmer 2.500 RM wert sei. Insgesamt wurde das Inventar der Wohnung mit 6.000 RM bewertet. Minna Knorr zog mit den Möbeln in die Bayrische Straße 26 in Berlin-Wilmersdorf.

Auch bei der Deutschen Bank stieß der Oberfinanzpräsident bei der Eintreibung von Rosalies Vermögen auf Probleme. Da die Einziehung des Vermögens nach ihrem Tod erfolgte, sah sich die Bank verpflichtet, das Vermögen für die Erben zu sichern. Das Finanzamt setzte entgegen, dass sich sämtliche Erben im Ausland aufhielten. Erst am 24. März 1943 wurde die Übernahme des Vermögens für das Deutsche Reich bestätigt.

Rosalies Tochter führte auch nach dem Zweiten Weltkrieg ein eher ärmliches Leben. Sie stellte am 8. Januar 1958 beim Wiedergutmachungsamt in Berlin einen Antrag auf Rückerstattung des Vermögens von Rosalie Jacobsohn.

Recherche und Text: Gundula Meiering, November 2025

Quellen:
  • Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Amtliche Fernsprechbücher Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten
  • Personenstandsunterlagen / über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II), 17087 Jacobsohn, Rosalie
  • Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Entschädigungsbehörde (LABO) Reg. Nr. 68.373 – Geschädigte Rosalie Jacobsohn, Antragstellerin Else Joachimsthal und Reg. Nr. 355.830 Geschädigte Else Joachimsthal geborene Jacobsohn.
Stolperstein Alfred Knop, 10.06.2012

Stolperstein Alfred Knop, 10.06.2012

HIER WOHNTE
ALFRED KNOP
JG1881
DEPORTIERT 19.1.1942
ERMORDET
RIGA

Alfred Knop wurde als Salomon Alfred Knop am 19. Februar 1881 in der Neuen Schönhauser Straße 10 in Berlin geboren. Für seine Eltern, den Schneidermeister Icek (Jeek) Knop und dessen Ehefrau Anna Knop geborene Ries, war Alfred das älteste von insgesamt vier Kindern. Nach ihm wurden 1882 Willi, 1886 Lea und 1887 Hedwig geboren.

Alfred wurde Kaufmann von Beruf. Seine Geschwister erlernten wie die Eltern das Schneiderhandwerk. Seine Schwestern Lea und Hedwig heirateten zwei Brüder, die evangelisch getauft und Mechaniker von Beruf waren. Lea heiratete am 19. Dezember 1908 Friedrich Georg August Scheller. Neun Jahre später, am 10. Oktober 1917, heirateten Hedwig und Carl Friedrich Wilhelm Scheller. Diese Ehe war nur kurz, da Hedwig schon ein Jahr nach der Hochzeit mit 30 Jahren am 16. Oktober 1918 starb.

Wann und wo Alfred seine spätere aus Brackel im Kreis Dortmund stammende Ehefrau, die Sekretärin Margareta (auch Margaretha mit h) Schulze – Vellinghausen (*5. Juli 1884) kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten mitten im Ersten Weltkrieg am 18. Dezember 1915 auf dem Standesamt in Wilmersdorf. Auf der Heiratsurkunde gaben beide als Religion „evangelisch” an. Trauzeugen waren Margaretas Vater, der Amtmann außer Dienst Karl Schulze – Vellinghausen aus Zehlendorf, und Alfreds Bruder, der 32-jährige Schneidermeister Willi Knop.

Sein Bruder Willi heiratete mit 48 Jahren am 11. Juli 1931 seine zehn Jahre jüngere Wirtschafterin Anna Kronenberg (*23. März 1893). Die „Prokuristenehefrau“ Margareta Knop war Trauzeugin. Alfred und Margareta wohnten damals in der Aschaffenburger Straße 25 in Berlin-Wilmersdorf.

Bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war Alfred Knop gerade 52 Jahre alt geworden. Nachdem er seine Stelle als Prokurist aufgeben musste, arbeitete er als Kassierer und später als bevollmächtigter Vertreter bei der Getreide- und Effektenbörse in Berlin. Mit den Nürnberger Gesetzen, die am 15. September 1935 verabschiedet wurden, veränderte sich sein und das Leben seiner Ehefrau dramatisch. Die 1871 gesetzlich garantierte Gleichstellung jüdischer Mitmenschen im Deutschen Reich wurden durch diese Gesetze beendet. Ausgrenzung und Entrechtung der Juden waren die Folge. Der Rassenwahn wurde zum Verwaltungshandeln und das Strafrecht für die nationalsozialistische Ideologie instrumentalisiert. Die nicht-jüdischen Ehepartner wurden unter großen Druck gesetzt, sich von ihren jüdischen Ehepartnern scheiden zu lassen. Alfred und Margareta ließen sich dadurch aber nicht auseinanderbringen und lebten in einer kinderlosen „Mischehe“, wie es in der Sprache der Nationalsozialisten hieß. Der getaufte Christ musste der Jüdischen Gemeinde zwangsweise beitreten.

Alfred Knop

Alfred Knop

Am 17. Mai 1938 starb Alfreds Bruder Willi Knop mit 55 Jahren. Aufgrund der Zweiten Verordnung vom 17. August 1938 musste Alfred den Zwangsnamen „Israel“ tragen.

Als am 9. November 1938 an der Wohnungstür der Eheleute Knop und einem Fenster ihrer Parterrewohnung in der Trautenaustraße 9 mit dicker weißer Farbe das Wort „Jude“ und ein „Judengesicht“ gemalt wurden, empfanden sie dieses als einen „Angriff“ und fürchteten das „Schlimmste“. Aus Angst und Verzweiflung, dass die Nazis eines Tages auch ihre Wohnung zertrümmern könnten, schlug Alfred vor, eine Tarnscheidung vornehmen zu lassen. In der Hoffnung, zu den „Schlauen“ zu gehören, nahm Margareta diesen Vorschlag an. Auch hoffte Alfred, dass er das Wohnungsinventar so vor dem Zugriff der Gestapo retten könnte.

Seine Idee war, dass Margareta die Wohnungseinrichtung als „Arierin” besser verkaufen und ihm damit die Auswanderung nach Amerika ermöglichen könnte, wohin sie ihm später folgen sollte.

Mit Urteil vom 3. März 1939 wurden beide nach 23 Jahren glücklicher Ehe am 25. März 1939 „schuldhaft“ geschieden. Beide sahen in der Scheidung nur eine räumliche Trennung. Damit sie sich weiterhin sehen und treffen konnten, suchte Alfred sich ein Zimmer in der Nähe seiner Frau. Seit Februar 1939 wohnte er zur Untermiete im Erkerzimmer der 1. Etage des Nachbarhauses in der Trautenaustraße 10 bei dem Architekten Nachtlicht und dessen Familie. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war er allerdings noch in der Trautenaustraße 9 gemeldet. Margareta besuchte ihn täglich und brachte ihm Essen. Obwohl sie aufgrund eines Knackens im Telefon glaubte, dass sie von der Gestapo abgehört würde, telefonierte sie täglich mit Alfred. Sie hofften, dass doch noch alles gut gehen würde: Sie stellten sich vor, sich nach dem „Zusammenbruch der Naziherrschaft, der ja doch mal kommen musste, (…) einfach wieder standesamtlich trauen zu lassen.

Seit dem 19. September 1941 musste Alfred Knop den „Gelben Stern“ tragen. Bei gemeinsamen Unternehmungen hatte Margareta deshalb große Angst, von der Gestapo festgenommen zu werden. Sie fühlte sich ständig verfolgt.

Anfang Januar 1942 erhielt Alfred Knop den Deportationsbefehl in die Trautenaustraße 10. Margareta half ihm beim Packen und wollte sich mit ihm deportieren lassen, da sie sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen konnte. Alfred und die Eheleute Nachtlicht konnten sie jedoch davon abhalten.

Einen Monat vor seinem 61. Geburtstag, am 19. Januar 1942, wurde Alfred mit dem 9. Osttransport zusammen mit 1008 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden nach Riga deportiert. Er starb angeblich im Februar 1942 an Hungerödemen im Altersheim des Ghettos Riga. So stand es auf der 1950 von Margareta Knop beantragten Sterbeurkunde.

Alfreds Schwester Lea überlebte den Holocaust aufgrund der „Mischehe“ mit Friedrich Scheller, der im Oktober 1945 in Berlin an einem Schlaganfall starb.

Aufgrund der Bundesgesetze vom 23. Juni 1950 zur „Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung“ und über die „Anerkennung freier Ehen für politisch Verfolgte“, denen aufgrund nationalsozialistischer Gesetze die Eheschließung verweigert worden war, erklärte das Standesamt Berlin-Wilmersdorf die Ehe zwischen dem Verstorbenen Alfred Knop und Margareta Knop geborene Schulze – Vellinghausen rückwirkend ab dem 1. April 1939 als wieder geschlossen. Dadurch hatte sie Anrecht auf Entschädigung und Witwenrente.

Laut Protokoll der öffentlichen Sitzung der Schiedsstelle vom 2. April 1952 wurde Margareta Knop vom Vorsitzenden gefragt, weshalb alle beide die Schuld an der Scheidung auf sich genommen haben. Sie erwiderte darauf, dass sie nicht gewollt habe, dass ihr Mann die Schuld als Jude alleine auf sich nimmt.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Oktober 2025

Quellen:
  • Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv; Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Amtliche Fernsprechbücher Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten, Karteikarten
  • Personenstandsunterlagen / über Ancestry
  • My Heritage
  • Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Entschädigungsbehörde (LABO) Reg. Nr. 16.704 und 602.943 – Geschädigter: Alfred Knop, Antragsteller: Margaret Knop
Stolperstein Marion Inge Eisenstaedt - Trautenaustraße 9

HIER WOHNTE
MARION INGE
EISENSTAEDT
VERH. MOLL
JG. 1922
DEPORTIERT 21.1.1944
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
KZ CHRISTIANSTADT
FLUCHT, VERSTECKT
ÜBERLEBT

Stolperstein Georg David Laufer

HIER LEBTE
UND ARBEITETE
GEORG DAVID
LAUFER
JG.1886
OPFER DES POGROMS 1938
GEDEMÜTIGT / MISSHANDELT
TOT AN DEN FOLGEN
20.12.1938

Georg David Laufer wurde am 13. August 1886 in Jarotschin (heute: Jarocin / Polen), das damals zu Preußen gehörte, in der Provinz Posen geboren. Er zog nach Berlin, wo er am 11. November 1920 Erna Schachmann heiratete, die 27. April 1888 in Berlin geboren wurde. Er war Apotheker.

In der Trautenaustraße 9 hatte Georg David Laufer eine Apotheke und Drogerie. In diesem Haus wohnte die Familie auch, sie hatte angrenzend eine geräumige Wohnung im Hochparterre links. Dort wurde ihre Tochter Ruth geboren.

Im Adressbuch 1938 findet sich dieser Eintrag: „Laufer Georg Apothek Wilmersdf Trautenaustraße 9“. Im Branchenbuch des gleichen Jahres steht: G. Laufer Drogerie.

Georg Laufer kam am 20. Dezember 1938 an den Folgen der Verletzungen ums Leben, die er beim Überfall einer Nazi-Horde in der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 erlitten hatte, als jüdische Läden vorsätzlich und systematisch zerstört wurden. Polizisten eines nahen Reviers griffen nicht ein. Ein Arzt half vergeblich. Laufer wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt.

Georgs und Ernas Tochter Ruth flüchtete 1939 mit der Aliyah-Jugend nach Palästina. Zum Zeitpunkt ihrer Prüfung zur Kindergärtnerin war sie die jüngste in Palästina. 1948 heiratete sie Erich Stauss. Die beiden Töchter aus dieser Ehe waren Yael (verheiratet mit David) Reiser and Irit (verheiratet mit Michael) Bernstein.

Ruths Mutter Erna Laufer hatte ein abenteuerliches Schicksal: Ihr gelang ebenfalls in letzter Minute die Flucht aus Deutschland. Sie sollte, nachdem sie aufgegriffen worden war, auf einem britischen Schiff nach Mauritius gebracht werden und überlebte am 25. November 1940 im Hafen von Haifa dessen Untergang. Sie wurde zunächst in einem Internierungslager festgehalten und gelangte später nach Palästina. Dort heiratete sie in den 1950er Jahren Walther Rausch. Sie starb in Haifa.
Yael Reiser/Irit Bernstein. Übersetzung: Helmut Lölhöffel

Der Stolperstein zum Gedenken an Georg David Laufer, der von deutschen Nationalsozialisten totgeschlagen wurde, ist auf Wunsch seiner Enkeltöchter Yael Reiser und Irit Bernstein (beide aus Israel) am 23.9.2016 verlegt worden. An der Verlegung und am Gedenken nahmen sie und ihre Familien teil.

Biografische Zusammenstellung:
Yael Reiser/Irit Bernstein. Übersetzung: Helmut Lölhöffel

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