Stolpersteine Mainzer Straße 16

Hauseingang Mainzer Straße 16

Hauseingang Mainzer Straße 16

Die Stolpersteine für Antonie Folkmar, Klara Jonas, Hulda und Helene Sachs wurden am 29. September 2010 verlegt.

Stolperstein für Antonie Folkmar

Stolperstein für Antonie Folkmar

HIER WOHNTE
ANTONIE FOLKMAR
GEB. LEVY
JG. 1881
DEPORTIERT 14.11.1941
MINSK
ERMORDET

Antonie Folkmar wurde als Antonie Levy am 5. Februar 1881 in Stargard in Pommern (Stargard Szczeciński, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Simon Levy (*21. Januar 1841) und dessen Ehefrau Therese Levy geborene Levy (*11. Dezember 1849) war sie die Jüngste von zwei Töchtern. Ihre Schwester Franziska (*13. August 1879) war zwei Jahre älter als sie.

Wann Antonie nach Berlin ging und wann sie ihren späteren Ehemann, den aus Königsberg in Ostpreußen (Kaliningrad, Russland) stammenden Patent-Ingenieur Eugen Hirsch Folkmar (*21. November 1864) kennenlernte, ist nicht bekannt. Die 48-jährige Antonie und der 64-jährige Eugen heirateten am 28. Februar 1929.
Für ihn war es die zweite Ehe. Am 5. Mai 1891 hatte der damals 26-jährige Kaufmann Eugen Hirsch Cohn, wie er damals noch hieß, die 21-jährige Handarbeiterin Luise Auguste Hedwig Rösler (*8. Februar 1870) geheiratet. Ihre Tochter Clara Gertrud kam ein Jahr später am 24. April 1892 zur Welt. Am 29. Dezember 1898 wurde ihm die Genehmigung erteilt, anstelle seines Familiennamens „Cohn“ den Namen „Folkmar“ zu führen. Seit 1900 meldete er einige Patente auf diesen Namen an. Kurz vor Eugens zweiter Ehe wurde seine erste durch das am 5. Februar 1929 rechtskräftig gewordene Urteil des Landgerichts nach 37 Jahren geschieden.

Eugen zog nach der Hochzeit zu Antonie in die Wilhelmsaue 7 in Berlin-Wilmersdorf. Seine geschiedene Ehefrau und seine Tochter wohnten weiterhin in der Wilhelmstraße 2 in Berlin-Friedenau. Das Glück von Antonie und Eugen war nur von kurzer Dauer. Am 2. Dezember 1929 starb Eugen in der Charité mit 65 Jahren. Das Ingenieurbüro führte seine Witwe im Erdgeschoss des Hauses Wilhelmsaue 7 weiter.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, stand Antonie kurz vor ihrem 52. Geburtstag. Sie zog in die Mainzer Straße 16 in Wilmersdorf, wo sie 1934 das erste Mal unter dem Namen ihres verstorbenen Ehemannes und mit dem Ingenieurbüro gemeldet war. Im Berliner Adressbuch 1935 war sie unter ihrem eigenen Namen mit dem Zusatz “Witwe” aufgeführt.
Demnach konnte sie das Ingenieurbüro nur bis 1934 führen.
Das NS-Regime ordnete immer neue Maßnahmen an, um Juden das Leben zu erschweren. Besuche von Kulturveranstaltungen wie Theater, Kino und Konzerte waren ihnen verboten. Schmuck, Silber und Radiogeräte mussten sie schon 1939 abliefern. Über ihr Vermögen, falls noch vorhanden, konnten sie bis auf einen dem Existenzminimum entsprechenden Betrag nicht mehr frei verfügen.

Ab September 1941 hatte auch Antonie den „Judenstern“ zu tragen. Vermutlich musste sie auch Zwangsarbeit leisten. Ihre Schwester Franziska war schon vorher nach New York in die USA geflüchtet. Im Oktober 1941 begannen die Deportationen von Juden in den Osten. Schon Anfang November 1941 bekam auch Antonie den Deportationsbefehl. In der zur Sammelstelle umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße wartete sie zwei Tage auf die Abreise, bis am 14. November 1941 Ordnungspolizisten etwa 1.030 Personen, darunter Antonie Folkmar, zum Bahnhof Grunewald trieben und in einen bereitgestellten Zug der Reichsbahn zwangen. Über Warschau ging es nach Minsk. Infolge des großen Umweges kam der Zug erst nach vier Tagen am 18. November 1941 morgens gegen 10 Uhr an. Das Ghetto Minsk lag am anderen Ende der Stadt und bestand aus Holzbaracken. Antonie Folkmar geborene Levy wurde dort zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet und nach dem Krieg für tot erklärt.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Juni 2026

Quellen:
• Bundesarchiv – Gedenkbuch
• Mapping the Lives
• Berliner Adressbücher
• Arolsen Archives – Deportationslisten
• Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
• My Heritage

Stolperstein für Klara Jonas

Stolperstein für Klara Jonas

HIER WOHNTE
KLARA JONAS
JG. 1877
DEPORTIERT 20.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 14.10.1942

Klara Jonas wurde am 11. November 1877 in Stargard im preußischen Regierungsbezirk Stettin in Pommern (Stargard Szczeciński, Polen) geboren. Der jüdische Bevölkerungsanteil in Stargard lag Anfang des 20. Jahrhunderts bei rund vier Prozent und war somit durchschnittlich drei Mal höher als in anderen Städten Hinterpommerns. Es gab vier evangelische Kirchen, eine katholische und eine 1905 erbaute Synagoge.

1861 waren unter den ca. 30.000 Einwohnern 436 Juden. 1925 waren es nur noch 297. Viele versuchten ihr Glück in Berlin, so auch Klara Jonas. Wann sie nach Berlin kam und mit wem, ist unbekannt. Auch ihr Ursprung konnte nicht ganz geklärt werden.

Vermutlich war ihr Vater der Handelsmann Itzig Jonas (1819-1915) und ihre Mutter Karoline geborene Rosenberg (1835-1915). Gemeinsam hatten die beiden neben Klara noch zwei Söhne, Max (1866-1944) und Siegmund (*1876), die alle in Stargard geboren wurden. Klaras Bruder Max heiratete 1902, ihr Bruder Siegmund 1906 in Berlin. Ihr über 80-jähriger Vater war bei jeder Hochzeit als Trauzeuge anwesend.

Aus erster Ehe von Itzig Jonas mit Marianne geborene Lazarus (*1815) gab es noch drei Söhne, den Handelsmann Louis (*1843), den Kleiderhändler Leopold (*1847) und den Restaurator Emanuel (*1850), sowie zwei Töchter Rosalie (*1852) und Therese (*1857). Sie waren alle in Neuwedell (Drawno, Polen) geboren und zusammen mit ihrem Vater 1858 nach dem Tod ihrer Mutter Marianne nach Stargard gekommen.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Klara 55 Jahre alt. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnte sie im Hinterhaus der Mainzer Str. 16 in Berlin-Wilmersdorf. In den Berliner Adressbüchern von 1933 bis 1940 war sie jedoch nie aufgeführt, demnach wohnte sie zur Untermiete.

Vermutlich nicht ganz freiwillig zog sie im Sommer 1942 in die Greifswalder Straße 12 (Berlin-Prenzlauer Berg) in ein Altenheim oder vielmehr eine Sammelstelle für über 65-Jährige. Von den zehn aus diesem Haus Deportierten war sie mit 65 Jahren die jüngste. Mit dem „25. Alterstransport“ am 20. Juli 1942 deportierte die Gestapo 100 Personen, darunter Klara Jonas vom Anhalter Bahnhof in das Ghetto Theresienstadt. Aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto starb Klara Jonas knapp drei Monate später, am 14. Oktober 1942.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Juni 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
  • My Heritage
Stolperstein für Hulda Sachs

Stolperstein für Hulda Sachs

HIER WOHNTE
HULDA SACHS
GEB. PEISER
JG. 1867
DEPORTIERT 28.5.1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 24.4.1944

Hulda Sachs, geborene Peiser, stammte aus einer alteingesessenen, gut situierten Posener Familie. Sie wurde dort am 4. August 1867 als Tochter von Samuel Nicholas Peiser und seiner Frau Auguste, geb. Morgenstern, geboren. In den 1850er-Jahren lebte das Ehepaar Peiser einige Jahre in den Vereinigten Staaten, wo auch Huldas ältere Brüder zur Welt kamen.

Sie hatte acht Geschwister:
- Ihre Brüder Michaelis und Louis wurden Ärzte – Louis wanderte in den 1880er-Jahren nach New York aus und arbeitete dort am German Hospital in der Upper Eastside,
- der Bruder Gerson wurde Gymnasiallehrer,
- Heinrich wurde Doktor der Jurisprudenz,
- Carl war später Teilhaber eines Leipziger Musikgeschäfts.
- Huldas Schwester Johanna heiratete einen Rabbiner,
- ihre Schwestern Eva und Netka heirateten Ärzte.

1889 heiratete Hulda Peiser in Posen den Arzt Dr. Emanuel Sachs. Er war der Sohn eines Lehrers aus dem nahegelegenen Wollstein (Wolsztyn) und knapp zehn Jahre älter als sie. Hulda und Emanuel zogen nach Pollnow (Polanów) in Hinterpommern, eine Kleinstadt mit gut 2000 Einwohnern. Dr. Sachs behandelte Patienten auf den großen Landgütern der Umgebung und leitete auch das kleine städtische Krankenhaus mit zehn Betten. Er erhielt den Ehrentitel eines Sanitätsrats.

Das Ehepaar Sachs bekam drei Kinder, die Töchter Gertrud (*3. April 1890) und Helene (*5. Oktober 1894) und den Sohn Günther (*24. Oktober 1898). Beide Töchter besuchten die Höhere Mädchenschule im Ostseebad Kolberg (Kołobrzeg) und machten dann eine Berufsausbildung am dortigen Lehrerinnenseminar. Günther diente im Ersten Weltkrieg als Gefreiter im Feldartillerie-Regiment Nr. 89. Er fiel, mit nicht einmal achtzehn Jahren, am 22. August 1916. Sein Name steht bis heute auf dem Gefallenendenkmal von Polanów.

Huldas Mann starb am 31. Januar 1920 mit sechzig Jahren im Städtischen Krankenhaus Stettin. Seine Witwe zog kurz darauf nach Berlin und dort in die lebhafte Reuterstraße in Neukölln.

Auch Huldas Töchter zogen nach Berlin. Gertrud arbeitete dort als Lehrerin und lebte ebenfalls in Neukölln. Dort heiratete sie am 18. Mai 1923 den oberfränkischen Ingenieur Georg Stieglitz, geboren am 30. Mai 1882 in Poppenreuth/Münchberg. Georg war kein Jude. In den folgenden Jahren ist die Geschichte der Familie nur lückenhaft zu rekonstruieren. Spätestens seit 1937 wohnten Gertrud und Georg Stieglitz, die anscheinend keine Kinder hatten, in der Mainzer Straße 16 in Wilmersdorf. Am 17. Mai 1939, dem Datum der so genannten „Minderheiten-Volkszählung”, lebten auch Gertruds Schwester Helene und die Mutter Hulda Sachs bei ihnen. Über das weitere Schicksal von Gertrud und Georg Stieglitz, die in einer sog. „privilegierten Mischehe” lebten, da der Mann nicht-jüdisch war, war nichts in Erfahrung zu bringen. Sie tauchen auf keiner Liste von Opfern oder Überlebenden des Holocaust auf. Weder von Gertrud noch von Georg Stieglitz ist ein Todesdatum zu ermitteln.
Hulda Sachs zog spätestens 1943 aus der Wohnung ihrer Tochter Gertrud Stieglitz und deren Mann in der Mainzer Straße in das Jüdische Altenheim in der Auguststraße in Berlin-Mitte. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde sie nach der Deportation ihrer Tochter Helene am 12. März 1943 von den Nazis zwangsweise dorthin „umgesiedelt”.

Von dort aus wurde sie mit dem sog. „90. Alterstransport” (Transport I/95) mit 326 weiteren Jüdinnen und Juden, darunter viele Alte und Kranke, nach Theresienstadt verschleppt. Die Viehwaggons ohne Sitze verließen am 28. Mai 1943 den Güterbahnhof Putlitzstraße und erreichten zwei Tage später bei sengender Hitze den Bahnhof Bauschowitz – Theresienstadt. Von dort musste jeder, der sich noch auf den Beinen halten konnte, zweieinhalb Stunden lang zu Fuß in das Ghetto Theresienstadt laufen. Die sechsundsiebzigjährige Hulda Sachs überlebte dort unter unmenschlichen Bedingungen fast ein Jahr. Sie starb am 24. April 1944.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Myheritage.com
Ancestry.com
Minderheiten-Volkszählung 1939
Berliner Adressbücher
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundesarchivs
Heirats- und Sterbeurkunden, Deportationslisten
Dr. Paul Börners Reichs-Medicinal-Kalender für Deutschland, 1886
Oldenburgische Beiträge zu jüdischen Studien, Bd. 18, 2006
Krankenhaus-Lexicon für das Deutsche Reich, 1900

Stolperstein für Helene Sachs

Stolperstein für Helene Sachs

HIER WOHNTE
HELENE SACHS
JG. 1894
DEPORTIERT 12.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Helene Sachs wurde am 5. Oktober 1894 als zweite Tochter des Ehepaares Hulda und Dr. Emanuel Sachs in Pollnow (Polanów) in Hinterpommern geboren. Der Vater war Arzt und Leiter des kleinen städtischen Krankenhauses. Sie hatte die ältere Schwester Gertrud (*3. April 1890) und den jüngeren Bruder Günther (*24. Oktober 1898). Helenes Vater starb am 31. Januar 1920 mit nur sechzig Jahren im Städtischen Krankenhaus Stettin. Ihr Bruder diente im Ersten Weltkrieg als Gefreiter und fiel mit nicht einmal achtzehn Jahren am 22. August 1916.

Wie ihre Schwester besuchte Helene die Höhere Mädchenschule im Ostseebad Kolberg (Kołobrzeg) und machte danach eine Berufsausbildung am dortigen Lehrerinnenseminar. Kurz nach dem Tod des Vaters zog die Mutter Hulda mit ihren Töchtern nach Berlin. Gertrud, die als Lehrerin arbeitete, heiratete am 18. Mai 1923 den nicht-jüdischen Ingenieur Georg Stieglitz. Spätestens seit 1937 wohnte das Ehepaar, das anscheinend keine Kinder hatte, in der Mainzer Straße 16 in Wilmersdorf. Am 17. Mai 1939, dem Datum der so genannten “Minderheiten-Volkszählung”, lebten auch Helene und die Mutter Hulda bei ihnen.

Helene Sachs blieb unverheiratet. Sie wurde mit dem sog. „36. Osttransport” am 12. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Dieser Transport bildete den Abschluss der so genannten „Fabrikaktion“, bei der die noch in der Rüstungsindustrie zwangsbeschäftigten Jüdinnen und Juden in den Tod geschickt wurden. Diese waren in den Betrieben durch bei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und der Jüdischen Kultusvereinigung angestellte Menschen ersetzt worden. Sie, ihre Angehörigen und bis dahin noch zurückgestellte „Halbjuden“ wurden mit diesem Transport nach wenigen Tagen Zwangsarbeit ebenfalls deportiert.

Es ist anzunehmen, dass Helene berufstätig war – vielleicht arbeitete sie als Lehrerin in einer Schule der Kultusvereinigung. Sie wohnte zum Zeitpunkt ihrer Deportation noch in der Mainzer Straße 16 bei ihrem Schwager. Ob ihre Schwester Gertrud damals noch am Leben war, ließ sich nicht herausfinden. Es ist denkbar, dass sie Helenes Schicksal entkam, weil sie mit einem Nichtjuden verheiratet war. Jüdische Partnerinnen oder Partner in „Mischehen“ waren 1943 noch von Deportationen ausgenommen.

Am 12. März wurde Helene Sachs wahrscheinlich aus dem „Sammellager” in der Großen Hamburger Straße zum Bahnhof Putlitzstraße in Moabit gebracht. Die überfüllten Waggons mit insgesamt 941 Berliner Jüdinnen und Juden erreichten einen Tag später Auschwitz-Birkenau. Dort wurde Helene Sachs ermordet. Ihr Todesdatum ist unbekannt.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
Myheritage.com
Ancestry.com
Minderheiten-Volkszählung 1939
Berliner Adressbücher
Yad Vashem
Gedenkbuch des Bundesarchivs
Heirats- und Sterbeurkunden, Deportationslisten

Adresse

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