Stolpersteine Knesebeckstraße 28

Verlegestelle Knesebeckstr. 28, 20.4.13

Verlegestelle Knesebeckstr. 28, 20.4.13

Die Stolpersteine für Dr. Fritz, Ilse und Ruth Gabriele Silten wurden am 19. April 2010 verlegt.

Der Stolperstein für Dorothea Reichenbach wurde am 7. Juni 2017 verlegt.

Stolperstein für Dr. Fritz Silten

Stolperstein für Dr. Fritz Silten

HIER WOHNTE
DR. FRITZ SILTEN
JG. 1904
FLUCHT 1938 HOLLAND
INTERNIERT 1943 WESTERBORK
DEPORTIERT 18.1.1944
THERESIENSTADT
BEFREIT 8.5.1945

Fritz Silten wurde am 16. Februar 1904 in Berlin geboren. Seine Eltern waren Dr. Ernst und Marta Silten. 1899 übernahm Ernst Silten in Berlin die damalige Kaiser-Friedrich-Apotheke in der Karlstraße 20 a (heute Galenus-Apotheke, Reinhardtstraße 5). Ein Jahr später heiratete er Marta Friedberg, die aus der Familie eines Textilhändlers in der Luisenstraße stammte. Das Ehepaar hatte zwei Söhne: Heinz und Fritz, denen es beiden gelang, dem Holocaust zu entkommen. 1918 änderte Ernst Silberstein den Namen der Familie in Silten um.

Der Vater Ernst Silten war nicht nur Apotheker, sondern auch Erfinder und Unternehmer. Im Adressbuch war Ernst Silten unter „Fabrik chem. pharmac. Präparate“ in der Karlstraße 20 a eingetragen, wo die Familie auch wohnte.
1929 übernahm sein Sohn Dr. Fritz Silten die Apotheke und wohnte in der Knesebeckstraße 28 – einem Haus, das heute nicht mehr vorhanden ist. Verheiratet war mit Ilse Silten geb. Teppich, sie hatten eine Tochter Ruth Gabriele. Er konnte das Geschäft jedoch nur wenige Jahre weiterführen. Nach 1933 betrafen die zunehmenden Schikanen der neuen nationalsozialistischen Machthaber auch die Familie Silten. Die Apotheke musste 1936 – wie viele andere Geschäfte – zwangsweise weit unter Wert verkauft werden.

Fritz Silten flüchtete 1938 mit seiner Frau Ilse und der damals fünf Jahre alten Tochter Ruth Gabriele – der Vater Ernst blieb in Berlin und nahm sich 1943 das Leben – in die vermeintlich rettenden Niederlande. Dort wurden sie alle am 20. Juni 1943, als die Niederlande von der deutschen Wehrmacht besetzt waren, von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in das Sammellager Westerbork gesteckt und länger als ein halbes Jahr lang inhaftiert.

Dann wurde die Familie Fritz Siltens am 18. Januar 1944 in einem Zug mit 870 Menschen nach Theresienstadt deportiert. Aus diesem Ghetto wurden sie am Ende des Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee befreit, sodass die Familie überlebte.

Fritz Silten stellte von 1955 bis 1970 aus Amsterdam, später aus London und aus Zürich zahlreiche Entschädigungsanträge in Berlin für Wertpapiere, Hausrat, antike Möbel, Schmuck, den Zwangsverkauf der Apotheke und eine Fachbibliothek. Ilse Silten geb. Teppich reichte zwischen 1951 und 1955 aus Amsterdam und London Entschädigungsanträge für Barguthaben, Wertpapiere, Gold und Silber, Schmuck, Pelzwaren, Möbel und Hausrat ein.

Zum Gedenken an Ernst und Marta Silten sind 2008 an der Reinhardtstraße 5 Stolpersteine verlegt worden.

Text: Helmut Lölhöffel mit Informationen von Wilfried Burkard und Wolfgang Knoll und Ergänzungen von Ruth Gabriele Silten
(Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf und Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin)

Stolperstein für Ilse Silten

Stolperstein für Ilse Silten

HIER WOHNTE
ILSE SILTEN
GEB. TEPPICH
JG. 1909
FLUCHT 1938 HOLLAND
INTERNIERT 1943 WESTERBORK
DEPORTIERT 18.1.1944
THERESIENSTADT
BEFREIT 8.5.1945

Ilse Silten geb. Teppich wurde am 23. Februar 1909 in Berlin geboren. Ihre Eltern waren Richard und Gertrud Teppich. Wie ihr Mann Fritz und ihre Tochter Ruth Gabriele flüchtete Ilse Silten 1938 vor der Judenverfolgung aus Berlin nach Amsterdam. Dort wurde sie jedoch geschnappt und ins Internierungslager Westerbork verschleppt. Aus Westerbork kam sie nach Theresienstadt, woraus sie mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs glücklich befreit wurde.

Ihre Schwiegermutter Marta Silten – Friedberg war der Familie 1939 nach Amsterdam gefolgt. Auch sie war in Westerbork interniert, sie nahm sich dort im Juli 1943 das Leben, als sie erfuhr, dass ihre Deportation nach Auschwitz bevorstand.

Heinz Silten war in den frühen 30er Jahren nach England geflüchtet. Dort wurde er als „enemy alien“ betrachtet und interniert. Nach dem Krieg lebte er – stets unverheiratet geblieben – weiter in England.

Zum Gedenken an ihre Mutter Gertrud Teppich wurde ein Stolperstein an der Luisenstraße 54/55 verlegt.

Text: Helmut Lölhöffel mit Informationen von Wilfried Burkard und Wolfgang Knoll und Ergänzungen von Ruth Gabriele Silten
(Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf und Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin)

Stolperstein für Ruth Gabriele Silten

Stolperstein für Ruth Gabriele Silten

HIER WOHNTE
RUTH GABRIELE
SILTEN
JG. 1933
FLUCHT 1938 HOLLAND
INTERNIERT 1943 WESTERBORK
DEPORTIERT 18.1.1944
THERESIENSTADT
BEFREIT 8.5.1945

Ruth Gabriele Silten wurde am 30. Mai 1933 in Berlin geboren. Sie war die Tochter von Fritz und Ilse Silten, die 1938 mit ihr in die Niederlande flüchteten. Sie wurden jedoch festgenommen, in Westerbork eingesperrt und mit der damals 10jährigen Ruth Gabriele nach Theresienstadt gebracht, wo sie nach einer zweitägigen Fahrt in einem Güterwaggon ankamen. Nach 16 Monaten wurde die fast 12jährige Ruth Gabriele in dem von jüdischen Häftlingen völlig überfüllten ehemaligen Militärgelände am 8. Mai 1945 von sowjetischen Soldaten befreit. Sie überlebte glücklicherweise die Judenverfolgung und den Holocaust.

Text: Helmut Lölhöffel mit Informationen von Wilfried Burkard und Wolfgang Knoll und Ergänzungen von Ruth Gabriele Silten
(Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf und Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin)

Stolperstein Dorothea Reichenbach

HIER WOHNTE
DOROTHEA
REICHENBACH
GEB. SIMMEL
JG.1866
DEPORTIERT 19.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 12.9.1942

Dorothea Reichenbach wurde am 28. Februar 1866 als Dorothea Simmel in Breslau (Wrocław, Polen) geboren. Für Ihre Eltern, den Getreidekaufmann Moritz Simmel (*2. April 1836) und dessen Ehefrau Bertha Simmel geborene Meysel (*1839), war Dorothea, auch Dora genannt, das zweite von insgesamt fünf Kindern. Ihr Bruder Georg (*9. August 1859) war sechs Jahre älter als sie. Ihre Schwestern Amalie (*1871) und die Zwillinge Else (Elisabeth) Minna und Gertrud Pauline (*11. August 1874) waren vier, beziehungsweise acht Jahre jünger als Dora.

1886 wohnte die 20-jährige Dora laut Breslauer Adressbuch zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Amalie in der 1. Etage der Schwertstraße 24 in Breslau.

Wann und wo Dorothea ihren späteren Ehemann, den zehn Jahre älteren Rechtsanwalt Leopold Reichenbach (*4. April 1856) kennenlernte, ist nicht bekannt. Leopold hatte im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ein Bein verloren. Sie heirateten vermutlich Anfang 1887 und lebten nach der Heirat zusammen in der Schönhauser Allee 168 in Berlin-Prenzlauer Berg, wo Leopold schon vor der Hochzeit gewohnt hatte. Leopold betrieb seine Kanzlei in der Alexanderstraße 71. Dora und Leopold wurden am 8. November 1887 Eltern von Lotte und am 27. Juni 1890 von Friedrich Wilhelm.

Ihre Schwester Amalie heiratete den Mathematiker Dr. phil. Benno Gimkierwicz. Am 28. November 1892 wurde ihr Sohn Ernst Hermann Gimkierwicz in Magdeburg geboren. 1896 starb ihre Mutter Bertha mit 57 Jahren. Ihr Vater Moritz starb drei Jahre später 1899 mit 63 Jahren. Ihre Schwester Gertrud heiratete Carl Ludwig Meyer aus Breslau. Ihr erster Sohn Franz wurde 1897 geboren. Else heiratete 1898 Wilhelm Jacob Fritz Joachimssohn.

Doras Tochter Lotte heiratete mit 20 Jahren am 14. Dezember 1907 den aus Oederan in Sachsen stammenden Rechtsanwalt Martin Joachim Reichenbach (*8. März 1879), Sohn des Zigarrenfabrikanten Jacob Reichenbach, der Leopolds Halbbruder war. Martin hatte seine Kanzlei in Dresden. Lotte zog zu ihm. Am 24. Juli 1912 bekamen sie eine Tochter, die sie Ursula nannten. Dora wurde mit 46 Jahren zum ersten Mal Großmutter. Da Martin im Ersten Weltkrieg zum Militärdienst eingezogen wurde, war Lotte vier Jahre mit Ursula, genannt Ussa, alleine. Nach dem Ersten Weltkrieg bekam die 8-jährige Ursula am 20. April 1920 einen Bruder, Peter Claus.

Doras Sohn Friedrich Wilhelm promovierte in Rechtswissenschaften und wurde wie sein Vater Rechtsanwalt und Notar von Beruf. Er verlobte sich im August 1920 in Breslau mit der aus Berlin stammenden Fabrikantentochter Margot Isaac (*21. November 1899). Am 20. Dezember 1920 feierten sie die Hochzeit. Schon ein Jahr vorher, am 30. September 1919, war ihre Tochter Hildegard in Berlin geboren worden.

Als Dora 1926 60 Jahre und Leopold 70 Jahre alt waren, gingen sie zurück in ihre Heimatstadt Breslau. Hier starb der Justizrat Leopold Reichenbach noch im gleichen Jahr, am 23. Dezember 1926, in der Scharnhorststraße 6 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Breslau beigesetzt.

Als 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, muss Dora wieder zurück nach Berlin gegangen sein. Als ihr 16-jähriger Enkel Peter Claus Ostern 1936 eine Arbeitsgenehmigung im Hotelgewerbe in Schweden bekam, machte er auf seinem Weg nach Malmö einen Stopp in Berlin bei seiner Großmutter Dora. Sie besuchten zusammen das Pergamonmuseum.

Dorotheas letzter freiwillig gewählter Wohnort muss die Knesebeckstraße 28 gewesen sein. Danach zog sie in die Meineckestraße 19, wo sie bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 gemeldet war.

Die Familie ihres Sohnes Friedrich Wilhelm emigrierte 1939 nach Santiago de Chile.

Ihre Schwester Else, die seit 1930 verwitwet war, ging nach Palästina, wo sie 1940 eingebürgert wurde.

Ihr älterer Bruder Georg Simmel starb mit 82 Jahren 1941 in Nomslau in Schlesien (Namysłów, Polen). Ihre Schwester Amalie, die am 2. September 1920 in zweiter Ehe den aus Utrecht stammenden Opernsänger Maarten Martinus Gros (*1875) geheiratet hatte, überlebte in Holland. Ernst Hermann Gimkierwicz, Amalies Sohn aus erster Ehe, floh nach Bangkok in Thailand. Doras Enkelkindern Ursula und Peter-Claus gelang mit Hilfe ihres Vaters, der in Dresden bei der jüdischen Gemeinde für die Emigration zuständig war, die Flucht nach England.

Den Deportationsbefehl in das Ghetto Theresienstadt wurde der 76-jährigen Witwe Dorothea Reichenbach in der Bredtschneiderstraße 15 in Berlin-Charlottenburg zugestellt, wo sie zur Untermiete bei der Witwe Rosa Lewin wohnte.

Am 19. August 1942 deportierte sie die Gestapo zusammen mit 99 Leidensgenossinnen und Leidensgenossen mit dem 45. Alterstransport vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt. Vermutlich traf Dora im Ghetto ihre ebenfalls verwitwete Schwester Gertrud Meyer geborene Simmel, die am 27. Juli 1942 von Breslau nach Theresienstadt deportiert worden war.

Drei Wochen nach der Deportation, am 12. September 1942, starb Dorothea Reichenbach geborene Simmel in der Bezirkskrankenstube des Ghettos Theresienstadt. Todesursache war laut Todesfallanzeige eine Darmentzündung, die sie sich aufgrund der unhygienischen, unmenschlichen Bedingungen im Ghetto zugezogen hatte. Ihre Schwester Gertrud starb am 6. Oktober 1942 im Ghetto Theresienstadt.

Am 2. März 1943 wurden Doras Tochter Lotte und ihr Schwiegersohn Martin Joachim Reichenbach von Dresden nach Auschwitz deportiert, wo sie in den Gaskammern ermordet wurden.

Ihr Sohn Peter C. Rickenback initiierte mit 95 Jahren die Verlegung von Stolpersteinen für seine Eltern in der Andreas-Schubert-Straße 44 in Dresden, sowie den Stolperstein für seine Großmutter Dorothea Reichenbach in Berlin. Er starb im Juni 2015, sodass er an der Verlegung 2017 nicht mehr teilnehmen konnte.

Text und Recherche: Gundula Meiering, November 2025

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Mapping the Lives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über Ancestry
  • USC Shoah Foundation, Interview mit Peter C. Rickenback vom 14. Juni 1998