HIER WOHNTE
DOROTHEA
REICHENBACH
GEB. SIMMEL
JG.1866
DEPORTIERT 19.8.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 12.9.1942
Dorothea Reichenbach wurde am 28. Februar 1866 als Dorothea Simmel in Breslau (Wrocław, Polen) geboren. Für Ihre Eltern, den Getreidekaufmann Moritz Simmel (*2. April 1836) und dessen Ehefrau Bertha Simmel geborene Meysel (*1839), war Dorothea, auch Dora genannt, das zweite von insgesamt fünf Kindern. Ihr Bruder Georg (*9. August 1859) war sechs Jahre älter als sie. Ihre Schwestern Amalie (*1871) und die Zwillinge Else (Elisabeth) Minna und Gertrud Pauline (*11. August 1874) waren vier, beziehungsweise acht Jahre jünger als Dora.
1886 wohnte die 20-jährige Dora laut Breslauer Adressbuch zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Amalie in der 1. Etage der Schwertstraße 24 in Breslau.
Wann und wo Dorothea ihren späteren Ehemann, den zehn Jahre älteren Rechtsanwalt Leopold Reichenbach (*4. April 1856) kennenlernte, ist nicht bekannt. Leopold hatte im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ein Bein verloren. Sie heirateten vermutlich Anfang 1887 und lebten nach der Heirat zusammen in der Schönhauser Allee 168 in Berlin-Prenzlauer Berg, wo Leopold schon vor der Hochzeit gewohnt hatte. Leopold betrieb seine Kanzlei in der Alexanderstraße 71. Dora und Leopold wurden am 8. November 1887 Eltern von Lotte und am 27. Juni 1890 von Friedrich Wilhelm.
Ihre Schwester Amalie heiratete den Mathematiker Dr. phil. Benno Gimkierwicz. Am 28. November 1892 wurde ihr Sohn Ernst Hermann Gimkierwicz in Magdeburg geboren. 1896 starb ihre Mutter Bertha mit 57 Jahren. Ihr Vater Moritz starb drei Jahre später 1899 mit 63 Jahren. Ihre Schwester Gertrud heiratete Carl Ludwig Meyer aus Breslau. Ihr erster Sohn Franz wurde 1897 geboren. Else heiratete 1898 Wilhelm Jacob Fritz Joachimssohn.
Doras Tochter Lotte heiratete mit 20 Jahren am 14. Dezember 1907 den aus Oederan in Sachsen stammenden Rechtsanwalt Martin Joachim Reichenbach (*8. März 1879), Sohn des Zigarrenfabrikanten Jacob Reichenbach, der Leopolds Halbbruder war. Martin hatte seine Kanzlei in Dresden. Lotte zog zu ihm. Am 24. Juli 1912 bekamen sie eine Tochter, die sie Ursula nannten. Dora wurde mit 46 Jahren zum ersten Mal Großmutter. Da Martin im Ersten Weltkrieg zum Militärdienst eingezogen wurde, war Lotte vier Jahre mit Ursula, genannt Ussa, alleine. Nach dem Ersten Weltkrieg bekam die 8-jährige Ursula am 20. April 1920 einen Bruder, Peter Claus.
Doras Sohn Friedrich Wilhelm promovierte in Rechtswissenschaften und wurde wie sein Vater Rechtsanwalt und Notar von Beruf. Er verlobte sich im August 1920 in Breslau mit der aus Berlin stammenden Fabrikantentochter Margot Isaac (*21. November 1899). Am 20. Dezember 1920 feierten sie die Hochzeit. Schon ein Jahr vorher, am 30. September 1919, war ihre Tochter Hildegard in Berlin geboren worden.
Als Dora 1926 60 Jahre und Leopold 70 Jahre alt waren, gingen sie zurück in ihre Heimatstadt Breslau. Hier starb der Justizrat Leopold Reichenbach noch im gleichen Jahr, am 23. Dezember 1926, in der Scharnhorststraße 6 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Breslau beigesetzt.
Als 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, muss Dora wieder zurück nach Berlin gegangen sein. Als ihr 16-jähriger Enkel Peter Claus Ostern 1936 eine Arbeitsgenehmigung im Hotelgewerbe in Schweden bekam, machte er auf seinem Weg nach Malmö einen Stopp in Berlin bei seiner Großmutter Dora. Sie besuchten zusammen das Pergamonmuseum.
Dorotheas letzter freiwillig gewählter Wohnort muss die Knesebeckstraße 28 gewesen sein. Danach zog sie in die Meineckestraße 19, wo sie bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 gemeldet war.
Die Familie ihres Sohnes Friedrich Wilhelm emigrierte 1939 nach Santiago de Chile.
Ihre Schwester Else, die seit 1930 verwitwet war, ging nach Palästina, wo sie 1940 eingebürgert wurde.
Ihr älterer Bruder Georg Simmel starb mit 82 Jahren 1941 in Nomslau in Schlesien (Namysłów, Polen). Ihre Schwester Amalie, die am 2. September 1920 in zweiter Ehe den aus Utrecht stammenden Opernsänger Maarten Martinus Gros (*1875) geheiratet hatte, überlebte in Holland. Ernst Hermann Gimkierwicz, Amalies Sohn aus erster Ehe, floh nach Bangkok in Thailand. Doras Enkelkindern Ursula und Peter-Claus gelang mit Hilfe ihres Vaters, der in Dresden bei der jüdischen Gemeinde für die Emigration zuständig war, die Flucht nach England.
Den Deportationsbefehl in das Ghetto Theresienstadt wurde der 76-jährigen Witwe Dorothea Reichenbach in der Bredtschneiderstraße 15 in Berlin-Charlottenburg zugestellt, wo sie zur Untermiete bei der Witwe Rosa Lewin wohnte.
Am 19. August 1942 deportierte sie die Gestapo zusammen mit 99 Leidensgenossinnen und Leidensgenossen mit dem 45. Alterstransport vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt. Vermutlich traf Dora im Ghetto ihre ebenfalls verwitwete Schwester Gertrud Meyer geborene Simmel, die am 27. Juli 1942 von Breslau nach Theresienstadt deportiert worden war.
Drei Wochen nach der Deportation, am 12. September 1942, starb Dorothea Reichenbach geborene Simmel in der Bezirkskrankenstube des Ghettos Theresienstadt. Todesursache war laut Todesfallanzeige eine Darmentzündung, die sie sich aufgrund der unhygienischen, unmenschlichen Bedingungen im Ghetto zugezogen hatte. Ihre Schwester Gertrud starb am 6. Oktober 1942 im Ghetto Theresienstadt.
Am 2. März 1943 wurden Doras Tochter Lotte und ihr Schwiegersohn Martin Joachim Reichenbach von Dresden nach Auschwitz deportiert, wo sie in den Gaskammern ermordet wurden.
Ihr Sohn Peter C. Rickenback initiierte mit 95 Jahren die Verlegung von Stolpersteinen für seine Eltern in der Andreas-Schubert-Straße 44 in Dresden, sowie den Stolperstein für seine Großmutter Dorothea Reichenbach in Berlin. Er starb im Juni 2015, sodass er an der Verlegung 2017 nicht mehr teilnehmen konnte.
Text und Recherche: Gundula Meiering, November 2025
Quellen:
- Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
- Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Mapping the Lives
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über Ancestry
- USC Shoah Foundation, Interview mit Peter C. Rickenback vom 14. Juni 1998