HIER WOHNTE
FRITZ MOSER
JG. 1893
DEPORTIERT 28.9.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET
Fritz Moser wurde am 27. Mai 1893 im Ostseebad Kolberg (Kołobrzeg, Polen) geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Albert Moses (*21. Februar 1854) und dessen aus Samter bei Posen stammende Ehefrau Julia Moses geborene Lubszynski (*7. Oktober 1861), war er das fünfte Kind von insgesamt sechs Kindern. Seine Brüder Arthur (*27. November 1886), George (*9. November 1887), Ernst (*17. Juli 1889) und Kurt (*1. August 1891) waren älter als er. Günther (*16. Juni 1897) war vier Jahre jünger.
Sein Vater Albert hatte es als Getreidehändler und Schiffseigentümer in Kolberg zu Wohlstand gebracht. 1919 wurde er zum Stadtrat von Kolberg gewählt.
Die Söhne erhielten keine jüdische Erziehung, weil sein Vater sich mit dem örtlichen Rabbiner zerstritten hatte. Er schickte seine Söhne deshalb nicht mehr in die Synagoge.
Als der Erste Weltkrieg 1914 begann, meldeten sich Fritz und seine fünf Brüder freiwillig zum Einsatz an der Front. Als der Krieg 1918 endete, war Fritz 25 Jahre alt. Anfang der 1920er- Jahre konvertierten die Brüder zum Protestantismus und ließen ihren Nachnamen von Moses in Moser ändern. Fritz’ jüngster Bruder Günther erlitt im Krieg eine Hornhautverletzung, die nur unzureichend behandelt wurde. Er studierte nach dem Krieg Rechtswissenschaften und promovierte zum Dr. jur.
Seine Brüder Arthur und Kurt studierten Medizin in Greifswald und Berlin. Arthur eröffnete eine Arztpraxis in der Blücherstraße 16 in Kolberg. Er heiratete die aus Leipzig stammende Elsa Gertrud Schneider (*24. März 1903) am 11. September 1928 in Leipzig. Beide waren Mitglieder der evangelischen Kirche. Am 28. September 1936 wurden sie Eltern eines Sohnes, den sie Albert nannten.
Kurt ging nach Berlin und eröffnete eine gynäkologische Praxis, erst am Wittenbergplatz und später am Bayrischen Platz 4. Sein Bruder Ernst studierte Zahnmedizin und eröffnete eine Zahnarztpraxis in der Bayreuther Str. 27 in Berlin-Schöneberg. Ernst heiratete am 30. Juni 1923 die 21-jährige Grundschullehrerin und Zahnmedizinstudentin Elsa Karoline Martha Bathe, genannt Marianne, in der lutherischen Marienkirche in Berlin-Friedrichshain. Sie wurden Eltern von zwei Kindern, Gudrun-Edelgund Julia Marianne (*8. Mai 1924), die sie Gudrun nannten, und Roland Harald Gustav Albert (*8. Juli 1926), genannt Roland. 1927 verließ Marianne ihren Ehemann und zog mit ihren beiden Kindern wieder zu ihren Eltern nach Berlin-Schöneberg.
Fritz Vater Albert Moses starb am 21. Februar 1927 an seinem 73. Geburtstag in Kolberg. Zweieinhalb Jahre später starb auch die Mutter, Julie, mit 68 Jahre am 11. November 1929 in Krossen, Brandenburg.
Seit 1930 wohnte Fritz’ jüngster Bruder, der Rechtsanwalt Dr. Günther Moser, in der Rosenheimer Str. 30 in Berlin-Schöneberg. Am 25. Mai 1932 wurde die Ehe von Ernst und Marianne geschieden. Marianne Moser-Bathe promovierte zur Dr. med. dent.
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, wurde Fritz’ jüngstem Bruder Dr. Günther Moser die Zulassung als Rechtsanwalt umgehend entzogen. Seine Kriegsverletzung führte dazu, dass er erblindete.
Fritz war im Berliner Adressbuch von 1933 bis 1938 als Kaufmann am Meraner Platz 1 gemeldet. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war er Untermieter eines möblierten Zimmers bei Rosa Jaffé (*26. Dezember 1876) im 2. Stock des Hinterhauses in der Prinzregentenstraße 7. Rosa Jaffé führte im Vorderhaus das Modehaus Uhland.
Fritz’ Bruder Georg war im Februar 1939 mit 52 Jahren die heimliche Flucht nach Großbritannien gelungen. Sein Bruder Ernst, der 50-jährige Zahnarzt, heiratete in zweiter Ehe die 18jährige Vera Besser (*28. Mai 1921) aus Cottbus. 1940 wurden sie Eltern eines Sohnes, den sie Jonathan (*23. März 1940) nannten. Dr. Arthur, Dr. Kurt und Dr. Ernst Moser durften sich nicht mehr Ärzte nennen. Sie arbeiteten fortan als „Krankenbehandler“ für ausschließlich jüdische Patientinnen und Patienten.
Fritz Vermieterin Rosa Jaffé kündigte die Wohnung in der Prinzregentenstraße 7 vertragsgerecht zum 1. Oktober 1942 und verließ das Haus. Sie starb einen Monat später am 10. November 1942 im Jüdischen Krankenhaus an einem Bauchgeschwulst. Ihre Untermieter blieben in der Wohnung. Die Untermieterin Frau Reuter zahlte die Miete von 45 RM direkt an die Hausbesitzerin.
Fritz’ blinder Bruder Günther war der erste der Familie Moser, der am 20. Februar 1943 mit dem 30. Osttransport nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.
Fritz selbst und sein Bruder Dr. med. Kurt Moser gingen im Februar 1943 in die Illegalität. Die Gestapo setzte Fritz im Juni 1943 fest und internierte ihn in der Großen Hamburger Straße 26. Kurz darauf wurde auch Kurt dort interniert. Bei der Festnahme schoss die Gestapo ihm in den Arm. Deshalb verbrachte er den Juli 1943 im Jüdischen Krankenhaus. Dort versuchte er seinem Leben durch Selbstmord ein Ende zu setzen, was ihm aber nicht gelang. Fritz unterschrieb seine Vermögenserklärung am 30. Juni 1943. Ihm gelang dann aber als „Laufmann“ – diese Berufsbezeichnung gab er in seiner Vermögenserklärung an – die Flucht.
Die Gestapo deportierte Kurt am 4. August 1943 zusammen mit ca. 100 Leidensgenossinnen und -genossen mit dem 40. Osttransport nach Auschwitz und ermordeten ihn dort.
Im September 1943 wurde Fritz erneut in Berlin aufgegriffen. Die Gestapo deportierte ihn am 28. September 1943 zusammen mit 80 Leidensgenossinnen und -genossen mit dem 43. Osttransport nach Auschwitz, wo sie ihn mit 50 Jahren ermordeten. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt.
Sein ältester Bruder Dr. med. Arthur Moser war durch seine „privilegierte Mischehe“ mit einer „Arierin“ vor der Deportation in den Osten geschützt. Die Gestapo internierte ihn in dem Konzentrationslager Neuengamme in der Nähe von Hamburg, wo er Zwangsarbeit leisten musste. Er starb am 9. Dezember 1944 mit 58 Jahren aufgrund der unmenschlichen Bedingungen im Lager an Magen- und Darmkatarrh.
Ernst Moser überlebte mit seinen Kindern, Gudrun und Roland, in der Frankfurter Allee 189a in Berlin-Lichtenberg. Seine zweite Ehefrau Vera Moser-Besser überlebte mit dem gemeinsamen Sohn Jonathan Am Schlachtensee 30.
Zur Erinnerung an Günther Moser wurde 2015 ein Stolperstein in der Rosenheimer Str. 30 in Berlin-Schöneberg verlegt.
Text und Recherche: Gundula Meiering, Dezember 2025
Quellen:
- Gedenkbuch, Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 – Bundesarchiv
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Amtliche Fernsprechbücher Berlin
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärung, Reg. 36A (II) 27287 Fritz Moser, Reg. 36A (II) 27298 Kurt Moser, Aufzeichnungen von Roland Merten (ehemals Roland Moser)