HIER WOHNTE
PHILIPP ROBERT
JG. 1885
DEPORTIERT 3.2.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET
Philipp Robert wurde am 19. Dezember 1885 in Steinau (Stonawa, Polen) bei Thorn (Toruń, Polen) geboren. Für seine Eltern, den Handelsmann Rudolf Robert (*1848) und dessen Ehefrau Flora geborene Cohn (*1848), war er das zweitälteste von insgesamt sechs Kindern. Sein vier Jahre älterer Bruder Moritz (*5. Oktober 1881) war in Menthen in Pommern (Gmina Dzierzgoń, Polen) zur Welt gekommen. Seine jüngeren Geschwister waren Sally Mathis (*17. Dezember 1888), Ernestine (*22. Januar 1889) sowie die Zwillinge Julius und Heinrich (*24. August 1891).
Wann die Familie in die Reichshauptstadt Berlin umsiedelte, ist nicht bekannt. Philipps jüngere Schwester Ernestine war 1889 noch in Graudenz geboren worden. Die Zwillinge Julius und Heinrich kamen 1891 schon in Berlin zur Welt.
Philipp wurde, wie sein Vater und alle seine Brüder, Kaufmann von Beruf. Seine Schwester, die Geschäftsinhaberin Ernestine, genannt Erna, heiratete am 10. Januar 1911 in Berlin mit 21 Jahren den aus Kempen in Posen stammenden Kaufmann Max Jakob (*25. Oktober 1875), der in Duisburg wohnte. Der älteste Bruder Moritz heiratete 1912 Regina Cohn (*14. März 1887) in Briesen in Westpreußen (Wąbrzeźno, Polen). In Osterode in Ostpreußen wurden sie Eltern von drei Kindern, Ruth (*31. Januar 1913), Asta (*18. Mai 1914) und Rudolf (*3. Mai 1915).
Vermutlich nahmen einige Söhne der Familie Robert am Ersten Weltkrieg teil. Der 27-jährige Unteroffizier Heinrich Robert galt 1918 als vermisst, überlebte aber den Krieg.
Als Philipps Mutter Flora die Verlobung ihres Sohnes Julius mit Ida Milliner im Februar 1918 in Memel (Klaipėda, Litauen) anzeigte, war sie schon Witwe.
Philipp kannte seine spätere, aus Graudenz (Grudziądz, Polen) stammende Ehefrau Betty Chrzanowski (*26. Februar 1894) aus Kindheitstagen. Sie war die zweitälteste Tochter seiner Tante Friedericke, der Schwester seines Vaters. Philipp Robert und Betty Chrzanowski heirateten 1919.
Ein Jahr zuvor, am 19. November 1918, hatte sein jüngerer Bruder Sally Mathis seine Cousine Selma (*7. September 1892), Bettys ältere Schwester, geheiratet. Sally und Selma wurden Eltern von drei Kindern, Gerda (*29. Oktober 1919), Alice Lisa (*13. November 1920) und Rudolf Dieter (*11. April 1933).
Aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags wurde Graudenz, der ehemalige Wohnort der Roberts und Chrzanowskis, im Januar 1920 an Polen zur Einrichtung des Polnischen Korridors abgetreten. An ein Zurück in die Heimat war für sie deshalb nicht mehr zu denken.
Am 14. Dezember 1920 wurden Philipp und Betty in Berlin Eltern ihrer Tochter Ruth. Im gleichen Jahr gründeten Philipp und sein Bruder Sally die Firma „S. Robert & Co. Immobilien und Handel”. 1921 wurde die Handelsfirma „Gebrüder Robert, Leinen-, Baumwoll- und Textilwaren” in der Prenzlauer Straße 32a gegründet und ins Handelsregister eingetragen.
Gut ein Jahr später wurden Philipp und Betty zum zweiten Mal Eltern. Ihr Sohn Rudolf, nach Philipps verstorbenem Vater benannt, kam am 11. Februar 1922 zur Welt. Wiederum ein Jahr später wurde ihr jüngster Sohn Alfred am 27. Mai 1923 geboren. Sie wohnten damals in der Kavalierstraße 23 in Berlin-Pankow. Die Familie seines Bruders Sally wohnte in der Prenzlauer Allee 177.
Der Bruder Julius heiratete am 2. November 1922 die aus Berlin-Schöneberg stammende Jette Leibel (*17. November 1898). Am 17. August 1925 wurde deren erster Sohn Rolf Rudolf in Berlin und am 29. Juli 1931 deren zweiter Sohn Horst in Bad Freienwalde geboren. Ein Jahr später, am 25. Oktober 1932, fand die Polizei morgens um 7 Uhr in Pankow auf der Straße den Leichnam von Jette Robert geborene Leibel. Der genaue Zeitpunkt des Todes und die Todesursache konnten nicht festgestellt werden. Julius wurde mit 37 Jahren Witwer. In zweiter Ehe heiratete er am 17. Mai 1934 die fünf Jahre ältere, aus Soldau in Ostpreußen stammende und in Landsberg an der Warthe wohnende Witwe Martha Haendel geborene Mantheim (*30. November 1986).
Julius‘ Zwillingsbruder Heinrich heiratete am 2. August 1923 Resi Gerda Cohn (*19. Juli 1901). Auch sie bekamen zwei Söhne, Claus (*18. Juli 1924) und Gert Rudolf (*19. Juni 1927).
Philipps Mutter, die Witwe Flora Robert geborene Cohn, starb im 81. Lebensjahr am 17. Juli 1928 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Auf der Todesanzeige wurde ihre Tochter Erna zusammen mit ihrem Ehemann Max mit dem Nachnamen Jacobs aufgeführt, danach verliert sich deren Spur.
Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, hatte das umgehend negative Folgen für jüdische Kaufleute wie die Roberts. Der 47-jährige Philipp Robert zog mit seiner Familie noch im gleichen Jahr nach Berlin-Wilmersdorf in die Prinzregentenstraße 7 in den 1. Stock des Hauses. Sein Bruder Heinrich wohnte mit seiner Familie schräg gegenüber in der Prinzregentenstraße 93. Sein Bruder Julius zog mit seiner Familie in die Jenaer Straße 11, ganz in der Nähe von Philipps Wohnung.
Der älteste Bruder Moritz starb mit 55 Jahren am 7. April 1937 in der Niebuhrstraße 10a in Berlin-Charlottenburg. Seine Witwe Regina Robert war dort 1938 als Hausbesitzerin gemeldet. 1939 war sie in der Bozener Straße 9 in Berlin-Schöneberg gemeldet. Ihrer verheirateten Tochter Ruth Dobkowski gelang im Januar 1939 zusammen mit ihrem Ehemann Theodor die Flucht von Hamburg nach New York. Regina zog zusammen mit ihrem Sohn Rudolf zur Untermiete bei der Familie Kaufmann in die Stübbenstraße 1 in Berlin-Schöneberg.
Zur Sicherung der Reichsfluchtsteuer, die Philipp auf ein Sperrkonto einzahlen musste, nahm er eine Hypothek auf sein Mietshaus in der Petersburger Straße 36 in Berlin-Friedrichshain in Höhe von 21.340 RM auf. Im Jahre 1938 wurden seine Mietwohngrundstücke in der Petersburger Straße 36 und der Kastanienallee 54 in Berlin-Mitte vom Deutschen Reich beschlagnahmt und in Zwangsverwaltung gegeben. Philipp und Betty verloren ihren gesamten Besitz.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 waren er und seine Familie weiterhin in der Prinzregentenstraße 7 gemeldet. Die damals 19-jährige Tochter Ruth flüchtete am 26. August 1939 nach Großbritannien, wo sie am 28. August 1939 eintraf. Durch das 1939 erlassene „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ konnte jüdischen Mieterinnen und Mietern jederzeit die Wohnung gekündigt werden. Ob den Roberts gekündigt wurde oder sie selbst kündigten, ist nicht bekannt. Die verbliebene 4-köpfige Familie zog im Oktober 1939 in eine 4-Zimmer-Wohnung im II. Stock des Vorderhauses in der Kleinen Alexanderstraße 12/13 im Berliner Scheunenviertel. Die Miete betrug dort nur 75 RM monatlich.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ war Heinrich, der mit seiner Familie zuletzt in der Helmstedter Straße 12 gewohnt hatte, bei seinem Zwillingsbruder Julius in der Jenaer Straße 11 gemeldet, weil er zu diesem Zeitpunkt sein gesamtes Umzugsgut im Hamburger Freihafen eingelagert hatte. Ihm gelang mit seiner Familie die Flucht nach Quito in Ecuador in Südamerika. Sein Umzugscontainer wurde 1943 mit einem Reinerlös von 6.201,09 RM von der Sicherheitspolizei versteigert und der Erlös dem Deutschen Reich gutgeschrieben.
Heinrichs Zwillingsbruder Julius, der ab circa 1940 Zwangsarbeit als Polsterer leisten musste, wurde mit seiner Familie in eine Zwangswohnung der Hauptmieterin Scheindla Fluss in der Herderstraße 12 umgesiedelt. Von hier aus deportierte die Gestapo ihn und seine Familie als erste der großen Familie Robert am 24. März 1942 nach Trawniki und weiter in das Ghetto Piaski, wo Philipps Bruder Julius, seine Ehefrau Martha und sein Sohn Horst aufgrund der menschenunwürdigen Lebensbedingungen starben. Rolf Rudolf wurde an seinem 17. Geburtstag am 17. August 1942 in Majdanek von den Nationalsozialisten ermordet.
Philipp musste ab circa 1940 Zwangsarbeit bei der Firma Krone Presswerk in der Frankfurter Allee 288 leisten. Am 3. Oktober 1942 wurden sein 53-jähriger Bruder Sally, dessen Ehefrau Selma und deren 9-jähriger Sohn Rudolf (*11. April 1933) mit dem „3. großen Alterstransport“ vom Anhalter Bahnhof in das Ghetto Theresienstadt transportiert. Vermutlich arbeitete Sally bei der „Reichsvereinigung der Juden“ in Berlin, denn in das Ghetto Theresienstadt wurden eigentlich nur Menschen, die mindestens 65 Jahre alt waren, deportiert. Die Töchter Gerda und Lisa hatten geheiratet und leisteten Zwangsarbeit in Berlin. Die Eltern sollten sie nie wieder sehen.
Ende Januar 1943 forderte die Gestapo Philipp und Betty auf, eine Vermögenserklärung auszufüllen, die er am 30. Januar und sie am 31. Januar 1943 unterschrieb. Bis zur Deportation wurden sie in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Am 3. Februar 1943 transportierte die Gestapo sie mit dem 28. Osttransport nach Auschwitz, wo sie vermutlich kurz nach der Ankunft ermordet wurden. Philipp Robert starb mit 57 Jahren. Betty Robert geborene Chrzanowski starb kurz vor ihrem 49. Geburtstag.
Sallys Tochter Alice Lisa Beier geborene Robert wurde am 6. März 1943 und Gerda Stein geborene Robert am 12. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.
Philipp und Bettys Söhne Rudolf und Alfred arbeiten seit 1939 im „Landwerk Neuendorf“, einer jüdischen Arbeiterkolonie und Ausbildungsstätte. Von hier aus betrieben sie ihre Auswanderung aus Nazi-Deutschland. Die meisten Auszubildenden wollten nach Palästina, manche nach Argentinien. Sie mussten dafür Erfahrungen in der Landwirtschaft, der Viehhaltung, im Handwerk und in der Hauswirtschaft vorweisen. 1941 wandelten die Nationalsozialisten die jüdische Ausbildungsstätte Neuendorf in ein Zwangsarbeiterlager um.
Zusammen mit ihrer Tante Rosa, der Schwester ihrer Mutter, und ihrem Onkel Martin Salomon kamen Rudolf und Alfred zum Arbeitseinsatz in Kersdorf in der Nähe von Briesen in der Mark. Das Forsteinsatzlager Kersdorf war von der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ eingerichtet worden, stand aber unter der Aufsicht des Reichssicherheitshauptamtes.
In der Ortschronik Briesen-Mark heißt es heute: „Zeitzeugen berichteten, dass im Frühjahr 1943 Juden aus Berlin nach Kersdorf kamen und später in die Konzentrationslager abtransportiert wurden. Der Sprecher dieser Gruppe hieß Salomon und sagte zur Verabschiedung ‘Aus Auschwitz kommt niemand wieder zurück’.“.
Am 19. April 1943 wurden 53 Juden aus Kersdorf, darunter auch Rosa und Martin Salomon, mit dem 37. Osttransport von der Gestapo nach Auschwitz deportiert. Rudolf und Alfred wurden schon am 9. April 1943 in Berlin verhaftet und kamen auf den gleichen Transport. Rosa und Martin Salomon wurden vermutlich kurz nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau in einer Gaskammer ermordet. Rudolf wurde als Schlosser und Alfred als Elektriker im Konzentrationslager Auschwitz eingesetzt.
Philipps Schwägerin, die 57-jährige Witwe seines Bruders Moritz, Regina Robert geborene Cohn, und deren 29-jähriger Sohn Rudolf Robert konnten in der Stübbenstraße 1 nicht mehr wohnen, als Ende Dezember 1942 der Hauptmieter der Wohnung den Deportationsbefehl erhielt. Sie versteckten sich fast zwei Jahre in Berlin und lebten in der Illegalität. Im September 1944 wurden sie von der Gestapo entdeckt und am 12. Oktober 1944 zusammen mit 29 Leidensgenossinnen und -genossen mit dem letzten Transport von Berlin nach Auschwitz deportiert und in Auschwitz-Birkenau in einer Gaskammer ermordet.
Philipps Söhne Alfred und Rudolf mussten Anfang 1945 von Auschwitz aus auf den Todesmarsch nach Buchenwald und von dort nach Sachsenhausen gehen. Hier trennten sich ihre Wege. Alfred kam am 6. Februar 1945 von Sachsenhausen nach Flossenbürg, wo er „im Kampf“ starb. Rudolf überlebte.
Philipps Bruder Sally, dessen Ehefrau Selma und ihr Sohn, der 12-jährige Rudolf Dieter Robert, wurden von der Roten Armee im April 1945 im Ghetto Theresienstadt befreit. Sie kehrten 1945 nach Berlin zurück. Sally starb am 13. Oktober 1960 in Berlin-Schöneberg und Selma am 24. Mai 1966 in New York, wo ihr jüngster Sohn Rudolf Dieter Robert eine neue Heimat gefunden hatte. Er starb am 22. Dezember 2001.
Ruth Robert, Philipps Tochter. heiratete in Großbritannien und hieß fortan Ruth Arnold geborene Robert. Sie wohnte in Warwick und suchte nach dem Krieg ihre Eltern und ihre Brüder Alfred und Rudolf. Ruth wurde Mutter von acht Kindern.
Text und Recherche: Gundula Meiering, April 2026
Quellen:
- Bundesarchiv – Gedenkbuch
- Mapping the Lives
- Berliner Adressbücher
- Arolsen Archives
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
- My Heritage
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 31216 Philipp und Betty Robert, Reg. 36A (II) 31211 Heinrich Robert
- https://www.ortschronik-briesen-mark.de/index.html (abgerufen am 27.11.2025)