Stolpersteine Mommsenstraße 55

Hausansicht Mommsenstr. 55

Hausansicht Mommsenstr. 55

Vor dem Haus Mommsenstraße 55 wurde am 26.09.2006 der Stolperstein für Martha Konicki verlegt.

Die Stolpersteine für Natalie Guthaner und Paul Stadthagen wurden am 23.9.2016 verlegt und der für Paul Stadthagen auf Initiative von Wolfgang Scheuch (Prüm/Eifel) verlegt.

Stolperstein für Martha Konicki, 04.04.11

Stolperstein für Martha Konicki, 04.04.11

HIER WOHNTE
MARTHA KONICKI
GEB. ROTHMANN
JG. 1865
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 3.1.1943

Martha Konicki geb. Rothmann wurde am 27. November 1865 in Kletzko (Klecko) bei Gnesen in Polen geboren. Sie war verheiratet mit dem Kaufmann Joseph Konicki, der um 1920 gestorben ist und hatte einen Sohn Alexander. Sie wohnten in Schöneberg in der Elßholzstraße 3 im Erdgeschoss, wo sie auch ihre 1904 gegründete Kachelofenhandlung hatten. Dort vertrieb sie Meißner Spiegelkacheln, seltene Majolikaöfen und andere spezielle Rundöfen und hatte, wie sie anzeigte, ein „Fabriklager moderner und altdeutscher Öfen“, darunter wertvoller Meißner Kachelöfen. Im Branchenbuch ließ sie sich in der Rubrik „Öfen und Kamine“ unter „Großhandel“ registrieren. Offenbar machte sie Geschäfte nicht nur mit wohlhabenden Berlinern, sondern auch im Ausland. Im Adressbuch gab sie an, dass sie für den Scheckverkehr bei der Deutschen Bank ein Devisenkonto führte.

1931 war sie als Bewohnerin der Elßholzstraße 3 eingetragen. In der Mommsenstraße 55, wohin sie später ziehen musste, nachdem sie genötigt wurde, ihr Geschäft aufzugeben, das 1940 liquidiert wurde, wohnte sie 1939 als Untermieterin bei Bernhard und Martha Gorski, die am 16. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort umgebracht wurden. Danach musste Martha Konicki in ein Altersheim nach Prenzlauer Berg in die Schönhauser Allee 22 umziehen, wo sie in mit anderen in einem Zimmer zusammengesteckt wurde. Dann kam die einst begüterte alte Frau im jüdischen Altersheim an der Artilleriestraße 31 unter, wo ein Sammellager eingerichtet wurde: Dort musste sie sich für den Abtransport ins Ghetto Theresienstadt registrieren lassen. Der 76jährigen Witwe wurde eine Art Altersheim versprochen. Am 17. August 1942 wurde Martha Konicki zusammen mit 997 ausschließlich alten und uralten Menschen, von denen nur 15 überlebten, vom Güterbahnhof Moabit nach Theresienstadt deportiert und dort am 3. Januar 1943 ermordet.

Nach 1955 stellte ihr Sohn Alexander Konicki aus New York Entschädigungsanträge für Sparguthaben und Wertpapiere bei der Commerzbank, Filiale Hackescher Markt, sowie für ein Konto bei der Berliner Stadtbank, Filiale Savignyplatz, und für Gold, Silber und Schmuck, was seine Mutter besessen habe. Außerdem reklamierte er einen echten Perserteppich.

Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf.
Quellen: Bundesarchiv, Berliner Adressbuch, Verzeichnis jüdischer Unternehmen in Berlin, Yad Vashem Jerusalem, Entschädigungsamt Berlin

Stolperstein Paul Stadthagen

HIER WOHNTE
PAUL STADTHAGEN
JG. 1893
DEPORTIERT 23.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 6.2.1943

Paul Stadthagen wurde am 19. August 1893 in Berlin als Sohn des Justizrates Dr. Julius Stadthagen und seiner Frau Agnes, geb. Jacobi (aus Hamburg) geboren. Julius Stadthagen war ein Bruder von Arthur Stadthagen, einem sozialdemokratischen Juristen und Reichstagsabgeordneten.
Er hatte noch drei Geschwister, Toni Bertha, geboren 1887, verheiratete Salomon, Lilli Dora, geboren 1891, verheiratete Rehfisch, und Erna, geboren 1888. Zwei Schwestern wurden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern des Nationalsozialismus umgebracht.

Paul Stadthagen meldete sich 1914 freiwillig zum Militärdienst und erhielt 1915 bei der FEA 5 Hannover seine Flugzeugführerausbildung. Er wurde 1917 schwer verwundet und verbrachte mehrere Monate im Lazarett.

Nach dem Ersten Weltkrieg beginn er in Berlin ein Studium im Fach Maschinenbau und arbeitete später als Ingenieur bei Siemens in Berlin. Er wohnte 1920 in der Hölderlinstraße 10 in Charlottenburg. Paul heiratete am 6. März 1920 in Berlin Luise Hildegard Berg und hatte einen Sohn Stefan Julius Stadthagen, der als 17jähriger 1939 nach England gelangte und später in Kanada lebte, wo er Modeschöpfer war. Die Ehe Paul Stadthagens wurde 1935 geschieden.

Bei der Volkszählung am 17.5.1939 hat er in der Mommsenstraße 55 als Untermieter bei Galewski gewohnt. Er wurde 1941 festgenommen, aber nach dem Verweis auf seine Verdienste bei den Luftstreitkräften wieder freigelassen. Dennoch wurde er ein Jahr später am 23. September 1942 mit 100 Menschen in einem verschlossenen Zugabteil vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt deportiert. Dort starb er nach fast fünf Monaten im Krankenhaus. Als Todesdatum wurde im erhaltenen Totenschein der 6. Februar 1943 genannt, als Todesursache eine Zellgewebseiterung.

Text: Wolfgang Scheuch (Prüm). Quellen: Bundesarchiv; Felix A. Theilhaber „Jüdische Flieger im Weltkrieg“ Berlin 1924; Flieger jüdischen Glaubens im Ersten Weltkrieg; Adressbuch; Standesamtliche Urkunde; Archiv Theresienstadt.

Stolperstein Natalie Guthaner

HIER WOHNTE
NATALIE GUTHANER
GEB. FOERSTER
JG. 1884
DEPORTIERT 19.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Natalie Guthaner wurde am 29. Februar 1884 in Beuthen als Natalie Foerster geboren. Für ihre Eltern, den Prokuristen und Bankier Samuel Foerster (*1855) und dessen Ehefrau Friedericke Foerster geborene Arnstein (*6. Juni 1855), war sie das einzige Kind. Sie wohnten in Beuthen (Bytom, Polen) in der Gleiwitzer Straße 27.

Wann und wo Natalie ihren späteren Ehemann, den aus Posen (Poznań, Polen) stammenden Rechtsanwalt Dr. jur. Felix Guthaner (*3. Juni 1873) kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am 18. März 1903 in Beuthen in Oberschlesien. Natalie zog zu ihrem Ehemann nach Zabrze (später Hindenburg). Sie wurden Eltern von zwei Söhnen, Hans Leo (*28. Mai 1905) und Ernst Adolf (*10. Dezember 1910). Am 25. Dezember 1921 starb Natalies Vater mit 66 Jahren in Beuthen.

Der älteste Sohn Hans trat in die Fußstapfen seines Vaters Felix. Er studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg. Sein jüngerer Bruder Ernst Adolf studierte Medizin.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Natalie 49 und Felix 60 Jahre alt. Felix verlor vermutlich im gleichen Jahr seine Zulassung als Rechtsanwalt.

Ihr Sohn Hans heiratete am 25. November 1935 mit 30 Jahren in Berlin-Tempelhof die orthopädische Assistentin Rosa Anita Czwiklitzer (*5. Juli 1908).

Am 15. April 1936 unternahmen Natalie und Felix eine Schiffsreise von England nach New York, um eine Cousine von Felix zu besuchen. Sie kehrten nach Nazi-Deutschland zurück, weil Natalie vermutlich ihre Mutter und ihre Kinder nicht alleine lassen wollte.

Felix und Natalie wohnten damals noch in Hindenburg (Zabrze, Polen), ihre Söhne waren in Breslau gemeldet. Ihre Mutter lebte in einem Altersheim in der Lange Straße 5/6 in Berlin-Lichterfelde.

Am 1. September 1937 zogen Natalie und Felix nach Berlin-Charlottenburg in die Mommsenstraße 55 in eine 3-Zimmer-Wohnung im Parterre des Gartenhauses. Felix Guthaner starb wenige Monate später am 24. Januar 1938 im Martin-Luther-Krankenhaus. Drei Monate später wurden Hans und Anita am 5. April 1938 in Berlin Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen Göste Felix gaben. Natalie wurde mit 54 Jahren Großmutter.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie weiterhin in der Mommsenstraße 55 in Berlin-Charlottenburg gemeldet. Ihr jüngster Sohn Ernst war Anfang 1939 nach England geflüchtet und wanderte am 3. Februar 1939 nach Brisbane in Australien aus.

Das Berliner Adressbuch 1940 führte die Witwe Natalie Guthaner als Privatiere. Ihre Mutter starb am 18. Januar 1941 mit 85 Jahren an einem Oberschenkelhalsbruch und Lungenentzündung im jüdischen Krankenhaus.

Ihr ältester Sohn Hans lebte mit seiner Familie in der Dorfstraße 5 in Beeskow in Brandenburg. Hier hatte die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ vom „Diakoniebund Glaubensdienst“ ein Haus mit Nebengebäuden gepachtet und im April 1940 das „Jüdische Arbeitsheim Radinkendorf“ (JAR) gegründet, um das Leben der dorthin überwiesenen ca. 300 jüdischen Menschen durch „Arbeit zu erleichtern“. Das Arbeitsheim stand unter der Aufsicht des Reichssicherheitshauptamtes. Hans arbeitete im JAR als Heimsekretär.

Natalie war ehrenamtlich für die Jüdische Kulturvereinigung (JKV) als „Nachbarschaftshilfe“ tätig, wie sie später in ihrer Vermögenserklärung angab.

Ab wann sie Zimmer ihrer Wohnung zur Untermiete abgeben musste, konnte nicht recherchiert werden. Dr. Hugo Theodor (*1889), ein Studienrat a. D., mietete als erster ein möbliertes Zimmer bei ihr. Am 1. Oktober 1942 zog auch noch das Ehepaar Pauline (*1898) und Walter Holz (*1892) ein.

Dr. Hugo Theodor deportierte die Gestapo am 26. Oktober 1942 nach Riga, wo man ihn am 29. Oktober 1942 ermordete. Im November 1942 vermietete Natalie daraufhin sein frei gewordenes Zimmer an, die aus Posen stammende, Rosa Lewin geborene Stolzmann (*1891).

Als Pauline und Walter Holz am 9. und 14. Dezember 1942 mit dem 24. und 25. Osttransport nach Auschwitz deportiert wurden, zog die aus Liegnitz stammende Margarete Blumenfeld (*1892) bei Natalie Guthaner ein.

Zusammen mit Rosa Lewin, Margarete Blumenfeld und Hilde Krakauer (*1912), einer Untermieterin aus der vierten Etage des Hauses, wurde Natalie Guthaner am 13. Februar 1943 in das Sammellager in die Große Hamburger Straße 26 gebracht. Dort mussten alle Vermögenserklärungen ausfüllen und noch sechs Tage auf ihre Deportation warten.

Am 19. Februar 1943 wurden sie zusammen mit 1.004 Leidensgenossen und -genossinnen, darunter auch Natalies Sohn Ernst, ihre Schwiegertochter Anita und ihr 4-jähriger Enkel Göste, mit dem 29. Osttransport nach Auschwitz deportiert, wo sie in den Gaskammern ermordet wurden. Natalie Guthaner geborene Foerster starb kurz vor ihrem 58. Geburtstag.

Text und Recherche: Gundula Meiering, November 2025

Quellen:
  • Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
  • Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Mapping the Lives
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über Ancestry
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 13.139, Natalie Guthaner, Reg. 36A (II), 22.770, Rosa Lewin, Reg. 36A (II), 37984, Dr. Hugo Theodor, Reg. 36A (II), 16156 Paula Holz