HIER WOHNTE
NATALIE GUTHANER
GEB. FOERSTER
JG. 1884
DEPORTIERT 19.2.1943
ERMORDET IN
AUSCHWITZ
Natalie Guthaner wurde am 29. Februar 1884 in Beuthen als Natalie Foerster geboren. Für ihre Eltern, den Prokuristen und Bankier Samuel Foerster (*1855) und dessen Ehefrau Friedericke Foerster geborene Arnstein (*6. Juni 1855), war sie das einzige Kind. Sie wohnten in Beuthen (Bytom, Polen) in der Gleiwitzer Straße 27.
Wann und wo Natalie ihren späteren Ehemann, den aus Posen (Poznań, Polen) stammenden Rechtsanwalt Dr. jur. Felix Guthaner (*3. Juni 1873) kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten am 18. März 1903 in Beuthen in Oberschlesien. Natalie zog zu ihrem Ehemann nach Zabrze (später Hindenburg). Sie wurden Eltern von zwei Söhnen, Hans Leo (*28. Mai 1905) und Ernst Adolf (*10. Dezember 1910). Am 25. Dezember 1921 starb Natalies Vater mit 66 Jahren in Beuthen.
Der älteste Sohn Hans trat in die Fußstapfen seines Vaters Felix. Er studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg. Sein jüngerer Bruder Ernst Adolf studierte Medizin.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, war Natalie 49 und Felix 60 Jahre alt. Felix verlor vermutlich im gleichen Jahr seine Zulassung als Rechtsanwalt.
Ihr Sohn Hans heiratete am 25. November 1935 mit 30 Jahren in Berlin-Tempelhof die orthopädische Assistentin Rosa Anita Czwiklitzer (*5. Juli 1908).
Am 15. April 1936 unternahmen Natalie und Felix eine Schiffsreise von England nach New York, um eine Cousine von Felix zu besuchen. Sie kehrten nach Nazi-Deutschland zurück, weil Natalie vermutlich ihre Mutter und ihre Kinder nicht alleine lassen wollte.
Felix und Natalie wohnten damals noch in Hindenburg (Zabrze, Polen), ihre Söhne waren in Breslau gemeldet. Ihre Mutter lebte in einem Altersheim in der Lange Straße 5/6 in Berlin-Lichterfelde.
Am 1. September 1937 zogen Natalie und Felix nach Berlin-Charlottenburg in die Mommsenstraße 55 in eine 3-Zimmer-Wohnung im Parterre des Gartenhauses. Felix Guthaner starb wenige Monate später am 24. Januar 1938 im Martin-Luther-Krankenhaus. Drei Monate später wurden Hans und Anita am 5. April 1938 in Berlin Eltern eines Sohnes, dem sie den Namen Göste Felix gaben. Natalie wurde mit 54 Jahren Großmutter.
Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie weiterhin in der Mommsenstraße 55 in Berlin-Charlottenburg gemeldet. Ihr jüngster Sohn Ernst war Anfang 1939 nach England geflüchtet und wanderte am 3. Februar 1939 nach Brisbane in Australien aus.
Das Berliner Adressbuch 1940 führte die Witwe Natalie Guthaner als Privatiere. Ihre Mutter starb am 18. Januar 1941 mit 85 Jahren an einem Oberschenkelhalsbruch und Lungenentzündung im jüdischen Krankenhaus.
Ihr ältester Sohn Hans lebte mit seiner Familie in der Dorfstraße 5 in Beeskow in Brandenburg. Hier hatte die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ vom „Diakoniebund Glaubensdienst“ ein Haus mit Nebengebäuden gepachtet und im April 1940 das „Jüdische Arbeitsheim Radinkendorf“ (JAR) gegründet, um das Leben der dorthin überwiesenen ca. 300 jüdischen Menschen durch „Arbeit zu erleichtern“. Das Arbeitsheim stand unter der Aufsicht des Reichssicherheitshauptamtes. Hans arbeitete im JAR als Heimsekretär.
Natalie war ehrenamtlich für die Jüdische Kulturvereinigung (JKV) als „Nachbarschaftshilfe“ tätig, wie sie später in ihrer Vermögenserklärung angab.
Ab wann sie Zimmer ihrer Wohnung zur Untermiete abgeben musste, konnte nicht recherchiert werden. Dr. Hugo Theodor (*1889), ein Studienrat a. D., mietete als erster ein möbliertes Zimmer bei ihr. Am 1. Oktober 1942 zog auch noch das Ehepaar Pauline (*1898) und Walter Holz (*1892) ein.
Dr. Hugo Theodor deportierte die Gestapo am 26. Oktober 1942 nach Riga, wo man ihn am 29. Oktober 1942 ermordete. Im November 1942 vermietete Natalie daraufhin sein frei gewordenes Zimmer an, die aus Posen stammende, Rosa Lewin geborene Stolzmann (*1891).
Als Pauline und Walter Holz am 9. und 14. Dezember 1942 mit dem 24. und 25. Osttransport nach Auschwitz deportiert wurden, zog die aus Liegnitz stammende Margarete Blumenfeld (*1892) bei Natalie Guthaner ein.
Zusammen mit Rosa Lewin, Margarete Blumenfeld und Hilde Krakauer (*1912), einer Untermieterin aus der vierten Etage des Hauses, wurde Natalie Guthaner am 13. Februar 1943 in das Sammellager in die Große Hamburger Straße 26 gebracht. Dort mussten alle Vermögenserklärungen ausfüllen und noch sechs Tage auf ihre Deportation warten.
Am 19. Februar 1943 wurden sie zusammen mit 1.004 Leidensgenossen und -genossinnen, darunter auch Natalies Sohn Ernst, ihre Schwiegertochter Anita und ihr 4-jähriger Enkel Göste, mit dem 29. Osttransport nach Auschwitz deportiert, wo sie in den Gaskammern ermordet wurden. Natalie Guthaner geborene Foerster starb kurz vor ihrem 58. Geburtstag.
Text und Recherche: Gundula Meiering, November 2025
Quellen:
- Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945
- Berliner Adressbücher – Zentral- und Landesbibliothek Berlin
- Arolsen Archives – Deportationslisten
- Mapping the Lives
- Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über Ancestry
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Vermögenserklärungen, Reg. 36A (II) 13.139, Natalie Guthaner, Reg. 36A (II), 22.770, Rosa Lewin, Reg. 36A (II), 37984, Dr. Hugo Theodor, Reg. 36A (II), 16156 Paula Holz