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Grußwort der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen zur Eröffnung des Else Lasker-Schüler Forums am 5.3.2009, um 20.00 Uhr in der Galerie 1er etage, Savignyplatz 1

Grußwort der Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen

Zur Eröffnung des Else Lasker-Schüler Forums am 5.3.2009

in der Galerie 1er etage, Savignyplatz 1

Sehr geehrter Herr Jahn!
Sehr geehrter Herr Aufenanger!
Sehr geehrte Frau Winkler!
Sehr geehrter Herr Staatssekretär Schmitz!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Wuppertal ist stolz auf Else Lasker-Schüler. Berlin hat dazu mindestens ebensoviel Grund, und hier vor allem Charlottenburg-Wilmersdorf, der Bezirk der westlichen City oder Berlin WW, wie man damals in der Kaiserzeit und in den 20er Jahren sagte.
Deshalb freue ich mich sehr darüber, dass die Wuppertaler Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft gemeinsam mit dem Berliner Verein ImWestenWasNeues hier in Charlottenburg-Wilmersdorf in der Galerie 1er etage ihr 15. Else Lasker-Schüler Forum veranstaltet – und dies im Jubiläumsjahr zum 140. Geburtstag der Schriftstellerin.
Der Neue Westen Berlins zog zu Beginn des 20. Jahrhunderts besonders die künstlerische Avantgarde an. In den Varietes und Kabaretts wurden die Spießbürger aufs Korn genommen, mit deren Lebensweise man nichts zu tun haben wollte. Am Kurfürstendamm wurden die Ausstellungen der Berliner Sezession gezeigt, und in den Cafes trafen sich die Künstler, Verleger, Schriftsteller und Kritiker, die das Berliner Kulturleben zunehmend prägten.
Else Lasker-Schüler und Herwarth WaIden wurden zu Leitfiguren der literarischen und künstlerischen Szene des Expressionismus in Berlin von 1900 bis zum Ersten Weltkrieg. Man traf sich bevorzugt im Cafe des Westens – genau dort am Kurfürstendamm, wo im Nachkriegs-Berlin das Cafe Kranzier zur Touristenattraktion geworden ist. Der Name “Cafe des Westens” war eigentlich Programm genug. Aber man übernahm stolz das Schimpfwort, das ihm die Berliner Presse angehängt hatte: “Cafe Größenwahn”.
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 als Tochter einer jüdischen Bankiersfamilie in Wuppertal geboren. Sie wuchs dort in einem bürgerlichen Elternhaus auf. Als 25jährige heiratete sie 1894 den Arzt Berthold Lasker und zog mit ihm nach Berlin ins Tiergartenviertel in die Brückenallee 22, wo sie zunächst ihre bürgerliche Existenz fortsetzte.
Ihr erster Gedichtband “Styx” mache sie 1902 in der Kulturszene bekannt. Im April 1903 wurde ihre Ehe geschieden. Sie lernte den fast 10 Jahre jüngeren Musiker und KunstschriftsteIler Georg Lewin kennen, heiratete ihn im November 1903 und gab ihm den Namen Herwarth WaIden.
Die beiden zogen zunächst nach Wilmersdorf in die Ludwigkirchstr. 12 und 1909 nach Halensee, in eine Mietwohnung in dem Haus Katharinenstr. 5, wo sie bis zu ihrer Scheidung im Jahr 1911 lebten.
Für Else Lasker-Schüler war es der letzte feste Wohnsitz. Aber ihre eigentliche Heimat waren längst die öffentlichen Plätze der Stadt geworden. Sie nannte sich Prinz Jussuf von Theben oder Tino von Bagdad und kleidete sich männlich in Hosen oder in weite orientalische Gewänder.
Künstlersein war für sie kein Beruf, sondern eine existenzielle Haltung, eine Lebensform. Die eigene Wohnung hatte für sie etwas Bedrohliches. Am 8. Februar 1910 beschrieb sie das in einem Brief an Karl Kraus, und er liest sich wie der Beginn eines modernen Großstadtkrimis:
“Lieber Herzog, ich sitz ganz allein zu Hause. Auf der Katharinenstraße geht ein Einbrecher hin und her an der Wiese entlang – er hat sich die Schlüssel der Thore geben lassen, als wär er vom Wirt beauftragt nachzusehn – und die Portiers gaben ihm die Schlüssel. Ich habe meinen Revolver geladen und ein Messer liegt bereit für ihn – vielleicht aber finde ich Gefallen an ihm und wir kommen überein …”
Karl Kraus bezeichnete Else Lasker-Schüler als “die stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschland”.
1913 veröffentlichte er einen Spendenaufruf zugunsten der Dichterin, weil kein Verlag mehr bereit war” ihre Werke zu drucken” nachdem sie in ihrer Streitschrift “Ich räume auf” die Verleger als Ausbeuter der Dichter angeklagt hatte.
Sie bezog ein möbliertes Zimmer in der Humboldstraße 13 in der Villenkolonie Grunewald, wo sie sich mit dem jungen Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau anfreundete.
Seit Sommer 1914 wohnte sie dann meist im Hotel Koschel in der Schöneberger Motzstraße. Während des Ersten Weltkrieges ging sie mehrmals auf Vortragsreisen mit einem Antikriegsprogramm, das sie mit Franz Werfel, George Grosz und anderen zusammengestellt hatte.
Auch nach dem Ersten Weltkrieg blieb Berlin ihre Heimat. Das Romanische Cafe hatte das Cafe des Westens als Künstler-Treffpunkt abgelöst.
Else Lasker-Schüler fühlte sich weiterhin der Welt der künstlerischen Außenseiter zugehörig. Von vielen jüngeren Künstlern und Schriftstellern wurde sie als großes Vorbild verehrt.
Im März 1933 wurde die Premiere des Schauspiels “Arhur Aronymus und seine Väter” nach einer Erzählung von Else Lasker-Schüler kurz vor der Generalprobe im Schillertheater vom Spielplan abgesetzt.
Sie musste am 19. April 1933 in die Schweiz fliehen, die mehrmals versuchte, sie auszuweisen. 1939 konnte sie von einer Reise nach Palästina nicht mehr in die Schweiz zurückkehren. Nach 6 weiteren Jahren in einem armseligen Zimmer in Jerusalem starb die Dichterin am 22. Januar 1945.
1991 haben wir an der Stelle ihrer früheren Wohnung in der Katharinenstraße 5, wo sich jetzt eine VW-Werkstatt befindet, eine Gedenktafel enthüllt. Sie erinnert an die große Dichterin Else Lasker-Schüler und an den Verleger Herwarth Walden, dem sie seinen Namen gab.