Sandra Schulz berichtet aus Zürich

Zürich
Bild: Sandra Schulz

Sandra Schulz managt in der Volkshochschule Berlin Mitte Beschwerden und Wissen und sorgt für Qualität. Sie ist vom 16.September bis zum 14.Oktober in Zürich und teilt hier ihre Eindrücke mit.

LoGo! Europe 2018: Abschlussveranstaltung im Rathaus Schöneberg

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Lesen Sie die vollständige Abschlusspräsentation von Sandra Schulz!

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Die vierte Woche: LoGo - I have to go … but I come back

gruppe
Bild: Sandra Schulz

Transformation
Was haben das Oberland Rock Festival, Luzern und eine Planetenwanderung auf dem Uetliberg gemeinsam?
Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten auch nicht. Auf den dritten gibt es eine Verbindung- wenngleich höchstwahrscheinlich nur ich diese sehe. Für mich hat das oben Genannte mit Transformation zu tun. Manche Veränderungen geschehen nur innerlich. Andere sind von außen sichtbar. Nicht selten folgt das eine auf das andere. Wenn mir jemand vor 5 Jahren gesagt hätte, dass ich einmal freiwillig und dazu noch ganz alleine ein Rockfestival besuchen werde, hätte ich ihm gesagt, dass er sich ganz sicher irrt. Der Irrtum wäre auf meiner Seite gewesen. Aber Irren ist nicht nur menschlich, sondern bringt uns auch weiter. Ohne den Festivalbesuch in Wetzikon hätte ich z.B. zwei nette Menschen aus Zürich und seiner Umgebung nicht kennengelernt. Und auch nicht den Teil meiner Persönlichkeit, der stolz darauf ist, auch solche Situationen meistern zu können. Wer sagt denn, dass es nur die zurückhaltend-überlegte Sandra geben muss, die die Abende in ihrem Kellerappartment in Adlisvil oder der Uni verbringt?. Weil wir -oder andere- immer ein bestimmtes Bild von uns hatten, bedeutet es nicht, dass das für alle Zeiten so bleiben muss. Wir haben nicht nur ein Leben oder eine Persönlichkeit. Unser Leben besteht aus einer Abfolge vieler kleiner Leben. Jeder Tag ist anders aufgrund der Erfahrungen des vorherigen. Jeder Tag verlangt Entscheidungen und hat Konsequenzen. Stück für Stück formen diese den Menschen, der man wird.

Beim Thema „Erneuerung“ fällt mir auch gleich Luzern ein. Aus der Asche der hölzernen Kappelbrücke entstand bereits ein Jahr nach dem katastrophalen Brand im Jahr 1992 in Rekordzeit eine neue Brücke. Unter dem Dach der Brücke hatten ursprünglich über 150 Bilder aus dem 17. Jahrhundert gehangen. Das Feuer zerstörte mehr als die Hälfte der Bildtafeln. 25 ließen sich wieder herstellen und sind heute an den Brückenköpfen zu sehen. Dazu noch vier verkohlte Tafeln. Auch sie gehören als unauslöschbarer Teil der Vergangenheit zur Kapellbrücke und erinnern an die Fragilität des Lebens sowie daran, dass Transformation Gewinn und Verlust zugleich bedeutet.
Im Nobelkurort Bürgenstock gibt es nicht nur phänomenale Aussichten auf den Vierwaldstätter See , sondern auch den höchsten Freiluft-Aufzug Europas . Die Wanderung ist ebenso zu empfehlen wie die Planetenwanderung auf dem Uetliberg. Für mich lag es weniger an der spektakulären Aussicht, als an der sehr netten und lustigen Begleitung, dass diese Ausflüge einen besonderen Platz in meiner Erinnerung einnehmen.

Europa ist vielfältig, farbenfroh und rückt immer mehr zusammen
Meine siebenköpfige Spontacts-Uetliberg-Wandergruppe hatte fleißig diskutiert: Über Obdachlosigkeit, das Verhältnis der Schweiz zu Europa, Kraftorte, Beschwerden und das Programm der Volkshochschulen. Ein Wanderfreund bat mich darum, ihm am kommenden Tag ein Programmheft zuzuschicken. Als ich dies tun wollte, stellte sich heraus, dass es technische Hürden gab. Im Ergebnis wurden Veränderungen vorgenommen, mein Wanderfreund war zufrieden und zeigte sich beeindruckt von der Beschwerdearbeit , dem abwechslungsreichen Angebot der Züricher VHS und meinem Austauschprogramm.
„LoGo“, dass ich in meine letzte Woche am liebsten alles reinpacken wollte, was es in der näheren Umgebung noch so alles zu sehen und zu erleben gibt. Wo kann man sonst außer im Europapark innerhalb eines Tages eine Reise durch 13 Länder Europas machen? Das schafft selbst Markus nicht mit seinem Ultraleichtflugzeug. Ihm gelang es allerdings, mich dazu zu überreden, mit ihm in die Katapultbahn “blue fire Megacoaster” zu steigen. Im Gegenzug durfte er bei der riesigen Holzachterbahn “WODAN” keine Höhenangst zeigen. An meinem letzten Arbeitstag versuchte ich mir während meiner Abschlusspräsentation meine Angst auch nicht anmerken zu lassen. Ich hoffte inständig, dass ich für jeden einzelnen die richtigen, wertschätzenden Worte für seine Arbeit und das VHS-Team insgesamt gefunden hatte. Ich teilte jedem ein individuelles Exemplar der kleinen Zeitschrift aus, die ich erstellt und mit Fotos illustriert hatte. Sie enthält meine wichtigsten Erkenntnisse und Projektvorschläge für unsere beiden Volkshochschulen. Sie trägt sowohl das Logo der Züricher VHS als auch das der VHS Berlin Mitte, was verdeutlichen soll, wie immens beide Seiten von diesem Austausch profitiert haben.
Meine Kolleginnen und Kollegen sind mir innerhalb dieser vier Wochen sehr ans Herz gewachsen und der Abschied fiel mir unglaublich schwer. Noch schwerer fiel es mir, als sie mir beim Abschiedsaperitif eine große Geschenktüte Läderach-Schokolade („Du würdest dir das für dich selbst nie leisten“) , eine liebevoll geschriebene Karte und einen Gutschein für einen erneuten Schweizbesuch („Damit wir dich bald wieder in die Schweiz locken können“) überreichten. Dazu bedarf es keiner großen Anstrengung. An diesem Tag sollte mir noch mehr Unerwartetetes widerfahren: Der Überraschungsausflug in die Jules Vernes Panorama-Bar wurde nicht nur mit einer tollen Aussicht über Zürich gekrönt, sondern auch noch damit, dass mir DJ Bobo auf der Straße entgegenkam. Ich redete kurz mit ihm über Berlin und dass wir uns am 4. Mai auf seinem Konzert in der Mercedes-Benz-Arena wiedersehen. Ein fast schon surrealer Tag ging damit zu Ende. Viel zu viel hatte ich erlebt und gesehen, um es auch nur annähernd verarbeiten zu können.
Und damit war es noch nicht zu Ende: Carmen und Markus entführten mich an meinem letzten freien Tag ins Appenzeller Land auf den Säntis und in ihre Heimatstadt St. Gallen. Ich lernte auf der Fahrt viel über die direkte Demokratie der Schweiz, die über die Landsgemeinde nur noch in 2 Kleinstkantonen durchgeführt wird. Wenn man die Geschichte der Schweiz auf so eindrucksvolle Art von zwei gebürtigen Schweizern nahegebracht bekommt, prägt sich dies ohne Anstrengung ins emotionale Gedächtnis ein. Diese persönliche Art der “ARTE-Wissensvermittlung“ werde ich immer favorisieren, da kann keine noch so gut gemachte Dokusendung mithalten.

LoGo, I have to go … but I come back
Wenn ich gefragt werde, wie es in der Schweiz war, sage ich immer, dass ich seit meinem Auslandsaufenthalt in Zürich zu einem „Schweiz-Fan“ geworden bin. Die Erfahrungen dort haben mich auf eine Art und Weise verändert, die ich nie für möglich gehalten hätte. Viele bemerkenswerte Menschen sind durch diesen Auslandsaufenthalt in mein Leben getreten und haben es sehr bereichert und meinen Horizont im wahrsten Sinne des Wortes erweitert. Der nächste Flug nach Zürich ist bereits gebucht. Zum Jahreswechsel werde ich einige alte und neue Freunde besuchen und wer weiß, welche neuen Wege sich dadurch wieder auftun werden.

Momente, Begegnungen, Impressionen

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Die dritte Woche: Himmlisch und berauschend schön

Flug
Flug im Ultraleichtflugzeug
Bild: Sandra Schulz

Über den Wolken – gern immer mit Markus, aber ohne Fabienne
Auch wenn ich diese Erfahrung nicht in der Schweiz, sondern auf der deutschen Seite der Grenze gemacht habe, ist sie für mich untrennbar mit meiner Zeit hier verbunden. Ich verbrachte das Wochenende bei meinen Schweizer Freunden Carmen und Markus in der Nähe von Schaffhausen. Als Geburtstagsgeschenk hatte ich von ihnen einen Rundflug in einem Ultraleichtflugzeug geschenkt bekommen, den ich – mit etwas gemischten Gefühlen – aber dennoch großer Vorfreude bereit war einzulösen. Gemischt deshalb, weil mein Flug nach Zürich während des Sturmtiefs Fabienne bei Windgeschwindigkeiten von 100 km/h doch etwas … ungemütlich gewesen ist. Der Easy-Jet-Pilot hatte den Passagieren beim Start noch „viel Spaß bei dem bevorstehenden Ritt“ gewünscht. Weitere Meldungen aus dem Cockpit hatte es nicht gegeben, der Pilot kümmerte sich exklusiv nur um Fabienne, wofür ich ihm sehr dankbar war. Catering oder andere unwichtige Dinge wie Toilettengänge gab es nicht. Wenn ein Passagier so mutig – oder verzweifelt -gewesen war, aufstehen zu wollen, wurde er angeschrien, sich sofort wieder hinzusetzen. Dass die Passagiere bei der Landung Beifall klatschten, habe ich schon ab und zu erlebt. Dass sich die Besatzung und der Kapitän für die „Besonnenheit in einer sehr schwierigen Situation“ bedankt haben noch nicht. Dementsprechend froh war ich, dass mein Freund Markus erstens selbst der Pilot war und in seinem Leben schon sämtliche Maschinen in allen Wetterlagen geflogen ist. Zweitens schrie er mich auch nicht an, sondern lobte meine Abenteuerlust und überließ mir sogar das Steuer. Neues ausprobieren hin oder her, das war mir dann doch etwas zu viel Abenteuer. Ich war froh, als ich die Verantwortung wieder an ihn abgeben und die Landschaft und die Leichtigkeit genießen konnte, die sich über den Wolken ganz automatisch einstellt. Na gut, vielleicht nicht unbedingt, wenn Fabienne mit an Bord ist.

Ein Flüchtling, der die Welt feiert und Brücken aus leuchtenden Farben baut
Brücken kann man auf ganz verschiedene Arten bauen. Das wichtigste beim Brückenbau ist in erster Linie natürlich, dass das Fundament tragfähig ist und die Brücke Bestand hat. Die anderen Aspekte (z.B. die Person des Brückenbauers, die Motivation für sein Handeln, die Art wie sie gestaltet ist und in welcher Umgebung) sind aber auch wichtig, denn wer möchte schon eine Brücke überqueren, die nirgendwo hinführt? Manchmal hinterlässt die Brücke selbst tiefe Spuren. So wie hier, im Zürcher Fraumünster. Marc Chagalls Brücke strahlt in leuchtenden Farben von den Kirchenfenstern herab und lässt den Betrachter erahnen, warum Pablo Picasso ihn respektvoll als den „größten Farbkünstler des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat.
An zwei Abenden tauchte ich in der Zürcher-Universität, geführt durch den mitreißenden Vortrag des Dozenten Andreas Jahn, in das Leben und Werk Marc Chagalls ein. Und ich kam dabei zu dem Schluss: Chagall war auch ein Mensch, der Brücken gebaut hat. Brücken aus leuchtenden Farben. Brücken zwischen Judentum und Christenheit. Zwischen der Alten und der Neuen Welt.
Chagalls Bilder sprechen durch ihre Symbolik. Viele Motive tauchen bei ihm in unterschiedlicher Gestalt immer wieder auf: Z.B. der ewige, geschundene, wandernde Jude. Er läuft als Laterne in strömenden Farben durch seine Bilder, bringt als Luftmensch oder Zugvogel die Botschaft, dass Leben Bewegung bedeutet. Chagall ist nicht an einem Ort verwurzelt. Er hat sein Zuhause im jüdischen Glauben und seiner Kunst gefunden. Glaube und Kunst sind bei ihm eins. Er liebt das satte Grün, die Farbe der Hoffnung. Sie steht für Erneuerung, sie ist der Frühling, der neue Empfindungen und neue Möglichkeiten bringt. Aber auch das Leid ist in seinen Werken allgegenwärtig. Der Gedanke, dass etwas geopfert werden muss, damit etwas Neues entstehen kann, schimmert sowohl im transzendenten Blau als auch leidenschaftlichen Rot durch die Glasfenster des Zürcher Fraumünster. Unser Dozent vergleicht es während der Exkursion vor Ort mit der Musik: Große Stücke haben immer auch Dissonanzen, damit die Harmonie sich umso schöner anhört. Chagall hat es selbst erfahren: Das Leid gehört zum Leben. Er glaubt aber auch fest daran, dass es nicht nur ertragen, sondern überwunden werden kann. Vielleicht stellt Chagall Christus am Kreuz deshalb auch ganz ohne Schmerz dar, die Arme in einer liebenden Geste ausbreitend. Chagall hat die Hoffnung auf Frieden trotz der Erfahrung zweier Weltkriege, Verfolgung und Leid nie aufgegeben und sich begeistert in die sakrale Glasmalerei der Nachkriegszeit eingebracht. Für ihn transportiert das durch Glas gefärbte Licht eine göttliche Botschaft. In Frankreich, England, Mainz und hier in Zürich können seine wunderschönen Glasfenster besichtigt werden.
Ohne den Volkshochschulkurs „Chagall oder Glaube, Liebe, Poesie!“ hätte ich die Fenster zwar auch bewundert, allerdings nur als allgemeinen Farbenrausch wahrgenommen. Nun bin ich ein bisschen stolz und vor allem dankbar, dass ich in Chagalls bunter Farbenwelt weit mehr erkennen kann, nämlich Hoffnung, Versöhnung, Glaube, Liebe und auch Poesie.

„Seien Sie wachsam. Der Mensch findet für jeden Schwachsinn, den er macht, eine Erklärung“.
Lutz Jäncke muss es wissen. Der Professor für Neuropsychologie (und mehrfach ausgezeichnete „Star-Redner/Lehrer“) hat über 400 Arbeiten in wissenschaftlichen Zeitschriften, über 50 Buchkapitel und diverse eigene Bücher geschrieben. Sein jüngstes Werk trägt den Titel: „Ist das Hirn vernünftig?“ Heute Abend beendete er mit einer fulminanten Abschlussveranstaltung die Reihe zum Unbewussten an der Universität Zürich.
Mit saloppen Aussagen, witzigen Praxisbeispielen und einem lockeren Vortrag sorgte er bei den über 500 Studierenden für Belustigung, aber auch für Offenheit und Neugier. Beste Voraussetzungen für neue Erkenntnisse. Jäncke lehrt und forscht seit 2002 an der Universität Zürich und hat dort im Jahr 2012 den Forschungsschwerpunkt „Dynamik des Gesunden Alterns“ gegründet. Jäncke erklärte eindrucksvoll, wie sich unsere Vorlieben herausbilden („Alle unsere Präferenzen etwa für Kunst, Kultur, Menschen oder Essen sind eingebaut im Unbewussten“), welche Rolle die Bildung („Sie ist die Wolle und ohne Wolle kann man nicht stricken“) und der freie Wille („Es gibt ihn nicht, ich muss das leider so sagen, auch wenn ich damit eine Emailflut auslösen werde) für ihn spielen.
Inzwischen ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich weit über 90 Prozent unserer Hirnenergie auf unbewusste Prozesse konzentrieren. Wer also denkt, er würde hauptsächlich logisch denken und handeln, täuscht sich. Was können wir dagegen tun? Jäncke glaubt, dass sich das Unbewusste zwar nicht unterdrücken, aber steuern lässt. Unbewusste Prozesse können sich nur entfalten aufgrund der Informationen und Erfahrungen, die schon im Gehirn vorhanden sind. Das Unbewusste lässt sich demnach steuern, indem wir uns gezielt Informationen zuführen. Jeder ist dafür wie immer selbst verantwortlich. „Wir müssen uns bilden und offen sein für neue Informationen“, sagt Jäncke. „Wie bleibe ich bis ins hohe Alter gesund?“, wird er aus dem Publikum gefragt. Seine Antwort: „Machen Sie etwas Neues, brechen Sie Gewohnheiten auf, unterdrücken Sie Angstgefühle, die Ihnen Ihr Unbewusstes dabei sendet.“ Steht das dann im Widerspruch zu dem, was wir in der vorherigen Vorlesung über Intuition gelernt haben? Sollen wir also nicht auf unser Bauchgefühl hören? „Keineswegs. Sie sollen emotionale Impulse erkennen und unterscheiden, welche gefährlich sind und welche nicht. Der oder das Fremde wird unbewusst mit Ängsten oder Sorgen verbunden. Das mag in der Steinzeit vernünftig gewesen sein, aber jetzt nicht mehr. Wir müssen solche Impulse erkennen, sie hemmen und uns gegen das Unbewusste durchsetzen.“ Was das erfordert? Selbstdisziplin. Und die ist anstrengend. Der Student Philipp Schneider hat die Kernaussagen aller 4 Veranstaltungen der Ringvorlesung wundervoll visualisiert und der VHS Zürich zur Verfügung gestellt. Jede Zusammenfassung ein kleines Kunstwerk. Eins seiner Resümees des heutigen Abends: „Das Leben ist aufwändig“.

Resümee nach der dritten Woche
Auch diese Woche stand ganz im Zeichen dessen, Neues zu wagen. Wenn uns das sogar ein renommierter Hirnforscher rät, damit wir lange gesund bleiben, können wir uns dem ja quasi gar nicht verschließen. Wie er wohl meine erste Motorradfahrt oder die Organisation von Ausflügen mit mir völlig Unbekannten über die Veranstaltungsapp „Spontacts“ bewerten würde? Mir hat es auf jeden Fall viele schöne und unvergessliche Erlebnisse beschert. Unser Gehirn ist keine reine „Vernunftmaschine“, also können wir es auch nicht sein. „Und das ist auch gut so.“

Die zweite Woche: Wie baut man Brücken zwischen Menschen?

frau und mann
Sandra Schulz nachts um 3 mit Kai Markus Xiong
Bild: Sandra Schulz

Unerwartete WG-Begegnung

Nach der abendlichen Vorlesung in der Universität betrat ich gegen 21:30 Uhr mein WG-Apartment und schob eine Lasagne in den Ofen. Ich hatte zuvor noch nichts gegessen, weil das Essen hier in Zürich so teuer ist, dass man es sich zweimal überlegt, ob es wirklich sein muss. Schnell unter die Dusche gesprungen, kam ich – in legerer Freizeit- bzw. Schlafbekleidung- ins Wohnzimmer, wo plötzlich ein neuer Mitbewohner – mit seinem Fahrrad- vor mir stand. Die Irritation währte nur kurz. Kai Markus strahlte so eine Freundlichkeit und Offenheit aus, dass ich ihm sofort die Hälfte meiner Lasagne anbot und vergass, dass mir mein „Outfit“ eigentlich etwas peinlich ist. Wir sprachen miteinander wie alte Freunde. Über das Reisen, wie wir die Menschen sehen, was es bedeutet, einen Traum zu haben und diesem zu folgen- notfalls bis ans andere Ende der Welt.
Kai ist momentan auf dem Weg von Norwegen nach Thessaloniki. Verschmitzt grinsend bemerkt er:
„ Tja, mein Motto ist: cycle and run = fun. Auch wenn es über 5000 km sind.“ Er zeigt mir sein über 50 kg schweres Rad (inkl. Satteltaschen, Schlafsack und Zelt). Und erzählt mir seine Geschichte. Eine Geschichte, die so unglaublich ist, dass sie mich noch immer zutiefst berührt.

Völkerverständigung zu Fuss und auf dem Fahrrad
Im vergangenen Jahr ist er von Hamburg nach Shanghai gelaufen. Sein Weg führte ihn in 9 Monaten (das bedeutet, er musste mindestens 60-80 km/Tag nicht laufen, sondern rennen!) insgesamt
12 000 km durch Wüsten, Städte, traumhafte Landschaften und militärische Sperrgebiete. Er hat alle Facetten menschlicher Reaktionen auf sein Vorhaben erlebt: Jene, die sich ungläubig – oder unfreundlich- von diesem Träumer abwandten, der doch tatsächlich das Unmögliche für machbar hält. Die anderen, die ihm anvertrauten, dass sie auch schon immer einen Traum hatten und nur zu sehr an sich selbst gezweifelt haben, um ihn Realität werden zu lassen. Die Alten, die ihm auf die Schulter klopften und in ihm eine verwandte Seele erkannten, weil sie früher z.B. auch einmal Läufer waren. Die Kinder, die ihm bewundernd nachschauten und denen er stets ein Vorbild sein will. Er sagt zu ihnen: „Wenn ihr euch für etwas begeistert, geht es an. Glaubt an euch. Manchmal braucht es 999 Versuche. Ihr müsst damit leben können, sehr oft ein „Nein“ zu hören. Wenn ihr es 999 x gehört habt, ruft mich an. Dann werde ich euch helfen.“ Er wird nicht müde, seine Geschichte zu erzählen. Ich werde ebenso wenig müde, sie zu hören. Wir schauen gemeinsam Film, den ein Kamerateam auf seinem Weg nach Shanghai gedreht hat. Ich erlebe diese unglaubliche Reise mit als wäre ich dabei gewesen. Ich fühle seine Begeisterung und seine Dankbarkeit für jede Begegnung mit den Menschen auf seinem Weg. Ich sehe mit Tränen in den Augen, wie er knapp 1000 km vor dem Ziel einen schrecklichen Unfall erleidet und sich beide Knöchel bricht. Andere hätten spätestens zu diesem Zeitpunkt aufgegeben. Nicht jedoch Kai. Er arbeitet hart an seiner körperlichen Regeneration, gibt zu keinem Zeitpunkt auf und erreicht sein Ziel- anders als geplant, anders als gewünscht. Er wird die fehlenden 1000 km zu Fuss nachholen. Auf seinem Weg mit dem Rad von Norwegen nach Griechenland. Auf diesem Weg will er den Kreis schliessen. Genau hier und jetzt, wo ich ihn getroffen habe. Inzwischen ist es eher frühmorgens als nachts. Kai hat seit 3 Stunden Geburtstag, wie er in einem Nebensatz kurz erwähnt. Unsere Vernunft rät uns, ins Bett zu gehen. Kai muss morgen weiter in Richtung Innsbruck und ich muss bald meine Präsentation an der VHS halten. An Schlaf ist jedoch überhaupt nicht zu denken und deshalb schreibe ich Kai einen Brief, in dem ich ihm alles erdenklich Gute für seinen weiteren Weg wünsche. Diesen hefte ich am nächsten Tag zusammen mit einem kleinen Geburtstagsgeschenk an sein Rad, was ihn hoffentlich unbeschadet am 9. Oktober an sein Ziel trägt. Ich werde ihn in Gedanken und auf sämtlichen Social Media Kanälen begleiten und wünsche ihm weiterhin Gesundheit, Leidenschaft und Durchhaltevermögen. Dass er Letzteres hat, wird wohl niemand bestreiten.

Ich könnte gut ohne Vorträge leben.
Zumindest wenn es sich um die meinen handelt.
Um die Nervosität einigermassen im Zaum zu halten, habe ich mich schon zu Hause akribisch auf meine Vorträge an der VHS Zürich und Basel vorbereitet. Mehr als 80 Power-Point Folien warteten darauf, den Zuhörenden nähergebracht zu werden. Möglichst praxisnah versteht sich, damit sich auch niemand langweilt. Ich habe alle Daten, Fakten und Studien rund um die Weiterbildung in Deutschland, die Berliner Volkshochschulen und das Bezirksamt Mitte in einem Wikiartikel festgehalten. Sicher ist sicher. So etwas fällt mir regelmässig nicht ein, wenn ich in einer solchen Vortragssituation danach gefragt werde.
Ausserdem lässt sich so am besten demonstrieren, wie wichtig und praktisch das Wiki in unserer täglichen Arbeit ist. Die 80 Folien zeigen also hauptsächlich nur noch Best-Practice-Beispiele aus der VHS Mitte. Viele Bilder und anschauliche Fakten sollen verdeutlichen, wie wichtig und erfüllend ich meine Arbeit empfinde. Würde man alle Kurse, die die VHS Mitte in einem Jahr anbietet, ohne Unterbrechung besuchen, bräuchte man dafür 12 Jahre. Man könnte danach sämtliche Yoga-Stellungen, japanische Süssigkeiten kochen, Drehbücher schreiben.….
Je mehr ich davon sprach, wie wichtig mir meine Arbeit ist, welche wertschätzende Atmosphäre bei uns herrscht und wie froh ich bin, dass ich meinen Teil dazu beitragen darf, dass dies so ist, desto ruhiger wurde ich innerlich. Am Ende hätte ich noch mindestens eine Stunde weitersprechen können. Gut, dass an der VHS Zürich – genau wie bei uns – Raumknappheit herrscht und schon der nächste Kurs vor der Tür stand. Sonst wär die Versuchung sehr gross gewesen, ein wichtiges Qualitätskriterium ausnahmsweise mal über Bord zu werfen: die Veranstaltung immer pünktlich zu beginnen und zu beenden.
Ich sollte in dieser Woche noch eine zweite Chance bekommen, unsere Qualitätsgedanken in die Schweizer Volkshochschullandschaft zur Diskussion zu geben. Das gesamte Leitungsteam fuhr zum gegenseitigen Austausch mit dem Zug zur VHS Basel. Auf der einstündigen Fahrt sprach ich mit der Programmbereichsleiterin für Sprachen über unsere Reisen nach Südamerika, meine Reise alleine quer durchs australische Outback, Kinder und was gute Freizeitgestaltungen für sie sein könnten. Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, waren wir noch nicht zu einer abschliessenden Bewertung gekommen. In Basel angekommen hatten wir leider auch keine Zeit für Sightseeing. Der stramme Schritt unseres VHS-Leiters vorweg durch die Altstadt erinnerte uns an das straffe Programm, was vor uns lag. Die Baseler Kolleginnen und Kollegen – allen voran ihr Leiter, der den Leiter meiner VHS in Berlin gut kennt- waren mir auf Anhieb sehr sympathisch. Ihr Zielpublikum ist dem unseren im Grundsatz etwas näher. Sie bekommen im Gegensatz zur VHS Zürich finanzielle Unterstützung vom Kanton. Damit ist es leichter, dem integrativen Gedanken zu folgen.
Ob es leicht war, meinem Vortrag zu folgen müssen die Zuhörenden entscheiden. Für mich war der zweite Vortrag etwas leichter, auch wenn ich noch immer lieber den Ausführungen anderer lausche.
Beide Schweizer Volkshochschulen anders organisiert sind als wir in Berlin. Dennoch erkannten wir, dass wir mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben: Kurse beginnen manchmal nicht pünktlich, Teilnehmende haben andere Erwartungen an Dozenten, Unterricht oder Verwaltung. Am Ende waren wir uns einig, dass es kein Patentrezept gibt, wie man damit umgeht. „Es kommt darauf an“… Die Massnahmen, die ergriffen werden, müssen für die jeweilige Organisation stimmig und – worauf wir in der VHS Mitte grossen Wert legen- einheitlich sein. Kulanz dem einen Kunden gegenüber und dem nächsten nicht, birgt in sich eine Benachteiligung. Es muss für unsere Entscheidungen klare Kriterien geben, die jeder kennt und die festgehalten sind. Dafür haben wir unser Wiki. Die VHS Zürich überlegt, nun ebenfalls ein Wiki für die Kommunikation mit den Lehrpersonen der Zürcher Volksschule im ZAL-Bereich einzuführen.
Ich würde mich sehr freuen, die dafür zuständige Kollegin in den nächsten 2 Wochen noch von hier und später gern auch von Berlin aus zu unterstützen.

„Man findet die Wahrheit nicht, indem man sie studiert, man muss ihr begegnen“
Dieses Zitat von Andreas Brendt las ich in einer Facebookgruppe für Leute, die neu in Zürich sind und dort Veranstaltungstipps posten. Der Buchautor sollte in dieser Woche eine Veranstaltung mit dem Titel „10 Jahre um die Welt. Geht nicht, gibt`s nicht“ im Kunsthaus Zürich geben, in der er aus seinen beiden Büchern „Boarderlines“ und „B2. F…you happiness“ Passagen vorliest und Fotos von seinen Reisen zeigt. Da musste ich unbedingt hin. Nicht nur, um das Zitat mit ihm zu diskutieren. Ich als begeisterte „Studierende“, die am liebsten jeden Abend in der Uni verbringt, halte natürlich beides für wichtig. Die Theorie und die Praxis. Ich war neugierig auf den Menschen, der offensichtlich sehr viel von der Welt gesehen hat und schrieb ihn per Facebook an. Er schrieb mir tatsächlich eine persönliche Nachricht zurück. Vor der Veranstaltung sprach ich kurz persönlich mit ihm über Australien und das Gefühl, wie es ist, nach so prägenden Erlebnissen wieder nach Hause zu kommen. Die Zeit reichte nicht für eine genauere Interpretation seines Zitats, aber bei seinem Multimedia-Vortrag wurde schnell deutlich wie er es meint. Wir müssen in die Begegnung mit den Menschen, Tieren und der Natur gehen. Wir müssen Risiken eingehen, am Ende wird immer alles gut. Schön klingt es, was er sagt, ich spüre seine Begeisterung und finde viele Parallelen zu eigenen Erlebnissen. Er beschreibt die ungläubige Freude, wenn sich die Nebel in Machhu Picchu doch noch lichten und zeigt die heiligen Kühe in Indien, wie sie zufrieden kauend den gesamten Verkehr lahm legen. Und niemand stört sich daran. Am Schluss der Veranstaltung schreibt er Zitate als persönliche Widmung in sein Buch. Er nimmt sich für jede einzelne Widmung viel Zeit, überlegt, wählt Sprüche aus. Was er für mich ausgewählt hat, muss ich sicher nicht extra erwähnen… Und wenn ich so darüber nachdenke, passt es doch ganz gut zu mir. Vielleicht würde ich es dennoch abwandeln: „Man findet die Wahrheit, indem man sie studiert und ihr begegnet.“ Beim Studieren der Wahrheit kann die Volkshochschule ihren Beitrag leisten. Wir können Rahmenbedingungen schaffen, die Begegnungen und neue Erfahrungen ermöglichen. In die Begegnung mit den Menschen muss jeder dann selbst und auf seine eigene Weise gehen. Für mich waren in diesem Jahr die Begegnungen in Australien und hier in Zürich unglaublich bereichernd. Andreas Brendt hat gestern Grüsse aus Südtirol geschickt. Das Foto zeigt ihn, wie er von einer Ziege geküsst wird. Ich habe ihm zu dem gelungenen Bild gratuliert – seine Antwort kam sofort: „Ziege? Ich dachte, es wäre ein Steinbock?!“. Was für den einen eine Ziege ist, ist für den anderen ein Steinbock. Der berühmte Hirnforscher und Buchautors Lutz Jäncke würde dazu sagen: „Wir interpretieren die Welt mehr als dass wir sie real abbilden.“ Aber das ist eine andere Geschichte. Von der Vorlesung berichte ich in der nächsten Woche.

Resümee nach der zweiten Woche
Diese Woche stand im Zeichen der Begegnung. Ich habe unglaublich spannende Menschen kennengelernt, viele Inspirationen bekommen, meine beiden Vorträge und sogar eine Yogastunde überlebt. Nachdem ich vor Jahren schon einmal eine Teststunde in Berlin absolviert und für mich festgestellt habe, dass ich doch lieber bei meinem Step-Aerobic bleibe, hatte ich eigentlich gedacht, dass ich nie wieder einen Fuss in ein Yogastudio setze. Zur eigenen Sicherheit und zur Sicherheit derjenigen, die sich auf die Asanas konzentrieren wollen.
Aber ganz im Sinne dessen, was ich über „Neues wagen“ gelernt habe, fand ich mich schliesslich doch am Ende dieser Woche im Kulturpark Zürich und auf einer Yogamatte wieder. Man kann ja auch mal über seinen eigenen Mattenrand hinausblicken. Der Kurs hiess „Spiralyoga“, was mich schon allein vom Namen her etwas nervös machte. Die Frauen und Männer – alle 50 + – sowie die Kursleiterin hatten sehr viel Geduld mit mir. Auch als ich bei dem «Held» (Virabhadrasana) weniger heldenhaft von der Matte fiel. Zum Glück blieben mir die «Kobra» (Bhujangasana) und der Kopfstand (Shirshasana) erspart. Den «Sonnengruss» (Surya Namaskar) haben wir gemacht. Glaube ich zumindest. Vielleicht habe ich es auch nicht richtig mitbekommen, weil ich immer mal wieder zur Uhr schaute. Aber ich hatte ja noch etwas in dieser Woche gelernt: Am Ende wird immer alles gut.

Ankommen in Zürich: Erste Eindrücke

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Die erste Woche: Wahnsinn? Oder wahnsinnig neu und spannend?!

„Wir haben das Glück, eine Qualitätsexpertin aus Berlin für 4 Wochen bei uns zu haben“, so wurde ich vom Leiter der Volkshochschule Zürich den Mitarbeitenden vorgestellt. Ich rutschte gedanklich erst einmal etwas tiefer in meinen Stuhl. Ich sehe mich selbst als eine Lernende und nicht als Expertin- sowohl hier in der Schweiz als auch zu Hause in Deutschland. Aber allein schon durch den Größenunterschied unserer Städte (Berlin: rund 4 Mio Einwohner, Zürich: rund 400.000) kam immer wieder dieser David-Goliath-Vergleich auf, gegen den ich mich mit Händen und Füssen wehrte. Ich hätte gern auch auf Schwytzerdütsch dagegen argumentiert. Dabei stieß ich aber meinerseits auf Sprachbarrieren, die sich auch durch Zuhilfenahme des Ponds-Mini-Wörterbuchs „Deutsch-Schwytzerdütsch“ nicht beheben ließen. Ich setzte darauf, dass mein Team im Alltag schon merken würde, wie dankbar ich dafür bin, dass ich von ihnen so herzlich aufgenommen (und bereits am ersten Tag mit PC und sämtlichen Passwörtern und Zugängen ausgestattet) wurde und dass ich nicht belehren, sondern im günstigsten Fall hier viel voneinander lernen möchte.

Gegründet 1920, engagiert sich die Volkshochschule Zürich für eine anspruchsvolle, auf intrinsische Motivation bauende Weiterbildung.
Die Kurse sind auf universitärem Niveau, aber auch für Laien wie mich gut verständlich. Ich besuchte jeden Abend bis 21 Uhr immer eine andere Vorlesung an der Zürcher Universität, die mit der Volkshochschule eng zusammenarbeitet. Nun weiss ich beispielsweise, wie man zuckerfrei süsst oder wo das Erbe der Zähringer in der Stadt noch lebendig ist. In der Ringvorlesung «Wunder oder Wahn (mit Sinn) dachte ich mit meinen Kommilitonen darüber nach, wie enorm sich die Deutungen abweichenden Verhaltens im Laufe der Zeit verändert haben. Waren Vegetarier vor 100 Jahren noch weltfremde Lebensreformer, so muss heute jedes Restaurant mindestens ein vegetarisches Gerichte anbieten. Manches wird von den einen Wunder genannt und die anderen erkennen darin Verrücktheit. Oder Kunst. Manchmal muss das Verständnis dafür auch erst noch wachsen. Letztlich ist es eine Frage, wie man die Welt gerne hätte: durcherklärt oder geheimnisvoll. Unsere Aufgabe ist und bleibt es, auszuhandeln, wie wir die Dinge bewerten: als krank oder als religiös, als spirituell, als bereichernde Vielfalt oder vielleicht auch als geniale künstlerische Innovation. Dieses Aushandeln braucht Zeit, Offenheit und Neugier.

Zum Wesen einer jeden Volkshochschule gehört es, Anregungen zu bieten und den Menschen dabei zu helfen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Die VHS Zürich tut dies nicht nur in Vorlesungen, sondern auch ganz praktisch. Ich konnte dies beim Besuch des Diensthundekompetenzzentrums miterleben, wo wir erfuhren, wie aus einem Welpen ein Polizeihund wird. Durch dieses hautnahe Erleben wird das Interesse an nahen und fernen Orten intensiviert. Die Vorlesungen bieten den theoretischen Backgrund dazu und runden die Erfahrung ab. Realisiert wird dies in langjähriger Zusammenarbeit mit der Reisehochschule Zürich und anderen Reiseveranstaltern. Manche Teilnehmenden machen vielleicht ihren lang gehegten Traum wahr und besuchen die heilige Inkastadt Machhu Picchu im Rahmen einer Studienreise nach Peru . Andere lernen bei Exkursionen im Quartier mehr über ihre eigene überaus interessante Stadt Zürich. Über deren Geschichte und zukünftige Entwicklung . Und über die Menschen und Tiere, die in ihr Leben. Die Ausflüge zu den Diensthunden, der Wasserschutzpolizei , der Feuerwehr oder in den Zoo sind nur ein kleiner Ausschnitt des umfangreichen Angebots in diesem Bereich. Ganz egal was oder wie viel sie lernen oder wohin sie gehen, mit jeder neuen Erfahrung machen sie die vielleicht spannendste Reise, die man nur unternehmen kann- die Reise zu sich selbst.

Dass die Reise zum eigenen Ich ein Thema ist, was viele Menschen bewegt, zeigt besonders eindrucksvoll das riesige Interesse für die Ringvorlesung „Die Macht des Unbewussten. Mehr als 500 Teilnehmende wollten in diesem September erfahren, wie man vom Bewusstsein zum Unbewussten vordringt. Für 281 von ihnen war dies eine geplante Reise auf sicherem Terrain, sie hatten sich vorher angemeldet. Fast noch einmal so viele folgten ihrer Intuition – und der zuvor von der VHS gestarteten Facebook-Initiative- und standen plötzlich vor der Tür. Sie hatten kurzentschlossen die Diskussion im Netz in die Realität des Hörsaals verlagert. Wir waren sehr….überrascht. Wir verkauften so schnell wie möglich über 200 Einzeleintrittskarten und fanden tatsächlich für alle Interessierten einen – manchmal mehr, manchmal weniger- komfortablen Platz.

Vielleicht befand sich an diesem Abend niemand der Anwesenden im „Flow, bei dem der Zustand völliger Selbstvergessenheit und des völligen Aufgehens im Hier und Jetzt das Ziel ist. Dennoch würde ich sagen, dass diese Erfahrung für uns sehr hilfreich war:

Wir haben spontan reagiert, das Wegeleitsystem umorganisiert und es geschafft, dass kein Kunde nach Hause geschickt werden musste. Das ging nur, weil jede und jeder mitgeholfen und sich verantwortlich gefühlt hat. Im Leben lässt sich nicht alles exakt durchplanen, weder auf Reisen noch im Alltag.
Wenn wir es schaffen, uns auf die sich stetig verändernden Begebenheiten einzustellen und daraus zu lernen, kann uns nichts aus der Bahn werfen- auch kein „Teilnehmer-Run“ auf die Kurse.

Was die VHS Zürich aus der Erfahrung außerdem noch mitgenommen hat ist, dass für die anderen Teile der Veranstaltung eine zweite Kasse und ein zweiter Hörsaal bereit gehalten wird, in den die Vorlesung notfalls übertragen werden kann. Der Social Media Bereich wird zukünftig mit einer zusätzlichen Stelle ausgestattet. Wenn das kein angewandtes Qualitätsmanagement ist, weiß ich nicht, was sonst.

Spätestens damit hat für mich die VHS Zürich bewiesen, dass sie nicht nur von den Belegungen her die größte VHS der Schweiz ist, sondern qualitativ auch international in der obersten Liga mitspielt. Es gibt also keinen Kampf zwischen dem „Zürcher-Zwerg“ und dem „Berliner-Riesen“. Es gibt nur ein gegenseitiges Voneinanderlernen auf Augenhöhe. Sowohl menschlich als auch was unsere (Qualitäts-)Verfahren angeht.

Und noch etwas konnte ich glücklicherweise schon nach der ersten Woche ausräumen: Das ruppige „Berliner-Schnauze-Image“. Als ich gerade dabei war, 200 Flyer und Teilnahmebescheinigungen für die abendliche ZAL-Weiterbildungsveranstaltung «Auf die Lehrperson kommt es an » für die Lehrpersonen der Zürcher Volksschule zusammenzustellen, sagte der Leiter des Ressorts „Geschichte, Literatur, Religion und Politik“ mit leicht erstauntem Tonfall zu mir: „ Bischt tatsächli a Bärlini? Du bischt so freundli u bescheidn.“ In dem Sinne möchte ich weitermachen und freue mich wahnsinnig auf die kommende Zeit in Zürich.