Herr Doktor Etges, als die Freiheitsglocke ins Rathaus Schöneberg kam, haben über 400.000 Menschen vor dem Rathaus und in den umliegenden Straßen gewartet, um die Glocke zu hören. Ein hochemotionaler Moment in politisch brisanter Zeit. Was weiß man über die Beweggründe der 16 Millionen Amerikaner_innen, die für die Glocke gespendet haben?
Spätestens 1947 wurde der Kalte Krieg zu einem bestimmenden Thema der US-amerikanischen Außen- und Innenpolitik. Anders als nach dem Ersten Weltkrieg befürwortete die große Mehrheit der US-Amerikaner nun eine internationale Führungsrolle ihres Landes, verbunden mit militärischer, politischer, ökonomischer und kultureller Unterstützung vor allem auch Westeuropas gegen die kommunistische Bedrohung durch die Sowjetunion – obwohl dies gewaltige Ausgaben für Auslandshilfen bedeutete.
Das geteilte Deutschland und das geteilte Berlin nahmen dabei eine zentrale Rolle ein. Dem besetzten Feindesland, das zunächst auch wirtschaftlich kleingehalten werden sollte, gaben die USA in erstaunlich kurzer Zeit eine neue Chance. Dass Millionen Amerikaner deutsche Vorfahren hatten, spielte sicherlich ebenso eine Rolle wie die Blockbildung im Kalten Krieg. Die von den USA gemeinsam mit Großbritannien durchgeführte Luftbrücke zur Versorgung der West-Berliner Bevölkerung während der mehr als 300 Tage andauernden Blockade 1948/49 veränderte zudem die Beziehung besonders zu den West-Berlinern.
Dass etwa 16 Millionen amerikanische Bürger_innen ihre Unterschrift unter den Freiheitsschwur setzten und mehr als eine Million Dollar für den Aufbau des Radiosenders Radio Freies Europa und die Herstellung der Freiheitsglocke spendeten, war aber auch einer PR-Kampagne zu verdanken. Das 1949 gegründete und von Lucius D. Clay angeführte Nationalkomitee für ein freies Europa verknüpfte in geschickter Weise zentrale Ideen und Symbole der US-Geschichte mit dem Kampf gegen den Kommunismus, zu dem die Bürger einen konkreten kleinen Beitrag leisten konnten. Die Glocke ist eine Kopie der amerikanischen Freiheitsglocke Liberty Bell, einem mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der folgenden Revolution verbundenen Nationalsymbol. Die Inschrift auf der Berliner Freiheitsglocke wandelt ein Zitat aus der wohl berühmtesten Rede von Präsident Abraham Lincoln ab, der Gettysburg Address. Sie verkündet, dass die Welt eine Wiedergeburt der Freiheit erleben soll (that this
world under God shall have a new birth of freedom). Die für Berlin bestimmte Freiheitsglocke wurde im Rahmen des 1950 begonnenen sogenannten Kreuzzugs für Freiheit geschaffen und reiste durch 26 US-Bundesstaaten, bevor sie am 21. Oktober 1950 im Turm des Schöneberger Rathauses aufgehängt wurde. Erst viel später wurde bekannt, dass das Nationalkomitee eng mit dem US-Außenministerium und dem Geheimdienst CIA kooperierte.
Was wussten die Menschen in Amerika über die Luftbrücke und die Situation der Menschen in West-Berlin?
Die am 24. Juni 1948 beginnende Blockade Westberlins war eine der größten Herausforderungen der USA im frühen Kalten Krieg. Die New York Times beschrieb die Auseinandersetzung als eine Art Endkampf um Berlin und zitierte General Lucius D. Clay, der einen Rückzug aus der Stadt explizit ausschloss. Der US-Militärgouverneur wusste die amerikanische Öffentlichkeit hinter sich. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup hatten wenige Wochen zuvor 80 Prozent der Befragten erklärt, die USA müsse in Berlin bleiben, auch wenn es zu einem neuen Krieg käme.
Über die unter Clays Kommando organisierte Luftbrücke wurde immer wieder prominent berichtet, und der berühmte Solidaritätsappell von Oberbürgermeister Ernst Reuter an die „Völker der Welt“ stieß bei Amerikanern auf offene Ohren. Die schließlich erfolgreiche Luftbrücke hatte zudem ungeahnte und ungeplante Folgewirkungen. Sie war zum einen ein wichtiger Faktor für den Wandel von „Feindschaft zu Freundschaft“. Das galt in vielerlei Weise auf persönlicher wie auf politischer Ebene. Zum anderen wurde die Verteidigung der Freiheit des Westteils der geteilten Stadt zu einem Kern der globalen amerikanischen Glaubwürdigkeit im Kalten Krieg, und West-Berlin zu „America’s Berlin“. Diese enorme symbolische Bedeutung der Stadt brachte Präsident John F. Kennedy wie kein anderer bei seinem Berlin-Besuch am 26. Juni 1963 zum Ausdruck. „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner.”
Aktuell gibt es weltweit immer größere Konflikte. Die Freiheitsglocke steht für Frieden und Freiheit. Mit dem Freiheitsschwur erinnert sie daran, dass die Würde des einzelnen Menschen unantastbar ist und es wichtig ist, „der Aggression und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo immer sie auf Erden auftreten werden”.
Freiheitsglocke und Freiheitsschwur sind zwar in gewisser Weise Relikte aus dem Kalten Krieg: Sie hatten eine eindeutig antikommunistische Stoßrichtung, und nach 1990 ging deren Versprechen für viele Millionen Menschen auch in Osteuropa in Erfüllung.
Die politische Entwicklung in vielen europäischen Ländern – und auch bei uns in Deutschland und in den USA – zeigt, dass Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeit sind. Man muss sie auch heute gegen ihre Feinde verteidigen. In diesem Sinne ist der Schwur ein weiterhin wichtiges Bekenntnis zu Menschenrechten und zugleich eine Selbstverpflichtung, selber aktiv zu werden und für den Erhalt von Freiheit und Demokratie zu kämpfen.