Liebe Leser_innen,
als die Freiheitsglocke am 24. Oktober 1950 zum ersten Mal im Turm des Rathauses Schöneberg erklang, haben fast eine halbe Million Berliner_innen dicht an dicht gedrängt vor dem Rathaus Schöneberg gestanden, um den Klang der Freiheit zu hören. Die Glocke ist bis heute eines der wichtigsten Symbole für Frieden, Freiheit und Demokratie. Drei Werte, die untrennbar miteinander verbunden sind.
Gemeinsam mit der Glocke werden im Turm des Rathauses Schöneberg die Freiheitsrollen aufbewahrt, mit denen 16 Millionen Amerikaner_innen ihren Glauben an die Freiheit und Würde eines jeden Menschen manifestiert haben.
Ihre Unterschriften, ihre Spenden für die Glocke und zur Schaffung des Radiosenders Free Europe sind bis heute ein wichtiges Zeugnis gelebter Solidarität in schwerer Stunde. Viele Menschen aus den USA haben uns in den vergangenen Jahrzehnten im Rathaus Schöneberg besucht. Sie haben uns erzählt, dass sie damals für die Freiheitsglocke gespendet haben, weil sie die „Haltung der Berliner_innen im Kampf um die Freiheit während der Luftbrücke beeindruckt hat und sie auf ein verändertes, demokratisches Deutschland gehofft haben“.
Dies nachdem das NS-Deutschland mit dem Zweiten Weltkrieg und Holocaust Millionen von Menschen den Tod gebracht und unendliche Schuld auf sich geladen hatte.
Die deutsche Nachkriegsgeschichte hat gezeigt, wohin politische Trennung und die Schaffung von Mauern führen können. Aktuell verlieren wir sehr viel Erreichtes, auch in bisher gefestigten Demokratien. Dies dürfen wir als aufgeklärte Bürger_innen nicht zulassen, sondern müssen uns weltweit, aber auch vor der eigenen Haustür für Menschenrechte, Frieden und Freiheit einsetzen. Dazu gehört die freie Meinungsäußerung ebenso wie die freie Presse. Es darf nicht sein, dass wir mit unserem heutigen Wissen wieder auf Lügen hereinfallen. Für das heutige Wissen stehen viele Persönlichkeiten ein. Mehr als symbolisch hat die in Schöneberg geborene Astronautin Rabea Rogge eine Miniatur der Freiheitsglocke mit ins Weltall genommen. Sie ist die erste deutsche Frau im All und hat deutlich gemacht: Die Freiheit des Menschen ist universell.
Der Wortlaut des Freiheitsschwures im Spiegel der Geschichte und vieler aktueller Ereignisse muss uns politisch aufrütteln. Es ist und bleibt unsere Pflicht, uns für die Würde eines jeden einzelnen Menschen einzusetzen. Die Glocke und ihr Schwur von Freiheit und Frieden haben auch nach 75 Jahren Bestand – feiern wir sie!
Ihr
Jörn Oltmann
Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg