Von Alt-Lichtenrade bis zur Nahariyastraße

Kiezspaziergang mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler vom 21.04.2018

Liebe Kiezspaziergänger_innen,

ich freue mich sehr, Sie heute zu unserem 46. Kiezspaziergang begrüßen zu dürfen!

Nach unseren letzten Spaziergängen in Schöneberg und Tempelhof ist heute auch endlich wieder ein Ortsteil im Süden des Bezirkes an der Reihe. Nachdem Sie das letzte Mal ein beeindruckendes Durchhaltevermögen gezeigt haben, als wir bei eisigen Temperaturen das Bayerische Viertel besuchten, möchte ich heute mit Ihnen einen Ausflug durch Lichtenrade unternehmen – bei erfreulicherweise deutlich besseren Wetterverhältnissen!

Unser Besuch im Bayerischen Viertel letzten Monat konnte zeigen, inwieweit sich die Geschichte Berlins des späten 19. und des 20. Jahrhunderts bereits in einem verhältnismäßig kleinen Stadtquartier widerspiegelte.
Und auch wenn hier in Lichtenrade nur wenig an das urbane Umfeld des nördlichen Schönebergs zu erinnern scheint, werden Sie doch schnell merken, dass die Entwicklungen, mit denen ich Sie heute vertraut machen werde, nicht nur den Ortsteil oder unseren Bezirk selbst betreffen, sondern dass sie ebenso exemplarisch als ein historischer Querschnitt durch die Geschichte der Randbezirke Berlins angesehen werden können.

Überblick und allgemeines zu Lichtenrade

Anhand ausgewählter Stationen möchte ich Ihnen heute die verschiedenen Facetten der südlichsten Wohngegend unseres Bezirkes zeigen.

Auf unserem Weg vom historischen Ortskern bis zur Neubausiedlung um die Nahariyastraße werden Sie sehen, wie sehr der Stadtteil von markanten Kontrasten geprägt ist, die buchstäblich nur eine Straßenecke voneinander getrennt sind. Ein unmittelbares Nebeneinander von Großsiedlungen der sechziger bis achtziger Jahre, Einfamilienhausbereiche sowie der historische Dorfkern mit Anger, Feldsteinkirche und Dorfteich prägt die städtebaulich sehr gegensätzliche Struktur des Quartiers, welches wir heute erkunden werden.

Zu Beginn möchte ich Ihnen noch ein paar grundsätzliche Informationen zum Stadtteil Lichtenrade selbst geben:

Mit seinen etwa 10 Quadratkilometern ist Lichtenrade flächenmäßig die zweitgrößte Bezirksregion von Tempelhof-Schöneberg, besitzt aber mit seinen knapp 50.000 Einwohner_innen eine verhältnismäßig geringe Bevölkerungsdichte, die in Tempelhof-Schöneberg nur noch von Marienfelde unterboten wird.
Dies macht sich selbstverständlich auch im Erscheinungsbild des Bezirkes bemerkbar. So ist Lichtenrade überwiegend von Wohngegenden mit großflächigen Einfamilienhausbebauungen geprägt. Größere Wohnkomplexe, wie Sie in der Nahariyastraße sehen werden, sind dementsprechend seltener.

Zur Sozialstruktur des Bezirkes ist festzuhalten, dass die Zahl der Einwohnenden in den vergangenen fünf Jahren um 1,5% gestiegen ist. Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund liegt in Lichtenrade mit rund 9% deutlich unter dem bezirklichen Durchschnitt.
Zudem weist Lichtenrade mit knapp 50 Jahren den höchsten Altersdurchschnitt in ganz Tempelhof-Schöneberg auf.

Café Obergfell

Unser heutiger Spaziergang wird uns wie gesagt durch die verschiedenen Facetten Lichtenrades führen. Doch bevor wir uns nun sogleich auf den Weg machen, lassen Sie mich noch zwei Sätze zu der Lokalität sagen, vor der wir uns befinden:
Das Café Obergfell kann man getrost als eine Lichtenrader Institution bezeichnen. Seit Anfang der sechziger Jahre – und mittlerweile in der 3. Generation – ein Traditionsbetrieb, der bereits öfters als das „Kranzler Süd-Berlins“ bezeichnet wurde.
Wir haben das Ende unseres heutigen Kiezspazierganges natürlich auch so geplant, dass Sie mit dem Bus vom Routenende auch wieder bequem zum Café Obergfell zurückfahren können. Hier ist dann die Gelegenheit, diesen Samstag bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen ausklingen zu lassen.

Machen wir uns aber nun auf den Weg zu unserer ersten Station, nur ein paar Schritte weiter.

Dorfschmiede

Hier möchte ich nur kurz anhalten, um sie auf eine der beiden historischen Dorfschmieden Lichtenrades aufmerksam zu machen. An dieser Stelle befand sich seit 1899 eine Schmiede, in genau jenem Gebäude das Sie hier sehen können. Fast 70 Jahre – bis 1967 – konnte sich die Dorfschmiede hier halten, bevor hier eine Autowerkstatt eröffnete, die, unter wechselnden Namen, bis heute existiert.

Zu dem Zeitpunkt als die Dorfschmiede entstand, um die Jahrhundertwende, befand sich das Dorf Lichtenrade in einer rasanten Wachstumsphase. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vervielfachte sich die Einwohnerzahl des Dorfs rapide. Während Lichtenrade um 1890 etwa 500 Einwohner_innen hatte, waren es nur 20 Jahre später bereits über 3000.

Für diesen Bevölkerungs-„Boom“ gibt es mehrere Gründe:
Zum einen ist natürlich die allgemeinere Bevölkerungsentwicklung des nahen Berlins zu nennen. Während der Industrialisierung und vor allem während der Gründerzeit um die Jahrhundertwende wuchs auch die Berliner Bevölkerung in kürzester Zeit enorm an. Dies wirkte sich auch auf die Dörfer im Umland aus.
Auch wenn Lichtenrade lange Zeit ein relativ unbedeutendes Dorf mit wenigen Bauern, Gartenbaubetrieben und einem landwirtschaftlichen Großbetrieb blieb, siedelten sich zum Ende des 19. Jahrhunderts eine immer weiter wachsende Zahl an Handwerkern und Gewerbetreibenden an, um die Nähe zur Hauptstadt wirtschaftlich nutzen zu können.

Einen weiteren Entwicklungsschub erhielt Lichtenrade durch die Eröffnung der Bahnstation 1883. Die Station liegt am Ende der Bahnhofstraße, wo wir ja auch schon mit einem früheren Kiezspaziergang vorbeigekommen sind. Nach der Eröffnung lag Lichtenrade an der Bahnstrecke zwischen Berlin und Dresden, was einen enormen Bedeutungsgewinn für das Dorf mit sich brachte.

1920 zählte Lichtenrade fast 5000 Einwohner_innen und wurde im Zuge des Großberlin-Gesetzes selbst ein Teil der Hauptstadt und ein Ortsteil des Bezirkes Tempelhof. Nach der Eingemeindung Lichtenrades wurden die das ursprüngliche Dorf umliegenden Ackerflächen schließlich nach und nach mit Einfamilienhäusern bebaut.

Auch der Name der Straße auf der wir uns befinden, Alt-Lichtenrade, reicht letzten Endes auf die Groß-Berlin-Entscheidung zurück. Ursprünglich hieß sie einfach nur „Dorfstraße.“ Doch nach der Eingemeindung zahlreicher ländlicher Gemeinenden in die Hauptstadt war die Anzahl einzelner „Dorfstraßen“ in Berlin so hoch, dass man sich schließlich dazu entschied, jene Straßen mit dem Präfix „Alt-“ in Kombination mit dem jeweiligen Ortsteilnamen zu benennen.

Folgen Sie mir nun in Richtung Dorfaue und dem historischen Dorfkern Lichtenrades.

Dorfteich / Überblick über die Geschichte Lichtenrades

Hier haben Sie einen wunderbaren Blick über die Lichtenrader Dorfaue und auf den Dorfteich, den „Giebelpfuhl“, den größten Dorfteich Berlins. Lassen Sie mich an dieser Stelle ein paar weitere Sätze zur Geschichte Lichtenrades sagen und noch einige Jahrhunderte weiter zurückblicken:

Heute wird davon ausgegangen, dass das Dorf Lichtenrade wohl um das Jahr 1230 gegründet wurde. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte im Jahr 1375 im Landbuch Kaiser Karls IV. noch unter dem Namen „Lichtenrode.“ Der Name soll sich von einer durch Rodung entstandene Lichtung herleiten.
Wie Sie noch heute erkennen können, entsprach die Anordnung Lichtenrades der eines klassischen Angerdorfes, einer Dorfform, welche dadurch gekennzeichnet ist, dass die Häuser und Gehöfte des Dorfes planmäßig um einen zentralen Platz, den Anger, angelegt sind. Ebenso charakteristisch für solch ein Angerdorf sind ein Dorfteich und die zentrale Lage der Dorfkirche, zu der ich später noch etwas mehr sagen werde.

Im Gegensatz zu Tempelhof, Marienfelde und Mariendorf war Lichtenrade keine Gründung des Templerordens. Ende des 15. Jahrhunderts fielen Teile Lichtenrades an den Domstift zu Cölln und waren damit dessen Besitz. Daher auch der Name der Straße „Im Domstift“, die wir nachher noch kreuzen werden. Etwa 200 Jahre später – 1688 – wurde Lichtenrade komplett an das kurfürstliche Domkapitel verkauft.

Die Bebauung, die Sie um den alten Dorfanger sehen können, ist jedoch deutlich jünger und reicht „nur“ bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zurück. Sie sind überwiegend nach dem gleichen Muster gebaut und bestehen stets aus einem Souterrain-Geschoss über dem sich die Wohnräume befinden. Eine kleine Freitreppe verbindet stets den Hauseingang mit der Straße.

Trotz der umfassenden Neubebauung nach 1850 blieben die Form und die Anordnung des ursprünglichen Dorfes erhalten. Deshalb vermitteln sie noch heute einen guten Eindruck über das historische Lichtenrade.

Wir werden gleich entlang des Dorfteichs Lichtenrade, dem sogenannten „Giebelpfuhl“, zur Dorfkirche gehen. Sie kennen diese Gegend vielleicht, wenn sie bereits einmal den Weihnachtsmarkt des Bezirksamtes besucht haben. Der „Lichtenrader Lichtermarkt“ findet alljährlich Anfang Dezember statt und ist insofern etwas ganz besonderes, als das alle Erlöse an gemeinnützige Einrichtungen gespendet werden. Die Stände werden von Vereinen und Einrichtungen aus dem Bezirk betrieben, manche auch von Privatpersonen, es gibt aber keine der üblichen „Weihnachtshändler“. Das macht einen Riesenunterschied und trägt viel zur familiären Atmosphäre bei.
Ich kann Sie daher ruhigen Gewissens schon heute dazu einladen, auch wenn wir im Moment natürlich alle froh sind, dass der Sommer endlich angekommen ist.

In der warmen Jahreszeit ist diese Grünanlage hier um den Dorfteich für die hier Ansässigen ein besonders wichtiger Ort der Naherholung, der vor allem von älteren Menschen tagsüber geschätzt wird. In den Abendstunden treffen sich hier aber natürlich gerne auch die jungen Menschen.

Lassen Sie uns also hier weitergehen zur Dorfkirche.

Dorfkirche

Die Dorfkirche steht, wie in mittelalterlichen Angerdörfern üblich, bereits seit der Gründung Lichtenrades im Zentrum des ursprünglichen Dorfes. Somit befindet sich an dieser Stelle bereits seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine Kirche. Seitdem ist sie jedoch mehrfach umgebaut und verändert worden.
Ursprünglich erhielt das Dorf zunächst eine hölzerne Kirche, die im 14. Jahrhundert durch eine schlichte Saalkirche aus Feldsteinen aufgemauert wurde. In den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens war die Kirche zunächst ohne Turm, erst um 1660 erhielt sie dann einen mit Holzbrettern beplankten Fachwerkturm. Dieser musste allerdings wegen Einsturzgefahr aus Sicherheitsgründen 1810 abgerissen werden. 1902 erhielt die Kirche schließlich einen neuen, aus Feldsteinen errichteten Turm, in dem auch die Vorhalle liegt.

1943 brannte die Dorfkirche nach einem Bombentreffer vollständig aus. Bei der Wiederherstellung Ende der vierziger Jahre wurden die Außenmauern um knapp einen Meter erhöht, während der Turm ein quer zum Kirchenschiff gerichtetes Satteldach erhielt. Beim Wiederaufbau in den Jahren 1948/1949 erhielt die Kirche somit ihr heutiges Erscheinungsbild.

Der Kirchhof ist Mitte der 1950er Jahre offiziell geschlossen worden, es sind aber noch Gräber alter Lichtenrader Bauernfamilien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu finden. Hinter der Kirche steht das alte Pfarrhaus, das heute als Kindertagesstätte genutzt wird.

Würde man dem Straßenverlauf Alt-Lichtenrades geradeaus noch etwas weiter folgen, würde man noch auf drei weitere interessante Bauwerke stoßen: Die Dorfschule, die 1898 als Volksschule mit fünf Klassen für 238 Kindern gegründet wurde, das alte Feuerwehrhaus von 1909 in der eine Zeit lang auch die Gemeindevertretung Lichtenrades tagte, sowie das 1866 erbaute Gebäude einer weiteren alten Dorfschmiede.

Wie sie sehen, gibt es hier im sonst eher unscheinbaren Ortskern Lichtenrades noch allerhand zu entdecken. Doch wir werden hier nun links am Dorfanger vorbei in Richtung Domstift und Bornhagenweg gehen.

Bornhagenweg / Hanowsteig

Hier stehen wir an der Ecke Bornhagenweg / Hanowsteig. Vielleicht ein paar Worte zu den Straßennamen selbst, da Ihnen die Namen wahrscheinlich nicht bekannt sein werden: Viele der umliegenden Straßen sind nach Lichtenrader Persönlichkeiten benannt.

So trägt der Hanowsteig seinen Namen nach einem Pfarrer. Johann Christian Hanow, geboren 1707, studierte an der Universität Halle Theologie und war von 1740 bis 1766 Pfarrer in Lichtenrade.

Der Bornhagenweg wiederum ist nach Wilhelm Bornhagen benannt. Er und sein Sohn waren bis 1886 die letzten Posthalter in dem Dorf Lichtenrade. Posthalter waren oft Privatleute, die Pferde und Kutschen besaßen, und diese der Post per Vertrag zur Verfügung stellten. Oft betrieben Posthalter auch Gasthäuser, so auch die Familie Bornhagen. Der Gasthof lag an der heutigen Straße Alt-Lichtenrade 100.

Mahnmal für das Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen

Wenn Sie sich wieder dieser Straßenseite zuwenden, sehen Sie ein Mahnmal, das an ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen erinnert, welches sich an dieser Stelle befand.

Das Konzentrationslager Sachsenhausen wurde seit 1936 auf Befehl Heinrich Himmlers durch Häftlinge erbaut. Zwischen 1936 und 1945 waren im KZ Sachsenhausen mehr als 200.000 Menschen aus ca. 40 Nationen inhaftiert. Häftlinge waren zunächst politische Gegner des NS-Regimes, dann in immer größerer Zahl Angehörige der von den Nationalsozialisten als rassisch und/oder sozial minderwertig erklärten Gruppen (Juden, Homosexuelle, sogenannte „Zigeuner“ und „Asoziale“).

Die KZ-Häftlinge wurden zu Zwangsarbeiten herangezogen und mussten vor allem ab 1942 in Betrieben der Rüstungsindustrie arbeiten. Dazu wurden ca. 100 Außenlager eingerichtet. Die Außenlager waren unterschiedlich groß und wurden vom Stammlager Sachsenhausen verwaltet.
Von den Außenlagern marschierten die Häftlinge in Kolonnen zu ihren Arbeitseinsätzen. Zum Teil waren sie aber auch direkt auf einem Fabrikgelände untergebracht.
Hier in der Außenstelle Lichtenrade wurden zwischen 1943 und 1945 Kriegsgefangene aus der Ukraine untergebracht, die in der Landwirtschaft arbeiten mussten.

1987 wurde das Mahnmal auf Initiative der Geschichtswerkstatt Lichtenrade e.V. errichtet. Eine in den Himmel ragende Bahnschiene wird von einem Sockel aus Granit und Marmor gehalten. Die Schiene symbolisiert den Transport der Häftlinge nach Auschwitz. „Erinnern und nicht vergessen“ steht auf dem Sockel zum Gedenken an die Opfer.

Lassen Sie uns nun weiter dem Bornhagenweg folgen, der uns geradewegs zur Nahariyastraße führt.

Lichtenrader Graben

Bevor wir die Nahariyastraße erreichen, möchte ich hier noch kurz auf den schmalen Grünstreifen hinweisen, der sich durch diese Wohngegend zieht. Dabei handelt es sich um den Lichtenrader Graben, der bereits 1777 auf Geheiß Friedrich II. zur Entwässerung der Lichtenrader Feldmark angelegt wurde. Vorher war es immer wieder zu großen Ernteausfällen durch Hochwasser gekommen.

Was zunächst nicht weiter bemerkenswert erscheint, ist jedoch maßgeblicher Bestandteil für die Erschließung Lichtenrades und die Entwicklungen des früheren ländlichen Raums um das alte Berlin. Denn nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für die generelle Bebauung der eher sumpfigen Landschaft war die systematische Trockenlegung um Berlin seit dem 18. Jahrhundert essentiell. So wurden zu jener Zeit auch die Gebiete um Marienfelde und Lankwitz entwässert. Ein Großteil jenes Kanalsystems verläuft heute jedoch unterirdisch.

Erweitert wurde das System noch einmal in den 1920er Jahren, als Teile von Lichtenrade nach starken Regenfällen längere Zeit unter Wasser standen. Daraufhin wurde zwischen August 1928 und November 1929 der zehn Kilometer lange unterirdische Entwässerungskanal Lichtenrader-Lankwitzer-Regenwasser-Sammler (LiLaReSa) gebaut, der in den Teltowkanal mündet und heute noch in Betrieb ist.

Von hier aus nur noch ein paar Meter und wir sind an der Nahariyastraße angekommen.

Nahariyastraße

Hier befinden wir uns nun in der Nahariyastraße. Wie Sie sicher bereits auf dem Weg von der ehemaligen Dorfaue bemerkt haben, könnte der Kontrast zwischen dem historischen Dorfkern und den hier zu sehenden Hochhaussiedlungen kaum größer sein. Lassen Sie mich an dieser Stelle ein paar Worte zum Nahariyakiez sagen:
In den 1960er und 1970er Jahren entstanden mehrere Hochhaussiedlungen in Lichtenrade, so etwa die Petruswerk-Siedlung im Bornhagenweg, durch die wir eben gelaufen sind, die John-Locke-Siedlung in Lichtenrade-Mitte und eben die Wohnsiedlung in der Nahariya- und Skarbinastraße.

Die Straße wurde 1973 nach der israelischen Partnerstadt des damaligen Bezirks Tempelhof benannt. Die kommunale Partnerschaft zwischen Nahariya und dem damaligen Bezirk Tempelhof wurde – als erste zwischen einer deutschen und einer israelischen Gemeinde – 1970 mit dem Austausch von Urkunden zwischen den damaligen Bürgermeistern von Nahariya und Tempelhof, Gershon Tatz und Bernhard Hoffmann, begründet. Die israelische Stadt Nahariya liegt unmittelbar am Mittelmeer an der Grenze zum Libanon, nahe Haifa. Sie wurde 1935 von Einwander_innen aus Deutschland gegründet und anfangs nur von etwa 100 Familien bewohnt. Während des englischen Mandats in Palästina kamen Flüchtlinge aus den nationalsozialistisch besetzten Staaten Europas auf illegalen Einwandererschiffen auch nach Nahariya. Es folgten Einwander_innen aus der ganzen Welt, sodass die Stadt heute ca. 45.000 Einwohner_innen zählt.

Das Neubaugebiet, das Sie hier sehen können, entstand in den Jahren 1973 – 1977 und schuf damals Wohnraum für etwa 5000 Bewohner_innen. Die Bebauung des Viertels orientiere sich maßgeblich an den zeitgenössischen Konzepten von Großwohnsiedlungen.
In ihrer Größe reicht die Wohnsiedlung der Nahariyastraße zwar keineswegs an die Dimensionen solcher Großprojekte, wie etwa an die der Gropiusstadt in Neukölln oder des Märkischen Viertels in Reinickendorf heran, ihre Errichtung erfolgte letzten Endes jedoch ähnlichen Prämissen, nämlich der Schaffung eines eigenen Wohnquartiers mit verhältnismäßig homogener Bebauung und einem hohen Anteil an sozialem Wohnungsbau.
Auch der Standort erinnert an andere Bauprojekte jener Zeit: Großwohnsiedlungen entwickelten sich fast ausschließlich dort, wo die einzigen Siedlungsmöglichkeiten in dieser Zeit bestanden, nämlich in Randgebieten der bereits vorhandenen Siedlungskerne oder in den Zwischenräumen, „auf der grünen Wiese“, jedoch innerhalb der administrativen Stadtgrenzen.

Heute sind im Planungsraum um die Nahariyastraße etwa 8.200 Personen melderechtlich registriert. Mit 20,6% ist der Planungsraum Nahariyastraße derjenige mit dem höchsten Anteil von Menschen unter 18 Jahren im gesamten Bezirk. Die soziale Situation der Bewohnerinnen und Bewohner ist jedoch weitestgehend unterdurchschnittlich, auch darin ähnelt die Nahariyastraße weiteren heutigen Großwohnsiedlungen sowohl im städtischen als auch bundesdeutschen Vergleich.

Straßenschild der Nahariyastraße

Seit einigen Jahren möchte der Bezirk die Situation im Nahariyakiez verbessern: Bereits 2013 hatte sich der Bezirk intensiv darum bemüht den Planungsraum Nahariyastraße in das Programm „Soziale Stadt“ aufzunehmen und ein Quartiersmanagement einzurichten. Leider hat die zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung diesem Ansinnen 2015 eine Absage erteilt.

Für 2017 wurden jedoch Mittel in Höhe von 18.000€ aus dem Förderprogramm FEIN (Freiwilliges Engagement in Nachbarschaften) für den Planungsraum Nahariyastraße bewilligt. Die Fördermittel wurden durch die Abteilung Stadtentwicklung beantragt und durch die Regionalkoordination der Sozialraumplanung abgewickelt.
Ziele des Förderprogramms sind dabei die Aktivierung und Stärkung der lokalen Netzwerke, eine grundsätzliche Information und Aktivierung der Bewohnerschaft, der Aufbau von nachbarschaftlichen Selbsthilfestrukturen sowie die Durchführung lokaler Projekte zur Zielerreichung.

Ein sehr schönes Beispiel für eines jener Projekte, die vom FEIN-Programm unterstützt werden, ist unter anderem die sogenannte „Putzaktion“ im Nahariya-Kiez. Die Aktion soll das Wohnumfeld rund um die Nahariyastraße attraktiver machen und ein Bewusstsein für Sauberkeit im Kiez wecken. Vor allem die lokalen Einrichtungen für Kinder, Jugendliche und Familien haben die Veranstaltung mit Unterstützung der Regionalkoordination des Bezirksamts vorbereitet und organisiert. Zufälligerweise findet auch heute eine dieser „Putzaktionen“ statt – zusammen mit einem Kiezfest auf dem Marktplatz an der Nahariyastraße.

Weitere Mittel aus dem FEIN-Programm für die Jahre 2018 und 2019 wurden durch die Regionalkoordination ebenso beantragt – und ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass es auch dieses Jahr gelungen ist, für das Gebiet um die Nahariyastraße erneut Fördermittel (diesmal in Höhe von 30.000€) zu akquirieren.

Unser nächster Halt wird die „Narahiya-Grundschule“ sein, die sich auf der Westseite der Straße zwischen Skarbina- und Tietjenstraße befindet.

Nahariya-Grundschule

Wir stehen nun vor dem Gebäudekomplex der Nahariya-Grundschule, die 1972 im Zuge der Baumaßnahmen im entstehenden Nahariya-Kiez als 17. Grundschule in Tempelhof eröffnet wurde. Die ersten Jahre lag die Schule noch zwischen Feldern und einer Laubenkolonie, da die umliegende Bebauung erst in den kommenden Jahren fertig gestellt wurde. Die Großen Pausen fanden für die Kinder zu diesem Zeitpunkt noch auf den – dann für den Autoverkehr gesperrten – Straßen statt, da auch der Schulhof erst zu einem späteren Zeitpunkt ausgebaut wurde.
In den ersten zwei Jahrzehnten ihres Bestehens besuchten durchschnittlich 1000 Schüler_innen pro Schuljahr die Schule, zu einer Entlastung kam es erst Ende der 1990er Jahre, als die Grundschule im Taunusviertel fertig gestellt wurde. Heute hat die Nahariya-Grundschule etwa 500 Schüler_innen.

Heutzutage präsentiert sich die Nahariya-Grundschule wie folgt (ich zitiere):
„Die Nahariya-Schule ist eine Schule mit Tradition. Schon die Eltern unserer jetzigen Schülerinnen und Schüler besuchten sie. Wir sind inzwischen eine teilgebundene Ganztagsschule mit einem vielfältigen Angebot für unsere Schülerinnen und Schüler. Das beginnt bei der räumlichen Ausstattung, geht über den methodisch vielfältigen Unterricht, über Klassen- und Schulprojekte, die Betreuung durch den Hortbereich, die Schulstation, den Förderverein und eine große Anzahl an Arbeitsgemeinschaften und endet bei Schul- und Klassenfesten, der Nahariya-Revue, außerschulischen Auftritten und Klassenfahrten. Wir sind eine musikalische und künstlerische Schule, nicht sportbetont aber betont sportlich und versuchen stets, gemeinsam stark zu sein.“

Mit ihrem Schulmotto „Miteinander-Füreinander“ steht die Nahariya-Grundschule genau für jenen Optimismus, mit denen von verschiedenen Seiten aus versucht wird, die Lebensqualität im Nahariya-Kiez nachhaltig zu verbessern.

Machen wir uns nun in Richtung Volkspark auf, der letzten Station unseres heutigen Spaziergangs.

Volkspark Lichtenrade

Wir stehen nun im Volkspark Lichtenrade.
Auf dem Weg sind wir am Marktplatz der Nahariyastraße vorbeigekommen, auf dem wie gesagt gerade ein kleines Kiezfest stattfindet. Um die Feierlichkeiten nicht zu stören, möchte ich Ihnen jetzt hier an dieser Stelle (und nicht so direkt davor) noch ein paar Dinge zum sogenannten „TauschTreff“ erzählen, der sich am Marktplatz befindet.

Beim TauschTreff handelt es sich um einen Einrichtung des Nachbarschafts- und Selbsthilfezentrum der ufaFabrik (kurz: NUSZ). Das NUSZ ist ein gemeinnütziger Verein und anerkannter Träger der Jugendhilfe mit Standorten in verschiedenen Stadtteilen von Berlin.

Die ufaFabrik hat insgesamt ein sehr vielfältiges Angebot: Von sozialer Beratung, Lehr- und Kursprogrammen über kreative Gestaltung, Selbsthilfegruppen, Fortbildung für Fachkräfte bis hin zur aktiven Gestaltung der gemeinsamen Lebenswelt wird hier in vielen Bereichen gearbeitet. Die Geschäftsstelle befindet sich hier im Bezirk Tempelhof-Schöneberg auf dem eigenen Gelände der ufaFabrik. Auch dort war der Kiezspaziergang bereits einmal.
Die Idee hinter dem TauschTreff Lichtenrade ist, dass Dinge wie Bekleidung, Spielwaren, Bücher, Dekoartikel und kleinerer Hausrat gegeneinander getauscht werden können. So können Interessierte ihre Gebrauchtwaren in den TauschTreff bringen und sich im Gegenwert dafür andere Tauschwaren aussuchen. Das System funktioniert dabei komplett ohne Geld.

Bevor ich Sie in Ihren Samstagnachmittag verabschiede, möchte ich Ihnen noch ein paar Informationen zum Volkspark Lichtenrade mitgeben, der ja letzten Endes auch ein sehr schönes Beispiel historisch gewachsener Bürgerbeteiligung in Lichtenrade darstellt:

Um den in Lichtenrade-Ost lebenden Menschen mehr Erholungsmöglichkeiten zu bieten, wurde ab 1979 durch die Bürgerinitiative Lichtenrade-Ost e. V. zu einer ersten Pflanzaktion aufgerufen – und somit die Grundlage des späteren Lichtenrader Volkspark gelegt.

Der Trägerverein Lichtenrader Volkspark e.V. wurde anschließend 1981 gegründet um eigenständig einen Volkspark in Lichtenrade-Ost anzulegen und bis heute zu erhalten und zu pflegen. Der Verein kümmert sich als Pächter des öffentlichen Grundstücks seit Jahren zuverlässig und mit großem Engagement um die über 45.000 Quadratmeter große Fläche – und ist stets auf der Suche nach neuen Unterstützer_innen!
Wenn auch Sie mitmachen wollen, melden Sie sich einfach beim Verein oder in der Pressestelle. Dort wird der Kontakt dann vermittelt.

Bilder vom Spaziergang durch den Lichtenrader Volkspark

zur Bildergalerie

Wir gehen jetzt weiter zur letzten Station durch den Volkspark Lichtenrade hindurch, wo ich mich von Ihnen für Heute verabschieden möchte

Verabschiedung

Wir sind hier am Ende unseres heutigen Kiezspazierganges angelangt. Glücklicherweise ist dies noch nicht das Ende des Wochenendes und ich wünsche Ihnen noch einen schönen Restsamstag, vielleicht ja noch im Café Oberberg. Von hier kommen Sie mit dem Bus 175 wieder dorthin – zu unserem Startpunkt – zurück.

Damit möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Ich freue mich, dass sie mit mir zusammen die so unterschiedlichen Facetten Lichtenrades erkundet haben und hoffe, Sie auch zu unserem nächsten Kiezspaziergang am 19. Mai 2018 begrüßen zu dürfen. Wie immer gilt, laden Sie auch Freunde, Familie und Bekannte ein, uns zu begleiten. Beim nächsten Mal werden wir die Seite des Britzer Gartens erkunden, die in Tempelhof-Schöneberg liegt.

Kommen Sie gut nach Hause!