Judith Brunner richtet den Blick auf architektonische Konstruktionen und Formen. Ihre farbintensiven, abstrakten Bildräume bestehen aus Acryl, Öl, irisierenden Pigmenten oder Bronze und verdichten urbane Strukturen zu energetischen Konstellationen. Weite, gestisch angelegte Farbflächen stehen dabei in einem spannungsvollen Verhältnis zu präzisen gesetzten Linien und geometrischen Elementen, die das scheinbar stabile Gefüge durchbrechen und neu ordnen. In den Serien Gates und Moves markieren Brücken- und Schwellenformationen Momente des Übergangs, des Aufbruchs und der Ankunft. Es entsteht ein visueller Balanceakt zwischen Vertrautem und Ungewissem. Die Stadt wird hier zur Metapher für Transformation, für gesellschaftliche und existenzielle Prozesse zwischen Stabilität und Auflösung.
Dem gegenüber stehen Beate Spitzmüllers fotografische Arbeiten dreier Werkgruppen. Ihre überwiegend schwarzweißen Aufnahmen urbaner und natürlicher Räume entstanden unter anderem in Island, Johannesburg und Frankfurt am Main und sind durch analoge und digitale Eingriffe verfremdet. Solarisationen, Überlagerungen und gezielte Störungen lassen Landschaften durchlässig wie auch modellhaft erscheinen oder verdichten Körper zu Schattenflächen. Was zunächst als bloßes Abbild erscheint, erweist sich als komplexer Bildraum, in dem Stadt, Natur und menschliche Präsenz einander durchdringen. Ergänzt werden die Fotografien durch eine filmische Umsetzung von Bleistiftzeichnungen. Linien geraten in Bewegung, Rhythmen verschieben sich und verweisen so auf den fortwährenden Wandel von Erscheinungen.
In der Zusammenschau setzen Brunners Gemälde und Gouachen prägende Akzente und verleihen dem Raum strukturelle wie inhaltliche Präsenz, während Spitzmüllers Arbeiten diese Setzungen in eine spannungsreiche Wechselwirkung überführen. In der Gegenüberstellung von farbiger Abstraktion und verfremdeter Schwarzweiß-Realität, von konstruktiver Ordnung und fotografisch-filmischer Spur, entsteht ein künstlerischer Austausch über urbane Räume als bewegliche Systeme, in denen sich Zeit, Erinnerung und Imagination überlagern. „sight·seeing“ versteht Stadt nicht als geschlossenes Gefüge, sondern als Resonanzraum innerer und äußerer Landschaften, in dem Mensch, Architektur und Natur ineinandergreifen und ihre Grenzen fortwährend neu verhandeln.
Judith Brunner (geboren 1955) studierte freie Malerei und Grafik an der Universität der Künste Berlin. Es folgten ein DAAD-Stipendium in New York sowie ein Stipendium der Karl-Hofer-Gesellschaft Berlin. Brunner lebte und arbeitete viele Jahre in New York und Philadelphia, war unter anderem als Tutorin an der School of Visual Arts in New York tätig. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt und sind in institutionellen Sammlungen vertreten, darunter in der Berlinischen Galerie, in der Universität der Künste Berlin und im Kupferstichkabinett Berlin. Judith Brunner lebt und arbeitet in Berlin.
Beate Spitzmüller (geboren 1963) studierte Keramik in Straßburg sowie Bildende und Interdisziplinäre Kunst in Freiburg und Frankfurt. Weiterhin arbeitete sie am „Leeren Museum“ von Ilja Kabakov mit. Spitzmüllers Arbeiten entstehen seriell und prozessorientiert und untersuchen Verdichtungen von Stadtlandschaften und Auflösung natürlicher Welten. Sie hat mehrere Arbeits- und Aufenthaltsstipendien erhalten, unter anderem in Norwegen, der Schweiz, Südafrika oder Schweden. Internationale Einzel- und Gruppenausstellungen machen ihre Arbeiten weltweit sichtbar. Spitzmüller lebt und arbeitet in Berlin.