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Gedenkveranstaltung für Rahel R. Mann im Rathaus Schöneberg

Ein Mann steht an einem Stehpult in einem Saal

Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann spricht anlässlich der Gedenkfeier für die Zeitzeugin Rahel R. Mann

Pressemitteilung Nr. 143 vom 13.05.2022

Foto, das Rahel R. Mann in der Ausstellung zeigt.

Ihr Leitsatz war: „Ich lebe immer im Jetzt!“

Mit einer Gedenkveranstaltung wurde am 06. Mai 2022 an die am 31. März 2022 in Berlin-Schöneberg verstorbene Zeitzeugin Rahel R. Mann gedacht.
Viele waren gekommen, um sich genau an dem Ort, wo man sie so oft erleben durfte – in der Ausstellungshalle von „Wir waren Nachbarn“ – zu verabschieden.
Seitens der Familie war die Tochter, Frau Albo, aus Israel angereist. Vom Bezirksamt waren Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann, die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und der Stadtrat Tobias Dollase gekommen.
Die Projektleiterin von „Wir waren Nachbarn“ Frau Dr. Ladwig-Winters hat aus dem vielschichtigen Leben von Rahel Mann erzählt.

Zudem wurde ein Film gezeigt, in dem Rahel R. Mann selbst zu Wort kam.

Aus der Rede von Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann:

„Rahels R. Manns Leben war gekennzeichnet von der Verfolgung in der Nazizeit.
Schon als Kind hat sie erleben müssen, was Ausgrenzung bedeutet und hat zeitweilig in Pflegefamilien gelebt. Vom Herbst 1944 bis Mai 1945 überlebte sie versteckt in einem Keller in der Starnberger Straße. Prägende Erlebnisse, die einen ein ganzes Leben nicht loslassen. (…)
Rahel R. Mann leistete mit ihrem persönlichen Einsatz als Zeitzeugin einen unschätzbaren Beitrag, um gegen Antisemitismus und Rassismus anzukämpfen. Dafür sind wir ihr sehr dankbar. Rahel Mann wird uns allen mit ihrer gradlinigen Art immer in Erinnerung bleiben.“

Nach der Ansprache haben sich die Anwesenden zu Ehren von Frau Mann erhoben und ihrer gemeinsam still gedacht.

Die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler erinnerte sehr persönlich:

„Ich hatte das Glück mit Frau Mann in meinen zehn Dienstjahren als Bezirksbürgermeisterin oft zusammenzukommen. Sie hat viel Erinnerungsarbeit hier in der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ und in Schulklassen geleistet. Auch bei der Denksteinlegung in der Löcknitz-Grundschule war sie oft mit dabei.
Sie hat mich auch in meinem Büro besucht. Sie war direkt und hat einem gesagt, was sie denkt. War etwas schlecht, hat sie es kritisiert – fand sie etwas gut, wusste man, dass sie das auch so meint. Eine Offenheit, die einer Politikerin nicht immer widerfährt.“

Rahel R. Mann hat ihre letzte Ruhestätte unweit des Rathauses Schöneberg auf dem Alten Kirchhof gefunden.

In der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ kann man die Geschichte von Rahel R. Mann in ihrem biographischen Album nachlesen.
Alle weiteren Informationen zur Ausstellung finden Sie auf der Internetseite von „Wir waren Nachbarn“.

Text aus dem Nachruf aus dem Newsletter von „Wir waren Nachbarn“

Rahel R. Mann
Woher kommt Kraft? Was macht einen Menschen aus? Wo liegen die Wurzeln des Glaubens? Worin liegt das Ewige?
So viele Fragen. Rahel R. Mann, die am 7. Juni 1937 als Renate Wolf in Berlin geboren wurde, beschäftigte sich intensiv mit ihnen. Wissbegierig und interessiert entwickelte sie ihre sehr eigenen Vorstellungen von Konfession; sah selbst in der Deutung der Sternenkonstellation eine wissenschaftliche Methode. Sie nahm sich die Freiheit zu bestimmen, was im Judentum, was im Christentum die für sie gültigen Aspekte waren. Erst spät entdeckte sie die „Morgenstunden“ von Moses Mendelssohn für sich.

Sie war das Kind einer nicht verheirateten Mutter, die nach den nationalsozialistischen Kategorien als Halbjüdin galt, auch der Vater war Jude. Die kleine Renate musste sich in verschiedenen Pflegefamilien zurechtfinden. Immer wieder betonte sie, dass sie von ihrer Mutter keine Liebe erfahren hat, sie diese deshalb vielleicht nicht vermisst hat. Andere Menschen fühlten sich für sie verantwortlich, gaben ihr Schutz und Fürsorge. Die letzte Phase des Krieges wurde sie allein im Keller in der Starnberger Straße von der Hauswartsfrau, Frau Vater, versteckt. Draußen fielen die Bomben, sie wurde vor noch Schlimmerem bewahrt. Völlig allein hatte sie in ihrem Verschlag ein Heft, einen Stift und ihre „Nuckelpuppe“, ein bisschen Wasser, etwas zu Essen, einen Eimer.

Im Mai 1945 fanden sie Soldaten der Roten Armee, päppelten sie mit Kondensmilch auf.
Sie ging erstmals mit acht Jahren zur Schule; reifte zu einer schönen jungen Frau heran, bestand ihr Abitur am Rückert-Gymnasium, wissbegierig stürmte sie in die Welt. Sie wurde Lehrerin, gründete selbst eine Familie mit zwei Kindern; bildete sich medizinisch fort, arbeitete als Heilpraktikerin in Braunschweig. Mit 60 Jahren entschied sie sich, nach Israel zu gehen, wo die Tochter mit ihrer Familie lebte. Sie reagierte körperlich auf die zahlreichen Selbstmordattentate, die in dieser Zeit passierten. Nach zehn Jahren, 2007, kehrte sie nach Berlin-Schöneberg zurück. Sie begann als Zeitzeugin von ihren Erfahrungen zu berichten – auch in unserer Ausstellung. Im Verein frag doch! war sie Ehrenmitglied. – Mit ihrer temperamentvollen Art vermittelte sie, welch hohes Gut die Freiheit darstellt und wie kostbar ein selbstbestimmtes Leben ist.“