Die folgenden Informationen wurden von Norbert Peters im Jahr 2025/2026 verfasst.
Norbert Peters ist Jahrgang 1951 und seit 2018 wohnhaft im Möckernkiez. Der Studiendirektor im Ruhestand unterrichtete die Fächer Geschichte, Politik-Wirtschaft und Englisch. Seit vielen Jahren forscht er ehrenamtlich zur Geschichte Berlins und ist Verfasser von lokalhistorischen Studien.
Norbert Peters: Kori-Verbrennungsöfen für Konzentrationslager
In der Dennewitzstraße am Gleisdreieckpark sind viele moderne Wohnhäuser zu sehen. Die Hausnummer 35 würde man in diesem Ensemble allerdings vergeblich suchen – die Gebäude mit den Nummern 35 und 36 wurden Anfang der 70er Jahre im Zuge von Sanierungsarbeiten abgerissen. Dabei sollte sich genau dort eigentlich ein Erinnerungsort für NS-Verbrechen befinden, denn hier war über Jahrzehnte die H. Kori GmbH zu Hause. Dieses Versäumnis soll nun im Frühjahr 2026 nachgeholt werden, wenn an diesem Ort zur Erinnerung an die Geschichte der Firma und ihre unrühmliche Vergangenheit eine Tafel angebracht wird.
Kori baute während der NS-Herrschaft Öfen für die Verbrennung der Leichen in Konzentrationslagern und Vernichtungsstätten der Nationalsozialisten: Ravensbrück, Stutthof, Bergen-Belsen, Majdanek, Flossenbürg, Mauthausen, Dachau… Die Firma rüstete um die Jahreswende 1939/40 auch Tötungsanstalten für die sogenannte Aktion T4 aus, bei der Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und geistigen Behinderungen mit Kohlenmonoxid vergiftet wurden. Ihre Leichen wurden in den Anstalten Grafeneck und Brandenburg (Havel) verbrannt. Nach Beendigung der Vernichtungsaktion wurden diverse Bauelemente der Kori-Öfen in das KZ Sachsenhausen verlagert, wo sie im Juli und August 1941 bei der sogenannten „Russenaktion“ eingesetzt wurden, als auf Grundlage des „Kommissar-Befehls“ 10.000 sowjetische Kriegsgefangene umgebracht wurden.
Der Augenzeuge Paul Sakowski, der als sogenannter Funktionshäftling am Krematorium des KZs Sachsenhausen arbeiten musste, beschrieb seinen Einsatzort 1946 wie folgt: „Die Öfen, in denen die Leichen verbrannt worden sind, waren auf Fahrgestelle montiert gewesen. (…) Es befand sich auf einem Fahrgestell immer ein Ofen. Im Ganzen waren es vier Stück gewesen. Der Platz (…) war durch eine vier Meter hohe Bretterwand auf drei Seiten eingezäunt. Die vierte Wand bildete der Schuppen (…), der als Leichenhalle diente. (…) Die Öfen waren von der Firma Kori, Berlin, Dennewitzstraße, gebaut und auch geliefert worden.“
Ob es sich unter der Adresse Dennewitzstraße 35 um den Verwaltungssitz der Firma, das Planungsbüro oder die Produktionsstätte für Öfen handelt, ist nicht eindeutig festzustellen, denn es existiert kein Firmenarchiv mehr. Fest steht allerdings, dass die Inhaber der Firma nach 1945 nicht für ihre Mitarbeit an NS-Verbrechen zur Verantwortung gezogen wurden. Bis 1976 war die Kori GmbH noch tätig, bis 2012 war sie im Handelsregister eingetragen. Ein Nachkomme des Firmengründers Heinrich Kori ist laut Historikerin Annegret Schüle zu keiner Auskunft über die Firma und ihren seinerzeitigen Geschäftsbetrieb bereit.
Gegründet wurde die Firma in Berlin 1887 von Heinrich Kori, der sie Anfang der 1920er Jahre in eine GmbH verwandelte und vor allem Familienmitglieder als Gesellschafter einbezog. Zunächst entwickelte die Firma Heizungsanlagen; schon bald baute sie Verbrennungsöfen für alle möglichen Abfälle, z. B. Hausmüll oder Tierkadaver. In einem undatierten Werbesprospekt bot die Firma an: „Alles Unreine und Wertlose wird am besten und billigsten gleich am Entstehungsort verbrannt.“ Ein Neffe des Firmengründers dürfte als SS-Mitglied den Kontakt zu staatlichen Instanzen hergestellt haben. Die Aufträge zur Unterstützung des Massenmords entwickelten sich im Laufe der Jahre zu einem wichtigen und profitablen Geschäftsfeld des Unternehmens mit seinen 30 bis 40 Mitarbeitern. Für die Installation fuhren Mitarbeiter in die Lager. Die Arbeiten dort mussten von Häftlingen erbracht werden.
Für die Historikerin Susanne Zielinski ist unstrittig, dass allen in der Firma bewusst war, um welche Art Arbeit es in dem Unternehmen ging: „Dass Monteure der Firma vor Ort mit Hilfe von Gefangenen aus den Lagern die Kori’schen Öfen installierten und von der SS auch vorab Firmenmitarbeiter angefordert wurden, die die Orte der Bauprojekte besichtigen sollten, lässt keinen Zweifel daran, dass alle beteiligten Personen wussten, worum es hier ging: die systematische Ermordung von Menschen und die spurlose Beseitigung ihrer Leichname.“ Für sie steht fest, dass der erste systematische Massenmord im Nationalsozialismus, die Tötung von Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung oder psychischer Beeinträchtigung, ohne die Bereitschaft der Firmen Kori GmbH und „Topf & Söhne“ (Erfurt), Leichenverbrennungsöfen in Tötungsanstalten zu liefern, nicht hätte organisiert werden können. Das Personal, das in den Tötungsanstalten sein „Handwerk“ der massenhaften Leichenentsorgung
gelernt hatte, wurde später oft befördert und durfte sein „Fachwissen“ in die großen Vernichtungslager im Osten einbringen.
Die Ofenbau-Firmen Kori und „Topf & Söhne“ waren schon vor der NS-Zeit Konkurrenten beim Geschäft mit Bestattungsöfen für städtische Krematorien gewesen, aber ab 1939 wetteiferten ihre Ingenieure darum, ihre speziell für die Opfer der „Euthanasie“ und der Lager entwickelten Öfen an die „T4“-Zentrale und an die SS zu verkaufen.
2011 wurde in Erfurt der Erinnerungsort „Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“ geschaffen, wo über die Verwicklung dieser Firma in NS-Geschäfte aufgeklärt wird und themenbezogene Ausstellungen und Seminare stattfinden. 1942 hatte einer ihrer Ingenieure ohne jeden Auftrag einen vierstöckigen Massen-Verbrennungsofen entworfen. Wie in einer riesigen Müllverbrennungsanlage sollten die Leichen wie am Fließband hineingeschoben werden und auf Schrägrosten herabrutschen. Es sei ihm bewusst, schrieb der Ingenieur an die Geschäftsleitung, „dass ein solcher Ofen als reine Vernichtungsvorrichtung anzusehen ist, dass also die Begriffe Pietät, Aschetrennung sowie jegliche Gefühlsmomente vollständig ausgeschaltet werden müssen“.
Quellen:
- Annegret Schüle (Hg.): Die H. Kori GmbH. Eine Berliner Ofenbaufirma und der nationalsozialistische Massenmord, Hentrich & Hentrich, Leipzig 2022
- Annegret Schüle: „Die Kultur der Feuerbestattung und das Verbrechen der Leichenverbrennung im Nationalsozialismus“, in: Ebd.
- Susanne Zielinski: „‘Verbrennungsöfen aller Art.’ Zur Geschichte der H. Kori GmbH“ in: Ebd.
- Susanne Zielinski: „Kein Zweifel, dass alle Beteiligten es wussten“, in: Tagesspiegel / Newsletter Tempelhof-Schöneberg, 13.12.2022
- FSB-Archiv Moskau: Aussage von Paul Sakowski über seine Haft in Sachsenhausen, 1946