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Mariendorfer Martin-Luther-Gedächtniskirche

Denkmal des Monats September 2012 - Das falsche Heil versprochen

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Mariendorfer Martin-Luther-Gedächtniskirche

Tempelhof-Schöneberg. Gemeinsam mit der Unteren Denkmalschutzbehörde des Bezirksamts stellt die Berliner Woche regelmäßig ein Denkmal des Monats vor. Für den September fiel die Wahl auf die oft als „Nazi-Kirche“ bezeichnete Martin-Luther-Gedächtniskirche in Mariendorf.

Eine große überregionale Wochenzeitung betitelte vor acht Jahren einen Artikel über die Martin-Luther-Gedächtniskirche mit dem Ausruf „Hitler, unser Christus“. Und traf damit den Kern des Themas, das die evangelische Kirchengemeinde Mariendorf bis heute beschäftigt. Und weiter wird: Die seit Beginn der 1930er-Jahre nach Plänen von Curt Steinberg errichtete Kirche an der Ecke Rathaus-/ Kaierstraße ist vor allem wegen ihrer Innenausstattung bekannt. Denn diese zeigt die teilweise Verquickung der evangelischen Kirche mit der Ideologie der Nationalsozialisten seit 1933. Vor gut zehn Jahren stellte sich heraus, dass Turm und Kirchenschiff baufällig waren, seither wurde über eine mögliche Restaurierung debattiert. Zeitweise war das Gebäude vom Abriss bedroht.
Inzwischen ist der Turm vollständig saniert, die Arbeiten am Kirchenschiff beginnen gerade. Hinterher, so haben es Kirchengemeinde und Denkmalschutz beschlossen, wird der Bau so aussehen wie zuvor. „Wir können die Kirche so zu einem Lernort machen. Und lassen die schwierigen Kapitel unserer Geschichte nicht unter den Tisch fallen“, sagt Pfarrer Hans-Martin Brehm. „Ich finde wichtig, dass die Gemeinde sich offen mit den Thema auseinandersetzt. Und außerdem darf man das Gebäude auch nicht nur auf den Nationalsozialismus reduzieren“, äußert sich die für den Denkmalschutz im Bezirk zuständige Stadträtin Sibyll Klotz (B’90/Grüne).
Tatsächlich ist die Kirche mehr als nur ein Nazi-Bau. Ihre äußere Erscheinung war schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten geplant. Die mit dem Altarraum nach Süden hin orientierte Kirche ist außen geprägt von monumentalen Strebepfeilern, die den Wänden vorgelagert sind und das an die Form eines Eselsrückens erinnernde Dach zu tragen scheinen. Der blockhafte, fast fensterlose Turm zur Kaiserstraße wird von einem ovalen Glockengeschoss und einem Kreuz abgeschlossen. Alle Wandflächen sind – wie innen – mit gelbbraunen Keramikplatten verkleidet.
Im Inneren wird die ideologische Belastung sichtbarer. Die Kirche wird betreten durch eine Ehrenhalle, in der sich Porträtreliefs von Reichspräsident Hindenburg und Martin Luther ansehen. Forschungen haben in der Zwischenzeit ergeben, dass der Luther-Kopf früher wohl Hitler darstellte. Beleuchtet wird der Raum durch einen geschmiedeten Leuchter mit Eisernem Kreuz und goldenen Eichenblättern. Auf der Kanzel ist Christus neben einem Soldaten und Kindern in Hitlerjugend-Uniform zu sehen. Dominiert wird der Kirchenraum von einem Triumphbogen, auf dem christliche und nationalsozialistische Symbole abgebildet sind. Hiervon wurden später nur die Hakenkreuze entfernt. Und damit sichtbar gelassen, wie weit die Verstrickung von Kirche und Nationalsozialismus stellenweise gehen konnte. Dass die Gemeinde sich diesem Thema heute kritisch und offen stellt, macht allerdings auch sichtbar, was seither geschehen ist.

Ralf Liptau für die „Berliner Woche“
Berliner Wochenblatt Verlag GmbH
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