Die Ausstellung „Men don’t cry“ präsentiert Arbeiten, die zwischen 2017 und 2024 in Bosnien und Herzegowina entstanden sind. Im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung steht ein lange tabuisiertes Thema: sexualisierte Gewalt an Männern. Während des Bosnienkrieges 1992 bis 1995 wurden in Lagern und Gefängnissen nicht nur Frauen, sondern auch Männer unterschiedlicher Nationalitäten gefoltert, missbraucht und zu Gewalt untereinander gezwungen. Schätzungen zufolge waren während des Krieges zwischen 20.000 und 50.000 Frauen und Männer von sexualisierter Gewalt betroffen. Während die Verbrechen an Frauen zunehmend dokumentiert und teilweise anerkannt wurden, blieben männliche Opfer weitgehend unsichtbar. Rollenerwartungen, Scham und fehlende öffentliche Debatten erschweren es ihnen bis heute, über das Erlebte zu sprechen.
Traumatische Erfahrungen lassen sich nach so langer Zeit jedoch selten direkt ablichten und entziehen sich meist einer unmittelbaren Darstellung. Weder Menschen noch Orte tragen das Erlebte offen zutage. Gerade deshalb verzichtet Jung auf explizite Darstellungen und entwickelt eine Bildsprache, die in visuellen Metaphern agiert. So sucht er nach einer Form, die Spuren sichtbar macht, ohne sie direkt abzubilden.
In behutsam erfassten Porträts begegnet er Männern, die bereit waren, ihre Erfahrungen zu teilen. Der Fotograf zeigt sie in ihrem Lebensumfeld, konzentriert wie auch gelöst – und damit gegenwärtig, aber auch in der Vergangenheit gefangen. Viele Motive wirken unspektakulär oder auch alltäglich: ein Bauer mit seinen Kühen, ein weißes Hemd, Gardinen vorm Fenster, neblige Baumgestalten, eine aufgewühlte Wasseroberfläche. Neben einer formalen Ruhe und demonstrativer Normalität offenbaren die Kompositionen jedoch durchaus ein unterschwelliges Unbehagen. Zudem verleiht eine silbrig nuancierte Tonalität den Darstellungen eine Atmosphäre der Melancholie und latenten Anspannung.