Konversion und Freiraumentwicklung in Ruhleben (Murellenschlucht / Schanzenwald)

Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit ist in dieser etwas abgeschiedenen Gegend in den letzten Jahren ein Konversionsprojekt durchgeführt worden. Auf ehemals militärisch genutzten Flächen konnten in den Nordrand des Grunewaldes integriert große Freiräume geschaffen werden, die das Wirken der Eiszeit im Berliner Raum zeigen. Teilweise hat die Landschaft mittelgebirgsähnliche Züge. Es sind aber auch noch deutliche Spuren der jüngeren Vergangenheit zu sehen.

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Übersichtslageplan (ohne Maßstab). Der Plan zeigt den Zustand vor Beginn der Konversionsmaßnahmen. Eingelagert in die Waldfläche (dunkelgrün) sind großflächige Einrichtungen militärischen Ursprungs. Schwarz umrahmt der „Große Schießplatz).
Bild: Vermessungsamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Ausgangslage

Ca. seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Bereich westlich der Fließwiese in Ruhleben und nordwestlich der Waldbühne militärisch genutzt. Es entstanden am Rand der damaligen Städte Charlottenburg bzw. Spandau Schießstände und –plätze sowie andere militärische Einrichtungen wie Kasernen. Weitere Überformungen der Landschaft erfolgten u. a. durch den Bau der Siedlung Ruhleben, der S-Bahn und der Waldbühne vor dem 2. Weltkrieg. Außerdem durch die Verfüllung von Trümmerschutt im südlichen Bereich (zwischen Murellenschlucht und Glockenturmstraße) nach dem 2. Weltkrieg.

Mit dem Abzug der Britischen Streitkräfte, der sich nach der Maueröffnung abzeichnete, ergab sich die große Chance für eine Umgestaltung und Öffnung der militärisch genutzten und für die Öffentlichkeit unzugänglichen Räume. In einigen Bereichen hatten sich waldähnliche Strukturen gehalten; die spannungsreiche Topographie rief nach einer Öffnung für die Bevölkerung. Das damalige Bezirksamt Charlottenburg initiierte 1992 das Landschaftsplanverfahren VII – L – 4. Fachgutachten folgten, die die Zielrichtung bestätigten und konkretisierten. Allerdings übernahm die Polizei den größten Teil der militärischen Einrichtungen, so dass sich die Umsetzung der Pläne verzögerte. Ein nicht von der Polizei genutzter ökologisch besonders wertvoller Teil des Gebietes mit seltenen Pflanzen- und Tierarten (z. B. Wildbienen) konnte jedoch schon 1993 als Naturschutzgebiet (NSG Murellenschlucht und Schanzenwald) gesichert werden.

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Bestandsplan des Bereichs Schanzenwald / Murellenschlucht (Gemarkung Charlottenburg, Flur 17, Blatt 970). Das Naturschutzgebiet befindet sich innerhalb der blau dargestellten Abgrenzungen
Bild: Vermessungsamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Die Bewerbung Berlins um die Olympischen Spiele 2000 änderte vorerst die Lage: Das Olympische Dorf war im Bereich Murellenschlucht/ Schanzenwald vorgesehen. Die Entscheidung des IOC gegen Berlin beendete diese Episode.

Projektverlauf

Phase I: Im Westen beginnt die Renaturierung

2004 konnte eine große Fläche von der Polizei freigegeben werden, der Weg zur Umgestaltung war eröffnet. Die Finanzierung haben die Deutsche Bahn (als naturschutzrechtliche Ersatzmaßnahme für Eingriffe in Natur und Landschaft), die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt und die EU (UEP) für den Großteil der Kosten übernommen; einiges übernahm das Umweltamt. 2005 – 2007 erfolgten die Abräumungsarbeiten für die militärischen Hinterlassenschaften auf 33, 5 ha. Großer und Kleiner Schießplatz mit gewaltigen Schießwänden und -wällen, Gebäude, technische Einrichtungen, Baracken, Zäune etc. wurden abgebrochen. Ca. 8.300 m² Fläche konnten entsiegelt, 2.600 m Zaun entfernt und ca. 27.000 t Abfälle abgefahren werden, davon ein erheblicher Teil schadstoffhaltige Substanzen. 120 Bäume wurden neu gepflanzt, Wege landschaftsgerecht angelegt und naturschutzfachliche Pflegemaßnahmen festgelegt. Seit 28.11.2007 ist die Fläche offiziell freigegeben; der Bereich im Eigentum der Berliner Forsten und der Grunewald wieder gewachsen.

Phase 2: Abschluss im Osten

Ein BVV-Beschluss markierte den Start für die Wiederaufnahme der Planungen.

Die wieder aufgenommenen Gespräche des Bezirksamtes mit der Polizei kamen zu dem Ergebnis, dass ein Teil des verbliebenen Munitionsdepots aufgegeben werden konnte. Gleiches galt für östlich angrenzende Flächen an der Fließwiese und dem Murellenberg. In der Folge hat das Umwelt- und Naturschutzamt mit der BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH, dem Forstamt Grunewald und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt – Abt. X – die erforderlichen Vereinbarungen getroffen (Abbrucharbeiten, Flächenabgrenzung und –übernahme, Kostenübernahme). Mit dem erforderlichen Beschluss des Abgeordnetenhauses (Entnahme der Fläche aus dem Vermögen der SILB) traten die Vorbereitungen in die entscheidende Phase.

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Das Panzerwrack inmitten von Bäumen symbolisiert die militärische Vergangenheit
Bild: Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz

Die Abbruch- und Umgestaltungsarbeiten (Renaturierung, Wegebau) konnten im Dezember 2014 abgeschlossen werden. Der Bereich ist an das Wegesystem der bereits vorher renaturierten Fläche im Westen angebunden. Im Ergebnis wurde eine wesentlich kürzere und weniger beschwerliche Wegeverbindung zwischen der Siedlung Ruhleben in Richtung Spandau, Elsgrabenweg bzw. nach Süden zur Glockenturmstraße geschaffen. Bisher musste von der Siedlung aus über die vorhandene Wegeverbindung (über die Fließwiese Ruhleben) der Murellenberg überquert werden. Dies war für ältere Menschen bzw. mit eingeschränkter Beweglichkeit kaum möglich (Höhendifferenz knapp 30 m, schmaler Pfad).

Außerdem wurden störende und landschaftsuntypische Baulichkeiten und Anlagen (Munitionsdepots, Zäune, Scheinwerfer, techn. Anlagen, Panzerwrack) entfernt. In unmittelbarer Nähe zweier Naturschutzgebiete (Murellenschlucht und Schanzenwald, Fließwiese Ruhleben) entstanden damit ca. 10 ha neue Räume für extensive Erholungsnutzung (Wandern, Lagern, Naturbeobachtung), für wildlebende Pflanzen- und Tier-arten sowie als Ausgleichsraum für wichtige Naturhaushaltsfunktionen (Klima, Grundwasser).

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Abbrucharbeiten
Bild: Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz

Der bisher unzugängliche Erschießungsort der Wehrmacht (Hinrichtungen von 1944 – 1945), an den der „Spiegelweg“ der Künstlerin Patricia Pisani künstlerisch nachdrücklich erinnert, kann nun aufgesucht werden. Um Kosten zu sparen und Eingriffe in den sensiblen Landschaftsraum zu vermeiden, wurde das vorhandene Wegesystem weiter genutzt und nur geringfügig umgestaltet. Ein neu errichteter Wildschutzzaun und Sichtschutzpflanzungen, die als Bienennähr- und Vogelschutzgehölze einen Beitrag zum Artenschutz und der Biodiversität leisten, gewährleisten die Sicherheitsanforderungen der Polizei.

Im Einzelnen wurden folgende Maßnahmen erbracht:

Abbruch/Entsorgung
7.444 m² Flächen beräumen
25 m² Asbestplatten entsorgen
9.000 m³ umbauter Raum an Gebäuden abbrechen, Materialien trennen und entsorgen (19 Einzelgebäude)
770 m³ Stützmauer aus bewehrtem und unbewehrtem Beton abbrechen
2.800 m³ Erdwälle abtragen
2,4 km Elektroleitungen und 800 m Regen- und Abwasserleitungen zurückbauen, sowie fast 1 km Zaunanlagen
7.500 m² Flächenbefestigungen entfernen

Neugestaltung
81 Gehölze (Kleinbäume, Großsträucher) für die Sichtschutzpflanzung
339,79 m laufende Meter Zaun,
144 Zaunpfosten,
2.038 m Stacheldraht (beim Übersteigschutz
Dazu kommen diverse Leistungen des Forstamtes Grunewald (Wegebau, Gestaltung etc.)

Anbindung für Besucherinnen und Besucher

  • von Süden mit dem Bus M49, Haltestelle „Stößenseebrücke“ oder der S-Bahn (Pichelsberg) und zu Fuß über die Glockenturmstraße in die Murellenschlucht (neben der Eissporthalle)
  • mit der U2 bis Endstation „Ruhleben“ und von dort zu Fuß über den Hempelsteig und entlang der Fließwiese Ruhleben in die Murellenschlucht.
  • von Spandau aus über die Teltower Straße und den Elsgrabenweg (unter der S-Bahn hindurch)
  • Stadtplan