Poets‘ Corner in Charlottenburg: Chroniken angekündigter Kriege mit den Dichterinnen Oksana Maksymchuk & Svetlana Lavochkina
Moderation: Irina Bondas (Veranstaltung auf Englisch)
Poets’ Corner ist wieder im Garten der Villa Oppenheim zu Gast. Die Veranstaltungsreihe, die der traditionelle Auftakt zum jährlich stattfindenden Poesiefestival Berlin ist, gibt in Lesungen und interdisziplinären Dialogformaten Einblicke in die poetische Landschaft Berlins. An diesem Abend treffen zwei ukrainische Dichterinnen aufeinander. Oksana Maksymchuk (geboren 1982 in Lwiw) und Svetlana Lavochkina (geboren 1973 in Saporischschja). Beide haben in ihrem sehr unterschiedlichen Werk den Sprachwechsel zum Englischen hin vollzogen.
In Tagebuch einer Invasion (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser 2025, deutsche Übersetzung: Matthias Kniep) liefert uns Oksana Maksymchuk die Chronik eines angekündigten Krieges, der dann tatsächlich eintritt. Sie beschreibt die Tage der quälenden Erwartung, in denen die Frage „Sind sie schon hier?“ zum Refrain wird. Es folgen die Wochen, Monate, Jahre der Gewissheit, Jahre der „Bittgebete in Ruinen“, der „Wissensübertragung in Zeiten der Besatzung“, aber auch Jahre der Überlebensschuld. Maksymchuk findet eine lakonisch-präzise Sprache für das, was wir ungenügend als „Grauen“ bezeichnen. Gleichzeitig gibt es immer wieder ganz unerwartete Erkenntnisse: „Was ich vom Krieg / nicht erwartet hätte: / dass da Musik sein würde“.
Svetlana Lavochkinas Langgedicht Carbon (Voland & Quist 2024, deutsche Übersetzung: Diana Feuerbach) ist eine wilde Liebesgeschichte zwischen einem Schmied und einer Linguistin vor dem Hintergrund des sich ankündigenden Krieges im Donbass. Es beginnt in Donezk, dem Zentrum des Kohlereviers in der östlichen Ukraine. In einer Welt der Halden und Zwergvulkane, die vom „Gebären der Kohle“ dampfen, wächst der feinsinnige Alexander mit „mädchenschmalen“ Füßen auf. Nach verschiedenen Abenteuern, bei denen ein Hoden verloren geht, eine Aufnahmeprüfung am Polytechnikum bestanden und eine Gefängnisstrafe abgesessen wird, begegnet Alexander der abseits der Zechenkinder aufgewachsenen Lisa. Zuvor hat sie jedoch ihre eigenen Abenteuer zu bestehen. Sie, die Sprachvernarrte, die Wörter liebt, entkommt unter anderem einem Serienmörder und folgt einer Selbstmordsekte an den Kraterrand eines Vulkans. Das alles ist rasant und wunderbar unprüde, ja zuweilen zotig erzählt,
mythensatt und voller Vorahnungen kommender Kriege.
Die Veranstaltung findet auf Englisch und im Garten statt.
Eine gemeinsame Veranstaltung der Villa Oppenheim und Haus für Poesie
Gefördert aus Mitteln des Bezirkskulturfonds