208. Kiezspaziergang am 13.4.2019 mit Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann

„Pfad der Erinnerung“ im Charlottenburger Norden

Treffpunkt: Gedenkstätte Plötzensee

Herzlich willkommen zu unserem 208. Kiezspaziergang hier im Charlottenburger Norden, genauer dem nordöstlichen Zipfel unseres Bezirkes, wo ich aufgewachsen bin. Im Mittelpunkt steht der neue „Pfad der Erinnerung“. Als erstes möchte ich Sabine Sieg begrüßen, die im letzten Jahr in beratender Funktion an der Entwicklung des Gedenkpfades beteiligt war, und Pfarrer Maillard von der evangelischen Kirchengemeinde Charlottenburg Nord, der den Erinnerungspfad zusammen mit mir initiiert hat. Sie werden uns etwas zur Geschichte der Gedenkstätte Plötzensee und zu der Idee des Gedenkpfads sagen. Zudem begrüße ich ganz herzlich Thomas Marin, den katholischen Seelsorger in den Justizvollzugsanstalten Plötzensee, der uns später auf unserem Weg etwas zu dem Gefängnis sagen wird. Dann machen wir einen langen Spaziergang durch die Kleingartenanlagen, wo der Frühling mit Macht Einzug hält. Ein weiterer Höhepunkt ist unser Besuch in der evangelischen Gedenkkirche Plötzensee, wo uns Pfarrer Maillard empfängt. Enden wird der Kiezspaziergang in der katholischen Gedenkkirche Maria Regina Martyrum, wo Schwester Teresia Benedikta auf uns wartet.

Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen den nächsten Kiezspaziergang ankündigen. Er findet, wie immer, am zweiten Samstag im Monat statt, das ist im Mai, der 11. Mai. Treffpunkt ist um 14 Uhr am südlichen U-Bahn-Ausgang Heidelberger Platz in Richtung Aßmannshauser Straße. Von dort aus gehen wir zur Lindenkirche und durch die „Schlange“ zum Mosse-Stift, wo uns Dr. Thuns, der Leiter des Jugendamtes, erwartet. Der Spaziergang endet in der Gartenarbeitsschule Ilse Demme, wo das Team der Gartenarbeitsschule mit einer Überraschung aufwartet. Nach dem Kiezspaziergang werde ich dann um 16:30 Uhr den diesjährigen Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz eröffnen.

Station 1: Gedenkstätte Plötzensee

BzBm R. Naumann mit Frau Sieg an der Gedenkstätte Plötzensee
BzBm R. Naumann mit Frau Sieg an der Gedenkstätte Plötzensee
Bild: BA CW, ML

Wir befinden uns hier in der Gedenkstätte Plötzensee, die 1952 eingeweiht wurde. In der Zeit des Nationalsozialismus war hier eine der zentralen Hinrichtungsstätten Während des Zweiten Weltkrieges waren in Plötzensee zudem zahlreiche ausländische Zwangsarbeiter inhaftiert. Zwischen 1933 und 1945 wurden im Gefängnis Plötzensee 2891 Menschen hingerichtet, von denen fast die Hälfte nicht aus Deutschland stammte.

Alles Weitere jetzt von Frau Sieg.

Vielen Dank, Frau Sieg!

Noch ein kleiner Hinweis: Das Strafgefängnis Plötzensee, zu dem das Gelände hier gehörte und das Sie auf der anderen Seite der Mauer sehen, wurde von 1868 bis 1879 gebaut. Wir hören nachher noch etwas dazu und werden demnächst einen eigenen Kiezspaziergang dorthin machen.
Wir verlassen nun das Gelände der Gedenkstätte, biegen links in den Hüttigpfad ein, gehen an der Gefängnismauer entlang und treffen uns an den zwei Schranken wieder.

Station 2: Hüttigpfad / vor der Gefängnismauer und den Kleingärten

Station 2.1: Hüttigpfad / Herkunft des Namens

Wir sind auf dem Hüttigpfad hierher gekommen. Wer war Richard Hüttig? Richard Hüttig wurde 1908 in Thüringen geboren und starb am 14. Juni 1934 in Plötzensee. Im Alter von 17 Jahren kam er nach Charlottenburg. Er war Mitglied der Roten Jungfront und der KPD und leitete die Häuserschutzstaffel Lange, die sich regelmäßig in der Gaststätte Titz in der Nehringstraße 4a traf. 1933 wurde er beschuldigt, den SS-Scharführer Kurt von der Ahé erschossen zu haben. Hüttig tauchte kurzfristig unter, wurde aber bei einer Razzia gefasst und im Gestapo-Gefängnis am Columbiadamm vor ein Sondergericht gestellt. Obwohl dem unbewaffneten Hüttig die Tat selbst nach Auffassung des Gerichts nicht nachzuweisen war, wurde er wegen schweren Landfriedensbruchs und versuchten Mordes im Juni 1934 hingerichtet. Richard Hüttig war eines der ersten Opfer des Nationalsozialismus.

Station 2.2: Emmy-Zehden-Weg

Auf dem Emmy-Zehden-Weg sind Sie wahrscheinlich von der Bushaltestelle gekommen. Der Weg ist nach der 1900 geborenen Widerstandskämpferin Emmy Zehden, geborene Windhorst, benannt.

Sie war von Beruf Zeitungsausträgerin und Mitglied der Vereinigung internationaler Bibelforscher, die sich später in Zeugen Jehovas umbenannten. Emmy Zehden und ihr Mann gehörten einer Gruppe an, die vom Tode bedrohte Kriegsdienstverweigerer in einer Gartenlaube in Gatow versteckten. Das Versteck wurde entdeckt und das Ehepaar Zehden verhaftet. Richard Zehden wurde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, Emmy Zehden wurde vom Volksgerichtshof wegen Wehrkraftzersetzung und Begünstigung des Feindes zum Tode verurteilt und 1944 hier hingerichtet.

Station 2.3: Justizvollzugsanstalt Plötzensee

Hinter diesen Mauern befinden sich die Justizvollzugsanstalt Plötzensee und die Jugendstrafanstalt Plötzensee. Teilweise befinden sie sich auf dem Gelände des ehemaligen preußischen Strafgefängnisses Plötzensee, das zwischen 1868 und 1879 für rund 1400 Gefangene gebaut worden war. Die Gesamtanlage mit Torhaus, Gefängnistrakten, Beamtenwohnhäusern, Küchenbauten, Kessel- und Maschinenhaus steht heute unter Denkmalschutz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den alten Gebäuden die Jugendstrafanstalt untergebracht, ehe diese 1987 an den Friedrich-Olbricht-Damm in neuerrichtete Gebäude zog. In der Jugendstrafanstalt gibt es 403 Haftplätze im geschlossenen Vollzug und 27 im offenen Vollzug. 1982 wurde gegenüber der Jugendstrafanstalt die Justizvollzugsanstalt Charlottenburg als Frauengefängnis gebaut, seit 1998 gibt es dort auch 210 Haftplätze für den offenen Vollzug. Mit dem Auszug der Jugendstrafanstalt wurde das alte Strafgefängnis Plötzensee zur Justizvollzugsanstalt Plötzensee für den geschlossenen und den offenen Männervollzug. Dort gibt es 369 Haftplätze im geschlossenen Vollzug und 90 Haftplätze im offenen Vollzug. Alles Weitere sagt Ihnen Herr Marin:

Vielen Dank, Herr Marin!

Wir gehen nun durch die Kleingärten und treffen uns wieder am Hecker- / Ecke Friedrich Olbricht-Damm.

Station 3: Hecker- / Ecke Friedrich-Olbricht-Damm

Station 3.1: Kleingärten am Friedrich-Olbricht-Damm

Über Kleingärten und ihren Sinn für Freizeit, Natur und Umwelt oder ihre Überflüssigkeit angesichts der Lage am Berliner Wohnungsmarkt wird zur Zeit heftig diskutiert. Einige Parzellen mussten bereits dem Wohnungsbau weichen. Dies galt in den 1950er-/60er-Jahren allerdings auch für den Bau der Paul-Hertz-Siedlung. Heute sind 83 % der Kleingärten nach dem alten Kleingartenentwicklungsplan dauerhaft als Dauerkleingärten oder durch Bebauungspläne als Grünflächen geschützt. Im November wurde für 6600 Parzellen auf landeseigenen Flächen der Bestandsschutz bis 2030 verlängert. Dazu gehört auch eine Kolonie in unserem Bezirk am Hohenzollerndamm. Derzeit wird ein neuer Kleingartenentwicklungsplan erarbeitet. Nach dem Entwurf wären nur noch die auf privaten Grundstücken liegenden Kleingärten von Räumung bedroht. Davon gehören 3000 der Deutschen Bahn. In Berlin gibt es mehr als 71.000 Schrebergärten auf 3% der Stadtfläche, diese sorgen für ein angenehmeres und gesünderes Stadtklima und Artenvielfalt mitten in der Stadt.

Station 3.2: Heckerdamm / Herkunft des Namens

Der Heckerdamm wurde 1950 nach dem Architekten Oswald Hecker benannt. Er lebte von 1869 bis 1921 und plante und baute den Ost- und den Westhafen von Berlin.

Station 3.3: Friedrich-Olbricht-Damm / Herkunft des Namens

Friedrich Olbricht wurde 1888 in Sachsen geboren. Er war Leiter des Wehrersatzamtes beim Oberkommando der Wehrmacht und Leiter des allgemeinen Heeresamt beim Oberkommando des Heeres. Er gehörte dem Widerstand um Ludwig Beck, Carl Friedrich Goerdeler und Henning von Tresckow an und war an den Planungen zum Attentat auf Hitler beteiligt. Claus Schenk Graf von Stauffenberg war einer seiner Mitarbeiter. Am Tage des Umsturzversuches löste Generaloberst Olbricht den für den Fall innerer Unruhen vorbereiteten „Walküre-Plan“ zur Mobilmachung des Ersatzheeres aus. Nach dem Scheitern des Attentats wurde Olbricht zusammen mit den anderen Attentätern in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1944 im Hof des Bendlerblocks standrechtlich erschossen.

Wir laufen jetzt weiter entlang des Erinnerungspfades durch die Kleingärten und treffen uns wieder vor dem Jugendclub Heckerdamm.

Station 4: Heckerdamm 208/210

Station 4.1: Heckerdamm 208 / Spielvereinigung Hellas-Nordwest 04

Die Spielvereinigung Hellas-Nordwest 04 wurde 1904 gegründet. 2004 haben wir noch den 100. Geburtstag des Kiezvereins gegründet. 1965 wurde Türkspor Berlin 1965 gegründet. Im Dezember 2017 fusionierte die beiden Vereine und heißen nun Türkspor Berlin. Türkspor Berlin spielt in der Berlin-Liga. Auf dem Gelände gibt es noch einen Rasenplatz. Es wird überlegt, einen Kunstrasenplatz anzulegen, um zu einer größeren Nutzungsintensität zu kommen. Denn mittelfristig werden durch den geplanten Wohnungsbau im Halemweg Sportflächen wegfallen.

Station 4.2: Heckerdamm 210 / Jugendclub

Der Jugendclub Heckerdamm bietet Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Familien zahlreiche Freizeitaktivitäten an. So gibt es Tanzkurse, natürlich alle möglichen Arten von Sport, aber auch Kochen, Medienkompetenz, Computerkurse, Fahrradreparaturkurse usw. Es gibt eine große Küche, einen PC-Raum, Werkstätten und einen Veranstaltungssaal. Hinter dem Haus sind ein Beach-Volleyball-Feld und ein Platz zum Feuermachen. Mit anderen Worten Jugendliche können sich hier gut mit interessanten Angeboten die Zeit vertreiben und dabei auch etwas lernen.

Wir gehen nun ein Stückchen weiter bis zur Ecke Reichweindamm.

Station 5: Hecker- / Ecke Reichweindamm

Station 5.1: Paul-Hertz-Siedlung

Die Paul-Hertz-Siedlung wurde von 1960 bis 1965 nach Plänen von Wils Ebert, Werner Weber und Fritz Gaulke auf ehemaligem Kleingartenland für die GEWOBAG errichtet. Der Wohnungsbau hier in Charlottenburg-Nord sollte die Wohnungsnot der Nachkriegszeit beheben. Die Paul-Hertz-Siedlung galt als ein Musterbeispiel für die „aufgelockerte Stadt“. Das heißt: Die Häuser stehen nicht direkt an der Straße, sondern eher versteckt im Grünen. In den achtstöckigen Häusern gibt es mehr als 2.600 Wohnungen. Es sind überwiegend kleinere Wohnungen zwischen 1 ½ und 3 Zimmern. Die durchschnittliche Wohnungsgröße beträgt 65 qm. In der Paul-Hertz-Siedlung leben rund 3000 Mieter, davon sind 1400 Kinder und Jugendliche.

Wegen der Luftsicherheit verlangte die alliierte Flugsicherheitsbehörde, die ursprünglich geplanten 13 Stockwerke auf 8 zu reduzieren. Nach dem Abzug der Alliierten wurden von 1993 bis 1996 viele Gebäude trotz heftigster Mieterproteste aufgestockt.

Die Siedlung schließt an die seit 1929 entstandene Siedlung Siemensstadt in Charlottenburg-Nord auf der anderen Seite des Kurt-Schumacher-Damm an.
Die Paul-Hertz-Siedlung wurde nach dem SPD-Politiker Paul Hertz benannt, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg für den Wiederaufbau im damaligen West-Berlin eingesetzt hatte. Der 1887 geborene Paul Hertz trat 1905 in die SPD ein und war von 1920 bis 1933 Mitglied des Reichstages. Er emigrierte 1933 und engagierte sich in den USA im Council for a Democratic Germany, in dem linksbürgerliche Demokraten, Sozialistinnen und Christen beider Konfessionen sowie eine Anzahl namhafter Schriftstellerinnen, Künstler und Wissenschaftlerinnen aktiv waren und für ein demokratisches Nachkriegsdeutschland kämpften. Ernst Reuter holte ihn 1949 nach Berlin zurück. Hertz hatte bis zu seinem Tod mehrere Senatorenposten inne: Marshall-Plan und Kreditwesen, Wirtschaft und Finanzen. Als Senator war er auch für das Berliner Notstandsprogramm zuständig. Er starb 1961 und hat ein Ehrengrab auf dem Waldfriedhof Zehlendorf.

Weil sich das Viertel in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte Plötzensee befindet, wurden fast alle Straßen nach Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern benannt. Die meisten der hier auf den Straßenschildern geehrten Widerstandskämpfer und –kämpferinnen wurden in Plötzensee hingerichtet. Deswegen gab es Streit zwischen dem Senat und dem Bezirk, denn der Senat war gegen die Straßenbenennung nach Widerstandskämpfer*innen. Letztendlich konnte sich der Bezirk durchsetzen.

Station 5.2: Reichweindamm / Herkunft des Namens

Der Reichweindamm wurde nach Adolf Reichwein benannt, der 1898 in Ems geboren wurde. Reichwein war ein bedeutender Reformpädagoge und Kulturpolitiker der SPD. In den 1920er-Jahren war Reichwein in Berlin und in Thüringen in der Bildungspolitik und der Erwachsenenbildung tätig. Er gründete und leitete die Volkshochschule und das Arbeiterbildungsheim in Jena. Danach war er Leiter der Pressestelle und persönlicher Referent des preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker. Von 1930 bis 1933 war Reichwein Professor an der Pädagogischen Akademie Halle. 1933 wurde er entlassen. Daraufhin ging er nach Tiefensee und machte in einer Einklassen-Schule bis 1938 viel beachtete Unterrichtsversuche. Er experimentierte mit Arbeitspädagogik, Projektarbeit, handlungsorientiertem Unterricht, Unterricht beim Wandern und richtete einen Schulgarten ein, auch den Film bezog er in seinen Unterricht ein. Ab 1939 war Reichwein dann Museumspädagoge am Staatlichen Museum für deutsche Volkskunde.

Reichwein gehörte der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis an und wäre, hätte ein Attentat Erfolg gehabt, Kultusminister geworden. Bei einem Treffen mit der KPD hatte sich ein Spitzel eingeschleust, auf dessen Betreiben hin Reichwein von der Gestapo verhaftet wurde. Am 20. Oktober 1944 wurde er in Plötzensee hingerichtet.

Station 5.3: Heckerdamm 221 / Helmuth-James-von-Moltke-Grundschule

Die gebundene Ganztagsgrundschule am Heckerdamm 221 wurde bei ihrer Eröffnung 1966 nach dem Juristen und Landwirt Hellmuth James Graf von Moltke benannt. Er wurde 1907 im schlesischen Kreisau geboren. Er war Gründer und Mittelpunkt des Kreisauer Kreises, einer Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten. Als tief religiöser evangelischer Christ war Moltke einerseits entschieden gegen das NS-Unrechtsregime, aber auch gegen ein Attentat auf Hitler. Er wollte deshalb keine Zusammenarbeit mit Widerstandsgruppen, die auf einen gewaltsamen Umsturz hinarbeiteten. Moltke verhalf jedoch dem letzten, sechsten Flugblatt der Weißen Rose zu großer Wirkung, indem er es im März 1943 nach Skandinavien schmuggelte. Der Text wurde in Oslo übersetzt und in den Medien Norwegens und Schwedens verbreitet. Im Juli 1943 ließ die britische Armee bei ihren Bombeneinsätzen Fotokopien des Flugblatts über Deutschland abwerfen. Moltke wurde im Januar 1944 von der Gestapo verhaftet und ein Jahr später in Plötzensee hingerichtet. Hier ein Zitat aus einem seiner letzten Briefe an seine Söhne:

… ich habe mein ganzes Leben lang, schon in der Schule, gegen einen Geist der Enge und der Gewalt, der Überheblichkeit und der mangelnden Ehrfurcht vor Anderen, der Intoleranz und des Absoluten, des erbarmungslos Konsequenten angekämpft, der in den Deutschen steckt und der seinen Ausdruck in dem nationalsozialistischen Staat gefunden hat.

Wir gehen nun weiter zum evangelischen Gemeindezentrum Plötzensee.

Station 6: Heckerdamm 226 / Evangelische Gedenkkirche Plötzensee

Pfarrer Maillard in Evangelischen Gedenkkirche Plötzensee
Pfarrer Maillard in Evangelischen Gedenkkirche Plötzensee
Bild: BA CW, ML

Ich begrüße noch einmal ganz herzlich Pfarrer Maillard und freue mich sehr, dass mein Vorschlag zur touristischen Aufwertung des Charlottenburger Nordens als Gedenkregion von ihm aufgegriffen wurde und wir gemeinsam den „Pfad der Erinnerung“ verwirklichen konnten. Was noch fehlt, sind die Stelen mit den Texten.

Mitte der 1960er-Jahre wurde, wie vorhin gesagt, die Paul-Hertz-Siedlung gebaut. Für die Evangelische Kirchengemeinde Charlottenburg-Nord war dies der Anlass, ein zweites Gemeindezentrum zu bauen. Begonnen wurde es 1968, Architekten waren Gerd Neumann, Dietmar Grötzebach und Günther Plessow. Die Kirche ist eine Vierflügelanlage aus Stahlbeton. Der Kirchenraum ist quadratisch, der Altar steht in der Mitte. Darüber ist eine Dachöffnung, die die Verbindung zum Himmel herstellt. Es sollte zuerst auch einen frei stehenden Glockenturm geben, der dann aber nicht mehr gebaut wurde. Stattdessen wird nun der Campanile der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum als ökumenischer Turm von beiden Gemeinden genutzt.

Von 1963 an war mein Vater hier Gemeindepfarrer. Er wollte, dass die Kirche des neuen Gemeindezentrums eine Gedächtniskirche für die Opfer der Hinrichtungsstätte Plötzensee wird. Und mein Vater konnte tatsächlich den Wiener Künstler Alfred Hrdlicka für die künstlerische Gestaltung der Kirche gewinnen. Alfred Hrdlicka wurde 1928 in Wien geboren und starb dort 2009. Er ist ein international bekannter Künstler, der lange Professor in Stuttgart, aber auch in Berlin und Hamburg und zum Schluss in seiner Heimatstadt Wien war. Hrdlicka nahm das Motiv der mittelalterlichen Totentänze auf und fertigte bis zur Einweihung der Kirche 1970 12 Holztafeln. Die vier weiteren Tafeln wurden zwei Jahre später aufgehängt. Das Motiv der Totentänze entstand im 14. Jahrhundert, als Europa von großen Katastrophen heimgesucht wurde: Vor allem der Pest und des hundertjährigen Kriegs zwischen England und Frankreich. Hrdlicka verweist damit auf die Bedrohung der Menschen und Völker durch Gewalt, Macht und Willkür. Auf fast allen Tafeln sind zwei Rundfenster zu sehen sowie der Stahlträger mit den Eisenhaken als Hinweis auf die Hinrichtungsstätte Plötzensee, wo unser Kiezspaziergang seinen Ausgang genommen hat.

Hrdlickas Werk ist in der Kunstgeschichte die erste Totentanzdarstellung im Hauptraum einer Kirche; gleichzeitig ist es die erste völlige Neuschöpfung eines monumentalen Totentanzes im 20. Jahrhundert. Die einzelnen Tafeln wird Ihnen nun Pfarrer Maillard erläutern.

Herzlichen Dank, Pfarrer Maillard!

Übrigens hat am 10. März eine Einzelausstellung von Alfred Hrdlicka im Käthe-Kollwitz-Museum begonnen. Sie heißt Auf den Barrikaden und wie Sie sehen ist Hrdlicka ein Künstler, den Sie auf keinen Fall verpassen sollten. Die Ausstellung im Käthe-Kollwitz-Museum geht noch bis 2. Juni.

Wir gehen nun weiter in die Gedenkkirche Maria Regina Martyrum.

Station 7: Heckerdamm 232 / Gedenkkirche Maria Regina Martyrum

BzBm R. Naumann mit Schwester Benedikta auf dem Hof der kath. Gedenkkirche Maria Regina Martyrum
BzBm R. Naumann mit Schwester Benedikta auf dem Hof der kath. Gedenkkirche Maria Regina Martyrum
Bild: BA CW, ML

Ich freue mich sehr, dass die Schwesternschaft des Karmel-Klosters uns eingeladen hat, ihre Kirche Maria Regina Martyrum zu besichtigen und dass Schwester Teresia Benedikta sich die Zeit nimmt, uns ihre Kirche zu zeigen und zu erläutern. Herzlichen Dank dafür!

Die katholische Kirche Maria Regina Martyrum wurde 1960 bis 1963 von den Würzburger Architekten Hans Schädel und Friedrich Ebert gebaut und am 5. Mai 1963 zur „Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit aus den Jahren 1933-1945” geweiht. Seither ist Maria Regina Martyrum die zentrale Gedächtniskirche der deutschen Katholiken für die Opfer des Nationalsozialismus.

12 Schwestern aus dem 1964 in Dachau gegründeten Karmel-Kloster Heilig Blut gründeten am 29.5.1982 das Kloster Karmel Regina Martyrum. Von 1983 bis 1984 baute Theo Wieland den neuen Wohntrakt und das Gemeinschaftshaus für das Kloster. Außerdem wurde ein älteres Gemeindehaus auf dem Gelände der Kirche umgebaut. Wie auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau beschäftigen sich auch die Ordensschwestern in Berlin mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Das Kloster weist also auf den Zusammenhang zwischen dem KZ Dachau und der Hinrichtungsstätte Plötzensee hin. Die Pfarrei Maria Regina Martyrum wurde 1982 zugunsten des Klosters aufgegeben.

Nun aber möchte ich das Mikrofon Schwester Teresia Benedikta geben, die uns sicher noch Vieles zum Kloster und der Kirche sagen kann.

Vielen Dank, Schwester Teresia Benedikta!

Hier endet unser Kiezspaziergang. Es bleibt mir nur noch Ihnen einen guten Nachhauseweg zu wünschen und Sie noch einmal an den Treffpunkt unseres nächsten Kiezspaziergangs am Samstag, den 11. Mai, zu erinnern. Wir sehen uns um 14 Uhr am südlichen U-Bahn-Ausgang am Heidelberger Platz in Richtung Aßmannshauser Straße. Tschüss, bis zum nächsten Mal!