206. Kiezspaziergang am 09.02.2019 mit Bezirksbürgermeister Naumann

Vom Bismarckplatz bis zur Sankt-Karl-Borromäus-Kirche

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206. Kiezspaziergang Karte
Bild: BA CW, ML

Treffpunkt: Wartehalle Bismarckplatz
Länge : ca. 1,9 km

Herzlich willkommen zu unserem 206. Kiezspaziergang. Wir gehen heute als erstes zum Umweltbundesamt und spazieren danach durch die Bismarckallee zum St.-Michaels-Heim und Jugendgästehaus mit der Johannischen Kirche. Auf dem Weg dorthin werden wir auf einige prächtige Grunewald-Villen stoßen. Nach der Bismarckbrücke biegen wir dann in die Delbrückstraße ein, wo sich die Grunewald-Grundschule befindet und Walter Benjamin gewohnt hat. Unser Kiezspaziergang endet in der katholischen Sankt-Karl-Borromäus-Kirche.
Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen aber den Treffpunkt des nächsten Kiezspaziergangs mitteilen, der sich, wie immer im März, vor allem mit dem Thema Frauen in Charlottenburg-Wilmersdorf beschäftigt. In diesem Jahr können wir uns ja über einen neuen Feiertag freuen, das Abgeordnetenhaus hat den 8. März als Internationalen Frauentag zum permanenten Feiertag bestimmt. Der März-Spaziergang am Samstag, den 9.3.2019, beginnt um 14 Uhr und wird von meiner Kollegin Bezirksstadträtin Schmitt-Schmelz durchgeführt, da ich im Thailand-Urlaub weilen werde. Treffpunkt ist am Steinplatz, und zwar an der Ecke Uhlandstraße. Von dort geht es durch die Uhlandstraße zum Stilwerk in der Kantstraße. Sie werden Spannendes über die Künstlerin Jeanne Mammen hören und am Schluss von der neuen Direktorin des Käthe-Kollwitz-Museums, Frau Dr. Gabler, im Museum empfangen werden.

Station 1: Bismarckplatz / Herkunft des Namens

Der Bismarckplatz heißt, wie ja fast alle wissen, nach dem ersten Reichskanzler Otto von Bismarck, der am 1.4.1815 in Schönhausen geboren wurde und am 30.7.1898 in Friedrichsruh starb. Otto von Bismarck stand als Ministerpräsident von Preußen hinter den drei deutschen Einigungskriegen, an deren Ende die Gründung des Deutschen Kaiserreichs stand. Der deutsch-dänische Krieg von 1864 führte zu der Eingliederung Schleswigs, Holsteins und Lauenburgs ins Deutsche Reich. Der preußisch-österreichische Krieg entstand aus der Rivalität von Österreich und Preußen im Deutschen Bund. Österreich als Präsidialmacht wollte seine Stellung behalten, Preußen wollte den Deutschen Bund in einen Bundesstaat umwandeln. Preußen gewann den Krieg und gründete daraufhin 1867 den Norddeutschen Bund als Vorstufe des Deutschen Reichs. 1870/71 folgte der deutsch-französische Krieg, der mit einer Schwächung Frankreichs endete. Nach diesen drei Kriegen stellte Bismarck fest: „Das Reich ist saturiert“, und lehnte weitere Feldzüge ab. Während des deutsch-französischen Krieges verhandelten Bismarck und sein enger Mitarbeiter Delbrück mit den zögerlichen süddeutschen Ländern, um sie dann erfolgreich zu einem Beitritt zum Norddeutschen Bund zu bewegen. Bismarck verfasste selbst den sogenannten Kaiserbrief, mit dem Ludwig II. von Bayern Wilhelm I. um die Annahme der Kaiserkrone bat. Dafür bekam Ludwig II. von Bismarck unter strenger Geheimhaltung aus einem Fonds eine jährliche Zuwendung von 300.000 Mark. Nur mit Mühe gelang es Bismarck allerdings, König Wilhelm zur Annahme des Kaisertitels zu bewegen, da dieser einen Bedeutungsverlust des preußischen Königtums befürchtete. Am 18. Januar 1871 kam es im Spiegelsaal von Versailles zur „Kaiserproklamation“ und damit zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Der deutsch-französische Krieg endete offiziell am 10. Mai 1871.

Station 1.1: Wartehalle

Das älteste Gebäude auf dem Bismarckplatz ist die kleine Wartehalle von 1902, an der sicher viele von Ihnen ausgestiegen sind. Die Gemeinde Grunewald hatte mit dem Entwurf des Häuschens Carl Lange beauftragt, der die Villenkolonie Grunewald mitbegründet hatte und eine Zeit lang auch Gemeindevorsteher war. Bei der Architektur dieses Baus wurde versucht, sich an die gängige Landhausarchitektur anzulehnen, ähnlich wie beim Empfangsgebäude des S-Bahnhofes Grunewald. In dem Gebäude waren zudem ein Kiosk, eine Toilette und ein Schuppen untergebracht.

Station 1.2: Bismarck-Denkmal

Das Bismarck-Denkmal auf der anderen Seite des Platzes ist eine Nachschöpfung von Harald Haacke, weil das Original im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurde. Das Original stammte von dem Bildhauer Max Klein und wurde 1897 geschaffen. Die Bronzefigur ist 2,6 m hoch und stellt den Reichskanzler in Zivil mit Hut und Stock dar. Neben ihm sitzt seine Dogge. Auf dem 2 m × 2 m × 2,2 m großen Sockel ist folgende Inschrift angebracht:
DEM FÜRSTEN OTTO VON BISMARCKDIE DANKBARE KOLONIE GRUNEWALD.

Wir gehen nun in den Hof des Umweltbundesamts.

Station 2: Bismarckplatz 1 / Umweltbundesamt

Umweltbundesamt
Das Umweltbundesamt
Bild: BA-CW,ML

Das Umweltbundesamt ist die zentrale deutsche Umweltbehörde und gehört zum Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Es wurde 1974 gegründet. Bis 2005 war der Hauptsitz des Umweltbundesamt hier am Bismarckplatz, dann wurde er auf Grund des Hauptstadtbeschlusses des Deutschen Bundestags nach Dessau in Sachsen-Anhalt verlegt. Das Umweltbundesamt unterstützt die Bundesregierung mit wissenschaftlichen Gutachten, es informiert die Öffentlichkeit zum Umweltschutz und überwacht den Vollzug von Umweltgesetzen, zum Beispiel den Emissionsrechtehandel, die Zulassung von Chemikalien, Arznei- und Pflanzenschutzmittel und vieles mehr. Neben interner Forschung, unter anderem in eigenen Laboren, vergibt das Umweltbundesamt auch Forschungsaufträge an wissenschaftliche Einrichtungen und Institute. Gemäß Grundgesetz sind die Zuständigkeiten für den Umweltschutz zwischen Bund und Ländern aufgeteilt. Auf einigen Gebieten ist der Umweltschutz Bundessache und auf anderen Gebieten hat er nur die Befugnis der Rahmengesetzgebung für die Länder. Im Umweltbundesamt sind ca. 1600 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt.

Das Gebäude wurde 1935-1937 als Dienstgebäude für die Reichsleitung des Reichsarbeitsdienstes von Kurt Heinrich Tischer entworfen. Ich zitiere hier aus der Denkmaldatenbank des Landes Berlin:

Der monumentale Verwaltungsbau gehört aufgrund seiner Bestimmung und Ausdehnung zu den singulären Bauten der Kolonie. Die Wahl der stadtfernen Lage in Grunewald wurde mit der Besonderheit des Arbeitsdienstes begründet. Die Dienststelle sollte “draußen im Walde”, “breit und aufgelockert” errichtet werden und in der Formgebung “den altpreußischen Bauten Berlins und Potsdams” folgen. Tradition und Seriosität prägten den Kasernenstil der Architektur, deren Hauptfront auflagengemäß nicht zur Koenigsallee wirken durfte, sondern sich zum Innenhof entwickeln mußte, [was hier auch gut zu sehen ist]. […] Zunächst war der westliche Bau bis etwa zur halben Länge der Seitenflügel eine Dreiflügelanlage, in deren Mitteltrakt zum Hof hinter hohem Mittelrisalit die zentrale Eingangshalle, darüber ein großer Tagungssaal lagen. Als sich im zweiten Bauabschnitt die Anlage kreissegmentförmig schloß, wurden auch städtebauliche Akzente zum Bismarckplatz gesetzt: konkave Platzwand mit säulenbesetzter Durchfahrt und Vorplatz, dessen Pflasterung sich auf die Architektur bezieht. […]

Station 3: Vorplatz des Umweltbundesamtes

Die Brunnenskulptur Elementenblock aus Bronze von Emanuel Scharfenberg wurde 1983 vor dem Gebäude des Umweltbundesamt aufgestellt.

Die Brunnenskulptur
Die Brunnenskulptur
Bild: BA-CW,ML

Bevor wir nun weitergehen und uns diesen Teil der Villenkolonie Grunewald erarbeiten, möchte ich Ihnen generell etwas zur Geschichte der Villenkolonie erzählen und werde mich dabei hauptsächlich auf den langen Aufsatz auf unserer Website von Herrn Metzger beziehen. Er ist als Vorgänger von Frau Lübcke noch in bester Erinnerung. Ich zitiere:

Wahrscheinlich war die Villenkolonie Grunewald als “Millionärskolonie” die spektakulärste Wohnsiedlung Berlins. Sie zog Staunen, Verwunderung, Neid, Hass oder Verachtung auf sich, kalt ließ sie niemanden. Schon der Gassenhauer, der ihre Entstehung begleitete, bringt die ambivalenten Reaktionen der Berliner zum Ausdruck: “Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion”. Auch damals war es höchst unpopulär, für die Anlage einer Wohnsiedlung Bäume zu fällen, und der Grunewald war in Berlin als Erholungsgebiet sakrosankt. Auf dem Situationsplan von 1888 sehen sie den Grunewald und zwischen Halensee und Hundekehlesee östlich der Eisenbahnlinie das Gebiet der geplanten Villenkolonie. […]

Beginnen wir von vorne, und das heißt: am Kurfürstendamm. Als Bismarck 1871 nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs aus Paris zurückkam, wollte er in Berlin etwas Ähnliches haben wie es die Champs-Élysées in Paris darstellten, einen prachtvollen Boulevard, der vom städtischen Zentrum in einen grünen Wald führte. Der Kurfürstendamm schien dafür wie geschaffen. […] Aber trotz des Reichskanzlers persönlichen Einsatzes war der Umbau des Kurfürstendammes nicht leicht zu realisieren, denn er musste privat finanziert werden, und private Geldgeber waren am Ausbau einer Prachtstraße, die in den Wald führte, nicht interessiert. Am Ende gelang es, unter Führung der Deutschen Bank eine Kurfürstendamm-Gesellschaft zu gründen, die bereit war, den Kurfürstendamm mit einer Breite von 53 m auszubauen, also immerhin halb so breit wie die Champs Èlysées – allerdings nur unter der Bedingung, dass sie das Vorkaufsrecht auf das 234 ha Grunewaldgelände am westlichen Ende des Kurfürstendammes erhielt und dort eine Villenkolonie anlegen durfte. Die Kolonie Grunewald war also das Ergebnis eines mühsam ausgehandelten Koppelgeschäfts, und weder der Berliner Magistrat noch die Forstverwaltung waren damit einverstanden. Aber Bismarck hatte den Verkauf durch den preußischen Fiskus durchgesetzt.

Die Erschließung der 234 ha Grunewald begann 1889, als die, ich zitiere wieder:

zusätzlich zum natürlichen Halensee im Norden und Hundekehlesee im Süden der künftigen Kolonie vier künstliche Seen angelegt [wurden]: Dianasee, Koenigssee, Herthasee und Hubertussee. Damit wollte man das sumpfige Gelände trockenlegen, Brackgewässer vermeiden und wertvolle Seegrundstücke schaffen. […]

Noch im gleichen Jahr [nämlich 1889] bot die Kurfürstendamm-Gesellschaft die ersten baureifen Grundstücke an. In den folgenden Jahren vermarktete sie sowohl ihr Baugelände am Kurfürstendamm als auch das in der Villenkolonie mit hohem Gewinn.

Hier eine Einschätzung von Paul Voigt aus dem Jahr 1901, zitiert aus dem Artikel von Karlheinz Metzger zur Villenkolonie:

In der Villenkolonie Grunewald ist eine Luxusstadt entstanden, die in Europa wohl ihresgleichen sucht, und die – allerdings nur den oberen Klassen – die denkbar vollkommenste Befriedigung des Wohnbedürfnisses ermöglicht. Sie ist aber gleichzeitig eine der größten Sehenswürdigkeiten der Reichshauptstadt geworden, deren landschaftliche und architektonische Schönheiten sich zu einem Bilde von höchstem malerischen Reize vereinigen, das an heiteren Sommertagen viele Tausende hinauslockt. Die zahlreichen, prachtvollen Landhausbauten mit ihrer bunten Mannigfaltigkeit der Stilarten haben der Berliner Baukunst neue Impulse gegeben und üben einen nicht gering zu schätzenden Einfluß auf die Verfeinerung des künstlerischen Geschmackes aus […]

Nun weiter mit Karlheinz Metzger:

Die Villenkolonie Grunewald bot reichlich Raum für individuelle Gestaltung. Von kleinen Einfamilienhäusern und Mietvillen bis zu schlossartigen Großvillen mit ausgedehnten Parks auf bis zu 80.000 qm großen Seegrundstücken war alles möglich. Die architektonische Gestaltung war frei. Allerdings wurden bereits im Kaufvertrag zwischen der Oberförsterei Grunewald und der Kurfürstendamm-Gesellschaft strenge Auflagen für eine landhausmäßige Bebauung festgelegt.
Scharfenberg kennen wir bereits als Urheber der Magnus-Hirschfeld-Gedenkstele in der Otto-Suhr-Allee.

Diese Bestimmungen waren […] flexibel genug, um eine große architektonische Vielfalt zu ermöglichen. Manche Bauherren und Architekten wurden durch die Bestimmungen zu kreativen Höchstleistungen angespornt, wenn es etwa darum ging, die maximal zugelassenen drei Geschosse auch maximal zu nutzen, etwa durch eindrucksvolle Turmgestaltungen oder extensive Dachausbauten.

Wer wohnte also nun in diesen Villen? Wenn wir die prominenten Bewohner Revue passieren lassen, an die heute zum Teil mit Gedenktafeln erinnert wird, dann waren das Bankiers und bedeutende Mäzene wie Felix Koenigs, Carl Fürstenberg, Robert und Franz von Mendelssohn, Verleger und Intellektuelle wie Samuel Fischer, die Brüder Franz, Hermann, Louis und Hans Ullstein, Alfred Kerr, Maximilian Harden und Walther Rathenau, Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, Vicki Baum und Lion Feuchtwanger, Wissenschaftler wie Max Planck, Adolf von Harnack, Werner Sombart, Hans Delbrück, Karl Abraham, Karl Bonhoeffer und Ferdinand Sauerbruch, Film- und Theaterleute wie Max Reinhardt, Albert Bassermann, Friedrich Murnau, Isadora Duncan und Engelbert Humperdinck.

Diese Zusammensetzung führte zu einem großzügigen und intellektuellen gesellschaftlichen Leben, was durch die Nationalsozialisten beendet wurde. Viele Einwohner und Einwohnerinnen mussten fliehen oder wurden ermordet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in manchen Villen öffentliche Institutionen eingerichtet, wie zum Beispiel: das Wissenschaftskolleg in der Wallotstraße, die Europäische Akademie in der Bismarckallee, um nur zwei zu nennen.

Und noch einmal Karlheinz Metzger:

Heute sind die vielfältigen Spuren der Zerstörung ihres ursprünglichen Charakters unübersehbar: Auf den großen Seegrundstücken wurden zum Teil in den 50er- und 60er-Jahren Sozialwohnungen in Reihenhäusern errichtet. An vielen Stellen wurden Grundstücke geteilt und die Bebauung verdichtet, häufig mit hässlichen Flachbauten. Seit den 80er-Jahren konnte mit den vereinten Kräften des Denkmalschutzes und des Bezirksamtes die Restaurierung vieler Villen und Villengärten erreicht werden, und auch beim Neubau können inzwischen anspruchsvollere ästhetische Vorstellungen von Villenarchitektur beobachtet werden. Aber nach wie vor besteht ein großer Druck, die teuren Grundstücke durch Gewerbeansiedlung gewinnbringend zu nutzen. In manchen Fällen konnten Villen, wie wir gleich noch sehen werden, durch die Einrichtung von Botschaftsresidenzen gerettet und neu belebt werden.

Wir gehen nun in die Bismarckallee und treffen uns vor der Hausnummer 7 wieder.

Station 4: Bismarckallee 7

Station 4.1: Bismarckallee 7 / Fiedler, Erich / Oswald, Richard

In dem Vorgängerbau wohnte Erich Fiedler, ein Schauspieler und Synchronsprecher, der 1901 in Berlin geboren wurde und 1981 auch dort starb. Fiedler spielte ab 1933 in mehr als hundert Filmen mit und war ab 1935 bis 1976 zudem Synchronsprecher in bedeutenden Filmklassikern, wie zum Beispiel Tanz der Vampire oder Der Hund von Baskerville.

Der Hund von Baskerville spielte auch für einen weiteren Bewohner der Bismarckallee 7 eine Rolle: Richard Oswald schrieb das Drehbuch. Oswald wurde 1880 in Wien geboren und kam wie viele seiner Kollegen aus der gleichen Generation vom Theater zum Film. 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs drehte Oswald den Antikriegsfilm Das eiserne Kreuz, der sofort verboten wurde. Oswald gilt auch als Begründer des Aufklärungsfilms. Unter Beteiligung des Sexualforschers Magnus Hirschfeld widmete er sich gegen Ende des Ersten Weltkrieges bisher tabuisierten Themen, so zum Beispiel 1919 der Homosexualität in Anders als die Andern. Es werde Licht! ist ein Aufklärungsfilm von 1917/18 über Geschlechtskrankheiten. Oswald konnte bei diesen Filmen auf bekannte Schauspieler wie Conrad Veidt und Anita Berber zurückgreifen.

1919 erwarb Oswald das Prinzeß-Theater in der Kantstraße 163, das er als „Richard-Oswald-Lichtspiele“ bis 1926 fortführte. Er drehte auch einen der ersten Horrorfilme Unheimliche Geschichten. 1925 gründete er die Nero-Film-AG, bei der z.B. Fritz Lang seine Filme M und Das Testament des Dr. Mabuse drehte oder Georg Wilhelm Pabst Die Büchse der Pandora und Westfront 1918. Oswald schaffte den Sprung ins Tonfilmzeitalter. Seine Karriere war mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten beendet. Als Jude emigrierte er mit seiner Familie in die USA. Dort realisierte er nur noch gelegentlich Filme. Er starb bei einer Deutschlandreise 1963.

Station 4.2: Bismarckallee 2a

Auf der gegenüberliegenden Seite links ist die Botschaft von Laos. Laos ist ein Staat auf der indochinesischen Halbinsel und der einzige Binnenstaat in Südostasien. Laos hat etwa 7 Millionen Einwohner*innen und liegt am Mekong. Seit der Machtergreifung der marxistisch-leninistischen Laotischen Revolutionären Volkspartei (LRVP) 1975 ist Laos ein Einparteienstaat und damit einer der fünf Staaten unter Führung einer kommunistischen Einheitspartei, die den Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen zwischen 1989 und 1991 überdauert haben.

Wir gehen nun weiter, biegen am Johannaplatz links ab und treffen uns an der Ecke Herbertstraße wieder.

Station 5: Johanna-Platz 3 / Ecke Herbertstraße

Johanna-Platz, Herbertstraße
Johanna-Platz, Herbertstraße
Bild: BA-CW,ML

Station 5.1: Johanna-Platz

Der Johannaplatz ist ein sechseckiger Platz mit sechs Straßeneinmündungen. Er wurde 1890 eingerichtet und sollte eigentlich der Kirchplatz für die Villenkolonie werden. Die Gestaltung erfolgte 1896 vom Königlichen Garteninspektor Röhr mit Gruppen aus Laub- und Nadelbäumen, die weitgehend erhalten sind. Zudem gibt es halbkreisförmige Sitzplätze. Der Name Johannaplatz kommt von der Gattin von Otto von Bismarck, die mit Vornamen Johanna hieß.

Station 5.2: Bismarckallee 10 / Villa Arons

Wir wenden uns nun zuerst der Villa Arons auf der Südseite des Platzes zu. Sie wurde von 1890 bis 1891 von dem Architekten Hermann Solf entworfen. Bauherr war Sigismund Arons. Die Denkmaldatenbank hat zu dieser Villa folgendes vermerkt:

Das Spektrum der Grunewalder Architektur bewegt sich zwischen Deutscher Renaissance und konservativer Moderne. Zu den längst anerkannten und in hohem Ansehen stehenden Architekten gehörte Hermann Solf (1856-1909), der […] ein versierter Vertreter der Deutschen Renaissance war. Fast dogmatisch verwandte er in seinem ersten Bau von 1890, dem Landhaus Arons in der Bismarckallee 10, die Zitate von Staffelgiebel, Erker und Loggia. Auch Details wie das dekorative Schmiedeeisenwerk oder die natursteinernen Fensterrahmungen sind dieser Epoche deutscher Architektur verpflichtet. Da das Ortsstatut nur zwei volle Wohngeschosse erlaubte, legte Solf die Küche im Kellergeschoß an; Diele, Salon, Speisesaal und Herrenzimmer im Erdgeschoß entsprachen dem Repertoire der Villenarchitektur.

Station 5.3: Johannaplatz 3 / Villa Hartmann

Die Villa Hartmann links davon wurde etwas später, nämlich von 1907 bis 1908, von dem Architekten Carl Kühn entworfen. Bauherr war Konrad Hartmann. Dazu schreibt das Landesdenkmalamt:

[…] Wie das Landhaus Arons ist sie auf den Platz bezogen und wirkt zugleich in die Nebenstraßen hinein, doch nicht mehr in der Bewegtheit deutscher Renaissanceformen, sondern in den nach Monumentalität strebenden Formen des strengen Klassizismus, die um 1905 an Einfluß gewinnen: Über einem extrem hohen Sockelgeschoß erhebt sich ein steil proportionierter zweigeschossiger Putzkubus mit Dachbalustrade und kräftigem Nordostturm; die Fassade ist, je nach Bedeutung, mit Kolossalordnung und Giebelmotiv bzw. – in der Nebenstraße – mit Altan und Dachhaus gegliedert.

Nächster Halt ist in der Bismarckallee gegenüber der Hausnummer 13.

Station 6: Bismarckallee 13 und 13 A / Villa Griebenow

Ein Charakteristikum der Villenkolonie war unter anderem die malerische Gruppierung einzelner Gebäudeteile einer Villa auf unterschiedlichen Höhenlagen, was man hier bei der Villa in der Bismarckallee 13 und 13 a gut sehen kann. Die eigentliche Villa steht allerdings nicht mehr. Sie wurde im Krieg zerstört und danach durch ein mehrstöckiges Mietshaus ersetzt. Vorhanden sind aber noch das Belvedere, das Pförtnerhaus und der Zaun. Architekt war Ludwig Otte, der das Anwesen für Hermann Graf von Griebenow 1902 erbaute. Graf von Griebenow wollte das Belvedere mit gegen das Wetter geschützten Sitzplätzen an der lebhaften Hauptstraße der Kolonie zum „Auslug“ haben. Das Pförtnerhaus daneben wurde 1903 von Emil Schaudt erbaut, der auch das Kaufhaus des Westens entworfen hat. Er zitierte in seinem Entwurf Elemente der Hauptanlage, was wir jetzt natürlich so nicht mehr sehen können. Laut dem Landesdenkmalamt legen Einträge in der Bauakte die Vermutung nahe, daß das Bauwerk als Verwaltungsbau der von Graf von Griebenow vertretenen Immobiliengesellschaft errichtet wurde. Diese Gesellschaft war in der Kolonie an zahlreichen Bauprojekten beteiligt.

In dem Haus wohnte auch die Schauspielerin und Synchronsprecherin Agi Prandhoff, die von 1921 bis 2018 lebte. Sie spielte viel an Westberliner Theatern, wie zum Beispiel im Renaissance-Theater, Theater des Westens und Hansa-Theater. Ihre Stimme lieh sie u.a. Grace Kelly und Elsa Martinelli. Auch in Zeichentrickfilmen arbeitete sie mit.

Wir überqueren nun die Straße und treffen uns wieder vor den Hausnummern 19A bis 21.

Station 7: Bismarckallee 19 A - 21

Station 7.1: Bismarckallee 14 / Villa

Die Villa links gegenüber wurde von 1895 bis 1896 nach einem Entwurf des Architekten Ludwig Feuth für den Zahnarzt Ludwig Warnekos gebaut. Ich zitiere wieder aus der Landesdenkmalamt:

Der kompakte Baukörper setzt mit hochaufragendem Treppenturm an seiner Südwestecke einen städtebaulichen Akzent, den im Straßenraum das reiche Vorgartengitter aus der ersten Bauphase unterstreicht. Haupt- und Nebenfassaden sind nahezu gleichwertig gestaltet. Der weitgehende Verzicht auf Bauplastik, die Obergeschoßloggia und die Gruppierung der Fenster zeigen Anlehnungen an den kurz zuvor entwickelten Reformwohnungsbau.

Station 7.2: Bismarckallee 14 / Gedenktafel Karl Abraham

Im gleichen Haus wohnte der Pionier der Psychoanalyse, der Arzt und Analytiker Karl Abraham. Dort befindet sich auch eine Gedenktafel für Abraham mit den Worten:

In diesem Hause
lebte bis zu seinem Tode
Dr. med. Karl Abraham
Psychoanalytiker
Geb. 3.5.1877 – Gest. 25.12.1925

Abraham war ein Wegbereiter der Psychoanalyse in Deutschland. Zwischen 1904 und 1907 arbeitete er zu der Psychoanalyse von C.G. Jung. Zudem war er ein Schüler und enger Vertrauter von Sigmund Freud. 1907 ließ er sich in Berlin als Spezialist [ich zitiere] „für nervöse und psychische Krankheiten“ nieder. 1908 gründete er die Berliner Psychoanalytische Gesellschaft und 1920 war er Mitbegründer des Berliner Psychoanalytischen Instituts, das viele berühmte Analytiker*innen ausbildete und heute seinen Namen trägt. 1925 starb Karl Abraham. Sigmund Freud schätzte ihn hoch und trauerte sehr um ihn, ich zitiere aus seinem Nachruf: er wäre „ein vorbildlicher Führer zur Wahrheitsforschung geworden, unbeirrt durch Lob und Tadel der Menge wie durch lockenden Schein eigener Phantasiegebilde.“

Station 7.3: Bismarckallee 16 / Harry Liedtke

In der Bismarckallee 16 gegenüber wohnte der Stummfilmschauspieler Harry Liedtke. Er wurde 1882 in Königsberg geboren und 1945 zusammen mit seiner Frau von marodierenden sowjetischen Soldaten ermordet, als er diese vor einer drohenden Vergewaltigung schützen wollte. Ab 1912 spielte Liedtke meist die Rollen von jugendlichen Charmeuren, Gentlemen und leichtsinnige Adlige. Auch mit Marlene Dietrich ist er zusammen aufgetreten.

Station 7.4: Bismarckallee 16 A

Das Haus rechts daneben steht unter Denkmalschutz. Es ist ein Beispiel für den Geschmack im nationalsozialistischen Deutschland, was man gut an dem flach geneigten Walmdach und den kleinen Fenster mit den Klappläden sehen kann. Wichtig ist auch der Dialog zwischen Zaun und Fenstergittern. Es wurde 1938 von Fritz August Breuhaus de Groot für den Ingenieur Franz Dischinger entworfen.

Station 7.5: Bismarckallee 21, 19 A-D / Stallgebäude

Das romantisch anmutende, im englischen Landhausstil erbaute Gebäude war zu Franz von Mendelssohns Zeiten, zu dessen Anwesen es gehörte, das Stallgebäude. Es wurde von 1896 bis 1898 gebaut. Architekt des ganzen Anwesens war Ernst Ihne. In den 1970er-Jahren wurde das Gebäude zu einem Wohnhaus umgebaut.

Wir werden dieses Gebäude gleich noch von der anderen Seite sehen und biegen dazu in die Herthastraße ein und treffen uns wieder im Eingangsbereich Herthastraße 5. Die Herthastraße heißt übrigens seit 1898 nach dem weiblichen Vornamen.

Station 8: Herthastraße 5 / Sozialstation

Wir können das ehemalige Stallgebäude von hinten sehen. Es erinnert wirklich nicht an einen Stall. Und hier ist gleich das nächste idyllische Fachwerkhaus im englischen Landhausstil: das Pförtnerhaus des Mendelssohnschen Anwesens, auch dieses wurde von 1896 bis 1898 von Ernst Ihne gebaut. Heute befindet sich darin die Sozialstation des Johannischen Sozialwerks, zu dem wir gleich noch mehr hören werden. In der Sozialstation arbeiten 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und versorgen über 60 Personen in der Umgebung mit ambulanten Pflegeleistungen, wie zum Beispiel häuslicher Krankenpflege, Pflegeleistungen, Betreuungsleistungen, Urlaubs- und Verhinderungspflege und anderes.

Wir gehen nun in die Johannische Kirche des St.-Michaels-Heims.

Station 9: Bismarckallee 23 / Johannische Kirche

Ich begrüße ganz herzlich den Vorstand des Johannischen Sozialwerks, Herrn Otto-Ewald Marek, und Herrn Bodo Eisner, und Frau Martina Frisch, die Chefin des Gästehaus‘ und Hotels, die uns gleich mehr zu dieser Kirche, zum St.-Michaels-Heim und zum Johannischen Sozialwerk sagen werden.

Ich möchte Ihnen nun aber noch kurz etwas zu dem Palais Mendelssohn sagen. Es ist die einzige prominente Großvilla, die aus der Gründungszeit der Villenkolonie erhalten ist. Der Architekt des Anwesens war, wie bereits bei den Stallungen und dem Pförtnerhaus gesagt, Ernst Ihne. Die Gebäude wurden zwischen 1896 und 1898 für den Bankier Franz von Mendelssohn erbaut. Sie liegen in einem Landschaftspark mit einer Fläche von 23.000 m², der den Herthasee mit einbezieht. Das Herrenhaus hatte schloßartige Ausmaße und neben dem Stallgebäude und dem Pförtnerhaus auch eine separate Küche. Es war nahezu eine Kopie des Schlosses Kronberg im Taunus und sah dem Schloss Cecilienhof in Potsdam sehr ähnlich.

Franz von Mendelssohn war begeisterter Kunstsammler und Mäzen. In den repräsentativen Räumen hingen Gemälde van Goghs, Cezannes und Manets und die Werke alter niederländischer Maler an den Wänden. Im Palais gab es auch eine private Grundschule, die außer den Kindern der Familie auch Nachbarskinder besuchten wie die Tochter Maximilian Hardens, Samuel Fischers Tochter Brigitte, genannt “Tutti” oder der Sohn des Wirtschaftswissenschaftlers Werner Sombart. Nicolaus Sombart hat darüber berichtet, wie er, ich zitiere

eine Privatklasse im Mendelssohn-Palais besuchte – wo ich zwar noch nicht die Rembrandts und van Goghs in der Halle zu identifizieren wusste, aber sehr beeindruckt war von der Livree der würdigen Diener, die uns in den Unterrichtssaal führten.

Legendären Ruf hatten die Wohltätigkeitssoireen und die Hauskonzerte im ovalen Musikzimmer der Mendelssohns. Franz von Mendelssohn spielte hervorragend Geige. Er war Schüler von Joseph Joachim gewesen, dem wohl berühmtesten Geiger seiner Zeit. Es gab in den Jahren vor 1933 wohl keinen Künstler von Rang, der in Berlin konzertiert hätte und nicht hier in der Villa Mendelssohn zu Gast war: der jugendliche Jehudi Menuhin, Edwin Fischer, Rudolf Serkin und viele mehr. Bei Wohltätigkeitskonzerten spielten auch schon einmal Franz von Mendelssohn und Albert Einstein gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern das Konzert von Johann Sebastian Bach für zwei Violinen und Orchester. Seit 1914 war Franz von Mendelssohn Präsident der Berliner Handelskammer, seit 1921 außerdem Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages und damit einer der bedeutendsten Wirtschaftsrepräsentanten der Weimarer Republik. Franz von Mendelssohn starb 1935 im Alter von 70 Jahren. Die Familie Mendelssohn musste das große Palais am Herthasee bald nach dem Tod Franz von Mendelssohns verlassen. Es wurde 1938 von den Nationalsozialisten enteignet. Die Deutsche Reichspost richtete hier ein Gästehaus ein. 1943 wurde das Haus bei Bombenangriffen stark beschädigt. Noch in den letzten Kriegswochen installierte die Waffen-SS im Kellergeschoss ein gewaltiges Abhörsystem. Nach dem Krieg richteten die Engländer in dem Gebäude eine Schule für 260 Kinder der Soldaten der alliierten Besatzungsmächte ein. Später wurde es dann an die Familie der Mendelssohns zurückgegeben. Nach jahrelangem Leerstand verkauften die Mendelssohn-Nachkommen das stark heruntergekommene und beschädigte Anwesen 1957 an das Johannische Aufbauwerk, jetzt: Johannisches Sozialwerk e.V., der 1926 von Joseph Weißenberg gegründeten Religionsgemeinschaft Johannische Kirche. Diese beauftragte den Architekten Hans-Georg Heinrich mit dem Umbau. Große Teile des ursprünglichen Gebäudes wurden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Am 6.3.1967 wurde das neue Haus eingeweiht.

Alles Weitere werden Ihnen aber nun Frau Frisch, Herr Eisner und Herr Marek erzählen.

Vielen Dank, Frau Frisch, vielen Dank, Herr Eisner, und vielen Dank, Herr Marek!

Wir verlassen nun die Kirche und treffen uns wieder auf der Bismarckbrücke.

Station 10: Bismarckbrücke über Hubertus- und Herthasee

Wie bereits eingangs gesagt, sind Hubertus- und Herthasee künstlich geschaffene Seen. Sie wurden bei der Gründung der Villenkolonie 1889 angelegt, um die sumpfigen und morastigen Gebiete zu entwässern, aber auch als Attraktion für die neuen Bewohner*innen. Die Brücke über den Verbindungkanal vom Hubertus- zum Herthasee wurde 1893 gebaut. Die Konstruktion beruht auf einem von der Gemeinde ausgelobten Wettbewerb. Leider sind die Akten verloren gegangen, so dass der Architekt nicht mehr ermittelbar ist. Es ist eine Stahlkonstruktion, die von neobarocken Hausteinbögen getragen wird. Die Obelisken und die Vasen auf der Brücke sind von Max Klein und wurden 1895 geschaffen. Die Bismarckbrücke gehört mit ihren Sphingen zu den bedeutenden Berliner Brückenbauten im historisierenden Stil.

Wir gehen nun weiter bis zur Ecke Delbrückstraße.

Station 11: Delbrückstraße / Ecke Bismarckallee

Die Straße wurde am 6.3.1891 nach dem liberalen Politiker Rudolph von Delbrück benannt. Delbrück wurde 1817 in Zeitz geboren, wo er 1903 auch starb. 1837 begann Delbrück seine Laufbahn als preußischer Beamter. Er wurde ein enger Mitarbeiter von Bismarck, den er im Parlament auch oft vertrat. Die Ausweitung des Deutschen Zollvereins Mitte des 19. Jahrhunderts ist sein Verdienst. Delbrück war dabei stets auf einen Ausschluss Österreichs und damit den Erhalt der preußischen Hegemonie im Zollverein bedacht. Delbrück verstand seine liberale Handelspolitik, durchaus auch als Mittel, um Preußen die Vormachtstellung gegenüber Österreich zu sichern. Delbrück führte 1870 die Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten, um sie zu einem Beitritt zum kommenden Deutschen Kaiserreich zu motivieren. Bismarcks Abwendung vom Freihandel führte 1876 zu seinem Rücktritt. Delbrück wurde dann Mitglied des Reichstages und kämpfte dort erfolglos gegen Bismarcks Schutzzollpolitk.

Wir gehen nun die Delbrückstraße hinunter, die nächste Station ist an der Ecke Richard-Strauß-Straße.

Station 12: Delbrückstraße / Ecke Richard-Strauss-Straße

Station 12.1: Delbrückstraße 8 / Kindertagesstätte der Jüdischen Gemeinde

In der Kindertagesstätte der Jüdischen Gemeinde links schräg gegenüber werden Kinder ab 8 Monaten betreut. Die Kita verfügt über einen Garten mit Buddelkästen, Schaukeln, Rutschen und eine sehr beliebte Wassermatschanlage. Selbstredend wird Wert auf eine jüdische Erziehung gelegt, dazu gehört die Einhaltung der jüdischen Feiertage und koscheres Essen. Zwei Sprachlehrer unterstützen die Kinder spielerisch beim Erlernen der hebräischen und der deutschen Sprache. Weitere Schwerpunkte sind die musikalische Früherziehung, Sport, der Umgang mit Computern, Fotografieren, Basteln, Malen und Töpfern.

Station 12.2: Delbrückstraße 12 / Villa Klönne

Gegenüber der Straßeneinmündung steht die Villa Klönne. Sie wurde von Otto Rehmig geplant und von 1911 bis 1912 für Carl Klönne gebaut, das sind etwa fünf Jahre später als die Villa in der Nummer 10. In der Zeit hatte sich der Architekturgeschmack geändert, nicht der historisierende Stil wurde mehr bevorzugt, sondern die Architektur sollte nur durch ihre Form wirken, auf Ornamente wurde weitgehend verzichtet.

Station 12.3: Richard-Strauss-Straße 1 / Gedenkbüste für Ferdinand Sauerbruch

Hier befindet sich eine Bronzebüste zum Gedenken an Ferdinand Sauerbruch. Sie wurde 1985 von Nando Barberi geschaffen und am 1.11.1985 enthüllt. An der Mauer rechts und links des Büstensockels befindet sich in Metalllettern die Inschrift:

FERDINAND SAUERBRUCH 3.7.1875 – 2.7.1951

Sauerbruch war einer der bedeutendsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts und wurde 1875 in Barmen geboren und starb 1951 in Berlin. Berühmt wurde Sauerbruch für die Einführung eines Verfahrens, das die operative Öffnung des Brustkorbes erlaubte. Problematisch war Sauerbruchs Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus. Im November 1933 beteiligte er sich mit einem eigenen Brief „An die Ärzteschaft der Welt“ am weltweit verbreiteten, ich zitiere, Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zum Nationalsozialismus. 1937 wurde Sauerbruch in den Reichsforschungsrat berufen, der auch sogenannte „Forschungsprojekte“ der SS förderte, zu denen Versuche an Häftlingen in den Konzentrationslagern gehörten. Als Generalarzt des Heeres bewilligte er 1942 Mittel für Senfgasversuche an Häftlingen im KZ Natzweiler. Andererseits protestierte Sauerbruch gegen das NS-Euthanasie-Programm.

Station 12.4: Delbrückstraße 23 / Wohnhaus von Walter Benjamin

Die Villa gegenüber wurde an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nach einem Entwurf des Architekten Bodo Ebhardt für den Bildhauer Harro Magnussen erbaut. Magnussen wurde1861 geboren. Bekannt wurde Magnussen mit dem Nationaldenkmal des Kaisers Wilhelm I. vor dem Berliner Stadtschloss und dem Denkmal des Grafen von Roon am Großen Stern. Nach dem Selbstmord von Magnussen 1908 kauften die Eltern des Kulturphilosophen Walter Benjamin das Haus. Es wurde Mitte der 1930er-Jahre „arisiert“ und im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Walter Benjamin wurde 1892 in Charlottenburg geboren und war einer der ersten Kulturwissenschaftler. 1917 heiratete Benjamin Dora Kellner und zog dann für zwei Jahre in die Schweiz, um dem Einberufungsbefehl zu entgehen. Dort schrieb er seine Dissertation. Wieder zurück in Berlin lebte er als freier Übersetzer und Schriftsteller, war aber immer auf die Unterstützung von Freunden und seiner Frau angewiesen. Mit der Machtergreifung wurde seine Lage prekär und er flüchtete nach Paris. Auch dort konnte er nicht bleiben, 1939 wurde er in Frankreich interniert, scheiterte dann bei dem Versuch als blinder Passagier über Marseille nach Südamerika zu fliehen und floh dann über die Pyrenäen in den katalanischen Küstenort Portbou. Von dort aus wollte er mit einem gültigen Transitvisum nach Portugal reisen und sich dort ebenfalls mit einem gültigen Visum in Richtung USA einschiffen. Als die Grenzsoldaten ihn und eine mitfliehende Familie wegen des fehlenden Ausreisevisums aus Frankreich zurück nach Frankreich abschieben wollten, beging Benjamin am 26. September 1940 Selbstmord. Alljährlich findet zwischen Banyuls und Portbou eine Gedenkwanderung statt, die seinen Fluchtweg über die Pyrenäen nachgeht.

Station 13: Delbrückstraße 27/27a

Station 13.1: Delbrückstraße 27 / Emil Jannings

In der Delbrückstraße 27 wohnte eine Zeit lang Emil Jannings. Jannings wurde 1885 geboren und starb 1950. Bekannt ist er unter anderem wegen seiner Rolle in Der blaue Engel. Darin spielt er den Professor Unrath, der sich in eine Varieté-Sängerin, dargestellt von Marlene Dietrich, verliebt. Er hatte seine ersten Erfolge als Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin unter Max Reinhardt und ging dann als Stummfilmstar in die USA, wo er als erster und einziger deutscher Schauspieler 1929 einen Oscar als bester Hauptdarsteller gewann. Während des Nationalsozialismus spielte Jannings in zahlreichen Spielfilmen über historische Persönlichkeiten mit, wie z.B. über Bismarck, Robert Koch, Friedrich Wilhelm I. in Der alte und der junge König. Dieser wurde aber nach dem Zweiten Weltkrieg eher kritisch gesehen. So schreibt das Lexikon des internationalen Films:

Der historische Vater-Sohn-Konflikt zwischen Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn [wurde in dem Film] als ‚staatspolitisch wertvoller‘ Beitrag zur Ideologie des NS-Regimes aufbereitet. Auch die darstellerischen Leistungen können die bedenkliche Tendenz des Buches und der Regie nicht verdecken.

Station 13.2: Delbrückstraße 20 a / Grunewald-Grundschule

Gegenüber sehen Sie die Grunewald-Grundschule. Sie wurde 1899 mit 45 Kindern und 2 Lehrenden im Haus des Bildhauers Steinmann, Hubertusbader Straße 14, eröffnet. Als diese Schule dann aus allen Nähten platzte, wurde 1903 ein Wettbewerb für ein neues Schulgebäude hier in der Delbrückstr. 20 ausgeschrieben. Dazwischen, zwischen 1903 und 1905, war die Schule im Gebäude des Grunewald-Gymnasiums in der Herbertstraße (heute: Walther-Rathenau-Gymnasium) untergebracht. Architekten des neuen Schulgebäudes waren Ludwig Grün und Förster. Eingeweiht wurde es 1905. In dem neuen Schulhaus befanden sich, ungewöhnlich für damalige Schulverhältnisse, eine Bibliothek, ein Lesesaal und eine Badeeinrichtung. In den Klassenräumen hatten 50 Schüler und Schülerinnen Platz. Es gab 2 Wohnungen für Lehrende und 3 Wohnungen für „Schuldiener“. Die Toiletten waren in Nebengebäuden untergebracht, damit wie es auf der Website der Schule steht, ich zitiere,

das Eindringen übler Gerüche in das Hauptgebäude ausgeschlossen war.

In der Grunewald-Grundschule war ein Drittel der Kinder jüdischen Glaubens. Judith Kerr hat in ihrem autobiographischen Roman Als Hitler mein rosa Kaninchen stahl beschrieben, wie unwichtig vor 1933 an der Grunewald-Grundschule der Unterschied zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Kindern war. Meist wussten sie gar nichts von diesem Unterschied, der ihnen mit der Machtergreifung schlagartig bewusst gemacht wurde. So schrieb sie in einem Dialog zwischen zwei Schülerinnen:

“Ich dachte, Juden hätten krumme Nasen, aber deine Nase ist ganz normal. Hat dein Bruder eine krumme Nase?”
“Nein”, sagte Anna, “der einzige Mensch in unserem Haus mit einer krummen Nase ist unser Mädchen Bertha, und deren Nase ist krumm, weil sie aus der Straßenbahn gestürzt ist und sie sich gebrochen hat.” Elsbeth wurde ärgerlich. “Aber dann”, sagte sie, “wenn du wie alle anderen aussiehst und nicht in eine besondere Kirche gehst, wie kannst du dann wissen, daß du wirklich jüdisch bist? Wie kannst du sicher sein?”

Als die jüdischen Schülerinnen und Schüler von den öffentlichen Schulen vertrieben wurden, entstanden eine Reihe von jüdischen Privatschulen in Grunewald, teilweise wurden auch bestehende kleine Privatschulen wegen des großen Andrangs vergrößert. Diese Schulen wurden übrigens von Pädagoginnen geleitet: Leonore Goldschmidt, Vera Lachmann, Lotte Kaliski, Anna Pelteson und Toni Lessler. Alle jüdischen Schulen wurden Ende 1938 geschlossen.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde die Schule zeitweise als Kaserne für Soldaten benutzt. Wegen der Luftangriffe fiel oft der Unterricht aus. 1952 wurden 6 neue Klassen an das Schulgebäude angebaut und 1971 ein Neubau mit 6 weiteren Klassen errichtet. Heute werden etwa 500 Kinder an der Schule unterrichtet.

Wir gehen nun weiter in die St.-Karl-Borromäus-Kirche, der Eingang befindet sich auf der linken Seite, also einmal um die Ecke gehen.

Station 14: St.-Karl-Borromäus-Kirche

Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann, Pater Dangelmeyer und Herr Orlich
Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann, Pater Dangelmeyer und Herr Orlich
Bild: BA-CW,ML

Station 14.1: Delbrückstraße 35 / Gedenktafel für Carl Sonnenschein

Ich begrüße ganz herzlich Pater Bernd Dangelmayer und Patrick Orlich, den Organisten der St.-Karl.-Borromäus-Kirche. Pater Dangelmeyer wird uns gleich etwas zu seiner Gemeinde sagen und Herr Orlich uns nachher ein Beispiel seiner Orgelkunst vorführen. Wir würden uns sehr über Spenden für ihn freuen. Wir sind gerade an der 1989 enthüllten Gedenktafel für Carl Sonnenschein vorbeigegangen, zu dessen Gedenken die St.-Karl-Borromäus-Kirche errichtet wurde. Der Text lautet:

CARL-BORROMÄUS-KIRCHE
ERBAUT ZUM GEDENKEN
DES BERLINER
GROßSTADTAPOSTELS
DR. CARL SONNENSCHEIN
1876 -1929

Carl Sonnenschein war ein katholischer Priester, der sich ganz undogmatisch für die Armen einsetzte. Kurt Tucholsky sagte über ihn, er sei „für die ganz Feinen eine etwas suspekte Erscheinung, ein Zigeuner der Wohltätigkeit.“ Er studierte in Düsseldorf und Rom Philosophie und Theologie und erlangte in beiden Fächern die Doktorwürde. Sonnenscheins erste Wirkungsstätte war im Rheinland, wo er sich in der Jugend- und Mädchenarbeit engagierte. Er setzte sich stark für die Zulassung von Frauen zum Hochschulstudium ein und organisierte Studierende in sozialen Vereinen. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er befürwortete, um „die Klassengesellschaft abzuschaffen“, zog er nach Berlin und setzte dort seine Sozialarbeit fort. 1923 gründete er die Katholische Volkshochschule. Des Weiteren gründete er den Geschichtsverein katholische Mark und den Arbeitskreis katholischer Künstler. Er war sein ganzes Leben lang publizistisch aktiv, gründete Zeitschriften und fungierte oft auch als deren Herausgeber.

Station 14.2: Delbrückstraße 35 / St.-Karl-Borromäus-Kirche

Wie bereits gesagt, wurde die St.-Karl-Borromäus-Kirche zum Gedenken an Carl Sonnenschein gebaut. Der heutige Kirchenbau wurde 1955 von Alfons Leitl anstelle der 1929 von Josef Weber errichteten und 1944 zerstörten Notkirche erbaut. Entstanden ist ein quadratischer Saalbau mit schmalem Sakristeianbau, Campanile und Kreuzgang in Stahlbetonskelettbauweise. Der Namensgeber Karl Borromäus war Kardinal und Erzbischof von Mailand. Er lebte in der Renaissance von 1538 bis 1584 und setzte sich im Zuge der Gegenreformation für eine moralische Erneuerung und für den Kampf gegen den Protestantismus ein, dem auch zahlreiche protestantische Gläubige zum Opfer fielen. Von 1576 bis 1578 wütete eine Pest-Epidemie in Mailand. Karl Borromäus kümmerte sich in dieser Zeit persönlich um die Kranken. An den Folgen starb er 1584 nur 46-jährig. Er wird in der römisch-katholischen Kirche seit 1610 als Heiliger verehrt.

Alles andere zu Kirche und Gemeinde sagt Ihnen jetzt Pater Dangelmayer.

Vielen Dank, Herr Dangelmayer! Vielen Dank, Herr Olbrich!

Hier endet nun unser Kiezspaziergang. Im März wird Sie meine Kollegin Bezirksstadträtin Schmitt-Schmelz führen. Der Treffpunkt des März-Spaziergangs, der wie immer die Frauen unseres Bezirks ins Zentrum rückt, ist am Samstag, den 9.3.2019, um 14 Uhr am Steinplatz / Ecke Uhlandstraße. Wir sehen uns wieder am Karsamstag. Das ist der 13. April. Ich wünsche Ihnen einen guten Nachhauseweg und ein schönes weiteres Wochenende.

Sankt-Karl-Borromäus-Kirche
Sankt-Karl-Borromäus-Kirche
Bild: BA-CW,ML