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Stolpersteine Giesebrechtstraße 17

Hauseingang Giesebrechtstr. 17

Vor dem Haus Giesebrechtstraße 17 wurden am 08.05.2011 die Stolpersteine für Else Elkisch, Ernestine Katz, Selma Lichtenstein, Elise Misch, Josef Wysocki verlegt.

Stolperstein für Else Elkisch

HIER WOHNTE
ELSE ELKISCH
GEB. KOHN
JG. 1870
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 6.3.1943

Elsbeth oder auch Else kam in Neisse (heute polnisch Nysa) am 14. März 1870 als vierte Tochter des Kaufmannes Michael Jechiel Kohn und seiner Frau Ida geb. Luft auf die Welt. Sie hatte neben den drei älteren Schwestern Adelheid, Rosa und Martha noch vier jüngere Brüder, Willi, Erich, Paul und Arnold. Paul starb im Kindesalter. Der Vater Michael Kohn hatte ein Geschäft für Galanterie-, Glas-, Porzellan-, Spiel- und Lederwaren am Ring (Buttermarkt) Nr. 12 und 13. Über Elses Kindheit und Jugend in Neisse wissen wir leider nichts. 1910, als der Vater starb, lebten noch neben der Mutter mindestens zwei der Brüder in dem ostpreußischen Ort.

Anzeige Kohn – Adressbuch Neisse 1908

Else war zu dem Zeitpunkt schon längst nicht mehr in Neisse. 1891 hatte sie den königlichen Regierungs-Baumeister Robert Julius Elkisch geheiratet. Mit ihm zog sie nach Charlottenburg, wo sie ihre ersten beiden Kinder bekam: 1892 Konrad Julius und 1894 Charlotte Margarethe. Die beiden weiteren Kinder, Käthe und Edith, kamen 1896 und 1897 in Angerburg, heute polnisch Węgorzewo, zur Welt. Offenbar wurde der königliche Baumeister mehrmals versetzt, denn Anfang des Jahrhunderts war er Bauinspektor und Baurat im sächsischen Delitzsch. Hier bekam Else im September 1900 noch eine Tochter, Susanne. Von Delitsch wurde Robert Elkisch zum 1. März 1903 nach Rixdorf in Berlin versetzt, wo er mehrere Jahre in der dortigen Kaiser-Friedrich-Straße 217 wohnte. 1906 wurde er vermutlich nach Charlottenburg versetzt, denn die Familie bezog eine Wohnung im Haus Nummer 5 der Giesebrechtstraße.

Erst 1917 nahm Robert Elkisch eine Wohnung in der gediegenen Wohnanlage schräg gegenüber, Giesebrechtstraße 17. Er war sichtlich wohlhabend und fühlte sich dem gebildeten Bürgertum zugehörig. Beide Eheleute bezeichneten sich als Dissidenten was die Religion anbelangte, die Kinder waren evangelisch getauft. Die ganze Familie scheint sehr kunstaffin gewesen zu sein. Robert galt als Kunstsammler, Konrad wurde Architekt und Bildhauer, Charlotte heiratete den Maler und Graphiker Ernst Böhm und Käthe besuchte die Unterrichtsanstalt des Staatlichen Kunstgewerbemuseums und verdiente sich nach ihrer Scheidung 1929 unter dem Namen Brandt-Elkisch weiterhin ihren Lebensunterhalt als Kunstgewerblerin. Auch Susanne und Edith heirateten, über ihre Ehemänner Robert Grosse und Ernest Burns konnte nichts ermittelt werden.

Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, half es Robert und Else Elkisch wenig, dass sie sich selbst nicht zu der Jüdischen Gemeinde zugehörig fühlten. Nach den Nürnberger Gesetzen galten sie als Juden und hatten in den folgenden Jahren die stetig wachsende Diskriminierung und Ausgrenzung von Juden zu erleiden. Robert war schon längst pensioniert, konnte also nicht mehr als Beamter in den Ruhestand versetzt werden, seine Pensionsansprüche wurden aber sicherlich, wie die von anderen Juden, mehrmals gekürzt.

Diskriminierende und entwürdigende Maßnahmen, mit dem Ziel, Juden zur Auswanderung zu treiben oder sie gänzlich aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben auszuschließen, nahmen ständig zu, trotz relativer Zurückhaltung im Olympiajahr. Ob Richard und Else eine Auswanderung in Aussicht genommen hatten, wissen wir nicht. Möglicherweise wurden sie anfangs nicht zu sehr behelligt, fühlten sich zu alt und/oder hofften, dass es nicht so schlimm werden würde. Aber nach den Pogromen vom November 1938 häuften sich die antisemitischen Verordnungen in rasanter Folge. Juden hatten Sonderabgaben zu leisten, über ihr Vermögen konnten sie bald nicht mehr frei verfügen, von ihren Konten durften sie nur durch „Sicherungsanordnung“ festgelegte Beträge für ein Existenzminimum abheben. Schmuck und Silber durften sie nicht mehr kaufen oder verkaufen, im Februar 1939 mussten sie dann solche Wertgegenstände für einen symbolischen Preis bei der staatlichen Pfandleihstelle abgeben. Juden durften sich praktisch nicht mehr öffentlich zeigen, nicht in Theatern oder Kinos, nicht in bestimmten „Bannbezirken und -straßen“, nicht zu bestimmten Tageszeiten. Radio, Telefon, Führerschein und anderes mehr war ihnen verboten. Bei der Volkszählung im Mai 1939 mussten sie sich in gesonderten Ergänzungskarten eintragen lassen. Viele Juden wurden gezwungen, ihre Wohnung aufzugeben und beengt bei anderen zur Untermiete zu wohnen. Robert Elkisch konnte zwar seine Wohnung behalten, musste aber mindestens einen Untermieter aufnehmen, Josef Wysocki.

Entrechtet, gedemütigt und praktisch verarmt, starb der 88-jährige Robert Elkisch am 6. Januar 1941, laut Sterbeurkunde an „Gehirnlähmung, Lungenentzündung und Herzschwäche“ in seiner Wohnung. Ihm blieb der Höhepunkt der NS-Judenpolitik erspart: Deportation und Vernichtung. Nach Roberts Tod wurde Else gezwungen, die Wohnung aufzugeben und zusammen mit ihrer Tochter Käthe zur Untermiete bei Sally Rosenthal in die Dahlmannstraße 1 umzuziehen.

Schließlich wurde Else für die Deportation in das angebliche „Altersghetto“ Theresienstadt bestimmt. Ab Juni 1942 wurden jeweils 100 Personen dorthin gefahren, die zuvor in dem eigens dazu umfunktionierten jüdischen Altersheim in der Großen Hamburger Straße 26 „gesammelt“ wurden. Im August, September und Oktober des Jahres fanden allerdings drei „große Alterstransporte“ statt, mit jeweils 1000 Menschen. Hierfür reichte die Kapazität des Sammellagers in der Großen Hamburger Straße nicht aus, und es wurden provisorische Sammelstellen in anderen jüdischen Heimen eingerichtet. Anfang September musste Elke Elkisch, ihres letzten Besitzes beraubt, in die Sammelstelle in der Gerlacher Straße 18-21 in der Nähe des Alexanderplatzes gehen, in die auch ihre ehemaligen Nachbarinnen aus der Giesebrechtstraße 17, Ernestine Katz und Elise Misch, eingewiesen worden waren. Die drei Frauen wurden mit weiteren 997 Menschen am 14. September 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Weit davon entfernt, eine einigermaßen erträgliche Altersstätte zu sein, war Theresienstadt ein Horror, in dem Krankheiten und Seuchen infolge von Hunger, Kälte und den katastrophalen Hygienebedingungen in den völlig überfüllten Unterkünften grassierten. Etwa ein Viertel der Insassen starben an diesen Umständen. Möglich, dass Else trotz der chaotischen Lage in Theresienstadt ihren Bruder Erich dort finden konnte. Der war im Juli 1942 von Breslau aus dorthin deportiert worden und konnte vielleicht seiner Schwester etwas Mut zusprechen. Den anschließenden Winter überlebte Else jedoch nur knapp. Am 6. März 1943 starb sie, laut „Todesfallanzeige“ an Darmentzündung und Herzschwäche – wohl typische Folgen der erbärmlichen Lebensumstände.

Erich Kohn starb in Theresienstadt, einen Monat nach seiner Schwester, am 5. April 1943. Elses Kinder sind in keinem Gedenkbuch verzeichnet, so dass man annehmen kann, dass sie den Nazischergen entkommen konnten. Charlotte war wohl durch ihren nichtjüdischen Ehemann geschützt, allerdings wurde Ernst Böhm wegen seiner jüdischen Frau 1937 die Lehrbefugnis entzogen. Bis dahin war er Professor an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin-Charlottenburg gewesen. Nach dem Krieg lehrte er wieder an der Hochschule für Bildende Kunst in Berlin-Charlottenburg (heute Universität der Künste Berlin). Edith emigrierte bereits 1930 in die USA und heiratete dort. Schon 1920 war Konrad nach Mexiko ausgewandert. Susannes Schicksal kennen wir nicht. Von Käthe wissen wir, dass sie bei der Volkszählung 1939 in der Giesebrechtstraße 17 registriert wurde, mit ihrer Mutter in die Dahlmannstraße ziehen musste und zur Zwangsarbeit verpflichtet war. Unklar ist, ob sie ebenfalls deportiert wurde und überlebte, oder ob sie untertauchen konnte. Möglicherweise half ihr ihr geschiedener Mann. Günther Brandt war als Landgerichtsrat 1933 entlassen worden, aber als „Mischling 1. Grades“ nach der NS-Terminologie war er von der Deportation ausgenommen. Er schloss sich der Widerstandsgruppe „Onkel Emil“ an, die von der Deportation bedrohte Juden versteckte und unterstützte. Die Gruppe wurde bis Kriegsende nicht entdeckt. Käthes Rettung währte aber nicht lange. Sie starb in Berlin im Juli 1945 an einem Tumor.

Biografische Zusammenstellung

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Weitere Quellen

Adressbuch Neisse;
https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/;;
Delitzscher Stadtchronik:
https://stadtarchiv-delitzsch.de/stadtgeschichte
Akim Jah, Die Berliner Sammellager im Kontext der „Judendeportationen“ 1941–1945, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Nr. 3/2013, S. 211-231

Stolperstein für Ernestine Katz

HIER WOHNTE
ERNESTINE KATZ
GEB. BLAUSTEIN
JG. 1860
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 14.12.1942

Stolperstein für Selma Lichtenstein

HIER WOHNTE
SELMA
LICHTENSTEIN
GEB. BERNDT
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
FLUCHT IN DEN TOD
25.11.1941

Selma Berndt sah erstmals das Licht der Welt am 29. Mai 1880 in Berlin als jüngstes Kind des Kaufmannes Samuel Siegmund Berndt und seiner Frau Röschen (Rosa) geborene Japha. Zu diesem Zeitpunkt wohnte die Familie am Molkenmarkt 7. Das Ehepaar war um 1877 von Fraustadt, heute Wschowa und damals zur Provinz Posen gehörig, nach Berlin gezogen. In Fraustadt hatten sie 1875 und 1876 zwei Söhne bekommen, die beide im Säuglingsalter starben. In Berlin wurden Selmas Bruder Richard (*1878) und ihre Schwester Alma Elsa (*1879) geboren. Als Selma 3 Jahre alt war, starb ihr Vater mit nur 31 Jahren. Wir wissen nicht, wohin Röschen zunächst mit den drei kleinen Kindern zog und wie sie ihren Lebensunterhalt bestritt. Erst 1898 findet sich ihre Spur wieder in den Adressbüchern, als Witwe in der Straßburger Straße 54, parterre.

Dort wohnte Selma noch 1912, als sie am 6. Juli den elf Jahre älteren Kurt Lichtenstein aus Dresden heiratete. Selma war inzwischen Verkäuferin geworden, die Berufsbezeichnung für Kurt lautet “Assistent 1. Klasse” – möglicherweise eine militärische oder handelstechnische Bezeichnung – sein Wohnsitz wurde mit Bagamoyo, Ost-Afrika (heute Tansania) “zur Zeit wohnhaft in Dresden-Blasewitz”, angegeben. Bagamoyo lag in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika. Kurt Lichtenstein war als 27-jähriger Kaufmann 1896 offiziell nach Ostafrika ausgewandert. Laut der Passagierliste des Dampfschiffes „Kaiser“ fuhr Kurt am 26. März 1896 von Hamburg aus mit dem Ziel Delagoa Bay (heute Maputo Bay, Mosambik), also Portugiesisch-Ostafrika. Ob er schon bei der Überfahrt – die durch den Suezkanal führte – in Deutsch-Ostafrika hängen blieb oder später von der südlich gelegenen portugiesischen Kolonie nach Bagamoyo gelangte, bleibt unklar. Bagamoyo war bis 1891 die Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika gewesen, blieb danach Sitz der Verwaltung.

Es ist nicht dokumentiert, wo sich Selma und Kurt nach der Heirat niederließen. Die Adressbücher sind nicht hilfreich, da der Name Kurt Lichtenstein mehrfach vorkommt. Vielleicht handelt es sich um den Kaufmann Kurt Lichtenstein, der ab 1912 in Treptow, Kienhofstraße 269, wohnte, vielleicht lebten sie auch anderswo zur Untermiete, vielleicht wohnten sie zeitweise gar nicht in Berlin, vielleicht ging Selma gar mit Kurt nach Ostafrika. Ebensowenig wissen wir, ob sie Kinder hatten.

Im September 1933 starb Kurt Lichtenstein. Möglich, dass Selma erst danach zur Untermiete in die Giesebrechtsraße 17 zog. Beweisbar ist nur, dass sie dort 1939 zum Zeitpunkt der Volkszählung vom 17. Mai wohnte, da sie in der Sonderkartei für Juden erfasst ist.

Inzwischen war das Leben für Juden schwer erträglich geworden. Zahlreiche Verordnungen zielten darauf, sie völlig aus dem beruflichen und dem öffentlichen Leben auszuschalten. Vor allem nach den Pogromen vom November 1938 verschärfte sich die Lage drastisch. Zu schon bestehenden Einschränkungen kam eine große Anzahl weiterer diskriminierender und erniedrigender Maßnahmen. Unter anderem konnten Juden nur noch eingeschränkt über ihr Vermögen verfügen. Juden durften nicht an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen, nicht in Theater, Konzerte, Kinos usw. gehen, zu bestimmten Zeiten durften sie gar nicht mehr auf die Straße, durften nur von 4 bis 5 Uhr nachmittags einkaufen. Alle Wertgegenstände mussten sie abliefern, Rundfunkgeräte wurden beschlagnahmt, Telefonanschlüsse gekündigt, ihre Konten wurde zu „Sicherheitskonten“ erklärt, von denen sie nur durch „Sicherungsanordnung“ festgelegte Beträge für ein Existenzminimum abheben durften. Sie wurden gezwungen, ihrem Vornamen die „jüdischen“ Namen Sara und Israel anzuhängen, ab September 1941 hatten sie den Judenstern zu tragen. Juden wurden zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie herangezogen und wurden genötigt, zur Untermiete in bestimmten Wohnungen und Häusern zusammenzurücken. Auch Selma Lichtenstein konnte nicht in der Giesebrechtstraße 17 bleiben, ihre Adresse 1941 lautete Joachimsthaler Straße 13, ein Haus, das der Jüdischen Gemeinde gehörte. Ob Selma Zwangsarbeit leisten musste, wissen wir nicht, möglicherweise arbeitete sie für die Jüdische Gemeinde, in deren Haus sie wohnte.

Im Oktober 1941 begannen in Berlin die Deportationen. Selmas Schwester Elsa wurde mit ihrem Ehemann Georg Jacob am 14. November des Jahres nach Minsk deportiert. Vielleicht war das für Selma der Anstoß, sich einem ähnlichen Schicksal zu entziehen: Wenige Tage darauf, am 25. November 1941 nahm sie sich in ihrer Wohnung das Leben, laut Sterbeurkunde „vermutlich durch Schlafmittelvergiftung”.

Selmas Bruder Richard Berndt gelang mit seiner Frau Margarete geb. Berliner und der Tochter Ruth im Oktober 1938 die Flucht nach Guatemala. Dort starb er 1947. Für ihn, seine Frau und Tochter liegen Stolpersteine vor der Kuno-Fischer-Straße 14.

Recherchen/Text: Micaela Haas
Stolpersteininitiative Charlottenburg-Wilmersdorf

Quellen:
Gedenkbuch. Bundesarchiv Koblenz, 2006; Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus 1995; Berliner Adressbücher; Landesarchiv Berlin; Arolsen Archives; geni.com

Stolperstein für Elise Misch

HIER WOHNTE
ELISE MISCH
GEB. HIRSCHSON
JG. 1867
DEPORTIERT 14.9.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 11.2.1943

Stolperstein für Josef Wysocki

HIER WOHNTE
JOSEF WYSOCKI
JG. 1898
DEPORTIERT 3.3.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET 26.4.1943