Verlegt am 24.10.2008
HIER WOHNTE
JUDITH SÄNGER
GEB. BERGER
JG. 1902
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTIGT
FLUCHT IN DEN TOD
21.2.1941
Judith Berger kam am 1. Oktober 1902 als vierte Tochter von Julius (Juda) Berger (*22. September 1862, ermordet 13. Juli 1943 in Theresienstadt) und Flora Berger geb. Meyer (*15. Oktober 1868, ermordet 18. Oktober 1942 in Theresienstadt) in Bromberg auf die Welt.
Julius Berger stammte aus Zempelburg Kreis Flatow, er machte in Berlin eine kaufmännische Lehre, kehrte dann nach Zempelburg zurück und wurde dort Bauunternehmer.
1891 heiratete er Flora Meyer in Zempelburg. Dort wurde am 2. Mai 1893 der erste und einzige Sohn Bruno geboren. Dieser starb 1899 mit nur 6 Jahren an den Folgen einer Hüftgelenkserkrankung.
Am 31. August 1894 kam die älteste Tochter Margarete auf die Welt. Ein Jahr später zog die Familie Berger nach Bromberg um. Dort wurde am 2. September 1896 Herta geboren. Die dritte Tochter Betty kam am 12. Januar 1900 auf die Welt.
Judith, das Nesthäkchen, wurde noch in Bromberg geboren, bevor 1910 die gesamte Familie nach Berlin übersiedelte.
Julius Berger war erfolgreicher Tiefbauunternehmer und Firmeninhaber der „Tiefbau AG. Julius Berger“. 1914 wurde er zum Königlich Preußischen Kommerzienrat ernannt. Er baute Bahnhöfe, Deiche, Häfen, Molen, Viadukte, Kanäle, Eisenbahnstrecken, Tunnel und Brücken, auch beim Bau der Berliner U – Bahn war er beteiligt.
Die Familie wohnte anfänglich in der Tiergartenstraße 10 in einem repräsentativen Wohnhaus.
Es ist nicht bekannt, ob Judith einen Beruf erlernt hatte. Als sie im Alter von 20 Jahren am 6. März 1922 den Kabarett Betreiber Emil Remde heiratete, war sie „ohne Beruf“ und schwanger. Remde war Gründer des Hausboot Kabaretts „Nirwana“ auf dem Wannsee und dem „Remde’s Hausboot Kabarett“ im Lunapark. (1949 eröffnete er in der Kantstraße Ecke Joachimsthaler Straße das Nachtkabarett „Remde’s St. Pauli“, was große Berühmtheit erlangen sollte.)
Die Beziehung mit Emil Remde stieß auf Ablehnung durch die Eltern, Judith wurde quasi von der gesamten Familie verstoßen. Julius Berger formulierte es in seinem geänderten Testament von 1922 mit drastischen Worten:
„Meine Tochter Judith hat sich hinter meinem Rücken mit dem Kaufmann Emil Remde in ein unsittliches Liebesverhältnis eingelassen und sich freiwillig während meiner Abwesenheit aus Berlin von meinen R… entfernt. Meiner …… Aufforderung wieder in mein Haus zurückzukehren, hat sie keine Folge gegeben u. da die Folgen des geschlechtlichen Verkehrs mit Remde in Erscheinung traten, habe ich unter dem Zwang der Verhältnisse meine Zustimmung zur standesamtlichen Trauung mit Remde gegeben. Bis zum heutigen Tage hat Judith noch keinerlei Reue über ihre Tat, durch welche sie mir Schande und große seelische Schmerzen zugefügt hat bewiesen. Ihre ganze Lebensweise beweist vielmehr das Gegenteil. Ich enterbe Judith und entziehe ihr das Pflichtteil. Sollte Judith oder deren Erben gegen diese Bestimmung protestieren und in einem ev. Prozess diese Bestimmung als unwirksam erklärt werden, so soll Judith auf alle Fälle nur den Pflichtteil erhalten.“
Emil Remde war ein in Hannover geborener protestantischer Kaufmann und 18 Jahre älter als Judith. Die Tochter des Ehepaares wurde am 3. August 1922 in Wannsee geboren. Wohl deshalb gaben die Eltern ihr den Vornamen Ilse Wilhelma Wannseenia. Nach der Hochzeit war die Familie in die Villa eines Dipl. Ing. Lessing in die Friedrich – Karl – Straße 30 (heute „Am Sandwerder“) gezogen – auch heute noch eine der besten Adressen Berlins. Die Ehe hielt nicht lange. Bereits am 30. November 1923 wurden die Eheleute geschieden und Judith nahm wieder ihren Mädchennamen Berger an.
Am 28. Januar 1927 heiratet sie den Prokuristen der Julius Berger Tiefbau A.G., den Dipl. Ing. Alfred Sänger (*3. September 1894). Dieser stammte aus Augsburg und war Jude. Das Ehepaar wohnte bis 1935 in der Fürther Straße in Wilmersdorf. Auch diese Ehe war nach wenigen Jahren am Ende, am 4. September 1935 ließ sich das Ehepaar scheiden. Alfred Sänger kehrte nach Bayern zurück, er lebte in Augsburg und München. Im Zusammenhang der Pogrome des 9. November 1938 wurde er verhaftet und im KZ Dachau interniert. Am 15. Dezember desselben Jahres entließ man ihn als einen gebrochenen Mann aus der Haft. Am 20. November 1941 wurde er nach Kowno (Kaunas), Fort Knox deportiert und 5 Tage darauf ermordet.
Wo Judith nach der Scheidung von Alfred Sänger lebte, ist nicht lückenlos überliefert. Ab 1937 wohnte sie nachweislich in einer Dreizimmerwohnung in der Sächsischen Straße 6 im Hinterhaus, 4. Etage.
Das Verhältnis Judiths zu ihren Geschwistern blieb immer schwierig und distanziert. Ihre Schwester Betty hatte sich 1930 in München das Leben genommen. Margarete und Herta flüchteten vor den Nationalsozialisten mit ihren Familien nach Montevideo/Uruguay Südamerika, später ließen sie sich in Argentinien und Brasilien nieder.
Emil Remde kümmerte sich auch nach Judiths Scheidung von Alfred Sänger um Tochter und Ex – Ehefrau. Judith besaß Hypothekenbriefe von 100 000 RM auf Grundstücke am Kurfürstendamm und in der Meierottostraße. Sie gehörten zur Mitgift ihres Vaters anlässlich der Heirat mit Alfred Sänger. Durch Auferlegung der „Judenvermögensabgabe“ war sie gezwungen, diese zu veräußern. Es blieb ein Restbetrag auf einem Sperrkonto, von dem nur geringe Beträge für das Existenzminimum abgehoben werden konnten.
In einem umstrittenen, im Oktober 1941 durch einen Vergleich zurückgenommenen Kaufvertrag, hatte Judith ein Jahr vor ihrem Tod ihr gesamtes Mobiliar an die langjährige Hausangestellte der Bergers, Margarete Engler, für 2000 RM veräußern wollen. Margarete Engler war im 2. Testament als Miterbin nach dem Tod von Julius und Flora Berger eingesetzt worden, Judith wurde jedoch in dem Testament nicht berücksichtigt.
Emil Remde versorgte sie in den schlimmsten Zeiten der Verfolgung mit Lebensmitteln und fuhr sie mehrfach heimlich in seinem Auto aus der Stadt heraus, damit sie sich unbeobachtet austauschen konnten. Sie vertraute sich Remde mit ihren Befürchtungen, abgeholt und in ein KZ deportiert zu werden, noch kurz vor ihrem Freitod an.
Am 21. Februar 1941 nahm sich Judith Sänger in ihrer Wohnung durch eine Gasvergiftung das Leben. Sie wurde 2 Tage später tot aufgefunden. Die Urne mit den sterblichen Überresten wurde am 12. März auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beigesetzt.
Im folgenden Jahr wurde Judith Sängers gesamtes Wohnungsinventar durch das Auktionshaus Achenbach versteigert, der Erlös betrug mehr als 9300 RM. Da die Tochter Ilse die Alleinerbin war, wurde ihr der gesamte Nachlass in Höhe von 10500 RM nach Erreichen der Volljährigkeit von dem Nachlassverwalter überwiesen.
Ilse hatte in den 1930er- Jahren abwechselnd bei der Mutter, dem Vater und den Großeltern gelebt. Bei Emil Remde wohnte sie am Kurfürstendamm 161, am Kleinen Wannsee, Bismarckstraße 52 und ab 1941 in der Rankestraße. Wohl auf seinen Einfluss hin war sie 1936 evangelisch getauft worden. Zunächst besuchte sie die Cecilienschule am Nikolsburger Platz, musste diese als jüdisches Mädchen aber 1935 verlassen. Nach ihrer Taufe ging sie auf das Bismarck Lyzeum, die heutige Hildegard – Wegscheider – Schule, danach in die kirchliche Hofbauer Stiftung in Potsdam. Sie arbeitete später als Stenotypistin.
Ilse überlebte durch den Schutz ihre einflussreichen Vaters trotz der restriktiven „Rassegesetze“ den Holocaust, sie bekam 11 Kinder von ihrem Ehemann, dem Bühnenbildner Hans Gerhard Bernhard Biedermann, den sie nach Kriegsende am 5. August 1947 geheiratet hatte: Monika (*1948 ), Michael (*1949 – 1973), Marina (*1950 – 1993), Mario (*1952 – 2003), Margitta (*1953), Manuel (*1954), Mareike (*1956), Marian (*1956), Marius (*1957), Jens-Peter (*1958) und Martina (*1961).
Die Ehe wurde 1963 ebenfalls geschieden und Ilse nahm sich 1973 – zerbrochen an den erlittenen Schicksalsschlägen – im Alter von 51 Jahren in Kreuzberg das Leben.
Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beigesetzt.
Für Julius und Flora Berger liegen Stolpersteine vor dem Haus Meinekestraße 7.
Für Judith Sängers zweiten Ehemann Alfred wurde in München ein „Erinnerungszeichen“ gesetzt.
Recherche und Text: Karin Sievert, Stolperstein Initiative Charlottenburg – Wilmersdorf
Informationen und Fotos von Judith Sängers Enkel Manuel Biedermann.
Quellen:
Gedenkbuch des Bundesarchivs
Entschädigungsamt Berlin
Akten des Oberfinanzpräsidenten im BLHA
Opferdatenbank des Ghettos Theresienstadt, Holocaust.cz
Personenstandsunterlagen nach Ancestry
Lebensgeschichten der Familie Berger: https://www.berger-reloaded.de/vita/chronic-julius-berger/index.html
Lebensgeschichte von Emil Remde: http://www.kellnerderby.de/images/StPauliFlyer.pdf
Lebensgeschichte von Alfred Sänger: https://www.erinnerungswerkstatt-muenchen.de/biografien/alfred-saenger
Stolpersteine für Julius und Flora Berger: https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/ueber-den-bezirk/geschichte/stolpersteine/artikel.179440.php