HIER WOHNTE
AUGUSTE ROTHHOLZ
GEB. HEYMANN
JG. 1898
DEPORTIERT 1.11.1942
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 1942
CHELMNO/KULMHOF
Auguste Rotholz wurde als Auguste Heymann am 20. März 1898 in Wartenburg im Landkreis Allenstein in Ostpreußen (Barczewo, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den aus Straußberg im Kreis Oberbarnim stammenden Apothekenbesitzer Emil Heymann (*9. April 1861) und dessen aus Meyenburg im Kreis Ostprignitz stammende Ehefrau Bertha Heymann geborene Warschauer (*20. Mai 1867), war sie das jüngste von insgesamt vier Kindern.
Ihre Schwester Hertha (*21. Juli 1891) war sieben Jahre, ihr Bruder Harry Hermann (*2. Dezember 1892) gut fünf Jahre und ihr Bruder Werner Siegfried (*9. Januar 1895) drei Jahre älter als sie. Acht Tage nach Augustes Geburt starb ihre Mutter Bertha mit 30 ¾ Jahren am 28. März 1898. Ihr Ehemann wurde mit 37 Jahren Witwer und die Kinder Halbwaisen. Ihr Vater heiratete 1900 in 2. Ehe, als Auguste zwei Jahre alt war, in Berlin die Witwe Martha Levy geborene Seemann (*1. November 1866), die ihren Ehemann, den praktischen Arzt Dr. Louis Ludwig Levy aus Berlin-Lankwitz, 1894, ein Jahr nach der Hochzeit, verloren hatte. Auguste, die nach ihrer Großmutter mütterlicherseits benannt worden war, nannte sich selber Udi, sodass die Familie sie später auch so nannte.
Als sie neun Jahre alt war, starb am 7. August 1907 ihr Vater, der Apothekenbesitzer Emil Heymann, mit 46 Jahren. Auf der Traueranzeige für den Vater fehlte bei den Hinterbliebenen Augustes Bruder Werner Siegfried, der demnach schon vorher, zu einem unbekannten Zeitpunkt, gestorben war. Augustes Stiefmutter Martha war mit 30 Jahren zum zweiten Mal Witwe. Sie lebte mit den drei Kindern in der Lessingstraße 16 im Berliner Hansaviertel, einem gutbürgerlichen Stadtviertel.
Vier Jahre später heiratete Augustes Schwester Hertha mit 19 Jahren am 1. Juni 1911 den 11 Jahre älteren praktischen Arzt Dr. Walter Julius Hoffmann (*13. Oktober 1880) in Berlin. Trauzeuge war der Rentier Simon Hoffmann, Ehemann ihrer Tante Henriette, Schwester ihres Vaters. Die Ehe blieb kinderlos. Sie dauerte 21 Jahre bis zum plötzlichen Tod von Hertha am 17. März 1932, vermutlich durch einen Unfall, den die Polizei beim Standesamt meldete.
Auguste wurde Kontoristin von Beruf. Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, stand sie kurz vor ihrem 35. Geburtstag. Zusammen mit ihrer Stiefmutter Martha wohnte sie in der Klopstockstraße 34 im Berliner Hansaviertel.
Ihr Bruder Harry Hermann starb am 15. Oktober 1937 in Bad Oeynhausen. Augustes Stiefmutter Martha Heymann geborene Seemann starb mit 71 Jahren am 15. Juni 1938 im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde. Auguste beerdigte sie auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.
In dieser Situation des Alleinseins wird sie sich entschlossen haben, doch noch zu heiraten. Wann und wo sie ihren späteren Ehemann, den 17 Jahre älteren Kaufmann Max Rotholz (*1. November 1881) kennenlernte, ist unbekannt. Er wohnte mit seinen Geschwistern ganz in ihrer Nähe in der Klopstockstraße 9. Vielleicht hatte sie ihn im Kontor der Getreide-, Futtermittel und Strohgroßhandlung seines Bruders Martin in der Solinger Straße 9 kennengelernt oder durch ihre Kollegin Lucie Sarner (*27. September 1889), einer Cousine von Max Rotholz. Am 1. November 1938 feierten sie den 57. Geburtstag von Max, nicht ahnend, was acht Tage später in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 durch die Schlägertrupps der Nationalsozialisten passieren würde.
Zwei Monate später, am 2. August 1939, heirateten Auguste und Max im Standesamt Berlin-Tiergarten. Auguste war zu diesem Zeitpunkt schon in der neuen Wohnung in der Prager Straße 23 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet. Trauzeugen waren der Rabbiner außer Dienst Dr. phil. Ephraim Finkel, Ehemann von Wanda Finkel geborene Rotholz, einer Schwester von Max Rotholz aus der Cuxhavener Straße 18 und Augustes Freundin, die kaufmännische Angestellte Lucie Sarner, die seit 1935 in der Güntzelstraße 49 in Berlin-Wilmersdorf wohnte.
Nach nur 20 Tagen, am 22. Januar 1939 um 22.50 Uhr, starb Augustes Ehemann Max im Jüdischen Krankenhaus an Herzschwäche und Leberschwellung. Auguste wurde mit 40 Jahren Witwe. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie noch in der Prager Straße 23 gemeldet. Wann sie in die Marburger Straße 7 zog, konnte nicht recherchiert werden.
Ende Oktober 1941 war Auguste eine der ersten, die den Deportationsbefehl in den „Osten“ erhielt. Sie hatte sich in der Sammelstelle in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7- 8 einzufinden. Dort wurde sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert.
Zwei Tage später, am 1. November 1941, dem 60. Geburtstag ihres verstorbenen Ehemannes Max und dem 75. Geburtstag ihrer verstorbenen Stiefmutter Martha, musste sie zusammen mit ca. 1.200 Leidensgenossinnen und -genossen zu Fuß, für alle sichtbar, zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald gehen, von wo aus sie der IV. Deportationszug in den Osten transportierte. Das Ziel der Reise wurde allen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurde Auguste im Bleichenweg einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachte sie dort den Winter und das Frühjahr 1942.
Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chełmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielt Auguste einen „Ausreisebefehl“ für den 9. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie vermutlich am 10. Mai 1942 in einem Gaswagen ermordet. Auguste Rotholz geborene Heymann starb mit 44 Jahren.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026
Quellen:
• Bundesarchiv – Gedenkbuch
• Mapping the Lives
• Berliner Adressbücher
• Arolsen Archives
• Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
• My Heritage