Stolpersteine in der Prager Straße 3

Hausansicht Prager Straße 3

Diese Stolpersteine wurden am 24.11.2018 verlegt.

Stolperstein Hedwig Wistinetzki

HIER WOHNTE
HEDWIG WISTINETZKI
JG. 1910
DEPORTIERT 11.7.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Hedwig Wistinetzki kam am 3. April 1911 (auf dem Stolperstein steht fälschlich 1910) als erstes und einziges Kind von Leo Wistinetzki und Rosa Wistinetzki geborene Bieber in Neidenburg in Masuren (heute Dziurdziewo in Polen) zur Welt. Ihre Großväter mütterlicher- und väterlicherseits waren Textilhändler, und auch ihr Vater Leo und ihr Onkel Hermann, der in Wuppertal lebte, waren in dieser Branche kaufmännisch tätig.

Hedwig wuchs in Masuren auf, zuerst in Neidenburg, dann in Allenstein (heute Olsztyn in Polen). Als junge Frau scheint sie psychisch erkrankt gewesen zu sein. Zeitweise war sie in der Jacoby’schen Anstalt in Bendorf-Sayn im Rheinland untergebracht, einer Nervenheilanstalt vor allem für jüdische Patientinnen und Patienten. In den 1930er-Jahren, als ihre Eltern nach Berlin zogen, kam sie aber wieder nach Hause. Zum Zeitpunkt der “Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 war die ganze Familie in der Prager Straße 3 gemeldet.

Am 11. Juli 1942 musste Hedwig mit ihren Eltern aus dem Sammellager, das man in der entweihten Synagoge in der Levetzowstraße eingerichtet hatte, wahrscheinlich zu Fuß bis zum Bahnhof Grunewald gehen. Dort wurde die Familie Wistinetzki mit dem sogenannten 17. Osttransport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Wahrscheinlich wurden sie dort gleich nach der Ankunft ermordet. Hedwig Wistinetzki wurde 31 Jahre alt, ihre Mutter 55, ihr Vater 58.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • mappinthelives.org
  • Myheritage.com
  • Berliner Adressbücher

Stolperstein Leo Wistinetzki

HIER WOHNTE
LEO WISTINETZKI
JG. 1883
DEPORTIERT 11.7.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Leo Wistinetzki wurde am 15. Januar 1884 (auf dem Stolperstein steht fälschlich 1883) als jüngstes Kind des Kaufmanns Josef Wistinetzki und dessen Frau Rahel geborene Löwenstein in Thalheim Kreis Neidenburg in Masuren (heute Dziurdziewo in Polen) geboren. Er hatte fünf ältere Geschwister: Helene (*1874), Hermann (*1876), Max (*1878), Mathilde (*1879) und Olga (*1881). Sein Vater besaß in der nahegelegenen Kreishauptstadt Neidenburg ein Textilgeschäft.

1910 heiratete Leo die drei Jahre jüngere Rosa Bieber. Sie stammte aus dem masurischen Sensburg (heute Mrągowo in Polen) und ihr Vater handelte ebenfalls mit Textilien. Am 3. April 1911 bekamen Leo und Rosa in Neidenburg ihr erstes und einziges Kind, die Tochter Hedwig.

Ebenso wie sein Bruder Max scheint Leo Wistinetzki Jura studiert zu haben. Max wurde Rechtsanwalt und Notar, Leo trat dagegen in die Fußstapfen des Vaters und ergriff den Kaufmannsberuf. Er war wahrscheinlich ebenfalls in der Textilbranche tätig. Auch sein Bruder Hermann hatte diesen Weg gewählt und in Wuppertal eine Großhandelsfirma für Wäsche und Kleidung gegründet.

Leo blieb in Masuren. Er zog mit Frau und Tochter nach Allenstein (heute Olsztyn in Polen). Hier lebte auch sein Bruder Max mit Familie und später auch seine Eltern. Sein Vater starb 1921, seine Mutter 1938. In Allenstein scheint sich die Familie Wistinetzki in der zionistischen Bewegung engagiert zu haben.

Die Tochter Hedwig litt anscheinend an einer psychischen Krankheit. Zeitweise war sie in der Jacoby’schen Anstalt in Bendorf-Sayn im Rheinland untergebracht, einer Nervenheilanstalt vor allem für jüdische Patientinnen und Patienten. In den 1930er-Jahren, als ihre Eltern nach Berlin zogen, kam sie aber wieder nach Hause. Zum Zeitpunkt der “Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 war die ganze Familie in der Prager Straße 3 gemeldet.

Am 11. Juli 1942 mussten Leo, Rosa und Hedwig aus dem Sammellager, das man in der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße eingerichtet hatte, wahrscheinlich zu Fuß bis zum Bahnhof Grunewald gehen und wurden von dort im sogenannten 17. Osttransport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Hier wurden sie wohl gleich nach der Ankunft vergast. Leo Wistinetzki wurde 58 Jahre alt, seine Frau Rosa 55, seine Tochter Hedwig 31.

Leos Bruder Max gelang die Flucht, er starb 1950 in Haifa, Israel. Sein verwitweter Bruder Hermann, dessen zwei Töchter in die USA emigriert waren, wurde im Frühjahr 1942 von Wuppertal aus ins Ghetto Izbica und von dort wahrscheinlich ins Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo man ihn mit 66 Jahren ermordete. Seine Schwester Mathilde Frankenstein geborene Wistinetzki, die ihre letzten Lebensjahre ebenfalls in Berlin verbracht hatte, war von dort aus im Frühjahr 1942 ins Ghetto Piaski verschleppt worden. Sie wurde am 31. Dezember des Jahres mit 63 Jahren im KZ Trawniki ermordet. Leos Schwester Olga konnte fliehen, sie starb 1959 in Israel. Die älteste Schwester, Helene verheiratete Henschke, scheint Anfang der 1940er-Jahre eines natürlichen Todes gestorben zu sein.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • mappinthelives.org
  • Myheritage.com
  • Neidenburger Heimatbrief
  • Berliner Adressbücher
  • Gedenkbuch Wuppertal

Stolperstein Rosa Wistinetzki

HIER WOHNTE
ROSA WISTINETZKI
GEB. BIEBER
JG. 1887
DEPORTIERT 11.7.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Rosa Bieber kam am 5. April 1887 im masurischen Sensburg (heute Mrągowo in Polen) als Tochter des Kaufmanns Max Bieber und dessen Frau Dorothea geborene Daniel zur Welt. Sie hatte mindestens sieben Geschwister: Emma (*1879), Leo (*1880), Nathan (*1882), Sally (*1883), Hedwig (*1888), Hermann (*1890) und Johanna (*1891), die bereits mit dreizehn Jahren starb. Ihr Vater handelte mit Textilen. Er war Vorstandsmitglied der Sensburger Synagogengemeinde und Mitbegründer des Sensburger Kriegervereins.

1910 heiratete Rosa den drei Jahre älteren Kaufmann Leo Wistinetzki, der ebenfalls aus Masuren stammte. Auch Leos Vater war Textilhändler, und Leo selbst scheint nach einem Jurastudium in dessen Fußstapfen getreten zu sein. Rosa und Leo lebten zunächst in Neidenburg (Dziurdziewo), später in Allenstein (Olsztyn). Am 3. April 1911 bekamen sie ihr erstes und einziges Kind, die Tochter Hedwig. Hedwig scheint als junge Frau psychisch erkrankt gewesen zu sein. Sie war zeitweise in der Jacoby’schen Anstalt in Bendorf-Sayn im Rheinland untergebracht, einer Nervenheilanstalt vor allem für jüdische Patientinnen und Patienten. In den 1930er-Jahren, als ihre Eltern nach Berlin zogen, kam sie aber wieder nach Hause. Zum Zeitpunkt der “Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 war die ganze Familie in der Prager Straße 3 gemeldet.

Am 11. Juli 1942 mussten Leo, Rosa und Hedwig aus dem Sammellager, das man in der entweihten Synagoge in der Levetzowstraße eingerichtet hatte, wahrscheinlich zu Fuß bis zum Bahnhof Grunewald gehen und wurden von dort im sogenannten 17. Osttransport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Hier wurden sie wahrscheinlich gleich nach der Ankunft vergast. Rosa Wistinetzki wurde 55 Jahre alt, ihr Mann Leo 58, ihre Tochter Hedwig 31.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • mappinthelives.org
  • Myheritage.com
  • Neidenburger Heimatbrief
  • Berliner Adressbücher
  • Gedenkbuch Wuppertal

Stolperstein Alice Simonsohn

HIER WOHNTE
ALICE SIMONSOHN
JG. 1878
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET 31.3.1942

Alice Simonsohn wurde am 22. November 1878 in Berlin geboren. Ihr Vater war der aus Strausberg gebürtige Bankier und Kaufmann Michael Simonsohn, ihre Mutter Ernestine geborene Pincsohn verwitwete Seelig stammte aus Schwedt. Alice hatte einen älteren Bruder namens Emil (*1868) und vier ältere Schwestern: Gertrud (*1869), Antonie (Toni), (*1871), Elsbeth (*1873) und Walli (*1875). Aus der ersten Ehe der Mutter stammten die Halbschwester Martha (1860-1935) und der Halbbruder Heinrich, der bereits 1883 mit 22 Jahren verstarb.

Als Alice etwa drei Jahre alt war, starb ihr Vater. Ihre Mutter zog danach mit den Kindern zu ihrem ledigen Bruder Leopold in die Hindersinstraße 12 im Spreebogen in Tiergarten. Die Straße existiert heute nicht mehr.

Es ist anzunehmen, dass die sechs Geschwister eine gute Schulbildung genossen. Emil als einziger Junge machte danach eine kaufmännische Ausbildung. Bei Gertrud und Elsbeth wissen wir nicht, ob sie einen Beruf erlernten. Alice und ihre Schwestern Walli und Toni entschieden sich für die Kunst: Alice wurde Bildhauerin, Walli Malerin und Antonie Gesangslehrerin. Alle drei haben nicht geheiratet.

In den 1910er-Jahren lebte Alice zeitweise in einer eigenen Wohnung am Kaiserplatz (heute Bundesplatz) 17 in Wilmersdorf. Später teilte sie sich mit ihren Schwestern Alice und Toni und wohl auch mit ihrer Mutter Ernestine eine Wohnung. Zunächst lebten sie in der Prager Straße 33. Wahrscheinlich übernahmen die drei Schwestern nach dem Tod der Mutter ca. 1920 die Wohnung. Dann zogen sie gemeinsam ein paar Häuser weiter in die Prager Straße 23 (heute Prager Straße 3). Hier wohnten sie seit spätestens 1933 und wurden auch bei der “Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 gemeinsam in einem Haushalt erfasst.

Alice Simonsohn, Straussenvogel, o.J.

Alice Simonsohn, Straussenvogel, o.J.

Über Alice Simonsohns künstlerisches Schaffen war nur wenig in Erfahrung zu bringen. Mit größter Wahrscheinlichkeit hat sie eine Kunstakademie besucht. Sie war Mitglied im “Wirtschaftsverband bildender Künstler”. In den 1920er-Jahren entwarf sie Figuren für die Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst, die dann in Serie hergestellt wurden. Die Firma beschäftigte mehrere renommierte Künstlerinnen und Künstler, darunter Ernst Barlach. Alice schuf Kinderfiguren, eine Vase mit einem Papageienrelief, verschiedene Tierfiguren: Elefanten, Bären, Vögel. 2025 tauchte in einem Auktionshaus eine kleine Skulptur von ihr auf, ein etwa 20 cm großer Strauß in Bronze. Er ist im Sockel signiert und wurde in der renommierten Berliner Bronzegießerei Gladenbeck & Sohn gegossen. Wir wissen nicht, wann er entstanden ist, oder wem er gehörte.

Von den sechs Simonsohn-Geschwistern hat keines den Holocaust überlebt. Als erste starb Gertrud, die ihre Lebenssituation im November 1941 nicht mehr ertragen konnte und sich in ihrer Wohnung in der Darmstädter Straße mit Haushaltsgas das Leben nahm. Ihr Ehemann Alfred Unger und ihre Tochter Erna waren zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben, die anderen beiden Töchter, Ilse und Ruth, waren nach Australien und Palästina emigriert. Vor ihrem Suizid verfasste Gertrud ein Testament und vermachte ihren Besitz zu gleichen Teilen ihren fünf Geschwistern. Nach deren Deportationen wenige Monate später fiel das Erbe an das Deutsche Reich.

Alice wurde gemeinsam mit ihren Schwestern Walli und Toni am 25. Januar 1942 ins Ghetto Riga verschleppt und dort am 31. März ermordet. Alice Simonsohn wurde 64 Jahre alt, Walli starb mit 66 und Toni mit 70 Jahren.

Ein gutes halbes Jahr später, am 25. August 1942, wurde ihre Schwester Elsbeth ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort getötet. Ihr Todesdatum ist unbekannt. Elsbeths Ehemann Paul Moritz Meyer und ihre Tochter Charlotte waren zu dem Zeitpunkt bereits verstorben. Elsbeths Tochter Johanna Susanne wurde im Dezember 1942 in Auschwitz ermordet.

Der Bruder Emil, der ebenfalls verwitwet war, wurde am 21. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er starb dort wenige Wochen nach der Ankunft.

Text und Recherche: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • MyHeritage
  • Berliner Adressbücher
  • mappingthelives.org
  • Jüdisches Adressbuch Gross-Berlin
  • Akte Gertrud Unger im Brandenburgischen Landeshauptarchiv
  • Handbuch des Kunstmarktes 1926
  • J. Lauterbach et al.: Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst, Werkverzeichnis, 1955
  • Biografie zu Stolperstein Elsbeth Meyer (Karin Sievert)

Stolperstein Antonie Simonsohn

HIER WOHNTE
ANTONIE SIMONSOHN
JG. 1871
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET 31.3.1942

Antonie Simonsohn, genannt Toni, wurde am 21. April 1871 in Berlin geboren. Ihr Vater war der aus Strausberg gebürtige Bankier und Kaufmann Michael Simonsohn, ihre Mutter Ernestine geborene Pincsohn verwitwete Seelig stammte aus Schwedt. Antonie hatte einen älteren Bruder namens Emil (*1868) eine ältere Schwester namens Gertrud (*1869) und drei jüngere Schwestern: Elsbeth (*1873), Walli (*1875) und Alice (*1878). Aus der ersten Ehe der Mutter stammten ihre Halbschwester Martha (1860-1935) und ihr Halbbruder Heinrich, der bereits 1883 mit 22 Jahren verstarb.

Als Antonie etwa zehn Jahre alt war, starb ihr Vater. Ihre Mutter zog danach mit den Kindern zu ihrem ledigen Bruder Leopold in die Hindersinstraße 12 im Spreebogen in Tiergarten. Die Straße existiert heute nicht mehr.

Es ist anzunehmen, dass die sechs Geschwister eine gute Schulbildung genossen. Emil als einziger Junge machte danach eine kaufmännische Ausbildung. Bei Gertrud und Elsbeth wissen wir nicht, ob sie einen Beruf erlernten. Antonie und ihre Schwestern Walli und Alice entschieden sich für die Kunst: Antonie wurde Gesangslehrerin, Walli Malerin, Alice Bildhauerin. Alle drei haben nicht geheiratet. Über Tonis musikalische Ausbildung und ihr Wirken als Pädagogin konnten keine weiteren Informationen gefunden werden.

Ihr Bruder Emil heiratete die Wiesbadenerin Johanna Tendlau und lebte mit ihr in Charlottenburg. Johanna starb 1934. Ob das Paar Kinder hatte, konnte nicht festgestellt werden. Die älteste Schwester, Gertrud, heiratete den Berliner Verlagsbuchhändler, Buchdruckereibesitzer und Freimaurer Alfred Unger, der wahrscheinlich 1932 starb. Das Ehepaar hatte drei Töchter, Ilse, Ruth und Erna. Erna starb bereits 1933. Ilse und Ruth emigrierten in den 1930er-Jahren nach Australien und Palästina. Die Schwester Elsbeth heiratete den Berliner Kaufmann Paul Moritz Meyer. Sie hatten zwei Töchter, Charlotte Bertha und Johanna Susanne. Elsbeths Ehemann starb 1936, die Tochter Charlotte erlag 1940 einem langjährigen Lungenleiden.

In den 1910er-Jahren zog die Mutter, Ernestine Simonsohn, in die Prager Straße 33. Ihre drei ledigen Töchter Toni, Walli und Alice scheinen schon damals zumindest zeitweise bei ihr gelebt zu haben. Wahrscheinlich übernahmen sie nach dem Tod der Mutter ca. 1920 zu dritt die Wohnung. Später zogen sie gemeinsam ein paar Häuser weiter in die Prager Straße 23 (heute Prager Straße 3). Hier lebten sie seit spätestens 1933 und wurden auch bei der “Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 gemeinsam in einem Haushalt erfasst.

Alle sechs Geschwister sind im Holocaust umgekommen. Als erste starb die verwitwete Gertrud, die ihre Lebenssituation im November 1941 nicht mehr ertragen konnte und sich in ihrer Wohnung in der Darmstädter Straße mit Haushaltsgas das Leben nahm. Da ihre Töchter zu diesem Zeitpunkt bereits emigriert waren, vermachte sie ihren Besitz zu gleichen Teilen ihren fünf Geschwistern. Als diese wenige Monate später deportiert wurden, fiel das Erbe an das Deutsche Reich.

Toni wurde gemeinsam mit ihren Schwestern Alice und Walli am 25. Januar 1942 ins Ghetto Riga verschleppt und dort am 31. März ermordet. Antonie “Toni” Simonsohn wurde 70 Jahre alt.

Ein gutes halbes Jahr später, am 25. August 1942, wurde ihre Schwester Elsbeth ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort getötet. Ihr Todesdatum ist unbekannt. Elsbeths Tochter Johanna Susanne wurde im Dezember 1942 in Auschwitz ermordet. Für Elsbeth Simonsohn ist in der Sächsischen Straße 6 ein Stolperstein verlegt.

Bruder Emil wurde am 21. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er starb dort wenige Wochen nach der Ankunft.

Text und Recherche: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • MyHeritage
  • Berliner Adressbücher
  • Jüdisches Adressbuch Gross-Berlin
  • mappingthelives.org
  • Akte Gertrud Unger im Brandenburgischen Landeshauptarchiv
  • Biografie zu Stolperstein Elsbeth Meyer (Karin Sievert)

Stolperstein Walli Simonsohn

HIER WOHNTE
WALLI SIMONSOHN
JG. 1875
DEPORTIERT 25.1.1942
RIGA
ERMORDET 31.3.1942

Walli Simonsohn (auch Vally oder Wally), wurde am 3. Juni 1875 in Berlin geboren. Ihr Vater war der aus Strausberg gebürtige Bankier und Kaufmann Michael Simonsohn, ihre Mutter Ernestine geborene Pincsohn verwitwete Seelig stammte aus Schwedt. Walli hatte einen älteren Bruder namens Emil (*1868), drei ältere Schwestern namens Gertrud (*1869), Antonie (Toni) (*1871) und Elsbeth (*1873) sowie eine jüngere Schwester, Alice (*1878). Aus der ersten Ehe der Mutter stammten ihre Halbschwester Martha (1860-1935) und ihr Halbbruder Heinrich, der bereits 1883 mit 22 Jahren verstarb. Als Walli etwa sechs Jahre alt war, starb ihr Vater. Ihre Mutter zog danach mit den Kindern zu ihrem ledigen Bruder Leopold in die Hindersinstraße 12 im Spreebogen in Tiergarten. Die Straße existiert heute nicht mehr.

Es ist anzunehmen, dass die sechs Geschwister eine gute Schulbildung genossen. Emil als einziger Junge machte danach eine kaufmännische Ausbildung. Bei Gertrud und Elsbeth wissen wir nicht, ob sie einen Beruf erlernten. Walli und ihre Schwestern Antonie und Alice entschieden sich für die Kunst: Walli wurde Malerin, Alice Bildhauerin und Antonie Gesangslehrerin. Alle drei haben nicht geheiratet.

Als junge Frau lebte Walli Simonsohn in der Kurfürstenstraße 126 in Tiergarten. Im Jahr 1900, mit gerade einmal 25 Jahren, stellte sie bei der Großen Berliner Kunstausstellung ein Gemälde namens “Speranza” (Hoffnung) aus. Ein Jahr später erwähnt eine Musikzeitschrift eine Studie von ihr, das Porträt eines schwarzhaarigen, singenden Mädchens vor blauem Hintergrund. Walli Simonsohn kopierte auch Gemälde alter Meister, vor allem niederländische Werke des 17. Jahrhunderts, die an verschiedenen Orten ausgestellt wurden, unter anderem im Rathaus Schöneberg in Berlin und bei der Münchener Kunstausstellung im Glaspalast 1929. Walli war unter anderem Mitglied im “Bund kopierender Künstler”.

Walli Simonsohn, Porträt von Ella Hiller, 1924.

Walli Simonsohn, Porträt von Ella Hiller, 1924.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit war die Porträtmalerei. 1924 schuf sie ein Ölporträt von Ella Hiller, der Mutter des Schriftstellers und Publizisten Kurt Hiller. Hiller war nicht nur Jude, sondern auch Sozialist, Pazifist und aktiv in der frühen Schwulenbewegung, weshalb er sehr früh ins Visier der Nazis geriet. Im März 1933 verwüstete die SS seine Wohnung in Friedenau und zerstörte und beschädigte seine wertvollsten Besitztümer, darunter auch dieses Gemälde. “Das Porträt in Öl, von Vally Simonsohn, das meine Mutter in ihrem 62sten Jahre zeigt”, schreibt Kurt Hiller in seiner Autobiografie, “weist einen etwa 15 cm langen waagerechten Schnitt durch die Bildfläche auf, und in die Nase der Dargestellten sind mit dem Finger zwei groschengroße Löcher gebohrt. Beim Anblick dieser geschändeten Leinwand wird mir klar, was ‘deutsche Innerlichkeit’ und ‘Adel nordischen Blutes’ heißt. (…) Der Magen dreht sich mir um.” Das Bild wurde später restauriert und befindet sich heute im Archiv der Kurt-Hiller-Gesellschaft.

Walli teilte sich mit ihren Schwestern Alice und Toni (Antonie) eine Wohnung. Zunächst lebten sie in der Prager Straße 33, wo zunächst auch ihre Mutter Ernestine gewohnt hatte, die um 1920 starb. Später zogen sie gemeinsam ein paar Häuser weiter in die Prager Straße 23 (heute Prager Straße 3). Hier wohnten sie seit spätestens 1933 und wurden auch bei der “Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 gemeinsam in einem Haushalt erfasst.

In den 1930er-Jahren arbeitete Walli Simonsohn weiter als Porträtistin, bekam aber immer weniger Aufträge. Die drei Schwestern hatten wenig Geld und mussten sehr sparsam leben. “Bei uns zuhause ist, unberufen, noch alles wie bisher”, schrieb Walli im Dezember 1937 an einen in die USA emigrierten Freund. “Drei alte Schachteln. Eine hat immer was, so robust sind wir nicht; aber es geht doch. Und die Freunde, die uns geblieben sind, sind gute Freunde.” Sie schildert kleine Freuden des Alltags, einen Kinobesuch, ihre Briefmarkensammlung; die Kunst scheint ihr zu diesem Zeitpunkt etwas abhandengekommen zu sein: “Und komme ich noch einmal auf die Welt, fange ich wieder an zu malen.”

Von den sechs Simonsohn-Geschwistern hat keines den Holocaust überlebt. Als erste starb Gertrud, die ihre Lebenssituation im November 1941 nicht mehr ertragen konnte und sich in ihrer Wohnung in der Darmstädter Straße mit Haushaltsgas das Leben nahm. Ihr Ehemann Alfred Unger und ihre Tochter Erna waren zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben, die anderen beiden Töchter, Ilse und Ruth, waren nach Australien und Palästina emigriert. Vor ihrem Suizid verfasste Gertrud ein Testament und vermachte ihren Besitz zu gleichen Teilen ihren fünf Geschwistern. Nach deren Deportationen wenige Monate später fiel das Erbe an das Deutsche Reich.

Walli wurde gemeinsam mit ihren Schwestern Toni und Alice am 25. Januar 1942 ins Ghetto Riga verschleppt und dort am 31. März ermordet. Walli Simonsohn wurde 66 Jahre alt, Alice starb mit 64 und Toni mit 70 Jahren.

Ein gutes halbes Jahr später, am 25. August 1942, wurde ihre Schwester Elsbeth ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort getötet. Ihr Todesdatum ist unbekannt. Elsbeths Ehemann Paul Moritz Meyer und ihre Tochter Charlotte waren zu dem Zeitpunkt bereits verstorben. Elsbeths zweite Tochter, Johanna Susanne Meyer, wurde im Dezember 1942 in Auschwitz ermordet.

Ihr Bruder Emil, der ebenfalls verwitwet war, wurde am 21. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Er starb dort wenige Wochen nach der Ankunft.

Text und Recherche: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • MyHeritage
  • Berliner Adressbücher
  • Jüdisches Adressbuch Gross-Berlin
  • mappingthelives.org
  • Katalog der Großen Berliner Kunstausstellung 1900
  • Katalog der Münchener Kunstausstellung im Glaspalast 1929
  • Neue Zeitschrift für Musik 1901
  • Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung 27.10.1928
  • Akte Gertrud Unger im Brandenburgischen Landeshauptarchiv
  • Autobiografie von Kurt Hiller, zitiert nach der Webseite der Kurt-Hiller-Gesellschaft
  • Brief von Walli Simonsohn an “Theodor”, 27.12.1937 (Archiv der Kurt-Hiller-Gesellschaft)
  • Biografie zu Stolperstein Elsbeth Meyer (Karin Sievert)

Stolperstein Elsa Golding

HIER WOHNTE
ELSA GOLDING
JG. 1903
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
MASSENERSCHIESSUNG
30.11.1941
RIGA-RUMBULA

Elsa Golding wurde am 27. November 1903 in Königsberg/Ostpreußen (Kaliningrad, Russland) geboren. Sie war die zweite Tochter des in Kowgirren (Rucken) im Kreis Tilsit geborenen Händlers Richard Golding (*4. Januar 1875) und dessen vier Jahre älterer Ehefrau Eva Golding geborene Silberstein (*7. Juli 1871). Sie hatten am 4. April 1899 in Königsberg geheiratet. Elsas Mutter war in erster Ehe mit Samuel Cherizansky, der mit 36 Jahren am 29. März 1896 gestorben war, verheiratet gewesen. Elsas Schwester Frieda (*13. September 1902) war ein Jahr älter als sie. Frieda heiratete im Mai 1928 mit 25 Jahren den Kaufmann Hermann Bieber (*1890) in Allenstein (Olsztyn, Polen). Elsa blieb ledig.

Wann Elsa von Königsberg nach Berlin ging, konnte nicht recherchiert werden. Ihr Onkel, der Kaufmann Max Silberstein, Bruder ihrer Mutter, starb 1938 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin. Seine Ehefrau Hedwig Silberstein geborene Bieber starb ein Jahr später, am 17. Mai 1939, in Allenstein. Der Tod wurde von Elsas Schwester Frieda beim Standesamt gemeldet. Kurze Zeit später emigrierte Frieda mit Ehemann Hermann und Sohn Gerd nach Großbritannien.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ im Mai 1939 war die 36-jährige Elsa in der Prager Straße 23 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet. In der II. Etage des Hauses wohnten seit 1933 die Eheleute Wistinetzki mit ihrer Tochter Hedwig (*1911) in einer 4½-Zimmer-Wohnung. Rosa Wistinetzki geborene Bieber (*1885) war die ältere Schwester von Elsas Schwager Hermann Bieber. Vermutlich wohnte Elsa bei ihnen zur Untermiete und kümmerte sich um die „geistlich gebrechliche“ Tochter Hedwig, die acht Jahre jünger als Elsa war.

Elsa war die erste aus dem Haushalt, die den Deportationsbefehl erhielt. Die Gestapo deportierte sie an ihrem 38. Geburtstag, am 27. November 1941, zusammen mit 1.052 Leidensgenossen und -genossinnen vom Güterbahnhof Grunewald nach Riga. Der Zug erreichte am 30. November 1941 den Bahnhof Šķirotava bei Riga. Alle Insassen wurden am frühen Morgen im Wald von Rumbula erschossen, da es im überfüllten Ghetto Riga an Platz fehlte. Der Befehl zu dieser Exekution war eine eigenmächtige Tat des höheren SS- und Polizeiführers Friedrich Jeckeln, der von Heinrich Himmler später dafür gerügt wurde. Elsa Golding starb mit 38 Jahren.

In Elsas Zimmer in der Prager Straße 23 zog Bajla Keppler, die bei der „Minderheiten-Volkszählung“ noch in der Niebuhrstraße 76 in Berlin-Charlottenburg gewohnt hatte. Als die Familie Wistinetzki am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert wurde, durften Bajla Keppler und die Familie Sonnenthal, die dort auch zur Untermiete wohnte, noch ein paar Monate bleiben, bis sie sich erneut um Zimmer zur Untermiete kümmern mussten.

Elsas Eltern, Eva und Richard Golding, deportierte die Gestapo am 24. August 1942 von Königsberg in das Ghetto Theresienstadt und einen Monat später, am 23. September 1942, weiter in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie sie ermordeten. Eva Golding geborene Silberstein starb mit 71 Jahren. Richard Golding starb mit 67 Jahren.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026

Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch
Mapping the Lives
Berliner Adressbücher
Arolsen Archives
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
My Heritage
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 40111, Leo Wistinetzki

Stolperstein Auguste Rothholz

HIER WOHNTE
AUGUSTE ROTHHOLZ
GEB. HEYMANN
JG. 1898
DEPORTIERT 1.11.1942
LODZ / LITZMANNSTADT
ERMORDET 1942
CHELMNO/KULMHOF

Auguste Rotholz wurde als Auguste Heymann am 20. März 1898 in Wartenburg im Landkreis Allenstein in Ostpreußen (Barczewo, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den aus Straußberg im Kreis Oberbarnim stammenden Apothekenbesitzer Emil Heymann (*9. April 1861) und dessen aus Meyenburg im Kreis Ostprignitz stammende Ehefrau Bertha Heymann geborene Warschauer (*20. Mai 1867), war sie das jüngste von insgesamt vier Kindern.

Ihre Schwester Hertha (*21. Juli 1891) war sieben Jahre, ihr Bruder Harry Hermann (*2. Dezember 1892) gut fünf Jahre und ihr Bruder Werner Siegfried (*9. Januar 1895) drei Jahre älter als sie. Acht Tage nach Augustes Geburt starb ihre Mutter Bertha mit 30 ¾ Jahren am 28. März 1898. Ihr Ehemann wurde mit 37 Jahren Witwer und die Kinder Halbwaisen. Ihr Vater heiratete 1900 in 2. Ehe, als Auguste zwei Jahre alt war, in Berlin die Witwe Martha Levy geborene Seemann (*1. November 1866), die ihren Ehemann, den praktischen Arzt Dr. Louis Ludwig Levy aus Berlin-Lankwitz, 1894, ein Jahr nach der Hochzeit, verloren hatte. Auguste, die nach ihrer Großmutter mütterlicherseits benannt worden war, nannte sich selber Udi, sodass die Familie sie später auch so nannte.

Als sie neun Jahre alt war, starb am 7. August 1907 ihr Vater, der Apothekenbesitzer Emil Heymann, mit 46 Jahren. Auf der Traueranzeige für den Vater fehlte bei den Hinterbliebenen Augustes Bruder Werner Siegfried, der demnach schon vorher, zu einem unbekannten Zeitpunkt, gestorben war. Augustes Stiefmutter Martha war mit 30 Jahren zum zweiten Mal Witwe. Sie lebte mit den drei Kindern in der Lessingstraße 16 im Berliner Hansaviertel, einem gutbürgerlichen Stadtviertel.

Vier Jahre später heiratete Augustes Schwester Hertha mit 19 Jahren am 1. Juni 1911 den 11 Jahre älteren praktischen Arzt Dr. Walter Julius Hoffmann (*13. Oktober 1880) in Berlin. Trauzeuge war der Rentier Simon Hoffmann, Ehemann ihrer Tante Henriette, Schwester ihres Vaters. Die Ehe blieb kinderlos. Sie dauerte 21 Jahre bis zum plötzlichen Tod von Hertha am 17. März 1932, vermutlich durch einen Unfall, den die Polizei beim Standesamt meldete.

Auguste wurde Kontoristin von Beruf. Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, stand sie kurz vor ihrem 35. Geburtstag. Zusammen mit ihrer Stiefmutter Martha wohnte sie in der Klopstockstraße 34 im Berliner Hansaviertel.
Ihr Bruder Harry Hermann starb am 15. Oktober 1937 in Bad Oeynhausen. Augustes Stiefmutter Martha Heymann geborene Seemann starb mit 71 Jahren am 15. Juni 1938 im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde. Auguste beerdigte sie auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.

In dieser Situation des Alleinseins wird sie sich entschlossen haben, doch noch zu heiraten. Wann und wo sie ihren späteren Ehemann, den 17 Jahre älteren Kaufmann Max Rotholz (*1. November 1881) kennenlernte, ist unbekannt. Er wohnte mit seinen Geschwistern ganz in ihrer Nähe in der Klopstockstraße 9. Vielleicht hatte sie ihn im Kontor der Getreide-, Futtermittel und Strohgroßhandlung seines Bruders Martin in der Solinger Straße 9 kennengelernt oder durch ihre Kollegin Lucie Sarner (*27. September 1889), einer Cousine von Max Rotholz. Am 1. November 1938 feierten sie den 57. Geburtstag von Max, nicht ahnend, was acht Tage später in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 durch die Schlägertrupps der Nationalsozialisten passieren würde.

Zwei Monate später, am 2. August 1939, heirateten Auguste und Max im Standesamt Berlin-Tiergarten. Auguste war zu diesem Zeitpunkt schon in der neuen Wohnung in der Prager Straße 23 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet. Trauzeugen waren der Rabbiner außer Dienst Dr. phil. Ephraim Finkel, Ehemann von Wanda Finkel geborene Rotholz, einer Schwester von Max Rotholz aus der Cuxhavener Straße 18 und Augustes Freundin, die kaufmännische Angestellte Lucie Sarner, die seit 1935 in der Güntzelstraße 49 in Berlin-Wilmersdorf wohnte.

Nach nur 20 Tagen, am 22. Januar 1939 um 22.50 Uhr, starb Augustes Ehemann Max im Jüdischen Krankenhaus an Herzschwäche und Leberschwellung. Auguste wurde mit 40 Jahren Witwe. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie noch in der Prager Straße 23 gemeldet. Wann sie in die Marburger Straße 7 zog, konnte nicht recherchiert werden.

Ende Oktober 1941 war Auguste eine der ersten, die den Deportationsbefehl in den „Osten“ erhielt. Sie hatte sich in der Sammelstelle in der von der Gestapo entweihten Synagoge in der Levetzowstraße 7- 8 einzufinden. Dort wurde sie registriert und ihr Gepäck penibel kontrolliert.

Zwei Tage später, am 1. November 1941, dem 60. Geburtstag ihres verstorbenen Ehemannes Max und dem 75. Geburtstag ihrer verstorbenen Stiefmutter Martha, musste sie zusammen mit ca. 1.200 Leidensgenossinnen und -genossen zu Fuß, für alle sichtbar, zum Güterbahnhof Berlin-Grunewald gehen, von wo aus sie der IV. Deportationszug in den Osten transportierte. Das Ziel der Reise wurde allen verheimlicht. Es war die polnische Industriestadt Łódź, 478 km von Berlin entfernt, welche die Deutschen Besatzer nach dem Überfall auf Polen 1939 in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Ein Teil des Stadtgebietes hatten sie als Ghetto abgeriegelt. Dort wurde Auguste im Bleichenweg einquartiert. In erbärmlichen Verhältnissen verbrachte sie dort den Winter und das Frühjahr 1942.

Als Anfang Mai 1942 die Transporte in das siebzig Kilometer entfernte Dorf Chełmno, von den Deutschen in Kulmhof umbenannt, zusammengestellt wurden, erhielt Auguste einen „Ausreisebefehl“ für den 9. Mai 1942. In der Vernichtungsstätte Kulmhof wurden sie vermutlich am 10. Mai 1942 in einem Gaswagen ermordet. Auguste Rotholz geborene Heymann starb mit 44 Jahren.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026
Quellen:
• Bundesarchiv – Gedenkbuch
• Mapping the Lives
• Berliner Adressbücher
• Arolsen Archives
• Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
• My Heritage

Stolperstein Johannes Hopp

HIER WOHNTE
JOHANNES HOPP
JG. 1892
DEPORTIERT 17.3.1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Johannes Hopp wurde am 26. Juni 1892 in Berlin geboren. Sein Vater, der Handelsmann Marcus Hopp, stammte aus Schrimm (Śrem) in der Provinz Posen. Seine Mutter hieß Antonie, geborene Pauckert.

Johannes war Kaufmann. Zu einem unbekannten Zeitpunkt heiratete er Nelly Abraham (*29. Oktober 1908). Das Ehepaar wohnte seit den 1930er-Jahren in der Prager Straße 23 (heute Nr. 3) in Wilmersdorf. Zum Zeitpunkt der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 lebte auch Johannes’ verwitwete Mutter Antonie bei ihnen. Sie scheint wenig später eines natürlichen Todes gestorben zu sein. Johannes und Nelly Hopp hatten anscheinend keine Kinder.

Am 17. März 1943 wurde das Ehepaar zusammen mit über tausend Leidensgenossinnen und -genossen im sogenannten „4. großen Alterstransport” ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Am 1. Oktober 1944 deportierte man Johannes Hopp von dort ins Vernichtungslager Auschwitz und ermordete ihn. Da seine Tötung nicht registriert wurde, galt er danach als verschollen. Johannes Hopp wurde wahrscheinlich 52 Jahre alt.

Seine Frau Nelly überlebte das Ghetto Theresienstadt. Sie scheint nach der Befreiung nach Berlin zurückgekehrt und dort in eine Wohnung in der Neuen Ansbacher Straße in Schöneberg gezogen zu sein. Im August 1946 ließ sie ihren Mann vom Amtsgericht Charlottenburg für tot erklären. Danach verlieren sich ihre Spuren.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Berliner Adressbücher
  • MyHeritage
  • mappingthelives.org
  • Deportationslisten
  • Verordnungsblatt Berlin 1946

Stolperstein Alfred Höxter

HIER WOHNTE
ALFRED HÖXTER
JG. 1874
DEPORTIERT 16.7.1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 10.9.1942

Alfred Höxter wurde am 11. Juli 1874 in Bockenheim bei Frankfurt am Main geboren. Für seine Eltern, den Kaufmann Levi Höxter und dessen Ehefrau Sara Höxter geborene Hess, war er das siebte von insgesamt acht Kindern. Seine älteren Schwestern hießen Rieka (*1867), Jenny (*1868) und Johanna (*1871). Seine Brüder hießen Salli (*1869), Ignatz (*1870), Hermann (*1873) und Richard (*1875). Als Alfred 21 Jahre alt war, zum 1. April 1895, schlossen die Städte Frankfurt und Bockenheim einen Eingemeindungsvertrag, wodurch Bockenheim ein Stadtteil Frankfurts wurde.

Alfred wurde, wie sein Vater und seine Brüder, Kaufmann von Beruf. Wann und wo er seine spätere Ehefrau, die aus Leipzig stammende Charlotte, genannt Lotte, Böhm (*13. Juli 1881) kennenlernte, ist unbekannt. Sie verlobten sich im März 1907 in Lottes Heimatstadt Leipzig in Sachsen. Der 32-jährige Alfred und die 25-jährige Lotte heirateten am 24. Juni 1907 ebenfalls in Leipzig. Die Ehe blieb kinderlos.

Sein älterer Bruder Ignatz hatte im Juni 1906 geheiratet und sein jüngster Bruder Richard heiratete am 15. August 1907 in Frankfurt. Ignatz starb 1912 mit 41 Jahren, woraufhin Richard die Geschäfte in Frankfurt übernahm.

Das Leipziger Adressbuch 1910 führte Alfred Höxter in der Kohlgartenstraße 12 als Kaufmann für die Julius Böhm und Leipziger Plombenfabrik Böhm & Co. Als der Erste Weltkrieg 1914 begann, war Alfred schon 40 Jahre alt und musste nicht mehr aktiv am Krieg teilnehmen. Als sein Schwiegervater 1918 starb, übernahm er vermutlich die Firma. 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, waren die Eheleute Höxter in Berlin gemeldet. Sie zogen in eine 3-Zimmer-Wohnung in der 1. Etage des Gartenhauses in der Prager Straße 23 in Berlin-Wilmersdorf.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war in ihrer Wohnung auch die dreiköpfige Familie Rothe aus Meseritz (Międzyrzecz, Polen) gemeldet, demnach waren Alfred und Lotte verpflichtet worden, Untermieter aufzunehmen. So blieb ihnen in ihrer Wohnung nur noch ein Zimmer. Seinem Bruder Richard Höxter aus Frankfurt gelang 1940 mit seiner Familie die Flucht nach Rio de Janeiro in Brasilien.

Die Gestapo deportierte die Eheleute Höxter am 16. Juli 1942 vom Anhalter Bahnhof in Berlin in das Ghetto Theresienstadt. Aufgrund der unhygienischen Bedingungen im Ghetto starb Alfred Höxter mit 68 Jahren am 10. September 1942. Als Todesursache wurde auf der Todesfallanzeige Darmkatarrh angegeben. Seine Frau Lotte wurde 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Charlotte Höxter geborene Böhm starb mit 63 Jahren.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026

Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch
Mapping the Lives
Berliner Adressbücher
Arolsen Archives – Deportationslisten
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
My Heritage
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 40111, Leo Wistinetzki

Stolperstein Charlotte Höxter

HIER WOHNTE
CHARLOTTE HÖXTER
GEB. BÖHM
JG. 1871
DEPORTIERT 16.7.1942
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
ERMORDET

Charlotte Höxter wurde als Charlotte Böhm am 13. Juli 1881 (nicht 1871) in Leipzig geboren. Für ihre Eltern, den aus Wilkersdorf, Königsberg in der Neumark (Chojna, Polen) stammenden Kaufmann Julius Böhm (*18. April 1853) und dessen aus Arnswalde (Choszczno, Polen) stammende Ehefrau Betty Rosalie Böhm geborene Asch (*30. November 1853), die am 7. Januar 1880 geheiratet hatten, war sie das erste von insgesamt drei Kindern. Ein Jahr nach ihrer Geburt kam ihr Bruder Richard Siegbert (*4. August 1882) zur Welt. Ihre Schwester Gertrud (*13. Februar 1886) wurde fünf Jahre später als Charlotte, die sich Lotte nannte, geboren.

Über Lottes Kindheit und Jugend konnte nichts recherchiert werden. Vermutlich besuchte sie wie ihre Schwester Gertrud die Höhere Schule für Mädchen. Wie damals für Frauen üblich, erlernte sie keinen Beruf. Ihr jüngerer Bruder Richard Siegbert wurde wie der Vater Kaufmann von Beruf. Ihre Schwester Gertrud legte im Herbst 1906 am Realgymnasium der Petri-Schule die Reifeprüfung ab. Sie studierte Medizin in Leipzig und Heidelberg. Nach dem Staatsexamen im Winter 1911 bestand sie 1912 auch ihre Doktorprüfung.

Wann und wo Lotte ihren späteren Ehemann, den aus Frankfurt am Main stammenden Kaufmann Alfred Höxter (*11. Juli 1874) kennenlernte, ist unbekannt. Im März 1907 gaben Charlottes Eltern die Verlobung ihrer ältesten Tochter in Leipzig bekannt. Die 25-jährige Lotte und der 32-jährige Alfred heirateten am 24. Juni 1907 in Leipzig. Die Ehe blieb kinderlos. Das Leipziger Adressbuch 1910 führte Alfred Höxter in der Kohlgartenstraße 12 als Kaufmann für die Julius Böhm und Leipziger Plombenfabrik Böhm & Co.

Ihr Bruder Richard heiratete im Dezember 1912 die nicht-jüdische, in Chemnitz geborene Frieda Anna Valeska Barth (*13. Januar 1881). Zwei Jahre später, am 27. Oktober 1914, heiratete Charlottes Schwester Gertrud den Oberarzt der Reserve Dr. Willy Koch (*1. August 1883). Als der Erste Weltkrieg 1914 begann, war Lottes Ehemann Alfred schon 40 Jahre alt und musste nicht mehr aktiv am Krieg teilnehmen. Als Lottes Vater am 20. Juli 1918 mit 65 Jahren starb, war ihr Bruder Richard in New York und ihr Schwager als Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges im Felde.

Nachdem Lottes Mutter am 17. Juli 1931 mit 77 Jahren in Leipzig gestorben war, werden Lotte und Alfred vermutlich nach Berlin gegangen sein.

1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, zogen die Höxters in eine 3-Zimmer-Wohnung in der 1. Etage des Gartenhauses in der Prager Straße 23. Ein Jahr später starb Lottes Schwester Dr. Gertrud Koch geborene Böhm mit 48 Jahren in Leipzig. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war in der Wohnung der Eheleute Höxter auch die 3-köpfige Familie Rothe aus Meseritz (Międzyrzecz, Polen) gemeldet, demnach waren Lotte und Alfred verpflichtet worden, Untermieter aufzunehmen. So blieb ihnen in ihrer Wohnung nur noch ein Zimmer.

Ihrem Schwager, dem Witwer Dr. Willy Koch, gelang 1940 noch die Flucht in die USA. Lottes Bruder Richard war eigentlich durch die „Mischehe“ mit einer „arischen“ Ehefrau vor der Deportation geschützt. Vermutlich hielt seine Frau dem Druck der Nationalsozialisten nicht stand und ließ sich scheiden. Im Januar 1942 wurde Richard von Leipzig über Dresden nach Riga deportiert. Hier starb er zu einem unbekannten Zeitpunkt.

Die Gestapo holte die Eheleute Höxter am 13. Juli 1942 in der Prager Straße 23 ab und deportierte sie am 16. Juli 1942 vom Anhalter Bahnhof in Berlin in das Ghetto Theresienstadt. Aufgrund der unhygienischen Bedingungen im Ghetto starb Alfred Höxter mit 68 Jahren am 10. September 1942. Als Todesursache wurde auf der Todesfallanzeige Darmkatarrh angegeben.

Lotte überlebte zwei Jahre im Ghetto Theresienstadt. Sie wurde am 16. Mai 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Charlotte Höxter geborene Böhm starb mit 63 Jahren.

Recherche und Text: Gundula Meiering, Februar 2026

Quellen:
Bundesarchiv – Gedenkbuch
Mapping the Lives
Berliner Adressbücher
Arolsen Archives – Deportationslisten
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
My Heritage
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 40111, Leo Wistinetzki

Stolperstein Franziska Kosterlitz

HIER WOHNTE
FRANZISKA
KOSTERLITZ
GEB. KOHN
JG. 1878
DEPORTIERT 14.12.1942
ERMORDET IN
AUSCHWITZ

Franziska Kohn kam am 31. Mai 1878 als Tochter des Kaufmanns Hugo Kohn und dessen Ehefrau Martha geborene Block in Neisse in Oberschlesien (heute Nysa in Polen) zur Welt. Sie hatte einen zwei Jahre älteren Bruder namens Kurt Wilhelm.
Die Familie zog nach Breslau um. 1903 heiratete Franziska dort den Kaufmann Marcus Kosterlitz (*1876). Sie bekamen drei Söhne, Rudolf (*1904), Walter (*1905) und Hans (*1906), sowie eine Tochter, Kate (*1909). Später zog die Familie nach Berlin, ebenso wie Franziskas Eltern, die dort beide 1917 starben und auf dem jüdischen Friedhof in Weissensee beigesetzt wurden.

1912 gründete Franziskas Mann zusammen mit zwei Kompagnons die Firma „Markwald, Rosenthal & Kosterlitz, Damenmäntel-Confection” am Hausvogteiplatz in Mitte, dem Zentrum des gehobenen Berliner Konfektionshandels. Franziska und Marcus Kosterlitz wohnten mit ihren vier Kindern in der Innsbrucker Straße in Schöneberg.

1931 starb Franziskas Bruder Kurt Wilhelm, der Buchhalter gewesen und mit seiner Familie in Breslau gelebt hatte.

Die Damenmantel-Firma florierte bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Dann begannen die Boykotte jüdischer Unternehmen. Zunächst versuchten Franziskas Mann und seine Kollegen sich zu verkleinern und zogen vom Hausvogteiplatz in die weniger luxuriöse Kronenstraße um; 1935 mussten sie aufgeben und die Firma erlosch.

Rudolf, der älteste Sohn des Ehepaars Kosterlitz, heiratete 1936 die Berlinerin Erika Lewin (*1903). Ebenfalls 1936 bekamen der Sohn Walter und dessen Frau Hertha, geborene Lehmann (*1909) eine Tochter und nannten sie Ruth. Franziska Kosterlitz wurde zum ersten und letzten Mal Großmutter.

Der dritte Sohn, Hans, sowie die Tochter Kate waren noch ledig und lebten bei den Eltern. Nachdem Rudolf 1937 in die Niederlande emigrierte, lebte auch seine Frau Erika bei ihnen.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wurden das Ehepaar Franziska und Marcus Kosterlitz, ihre Kinder Hans und Kate und ihre Schwiegertochter Erika gemeinsam in der Prager Straße 23 (heute Nr. 3) erfasst. Erika folgte ihrem Mann Rudolf kurz darauf in die Niederlande.

Sohn Walter war mit Frau und Tochter nach Palästina emigriert. Er starb 1954. Sohn Hans gelang im letzten Moment die Flucht aus Deutschland. Er lebte später in den USA, nannte sich John Koster und starb 1980 in Miami. Auch Tochter Kate scheint im letzten Augenblick geflohen zu sein; über ihr weiteres Schicksal waren außer einer Heirat mit einem Herrn Braun keine Informationen zu finden.

Franziskas Mann Marcus Kosterlitz starb 1940 eines natürlichen Todes. Franziska wurde am 14. Dezember 1942 aus dem Sammellager Große Hamburgische Straße nach Auschwitz deportiert und dort wahrscheinlich gleich nach der Ankunft ermordet. Franziska Kosterlitz geborene Kohn wurde 64 Jahre alt.

Ihren Sohn Rudolf und dessen Frau Erika ereilte dasselbe Schicksal. Die Flucht in die Niederlande hatte sie nicht retten können. Sie wurden 1943 im Sammellager Westerbork interniert und von dort im Januar 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Hier mussten sie noch über ein Jahr lang unter furchtbaren Bedingungen arbeiten. Beide wurden am 28. Februar 1945 ermordet.

Text und Recherche: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Welt-Adressbuch der Industriellen
  • Berliner Adressbücher
  • scatteredmind.co.uk
  • mappingthelives.org
  • Arolsen Archives
  • Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin
  • Wiedergutmachungsakten Herta Kosterlitz
  • Biografie zu Stolperstein Hedwig Rosenthal geb. Kessel

Stolperstein Siegfried Brann

HIER WOHNTE
SIEGFRIED BRANN
JG. 1902
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
MASSENERSCHIESSUNG
30.11.1941
RIGA-RUMBULA

Siegfried Brann wurde am 19. Oktober 1902 in Berlin geboren. Sein Vater, der Kaufmann Emil Brann, und seine Mutter Fanny, geborene Simon hatten in Thorn in Pommern (heute Toruń in Polen) geheiratet. Siegfried hatte eine ältere Schwester namens Herta (*1895) und einen älteren Bruder namens Walter (*1898).

Wir wissen nicht, welchen Beruf er ausübte. Er heiratete die acht Jahre ältere Erna Mosson geschiedene Kuttner, die mit ihren drei Schwestern in Schöneberg eine Tanzschule betrieb. Das Ehepaar hatte keine Kinder.

Zum Zeitpunkt der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 lebten sie in der Prager Straße 23 (heute Nr. 3). Am 27. November 1941 wurden sie nach Riga deportiert und am 30. November beim Massaker von Rumbula, dem fast 27.000 Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen, in einem Wald am Stadtrand von Riga erschossen. Siegfried Brann wurde 39 Jahre alt, seine Frau Erna 47.

Siegfrieds große Schwester Herta lebte mit ihrem Ehemann Richard Hurwitz (*1888) und der gemeinsamen Tochter Marga Rita (*1927) in der Turmstraße in Moabit. Alle drei mussten Zwangsarbeit verrichten. Am 3. Februar 1943 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Sein großer Bruder Walter floh 1938 in die Niederlande. Er wurde im Lager Westerbork inhaftiert und von dort am 14. September 1943 nach Auschwitz verschleppt. Am 5. Januar 1944 wurde er dort getötet.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Yad Vashem
  • Gedenkbuch des Bundes
  • MyHeritage
  • mappingthelives.org
  • Thorner Presse 21.8.1894

Stolperstein Erna Brann

HIER WOHNTE
ERNA BRANN
GEB. MOSSON
JG. 1894
DEPORTIERT 27.11.1941
RIGA
MASSENERSCHIESSUNG
30.11.1941
RIGA-RUMBULA

Erna Mosessohn, die später ihren Namen in Mosson ändern ließ, wurde am 5. Oktober 1894 in Berlin geboren. Ihr Vater, der Kaufmann Arthur Abraham Mosessohn, war aus Schneidemühl in Westpreußen (heute Piła in Polen) zugezogen, ihre Mutter Mary geborene Weinberg stammte aus Danzig.

Erna hatte drei Schwestern: Henny (*1887), Irma (*1899) und Elly. Elly war wahrscheinlich ihre Zwillingsschwester. 1906 verloren die Mädchen den Vater, der mit 56 Jahren starb und auf dem jüdischen Friedhof in Weissensee beigesetzt wurde.

Die vier Schwestern eröffneten gemeinsam eine Tanzschule. Spätestens ab 1920 konnte man in ihrem „Tanzinstitut Mosson” in der Kleiststraße 30 in Einzel- und Gruppenstunden Gesellschaftstänze lernen, und auch die aktuellen Modetänze wie Tango, Foxtrott und Twostep wurden angeboten.

1919 oder 1920 heiratete Erna den sechs Jahre älteren Juristen und Journalisten Erich Kuttner. Er war Sozialist und aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetreten. Nachdem er als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg verwundet worden war, war er nach Berlin zurückgekehrt und seit 1916 Redakteur beim „Vorwärts“, dem „Central-Organ der Sozialdemokratie”. 1921 bis 1933 gehörte er für die SPD dem Preußischen Landtag an.
Die Ehe blieb kinderlos. Sie wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt geschieden. In zweiter Ehe heiratete Erna den acht Jahre jüngeren Kaufmannssohn Siegfried Brann (*19. Oktober 1902), der ebenfalls gebürtiger Berliner war. Es war nicht herauszufinden, welchen Beruf er ausübte.

Die Tanzschule von Erna und ihren Schwestern blieb bis in die 1930er-Jahre bestehen. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde Erna aus der Reichskulturkammer/Sektion Tanz ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam.

Zum Zeitpunkt der „Minderheiten-Volkszählung” im Mai 1939 wohnte sie mit ihrem Mann in der Prager Straße 3 (damals Nr. 23) in Wilmersdorf. Ihre Schwester Henny lebte mit ihrem Mann Carl Möller in der Badenschen Straße 4 in Schöneberg. Bei ihnen wohnte auch die verwitwete Mutter Mary. Die Schwestern Irma und Elly hatten ebenfalls geheiratet. Irma scheint sich von ihrem Mann Sigmar Meyer getrennt zu haben und lebte allein in der Helmstraße 1 in Schöneberg. Elly und ihr Ehemann Siegfried Samuel Leopold wohnten mit ihrem einjährigen Sohn Gert in der Pallasstraße 26, ebenfalls in Schöneberg.
Die gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet. Erna Brann und ihr Mann Siegfried wurden am 27. November 1941 nach Riga deportiert und am 30. November beim Massaker von Rumbula, dem fast 27.000 Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen, in einem Wald am Stadtrand von Riga erschossen. Erna Brann geborene Mosson wurde 47 Jahre alt, ihr Mann Siegfried 39.

Ihre Mutter Mary Mosessohn geborene Weinberg wurde am 17. August 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und am 26. September im Vernichtungslager Treblinka getötet. Henny und ihr Ehemann Carl, bei denen Mary gelebt hatte, wurden zehn Tage später ebenfalls nach Theresienstadt und von dort nach Treblinka verschleppt. Man tötete sie am 29. September 1942.

Irma wurde am 24. September 1942 in der Tötungsanstalt Raasiku ermordet. Elly, ihr Mann Siegfried und ihr inzwischen fünfjähriges Söhnchen Gert wurden 1943 in Auschwitz vergast.

Ernas erster Ehemann Erich Kuttner wurde 1942 im KZ Mauthausen getötet. Für ihn ist in der Burgherrenstraße 4 in Tempelhof ein Stolperstein verlegt.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:

Stolperstein Hans Henry Margolinski

HIER WOHNTE
HANS HENRY
MARGOLINSKI
JG. 1902
FLUCHT 1939
SHANGHAI

Hans Margolinski wurde am 10. Juni 1902 in Berlin geboren. Sein Vater Georg Margolinski (*12. November 1868), ein ostpreußischer Kaufmannssohn, war in zweiter Ehe mit Elise geborene Lichtenberg verheiratet, der Mutter von Hans und dessen großem Bruder Rudolf, genannt Rudi (*3. Oktober 1900).

Hans erhielt schon als Kind Geigenunterricht, dann studierte er am renommierten Sternschen Konservatorium, einer privaten Musikhochschule, Klavier und Dirigieren und machte 1920, mit 18 Jahren, seinen Abschluss. Er nannte sich nun Henry oder Henri. 1923 trat er eine Stelle als Kapellmeister im Bamberger Stadttheater an. Im selben Jahr heiratete er die Wiener Sängerin Irene Seidl (*21. Okt. 1899), die hier als lyrischer Sopran engagiert war. Irene hatte ebenfalls am Sternschen Konservatorium in Berlin studiert, wo sie sich wohl kennengelernt hatten. Nach einem Jahr in Bamberg wechselten sie gemeinsam nach Eisenach, er als Operettendirigent, sie als Sängerin. Dann zogen sie zurück nach Berlin und dort in die Kurfürstenstraße 23 in Schöneberg.

Henrys großer Bruder Rudi hatte ebenfalls am Stenschen Konservatorium studiert und auch er wurde Kapellmeister und Pianist. Rudi Margolinski scheint unverheiratet geblieben zu sein und wohnte damals in der Dieffenbachstraße in Kreuzberg.

Henry und seine Frau hatten weiterhin Engagements in verschiedenen Städten. Henry arbeitete nun auch beim Film, wo er Instrumentationen von Filmmusik erstellte. 1930 bekam er eine Festanstellung bei der UFA als Solo- und Orchesterpianist. Als der Tonfilm seinen Siegeszug antrat, war er auch als Tonmeister beschäftigt. Nebenbei gab er Klavierstunden und war als Korrepetitor tätig. Seine Frau trat im Steglitzer Schlossparktheater auf, unterrichtete Gesang und gab Solokonzerte, wobei sie ihr Mann manchmal auf dem Klavier begleitete. Henry und Irene hatten keine Kinder.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verlor Henry Margolinski seine Stellung bei der UFA. 1935 wurde er ebenso wie seine Frau und sein Bruder als “Nichtarier” aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen, die nun das gesamte Musikleben des Landes kontrollierte, was einem Berufsverbot gleichkam. Rudi wurde im selben Jahr zu einem Verhör bestellt, weil er es gewagt hatte, ohne Mitgliedsausweis in einem Steglitzer Tanzlokal Klavier zu spielen.

Henry Margolinski scheint ab und zu noch heimlich Aufträge von früheren UFA-Kollegen bekommen zu haben. Wahrscheinlich gaben er und seine Frau auch noch privat Musikstunden. 1934 oder 1935 zogen sie in die Prager Straße 3 um, wahrscheinlich in eine günstigere Wohnung. Das Geld wurde immer knapper, aber Anfang 1939 gelang ihnen dennoch die Flucht – über Genua nach Shanghai. Mehrere jüdische Musikerinnen und Musiker aus Berlin hatten diesen Fluchtweg gemeinsam erschlossen. Am 15. März 1939 veranstalteten sie auf der SS Victoria einen musikalischen Abend für alle Reisenden: Franz Liszt, Carl Maria von Weber, Richard Wagner und dazu ein paar Auszüge aus Operetten. Bei der Emigration hatten die Margolinskis fast ihren ganzen Besitz verloren, darunter wertvollen Schmuck von Irenes Mutter, einer bekannten Opernsängerin. Ihr wichtigstes Eigentum hatten sie allerdings retten können und es reiste mit ihnen nach China: Ihr Blüthner-Flügel und ihr Hund.

Henrys Bruder Rudi gelang die Flucht nicht. Er wurde am 14. April 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Sein Todesdatum ist unbekannt. Rudolf Margolinski wurde ungefähr 42 Jahre alt.

Georg und Elise Margolinski, die Eltern von Henry und Rudi, scheinen sich scheiden gelassen zu haben oder lebten zumindest getrennt. Elise starb 1934. Georg wurde im Sommer 1942 im KZ Sachsenhausen interniert und dort am 26. Juni mit 73 Jahren ermordet.

Henry Margolinski gelang in Shanghai ein beruflicher Neuanfang: Er unterrichtete am Konservatorium und trat als Gastdirigent des Municipal Orchestra auf. Im Theater des Russian Club, einem Zusammenschluss russischer Exilanten, leitete er Opern- und Operettenaufführungen. Als die japanische Besatzungsmacht 1943 das Ghetto Hongkew für jüdische Flüchtlinge aus Europa errichtete, musste auch das Ehepaar Margolinski in diese Sperrzone ziehen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieben sie zunächst in Shanghai. Henry arbeitete wieder für das Municipal Orchestra, trat als Solopianist in Mozarts Krönungsmesse auf und war als Klavierbegleiter tätig.

Als Mao 1949 die Volksrepublik China ausrief, verließen die Margolinskis Shanghai. Sie emigrierten in die USA und ließen sich dort in Colorado Springs nieder. Dort gründeten sie eine Musikschule, die sie bis ins hohe Alter leiteten. Sie starben fast gleichzeitig: Irene am 12. April und Henry am 28. Mai 1980. Beide wurden 80 Jahre alt.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Berliner Adressbücher
  • Myheritage.com
  • mappingthelives.org
  • Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit

Stolperstein Irene Margolinski

HIER WOHNTE
IRENE
MARGOLINSKI
GEB. SEIDL
JG. 1899
FLUCHT 1939
SHANGHAI

Irene Margolinski wurde am 21. Oktober 1899 in Wien geboren. Sie war das einzige Kind des Kaufmanns Alois Seidl (*1853) und der Opernsängerin Laura Friedmann-Seidl geborene Friedmann (*1858). Deren Vater war gebürtiger Wiener, ihre Mutter stammte aus Zabrze in Schlesien und war in Berlin aufgewachsen. Sie hatte dort an der Königlichen Hochschule studiert. Als junge Sängerin hatte sie Engagements unter anderem in Bremen, Köln und Paris, danach war sie zehn Jahre lang Mitglied der königlichen Hofoper in Dresden. Sie sang Koloratursopran. Erst kurz vor Irenes Geburt war sie nach Wien gezogen und dort k.u.k. Kammersängerin geworden. Bei Irenes Geburt war sie schon 41 Jahre alt und hatte das Ende ihrer Bühnenkarriere erreicht.

Irene bekam schon als kleines Mädchen Musikunterricht von ihrer Mutter und besuchte dann eine Musikschule. 1907 starb ihr Vater. Daraufhin zog sie mit ihrer Mutter nach Berlin, wo auch ihre Großmutter Dorothea lebte, die 1913 starb.

Irene besuchte ein Mädchengymnasium, 1916 wurde sie im Sternschen Konservatorium aufgenommen, einer renommierten privaten Musikhochschule. Dort studierte sie Gesang. Sie verliebte sich hier wohl auch in einen etwas jüngeren Kommilitonen namens Hans Margolinski (*10. Juni 1902), einen Berliner, der Klavier und Orchesterleitung studierte.

1921 starb Irenes Mutter. Bald darauf bekam Irene ein Engagement als lyrischer Sopran im Bamberger Stadttheater, wo Hans Margolinski, der sich als Musiker Henry oder Henri nannte, als Kapellmeister engagiert wurde. 1923 heirateten Irene und Henry. Sie wechselten gemeinsam von Bamberg nach Eisenach, Irene als Sängerin, Henry als Operettendirigent. Dann zogen sie zurück nach Berlin und dort in die Kurfürstenstraße 23 in Schöneberg.

Irene hatte Engagements im Steglitzer Schlossparktheater und in verschiedenen Städten, darunter Nürnberg und Triberg. Sie sang Sopranpartien u.a. in Opern von Mozart, Beethoven und Puccini. In Berlin gab sie Liederabende, zuweilen begleitet von ihrem Mann, war als Chorsängerin tätig und unterrichtete Privatschüler. Ihr Mann hatte eine Stelle bei der UFA angetreten und arrangierte Filmmusik, daneben gab auch er Musikunterricht. Die Margolinskis hatte keine Kinder.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verlor Henry seine Stellung bei der UFA. 1935 wurden Irene und er als “Nichtarier” aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen, die nun das gesamte Musikleben des Landes kontrollierte, was einem Berufsverbot gleichkam. Der einzige Chor, in dem Irene nun noch singen durfte, war jener des Jüdischen Kulturbundes. 1934 oder 1935 zog das Ehepaar in die Prager Straße 3 um, wahrscheinlich in eine günstigere Wohnung.

1939 emigrierten Irene und Henry Margolinski über Genua nach Shanghai. Die letzten Reste ihrer Ersparnisse und alles, was Irene von ihrer Mutter geerbt hatte, darunter einiger Schmuck, wurde ihnen vor der Ausreise abgenommen; wie durch ein Wunder gelang es ihnen jedoch, ihren wertvollsten Besitz zu retten und mit auf die Reise zu nehmen, ihren Blüthner-Flügel und ihren Hund.

Irene Margolinski und ihr Mann schafften in Shanghai den beruflichen Neuanfang. Beide unterrichteten wieder, Henry am Konservatorium, Irene an der US-amerikanischen Shanghai University. Sie lebten dennoch in armen und nicht hygienischen Verhältnissen. 1943 mussten sie in das Ghetto Hongkew ziehen, eine Sperrzone für jüdische Flüchtlinge aus Europa, die die japanische Besatzungsmacht errichtet hatte. Irene erkrankte lebensgefährlich an Amöbenruhr und einer Wurminfektion der Leber, wurde aber wieder vollständig gesund.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs blieben die Margolinskis zunächst in Shanghai. Sie wohnten sehr zentral in der lebhaften Bubbling Well Road (heute Nanjing Lu). Henry arbeitete wieder für das Municipal Orchestra, trat als Solopianist in Mozarts Krönungsmesse auf und war als Klavierbegleiter tätig.

Als Mao 1949 die Volksrepublik China ausrief, verließen die Margolinskis das Land. Sie emigrierten in die USA und ließen sich dort in Colorado Springs nieder. Dort gründeten sie eine Musikschule, die sie bis ins hohe Alter leiteten. Sie starben fast gleichzeitig: Irene am 12. April und Henry am 28. Mai 1980. Beide wurden 80 Jahre alt.

Recherche und Text: Christine Wunnicke

Quellen:
  • Gedenkbuch des Bundes
  • Berliner Adressbücher
  • Myheritage.com
  • mappingthelives.org
  • Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit