HIER WOHNTE
ELSE NOHER
JG. 1882
DEPORTIERT 12.1.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET
Else Noher wurde am 16. Januar 1882 in Kattowitz in Oberschlesien (Katowice, Polen) geboren. Für ihre Eltern, den aus Kramelau in Oberschlesien (Kromołów, Polen) stammenden Schneidermeister und Kaufmann Szymon Noher, auch Simon genannt (*1853), und dessen aus Groß Strehlitz im Kreis Oppeln (Strzelce Opolskie, Polen) stammende Ehefrau Bertha geborene Herzfeld (1844-1916), war sie das zweitälteste von insgesamt neun Kindern. Ihr Bruder Benjamin (*18. Dezember 1880), der auch Bruno genannt wurde, war ein Jahr älter als sie. Nach Else, die auch Ella genannt wurde, folgten die Geschwister Charlotte, genannt Lotte (*7. April 1883), Leopold, auch Leo oder Leon genannt (*26. Juli 1884), Salo (*31. Mai 1886), Amalie (*16. Mai 1889), Bernhard (*29. Juni 1890), Gertrude, genannt Trude (*28. April 1892) und Selma (*18. Dezember 1893).
Ihr älterer Bruder Benjamin heiratete Gittel Herzfeld. Sie wurden Eltern zweier Töchter, Margot (1900-1934) und Luzie (1914-2008). Elses Schwester Lotte heiratete 1911 Paul Pincus Bromberger (*24. Oktober 1883). Sie zogen nach der Hochzeit nach Wien und wurden dort Eltern zweier Töchter, Regina (3. Februar 1912-1942) und Ruth (26. Dezember 1922-1931). 1912 heiratete ihr Bruder Salo die aus Belk im Kreis Rybnik stammende Ella Juliusburger (*25. April 1886) und am 17. Oktober 1912 ihr Bruder Bernhard die aus Tarnowski in der Nähe von Kattowitz (Tarnowskie Góry, Polen) stammende Dorothea Eichner (*5. Juli 1887). Bernhard war Installateur in Beuthen. Salo und Ella wurden Eltern von zwei Kindern, Regina (1913-1979) und Heinz-Günther (1915-1997).
Am 9. September 1913 starb ihr Vater mit 60 Jahren. Ihre Mutter wurde mit 69 Jahren Witwe. Else, die ledig blieb, unterstützte die Mutter im Haushalt und im Geschäft, welches diese nach dem Tod ihres Ehemannes weiter betrieb. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, meldeten sich Elses Brüder zum aktiven Kriegseinsatz „im Felde“.
Ihre Mutter starb am 23. Januar 1916 mit 72 Jahren in der Gutenbergstraße 4 in Kattowitz. Der Friseur Benjamin Noher, ihr ältester Sohn, meldete den Tod beim Standesamt.
Elses Bruder Leopold heiratete in Warschau und wurde 1920 Vater eines Sohnes, den sie Janek nannten. Ihre Schwester Amalie heiratete Anfang 1920 den Dentisten Chaim Ajzyk Feldmann (*16. Mai 1896). Sie wurden Eltern von Ruth (*8. Dezember 1920). Die Ehe von Amalie und Chaim wurde 1927 aufgrund von Geldproblemen in der Wirtschaftskrise geschieden. Elses Schwester Gertrud blieb wie Else ledig.
Ihre jüngste Schwester Selma heiratete am 23. Dezember 1920 den Architekten Dr. Ernst Schein (*19. November 1895) aus Beuthen. Sie wurden Eltern von zwei Kindern. Günther kam 1922 noch in Kattowitz zur Welt. Danach zog die kleine Familie nach Berlin, wo ihre Tochter Erna Eva 1927 geboren wurde.
Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war Else gerade 51 Jahre alt geworden. Wann genau sie nach Berlin zu ihrer Schwester Selma und deren Familie zog, konnte nicht recherchiert werden. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war sie als Untermieterin bei Schein in der Duisburger Straße 1 in Berlin-Wilmersdorf gemeldet.1935 war ihre Schwester Selma mit ihrer Familie dort in eine 6 ½ -Zimmer-Wohnung in der zweiten Etage des Vorderhauses gezogen. Vermutlich 1938 zog Selmas 1936 verwitweter Schwiegervater Oskar Schein (*4. Oktober 1863) auch zu ihnen, denn auch er war hier 1939 gemeldet.
Elses Bruder Salo und dessen Ehefrau Ella geborene Juliusburger waren bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 in Kiel gemeldet. Ihnen gelang noch rechtzeitig die Flucht ins Ausland. Nach dem Krieg bauten sie sich in Neuseeland ein neues Leben auf.
Ihre Schwester Amalie Feldmann starb 1941 an einer Überdosis Schmerzmittel, die ihr nach einer Herzattacke verabreicht wurde. Der Todeszeitpunkt ihrer Schwester Gertrude konnte nicht ermittelt werden.
Am 20. August 1942 deportierte die Gestapo ihre Schwester Charlotte und deren Ehemann Paul Pincus Bromberger von Wien nach Theresienstadt und von dort am 26. September 1942 nach Treblinka, wo sie sie ermordeten. Die Töchter Regina und Ruth waren zu diesem Zeitpunkt schon gestorben.
Zusammen mit Else Bromberg, einer Nachbarin aus dem Haus Duisburger Straße 1, wurde Else Noher Anfang Januar 1943 von der Gestapo abgeholt und in ein Sammellager gebracht, wo sie ihre Vermögenserklärungen auszufüllen hatten. Am 12. Januar 1943 deportierte die Gestapo sie zusammen mit über 1.180 weiteren Personen vom Güterbahnhof Moabit mit dem 26. Osttransport nach Auschwitz, wo sie vermutlich kurz nach ihrer Ankunft in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Else Noher starb kurz vor ihrem 61. Geburtstag.
Ihre Schwester Selma, ihr Schwager Ernst und ihre Nichte Erna Eva deportierte die Gestapo am 26. Februar 1943 nach Auschwitz, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet wurden. Ihr 21-jähriger Neffe Günther Schein wurde am 17. Mai 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Vermutlich wurde er im Konzentrationslager noch zur Zwangsarbeit herangezogen. Auch er überlebte Auschwitz nicht. Ebenfalls am 17. Mai 1943 morgens um 10 Uhr starb Oskar Schein, der Vater ihres Schwagers Ernst, laut Sterbeurkunde an Herzmuskelschwäche im Jüdischen Siechenheim in der Iranischen Straße 2 in Berlin-Wedding. Da er erst sechs Tage nach seinem Tod bestattet wurde, kann vermutet werden, dass er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hatte.
Recherche und Text: Gundula Meiering, Juni 2026
Quellen:
• Bundesarchiv – Gedenkbuch
• Mapping the Lives
• Berliner Adressbücher
• Arolsen Archives – Deportationslisten
• Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen / über ancestry
• My Heritage
• Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 33592, Ernst Schein