Stolpersteine an der Konstanzer Straße 4

Konstanzer Straße 4, Ecke Duisburger Straße, 27.2.2013, Foto: KHMM

Konstanzer Straße 4, Ecke Duisburger Straße, 27.2.2013, Foto: KHMM

Die sechs Stolpersteine an der Konstanzer Straße 4 wurden am 29. März 2008 verlegt, gemeinsam mit den 14 Stolpersteine an der Duisburger Straße 1 unmittelbar daneben.

Am 5. November 2011 wurde an der Ecke Duisburger und Konstanzer Straße neben den Stolpersteinen eine gläserne Gedenktafel aufgestellt.

Stolperstein für Ernst Bromberg, 27.2.2013, Foto: KHMM

Stolperstein für Ernst Bromberg, 27.2.2013, Foto: KHMM

HIER WOHNTE
ERNST BROMBERG
JG. 1872
DEPORTIERT 26.8.1942
THERESIENTADT
ERMORDET 10.2.1943

Ernst Bromberg (Isaac Ernst Bromberg) kam am 18. April 1872 in Aachen (damals Rheinprovinz) als Sohn des jüdischen Kantors und Grundschullehrers Abraham Bromberg (1833/1834–1915) und seiner Ehefrau Friederike (Riekchen), geb. Steinberg (1838/39–1920) auf die Welt. Sein Vater stammte laut Sterberegistereintrag aus der Kreisstadt Aldenau in der Provinz Posen, der Großvater Bromberg war dort ebenfalls Kantor gewesen. Seine Mutter war in Vlotho in Ostwestfalen aufgewachsen. Großvater Steinberg und auch ein Onkel waren Metzgermeister.

Der Vater von Ernst Bromberg arbeitete als Kantor und Lehrer zuerst im westfälischen Sauerland und dann in Aachen. Die ältesten Geschwister kamen noch im Sauerland auf die Welt: 1860 die Schwester Deborah in Marsberg (Kreis Brilon) und 1861 der Bruder Jeremias in Brilon. (Er lebte später als „Jermie“ Bromberg in den Niederlanden, wo er 1935 gestorben ist.)

In Aachen waren 1862 am Promenadenplatz (seit 1984 Synagogenplatz) eine Synagoge und 1868 eine neue jüdische Gemeindeschule eröffnet worden. Im Aachener Adressbuch von 1868 ist Abraham Bromberg bereits als Kantor der Gemeinde und Lehrer an der israelitischen Schule verzeichnet. Die Familie wohnte in der Promenadenstraße 21/1. Sohn Ernst Bromberg wuchs also neben der Synagoge auf und wird die Schule besucht haben, an der sein Vater unterrichtete.

Wie viele Geschwister er hatte, bleibt unklar. Neben einigen wohl früh verstorbenen Schwestern und Brüdern kamen in Aachen 1863 der Bruder Adolph, 1865 die Schwester Anna und 1875 die Schwester Rosalie auf die Welt.

Ernst Bromberg wurde Kaufmann und ging nach Berlin. Dort heiratete er am 30. August 1899 die 1868 in Berlin geborene Alice Freudenberg, die noch bei ihren Eltern Gustav und Rebekka Freudenberg in der Klosterstraße 79 in „Alt- Berlin“ (heute Berlin-Mitte) lebte. Ihr Vater war gerichtlich vereidigter Taxator, also Gutachter, für Möbel und Nachlässe. Sie selbst war „ohne Beruf“. Im Heiratsregistereintrag steht als Religionszugehörigkeit „mosaisch“. Ob Alice Freudenberg auch nach den Rassengesetzen der NS-Diktatur Jüdin, jüdischer Herkunft oder „jüdisch versippt“ war, bleibt unklar oder wird widersprüchlich angegeben. Klar ist, dass fast all ihre nahen Verwandten Mitglieder der jüdischen Gemeinde gewesen sind oder – wie ihre Schwester Else und ihr Bruder Paul – vor der Taufe gewesen waren.

Ebenfalls 1899 heiratete Ernst Brombergs Schwester Rosalie nach Berlin, und die Eltern Bromberg zogen aus Aachen in die Reichshauptstadt. In den folgenden Jahren lebten sie im ruhigen Pankow, bis 1920 noch eine Landgemeinde bei Berlin.

Ernst Bromberg arbeitete als Geschäftsreisender und „Vertreter auswärtiger Häuser“. Er wohnte mit seiner Ehefrau zu Beginn des neuen Jahrhunderts in der Steinmetzstraße 25 in Schöneberg. Hier wurde am 18. März 1900 die Tochter Else geboren. Am 30. Dezember 1903 kam Sohn Werner in der Moselstraße 8 in Friedenau auf die Welt. Aber dort blieb die Familie laut Adressbuch nur für ein Jahr. (Auch Schöneberg und Friedenau gehörten noch nicht zu Berlin.)

Danach lagen die Wohn- und Geschäftsadressen bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg zuerst in der Lindenstraße und dann in der Wilhelmstraße. Beide Straßen stehen eigentlich für das Berliner Presseviertel und das Regierungsviertel, aber in der Nähe war auch das Exportviertel Ritterstraße im heutigen Kreuzberg. Rund um die Ritterstraße waren nicht allein kleine Industriebetriebe und viele Handelsfirmen, sondern auch – wie eine ständige Messe – unzählige Musterlager. Ernst Bromberg besaß ein Tuchlager in der Wilhelmstraße.

Von 1912 bis zur NS-Diktatur lebten Ernst und Alice Bromberg in der Martin-Luther-Straße 45. Heute wäre dies in der Nähe der Urania und der Keithstraße, damals standen hier repräsentative Bürgerhäuser. Als Beruf von Ernst Bromberg wird „Kaufmann“ angegeben. Es scheint, dass auch die Tochter Else – während dieser Jahre erwachsen geworden – weiterhin bei den Eltern gewohnt hat.

Ernst Brombergs Schwestern Anna und Rosalie (die erste ledig geblieben und von Beruf Gesangslehrerin, die andere verheiratet) waren bereits Anfang des Jahrhunderts in Berlin gestorben. Mitte Oktober 1915 starb auch sein Vater Abraham Bromberg, und seine Mutter zog zu Sohn und Schwiegertochter in die Martin-Luther-Straße. Dort starb sie am 4. April 1920.

Nach dem Beginn der NS-Diktatur wechselte die Familie Bromberg einige Male die Wohnung, wohnte in der Erfurter Straße und der Sybelstraße. Seit 1938 lebte sie in einer 4-Zimmer-Wohnung in der ersten Etage des Vorderhauses der Konstanzer Straße 4, ein Eckhaus zur Duisburger Straße. Ernst Bromberg wurde im Berliner Adressbuch bis zum letzten Eintrag im Jahr 1940 als „Kaufmann“ notiert. Sohn Werner Bromberg, der beim Lette-Verein eine Lehre zum Fotografen absolviert hatte, wohnte Ende der 1930er-Jahre nicht mehr bei den Eltern, sondern in der nahen Xantener Straße 10. Die unverheiratete Tochter Else Bromberg war Zwangsarbeiterin bei der Krone Presswerk GmbH in Berlin-Lichtenberg.

Am 13. Juni 1942 wurde der Sohn Walter Bromberg Richtung Sobibor/Maidanek deportiert und am 19. Juni 1942 im Vernichtungslager Maidanek ermordet. Seine Eltern Ernst und Alice Bromberg wurden am 26. August 1942 vom Anhalter Bahnhof aus mit einem der „kleinen“ Alterstransporte (100 Personen in zwei Personenwaggons) nach Theresienstadt deportiert. Tochter Else Bromberg blieb in der Wohnung und musste jüdische Untermieter aufnehmen.

Ernst Bromberg kam bereits am 10. Februar 1943 in Theresienstadt um. Seine Ehefrau Alice lebte noch bis zum 8. Mai 1944. Else Bromberg wurde am 12.Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Quellen:
  • Adressbuch Aachen
  • Berliner Adressbücher
  • Berliner Telefonbücher
  • BLHA Brandenburgisches Landeshauptarchiv
  • Deutscher Reichsanzeiger
  • Gedenkbuch Bundesarchiv
  • Alfred Gottwaldt/Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich, Wiesbaden 2005
  • HU Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry
  • Yad Vashem. Opferdatenbank
  • https://www.geni.com/people/
  • https://www.mappingthelives.org/
  • https://www.statistik-des-holocaust.de/
  • https://www.juedische-gemeinden.de/
  • https://arolsen-archives.org/
  • Vorrecherchen Nachlass von Wolfgang Knoll
Stolperstein für Alice Bromberg, 27.2.2013, Foto: KHMM

Stolperstein für Alice Bromberg, 27.2.2013, Foto: KHMM

HIER WOHNTE
ALICE BROMBERG
GEB. FREUDENBERG
JG. 1875
DEPORTIERT 26.8.1942
THERESIENTADT
ERMORDET 9.5.1944

Alice Bromberg kam am 12. November 1868 in Berlin als Tochter des Kaufmanns Gustav Freudenberg (1834–1902) und seiner Ehefrau Rebekka, geb. Franck (Friederike genannt, 1840–1909) auf die Welt. Ihr Vater war gerichtlich vereidigter Taxator, also Gutachter, für „Möbel, Betten, ausgeräth und Nachlaßsachen“. Er stammte aus einer jüdischen Tuchmacherfamilie: Großvater Moses Freudenberg (1786–1846) hatte noch in der Tuchmacherstadt Burg nicht weit von Magdeburg gelebt. Die zehn Kinder des Ehepaars waren in Gommern „vor den Toren Magdeburgs“ auf die Welt gekommen und später nach Magdeburg und Berlin gegangen oder ausgewandert. Alice Freudenberg muss einige ihrer Onkel und Tanten während ihrer Kindheit kennengelernt haben.

Über die Familie ihrer Mutter ist wenig bekannt. Friederike Franck, Tochter von Bernhard Franck, stammte wohl aus Hannover und hatte 1860 in Berlin Gustav Freudenberg geheiratet. Einige Kinder der Beiden waren früh verstorben, erwachsen wurden fünf Geschwister von Alice Freudenberg: Lydia (*1862), Marie (*1865), Paul (*1867), Richard (?, *1871) und Else (*1880).
1868, im Jahr ihrer Geburt, wohnte die Familie in der Heiligegeiststraße in Alt-Berlin (heute Mitte).

In den folgenden Jahren zog sie einige Male um. Zuletzt wohnten die Eltern in der Klosterstraße 79, ebenfalls im „alten“ Berlin.

Alice Freudenberg lebte bis zur Hochzeit bei den Eltern – so war es üblich, wenn das Einkommen des Vaters reichte. Einen der wenigen für Mädchen ihrer Herkunft möglichen Berufe lernte sie nicht. Am 30. August 1899 heiratete Alice Freudenberg den 1872 in Aachen geborenen Kaufmann Ernst Bromberg. Er war der Sohn des jüdischen Kantors und Grundschullehrers Abraham Bromberg (1833/1834–1915) und der Friederike, geb. Steinberg (1838/39–1920). Sein Vater hatte seit 1868 in Aachen gearbeitet, und Sohn Ernst Bromberg war dort im Schulgebäude neben der Synagoge aufgewachsen. Aber er war nicht Kantor geworden wie Vater und Großvater, sondern Kaufmann und nach Berlin gegangen.

Im Heiratsregistereintrag steht als Religionszugehörigkeit „mosaisch“. Ob Alice Freudenberg auch nach den Rassengesetzen der NS-Diktatur Jüdin, jüdischer Herkunft oder „jüdisch versippt“ war, bleibt unklar oder wird widersprüchlich angegeben. Klar ist, dass fast all ihre nahen Verwandten Mitglieder der jüdischen Gemeinde gewesen sind oder – wie ihre Schwester Else und der Bruder Paul – vor der Taufe gewesen waren.

Ebenfalls 1899 heiratete Alice Brombergs Schwägerin Rosalie nach Berlin, und die Schwiegereltern Bromberg zogen aus Aachen in die deutsche Hauptstadt.
Ernst Bromberg arbeitete als Geschäftsreisender und „Vertreter auswärtiger Häuser“. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts lebten Alice Bromberg und ihr Ehemann in der Steinmetzstraße 25 in Schöneberg. Hier wurde am 18. März 1900 die Tochter Else (genannt nach einer Schwester der Mutter) geboren. Am 30. Dezember 1903 kam Sohn Werner in der Moselstraße 8 in Friedenau auf die Welt. Die Wohnadressen der Familie und gleichzeitigen Geschäftsadressen lagen danach bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg zuerst in der Lindenstraße und dann in der Wilhelmstraße im heutigen Kreuzberg. In der Nähe war das Exportviertel Ritterstraße. In dieser Gegend gab es nicht allein kleine Industriebetriebe und viele Handelsfirmen, sondern auch unzählige Musterlager:

Ehemann Ernst Bromberg besaß ein Tuchlager in der Wilhelmstraße.1902 starb der Vater von Alice Bromberg in der Klosterstraße 79. Lydia Liedtke, die verwitwete Schwester von Alice Bromberg, lebte bei ihm. 1909 starb auch die Mutter Friederike/Rebekka Freudenberg – sie hatte zuletzt als Rentiere mit ihrer Tochter Else zusammengelebt und Zimmer vermietet.

Von 1912 bis zur NS-Diktatur lebten Alice und Ernst Bromberg in der Martin-Luther-Straße 45.

Heute wäre dies in der Nähe der Urania und der Keithstraße, damals standen hier repräsentative Bürgerhäuser. Es scheint, dass auch die Tochter Else – während dieser Jahre erwachsen geworden – weiterhin bei den Eltern gewohnt hat.

Mitte Oktober 1915 starb auch der Schwiegervater Abraham Bromberg, und die Schwiegermutter Friederike zog zu Sohn und Schwiegertochter in die Martin-Luther-Straße. Dort starb sie am 4. April 1920.

Nach dem Beginn der NS-Diktatur wechselte die Familie Bromberg einige Male die Wohnung, wohnte in der Erfurter Straße und der Sybelstraße. Seit 1938 lebte sie in einer 4-Zimmer-Wohnung in der ersten Etage des Vorderhauses der Konstanzer Straße 4, an der Ecke zur Duisburger Straße. Sohn Werner Bromberg, Fotograf mit einer Ausbildung beim renommierten Lette-Verein, wohnte Ende der 1930er-Jahre nicht mehr bei den Eltern, sondern in der nahen Xantener Straße 10. Tochter Else Bromberg wurde zur Zwangsarbeit bei der Firma Krone Presswerk GmbH in Berlin-Lichtenberg gepresst.

Am 13. Juni 1942 wurde Sohn Walter Richtung Sobibor/ Maidanek deportiert und am 19. Juni 1942 im Vernichtungslager Maidanek ermordet. Seine Eltern Ernst und Alice Bromberg wurden am 26. August 1942 vom Anhalter Bahnhof aus mit einem der „kleinen“ Alterstransporte (100 Personen in zwei Personenwaggons) in das Ghettolager Theresienstadt deportiert. Else Bromberg blieb in der Wohnung der Familie und musste jüdische Untermieter aufnehmen.

Ernst Bromberg kam bereits am 10. Februar 1943 in Theresienstadt um. Alice Bromberg lebte noch bis zum 8. Mai 1944. Ihre Tochter Else Bromberg wurde am 12.Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Quellen:
Stolperstein für Else Bromberg, 27.2.2013, Foto: KHMM

Stolperstein für Else Bromberg, 27.2.2013, Foto: KHMM

ELSE BROMBERG
JG. 1900
DEPORTIERT 12.01.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Else Bromberg kam am 18. März 1900 in Berlin als Tochter des Kaufmanns Ernst Bromberg (1872–1943) und seiner Ehefrau Alice, geb. Freudenberg (1868–1944) auf die Welt. Ihr Vater stammte aus Aachen und war dort als Sohn des jüdischen Kantors und Grundschullehrers Abraham Bromberg (1833/1834–1915) und der Friederike, geb. Steinberg (1838/39–1920) aufgewachsen. Ihre Mutter war Berlinerin und Tochter des aus der Nähe von Magdeburg stammenden Kaufmanns Gustav Freudenberg (1834-1902) und seiner Ehefrau Rebekka (genannt Friederike), geb. Franck (1840–1909).
Ihr Vater arbeitete in Berlin als Geschäftsreisender und „Vertreter auswärtiger Häuser“. Am 30. August 1899 hatte er Alice Freudenberg, die noch bei ihren Eltern lebte, geheiratet. Ernst und Alice Bromberg wohnten anfangs in der Steinmetzstraße 25 in Schöneberg, fast an der Ecke Goebenstraße. In dieser Wohnung wurde Else Bromberg (genannt nach einer Schwester der Mutter) am 18. März 1900 geboren. Mehr als drei Jahre später, am 30. Dezember 1903, kam ihr Bruder Werner in der Moselstraße 8 in Friedenau auf die Welt.

Während ihrer Kindheit zogen die Eltern einige Male um. Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg befanden sich die Wohnungen der Familie, die gleichzeitig auch die Geschäftsadressen des Vaters waren, nacheinander in der
Lindenstraße und in der Wilhelmstraße im heutigen Berlin-Kreuzberg. Hier verbrachte Else Bromberg ihre Kindheit. 1912 zogen Eltern und Kinder in die Martin-Luther-Straße 45 und blieben dort bis zum Beginn der NS-Diktatur. Heute wäre dies in der Nähe der Berliner Urania und der Keithstraße, damals standen hier repräsentative Bürgerhäuser.

Else Bromberg und ihr Bruder wurden während dieser Jahre erwachsen. Beide blieben ledig, und es scheint, dass zumindest Else bei den Eltern geblieben ist. Auf welche Schule sie gegangen ist, welchen Beruf sie gelernt hat, war bis jetzt nicht zu erfahren. Ihr Bruder Werner absolvierte eine Ausbildung zum Fotografen beim Lette-Verein in Berlin. Ob auch er weiterhin in der Martin-Luther-Straße wohnte?

Zahlreiche Verwandte lebten ebenfalls in Berlin. Die Großmutter Freudenberg und die Großeltern Bromberg, letztere seit 1899 in Berlin, müssen zur Kindheit und/oder Jugend von Else Bromberg gehört haben. (Zudem lebte die verwitwete Großmutter Friederike Bromberg während ihrer letzten Lebensjahre bei ihrem Sohn und dessen Familie in der Martin-Luther-Straße.) Auch Tanten und Onkel, ledig und verheiratet, wohnten in der Nähe. Nach dem Beginn der NS-Diktatur wechselte die Familie Bromberg einige Male die Wohnung. Seit 1938 lebte sie in einer 4-Zimmer-Wohnung in der ersten Etage des Vorderhauses der Konstanzer Straße 4. Werner Bromberg war ausgezogen und Ende der 1930er-Jahre Untermieter (?) in der nahen Xantener Straße 10.
Else Bromberg musste während des Krieges als Zwangsarbeiterin bei der Krone Presswerk GmbH in der Frankfurter Allee 288 in Berlin-Lichtenberg arbeiten. Die Firma, Tochtergesellschaft eines älteren Betriebes, produzierte seit 1938 kriegswichtige Zünder aus Pressstoff. – Ein weiter Weg und ein langer Arbeitstag für die Frau aus der Konstanzer Straße.

Im Juni 1942 begann die Deportation ihrer Familie: Ihr Bruder Werner Bromberg, dessen letzte Anschrift laut Transportliste wieder die Konstanzer Straße 4 war, wurde am 13. Juni 1942 Richtung Sobibor/Maidanek deportiert und am 19. Juni 1942 im Vernichtungslager Maidanek ermordet. Ihre
Eltern Ernst und Alice Bromberg wurden am 26. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ihr Vater kam dort bereits am 10. Februar 1943 um. Ihre Mutter lebte noch bis zum 8. Mai 1944.

Else Bromberg musste jüdische Untermieter aufnehmen: In zwei möblierten Zimmern wohnten Richard Gottschalk (*1892) und seine Ehefrau Grete (*1904) mit ihrem Sohn Klaus (*1932). Eine Schlafstelle war an die erst 17-jährige Erna Gutschein aus Berlin vermietet.

Ende 1942 musste Else Bromberg ihre Vermögenserklärung ausfüllen. Vom Sammellager in der Großen Hamburger Straße wurde sie am 12. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert. In dem „26. Osttransport“ befanden sich über 1100 Menschen. Nach der Ankunft am 13. Januar 1943 wurden 127 Männer zur Arbeit in das Lager selektiert, alle anderen wurden in den Gaskammern von Birkenau ermordet. Zu ihnen gehörte auch Else Bromberg.

Die Familie Gottschalk wurde am 26. Januar 1943 nach Theresienstadt deportiert. Mutter und Sohn überlebten, der Vater starb 1944 in Auschwitz. Erna Gutschein wurde mit dem nächsten Osttransport am 29. Januar 1943 direkt nach Auschwitz verschleppt. In die leer gewordenen Zimmer wurde ein ausgebombtes Ehepaar eingewiesen.

Quellen:
Stolperstein für Paula Sommerfeldt, 27.2.2013, Foto: KHMM

Stolperstein für Paula Sommerfeldt, 27.2.2013, Foto: KHMM

HIER WOHNTE
PAULA SOMMERFELDT
GEB. DAVIDSOHN
JG. 1884
DEPORTIERT 13.6.1942
SOBIBOR
ERMORDET

Paula Sommerfeldt wurde als Paula Doris Davidsohn am 8. Juni 1884 in Königsberg in Ostpreußen (Kaliningrad, Russland) geboren. Für Ihre Eltern, den Kaufmann Daniel Davidsohn (*1848) und dessen aus Graudenz stammende Ehefrau Rosa geborene Henschel, war sie die jüngste von zwei Töchtern. Ihre Schwester Gertrud (*20. April 1883) war ein Jahr älter als sie.

Wann und wo Paula ihren späteren Ehemann, den aus Straußberg im Kreis Oberbarnim stammenden Fabrikdirektor Max Sommerfeldt (*29. September 1872), kennenlernte, ist nicht bekannt. Die 24-jährige Paula und der 36-jährige Max heirateten am 20. März 1909 in Königsberg. Als Trauzeugen waren Paulas Vater Daniel Davidsohn und Max’ Onkel, der Kaufmann Siegfried Lessen (*1847), Bruder seiner Mutter, anwesend. Am 16. Juni 1911 wurden Paula und Max Eltern einer Tochter, die sie Lilly nannten.

Max Sommerfeldt war Mitinhaber eines Sägewerks in Schönhagen (Kapuściska) bei Bromberg. Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Paula 38 Jahre alt. Im August 1934 verließ ihre Tochter Lilly Berlin, um in Frankreich zu studieren. Da sich die Situation in Berlin für Juden immer mehr verschlechterte, ging sie 1938 in die Schweiz, wo sie in Genf als Übersetzerin arbeitete.

Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnte Paula allein in der Konstanzer Straße 4 in Berlin-Wilmersdorf. Ihr Ehemann war zu einem unbekannten Zeitpunkt gestorben. Wann sie zur Untermiete zu Emmy Matull (*16. Dezember 1889), die 1939 noch in der Grolmannstraße 40 gewohnt hatte, in eine Zwangswohnung in die Bleibtreustraße 33 zog, konnte nicht recherchiert werden.

Seit 1941 musste Paula Zwangsarbeit leisten. Ende Mai 1942 bekam sie den Deportationsbefehl und hatte sich in der Sammelstelle in der umfunktionierten Synagoge in der Levetzowstraße 7 einzufinden, wo sie eine Vermögenserklärung ausfüllen musste.

Zusammen mit 745 Leidensgenossen und -genossinnen wurde sie nicht am 13. Juni 1942, wie bisher angenommen und auf dem Stolperstein eingraviert, sondern mit dem 14. Berliner Osttransport schon am 2. Juni 1942 Richtung Lublin und von dort in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie vermutlich kurz nach der Ankunft ermordet wurde.* Paula Sommerfeldt geborene Davidsohn starb mit ca. 58 Jahren.

Ihre Schwester Gertrud, verheiratete Wolff bekam den Deportationsbefehl Ende September 1942 in die Kantstraße 33 in Berlin-Charlottenburg. Am 3. Oktober 1942 wurde sie vom Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt deportiert, wo sie aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen schon 20 Tage später starb.

Nach dem Krieg suchte Paulas Tochter Lilly, die die Shoa in der Schweiz überlebt hatte, ihre Mutter, ihre Tante und andere Angehörige. Sie bat dringend darum, alle möglichen Nachforschungen zu unternehmen und nichts unversucht zu lassen. Sie wies darauf hin, dass sie nun vollkommen allein dastehe und sehr verzweifelt sei. „Wenn ich wenigstens einen Angehörigen wieder finden könnte, wäre es für mich ein großes Glück.“

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage

*Der 14. Berliner Osttransport wird in der Literatur häufig falsch datiert. Verwirrung stiftet die handschriftliche Aufzeichnung der vom OFP bearbeiteten Teilliste mit den Nr. 701-720, auf der es heißt: “Großer Transport vom 13.6.42”. Allerdings datiert das Begleitschreiben zur Nachtragsliste mit den Nr. 747-757 den Transport eindeutig auf den 2.6.42.(Quelle: Statistik des Holocaust)

Stolperstein für Max Pollack, 27.2.2013, Foto: KHMM

Stolperstein für Max Pollack, 27.2.2013, Foto: KHMM

HIER WOHNTE
MAX POLLACK
JG. 1877
DEPORTIERT 4.8.1943
AUSCHWITZ
ERMORDET

Max Pollack wurde am 31. Juli 1877 in Ratibor im Ortsteil Plania in Schlesien (Racibórz, Polen) geboren. Er wurde Kaufmann von Beruf und blieb ledig. Wann er von Ratibor nach Berlin ging, ist nicht bekannt. In Berlin führte er einen eigenen Manufaktur-Großhandel in der Heiligegeiststraße in Berlin-Mitte.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kamen, war Max 55 Jahre alt. Sein Großhandel wurde spätestens 1938 arisiert. Von dieser Zeit an musste er von seinem Vermögen leben. Im Berliner Adressbuch 1939 war er zum ersten Mal in der Konstanzer Straße 4 in Berlin-Wilmersdorf zu finden. Er wohnte demnach seit 1938 im Vorderhaus in einer Drei-Zimmer-Wohnung für 121 RM monatlich. Auch bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 war er hier gemeldet. Ob er ab 1940 Zwangsarbeit leisten musste, konnte nicht recherchiert werden. Bei der „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 wurden die meisten jüdischen Zwangsarbeiter bei ihrer Arbeit in den Rüstungsbetrieben von der SS und der Gestapo festgesetzt und in Sammellagern inhaftiert. In fünf Transporten vom 1. bis zum 6. März 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert. Am 9. März wurden die bislang zurückgestellten „volljüdischen“ Angestellten der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ mit ihren Angehörigen verhaftet und am 12. März 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Die Massendeportationen waren damit beendet.

Josef Goebbels, Propagandaminister und Berliner Gauleiter, erklärte Berlin im Mai 1943 für „judenfrei“. Zu diesem Zeitpunkt lebten in Berlin aber noch rund 15.000 Juden, die in einer „Mischehe“ mit nicht-jüdischen Ehepartnern lebten oder sich versteckt gehalten hatten. Da Max nicht verheiratet war, kann angenommen werden, dass er sich bis Ende Juli versteckt hielt. Der von der Gestapo eingesetzte Fahndungsdienst, bei dem auch jüdische „Greifer“ als Denunzianten kollaborierten, wird ihn aufgegriffen haben.

Am 4. August 1943 deportierte die Gestapo Max Pollack mit dem 40. Osttransport und ca. 99 Leidensgenossen und -genossinnen nach Auschwitz. Kurz nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau wurde er vermutlich in einer der Gaskammern ermordet. Max Pollack starb mit 66 Jahren.

Das Haus in der Konstanzer Straße 4 war durch seine Deportation „judenfrei”. Teile seines Mobiliars wurden „mit Genehmigung durch den Dienststellenleiter, Herrn Oberregierungsrat Bötcher, an Bombengeschädigte, Wehrmachtsangehörige usw.” verkauft.

Recherche und Text: Gundula Meiering, April 2026

Quellen:
  • Bundesarchiv – Gedenkbuch – Max Polla©k *31. Juli 1877
  • Mapping the Lives
  • Berliner Adressbücher
  • Arolsen Archives – Deportationslisten
  • Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen über Ancestry
  • My Heritage
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Potsdam – Reg. 36A (II) 30038,
  • Max Polla©k
Stolperstein für Johanna Sechehaye, 27.2.2013, Foto: KHMM

Stolperstein für Johanna Sechehaye, 27.2.2013, Foto: KHMM

HIER WOHNTE
JOHANNA SECHEHAYE
GEB. SCHWARZ
JG. 1897
DEPORTIERT 1942
RAVENSBRÜCK
ERMORDET 27.4.1942
BERNBURG

Johanna Schwarz wurde am 8. April 1897 in Augsburg als Tochter von Karl (1857-1926) und Anna Schwarz, geb. Rosenmayer (1870-1939) geboren. Johanna war die mittlere von drei Schwestern. Ihre ältere Schwester Emmy kam 1895 zur Welt, ihre jüngere Schwester Charlotte wurde 1904 geboren.

Johanna heiratete Anfang der 1920er-Jahre Emil Josef Karl Sechehaye, der als Maler und Art-Decó-Graphiker in der Weimarer Republik unter dem Künstlernamen Josef Seché bekannt wurde. Das Paar wohnte in München und hatte einen gemeinsamen Sohn, den am 19. Dezember 1924 geborenen René Sechehaye. 1928 zog die Familie nach Berlin, wo Johanna in einer Ingenieur- und Architekturbüro arbeitete. Unter dem Druck des sich verstärkenden Antisemitismus trennten sich Josef Seché und seine Frau um 1930 voneinander.

1936 konnte Johanna ihren Sohn in ein Internat in Zagreb in Sicherheit bringen, bevor sie nach Italien reiste und in der Botschaft in Mailand vergeblich darum ersuchte, eine Ausreisemöglichkeit, zu ihrer inzwischen in den USA lebenden älteren Schwester Emmy zu erhalten. Erfolglos kehrte sie nach Berlin zurück. Dort musste sie erleben, wie sich ihre Mutter Anna Schwarz am 20. September 1939, dem Vorabend ihrer Deportation, das Leben nahm.

Im Frühjahr 1941 wurde Johanna Hilda Sechehaye in Berlin polizeilich in „Schutzhaft“ genommen. In einem Schreiben vom 31. März 1941 an ihren Rechtsanwalt bat sie um wenige Alltagsgegenstände in Hinblick auf einen „Transport“, den sie für den 5. April erwartete.

1942 wurde sie in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, im April 1942 in die Tötungsanstalt Bernburg/Saale weiterverschleppt und dort am 27. April 1942 ermordet. Ihr Sohn René konnte nach gewaltsamer Rückführung 1944 nach Deutschland ins Ausland fliehen und überlebte die Shoah. Ihre ältere Schwester Emmy überlebte in den USA. Ihre jüngere Schwester Charlotte wurde ebenso wie Johanna 1942 in Bernburg/Saale ermordet.

Biografische Zusammenstellung: Nachlass Wolfgang Knoll

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